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Titel
Der Gang der Dinge. Welche Zukunft haben photographische Archive und Nachlässe?


Herausgeber
Fricke, Christiane E.
Erschienen
Hildesheim 2013: Fruehwerk-Verlag
Anzahl Seiten
190 S.
Preis
€ 18,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Evelyn Runge, Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur, Stiftung Universität Hildesheim

Der selbstgebaute Rennwagen trägt die Nummer Zehn. In ihm sitzt eine junge Frau, die Rennfahrerbrille keck in die Stirn geschoben, den Schlips fast zu eng vor die Kehle gebunden. Die Frau lächelt, umgeben von fünf Jungs, vier im Hintergrund, einer unscharf am linken Rand. „Seifenkistenrennen“ heißt diese Aufnahme von Eberhard Püscher. Entstanden ist sie 1965; der Ort ist in der Bildunterschrift nicht verzeichnet.

Vermutlich ist die Fotografie in der niedersächsischen Stadt Alfeld oder Umgebung entstanden: Dort dokumentierten Eberhard Püscher und sein Vater Richard das private und öffentliche Leben. Zwischen 1948 und 1994 nahmen sie Einschulungen, Kommunionen, Konfirmationen, Schul- und Abschlussklassen, Heimattage und Feste aller Fasson auf. Der fotografische Nachlass der Püschers wurde von dem Kulturwissenschaftler Simon Schwinge aufbereitet. „Über Irrungen und Wirren auf der Suche nach Perspektive und Zukunft für einen photographischen Nachlass“ schreibt Schwinge, dem 2008 als damaligem Diplomanden an der Universität Hildesheim von seinem Professor Klaus Dierßen angetragen wurde, seine Diplomarbeit über die Püschers zu verfassen. Schwinge begann, den Nachlass zu sichten – und nicht nur das: Er musste Verbündete und Geldgeber finden, ein Archivsystem und Pläne entwickeln. Persönlich und anschaulich beschreibt er in seinem Beitrag, wie ein fotografischer Nachlass vor der Vernichtung gerettet und für die Zukunft aufbereitet wird.[1]

Schwinges Beitrag steht exemplarisch für den Band „Der Gang der Dinge. Welche Zukunft haben photographische Archive und Nachlässe?“ Dieser versammelt Beiträge des gleichnamigen interdisziplinären Symposiums, das 2012 in Wolfsburg von der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) in Kooperation mit dem Netzwerk Fotoarchive e.V. veranstaltet wurde. Idee, Konzept und Organisation der Tagung lagen bei Christiane E. Fricke, die auch als Herausgeberin des Bandes fungiert. Die 14 Texte des Bandes sind in drei Sektionen gegliedert: „Konstruktionsprozesse“, „Das Bild in der Arche“, „Praxiswissen“.

Die einzelnen Beiträge des Sammelbandes sind disparat, sowohl in Stil als auch im Zugang zum Thema fotografische Nachlässe und Archive. Gemeinsam ist ihnen, dass die Autoren hervorheben, wie viel Anstrengung und Kosten professionelle Archivarbeit kostet – und dass die Finanzierung geeigneter Räume und fester Mitarbeiter oft schwierig zu sichern ist. Insgesamt aber gibt es erstaunlich wenige inhaltliche Überschneidungen zwischen einzelnen Beiträgen, was ein Gewinn des Bandes ist. Gut gelungen ist die Einbindung von Fotografien in die Beiträge, teilweise historische Aufnahmen von Fotografen (z.B. S. 122ff.), teilweise Detailfotografien über den Aufbau eines Archivs (z.B. S. 29ff.). Dokumentationen der behutsamen Sichtung und Verwertung fotografischer Nachlässe und Installation Views neuer Galerien runden die entsprechenden Textbeiträge ab. Nachteilig wirkt sich mitunter das Layout aus: Schriftart und Schriftgröße des Fließtextes und der Anmerkungen sind exakt gleich, was gerade bei Texten äußerst verwirrend ist, deren Endnoten mehr Seiten umfassen als der eigentliche Beitrag.

Fotografien verbinden die Sektionen visuell: Jeder ist ein Foto aus Richard Püschers Archiv vorangestellt, es handelt sich um Aufnahmen des Erntedankfestes in Grafelde 1953. Und tatsächlich entpuppt sich dieses zunächst sehr weit hergeholt erscheinende Motiv als roter Faden der Texte: Fotografische Nachlässe und Archive bieten ungeahnte Schätze; entdeckt, ‚geerntet‘ und für künftige Generationen, Foto-Genießer und Forschungs-Gourmets aufbereitet werden sie jedoch eher selten. Einen Teil der Schuld kann man der Infrastruktur in Deutschland geben. Herausgeberin Christiane E. Fricke schreibt im Vorwort, dass Deutschlands Museen „fast ausnahmslos und seit Längerem an den Grenzen ihrer finanziellen und personellen Möglichkeiten arbeiten und sich nur bedingt für die Aufnahme von Nachlässen eignen“ (S. 7). Diplomatisch formuliert Fricke, dass „sich eine in den letzten Jahren stark wachsende Zahl von Photographen und Erben […] einige Sorgen macht, wie man eine Weitergabe und Vererbung eigener Vor- bzw. Nachlässe und Sammlungen in einem Land bewerkstelligen soll, dessen Kompetenzen und Institutionen auf diesem Gebiet ausbaufähig sind“ (S. 7).

Den Einstieg in den Sammelband bieten fünf Kapitel unter der Überschrift „Konstruktionsprozesse“. Karolina Lewandowska, damalige Präsidentin und Mitgründerin der „Archaeology of Photography Foundation“ („Fundacja Archeologia Fotografii“) in Warschau, beschreibt die Anfänge des Aufbaus ihrer Organisation anschaulich: „[…] we start with a mess and should be able to end up with a pile of grey boxes and all items digitized in a database“. (S. 32) Da die Stiftung keine Möglichkeiten hat, Negative und Positive aller Art professionell zu lagern, steht der Aufbau eines virtuellen Archivs im Fokus.[2] Die Bedeutung der Sichtbarkeit im Internet heben auch Sandrine Mahieu für die französische Inititiative AraGo, Karin Lingl für die Stiftung Kunstfonds in Bonn sowie Thomas Jahn für das Bildarchiv Foto Marburg hervor.[3]

Dramaturgisch zu monieren ist die Auswahl der beiden ersten Texte: Die Beiträge „Zukunft für Photographenarchive. Das Archiv der Fotografen in der Deutschen Fotothek“ von Jens Bove und Sebastian Lux und „Der Verein Netzwerk Fotoarchive e.V. Entstehung, Selbstverständnis und Ziele des Vereins“ von Enno Kaufhold stellen nüchtern-sachlich den Status Quo zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Sammelbandes dar.[4] Als Einstiegstexte in den Sammelband sind sie aus genau diesem Grund weniger geeignet. Initiativen, die wie die „Deutsche Fotothek“ und das „Netzwerk Fotoarchive e. V.“ eine Vernetzung bestehender fotografischer Archive anstreben, sind zweifellos wichtig. Nur wäre ihre Vorstellung aus Gründen der Lesbarkeit besser nicht als Einstieg gewählt worden.

Die Sektion „Das Bild in der Arche“ versammelt detaillierte Darstellungen der Rettung fotografischer Nachlässe und des Aufbaus von Archiven, die mehr oder weniger an das öffentliche Publikum gerichtet sind. Die Kassationskriterien des Stadtarchivs Bonn arbeitet Sabine Krell heraus, unter Berücksichtigung der Archivgesetze, aber auch der Sammlungskriterien des Stadtarchivs selbst. Sie meint: „Kommunalarchive nehmen bei der Sicherung des visuellen Erbes von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einen immer größeren Stellenwert ein. Ihr Hauptaugenmerk liegt weniger auf den Stars der Photographie, sondern vielmehr auf einer breit gefächerten visuellen Überlieferung“ (S. 115).

Dies unterstreichen die folgenden Kapitel: Das fotografische Wirken des Wolfsburger Fotografen Heinrich Heidersberger und die Gründung des Instituts Heidersbergers beschreibt Bernd Rodrian. Über 90-jährig kümmerte sich Heidersberger noch selbst um die Zukunft seines Nachlasses. Detaillierte Beschreibungen und aufschlussreiche Gedanken zur Finanzierung eines Nachlasses hat Christiane Stahl verfasst. Seit 2002 leitet sie die Alfred Ehrhardt Stiftung und resümiert die Expansion der vergangenen 13 Jahre. (Der Sammelband wird abgerundet durch die letzte Sektion „Praxiswissen“, in der die Fotoingenieurin und Fachrestauratorin Marjen Schmidt in gute Archivbedingungen für Fotografien einführt und der Rechtsanwalt Florian Mercker die Möglichkeiten und Tücken verschiedener Rechtsformen von fotografischen Sammlungen als ersten Einstieg in dieses komplexe, aber wichtige Thema zusammenfasst.

„Der Gang der Dinge“ lebt von der Innensicht der Autoren: Jeder Beitrag des Buches berichtet aus der Praxis. Anders als beispielsweise das Buch „Archivologie“, herausgegeben von Knut Ebeling und Stephan Günzel[5], untersuchen die Autoren des vorliegenden Bandes das Archiv nicht als theoretisch-abstraktes Konstrukt oder verorten es historisch. Die selbstgewählte Frage, welche Zukunft fotografische Nachlässe und Archive haben, beantwortet der Sammelband nicht eindeutig. Klar wird, dass auch kleinere Nachlässe und Archive eine Zukunft haben sollten – als geschichtliche und kulturwissenschaftliche Artefakte, als Forschungsgegenstände sowohl thematisch-motivischer als auch materieller Natur.

Als Lücke des Sammelbandes kann kritisiert werden, dass kaum Bezug auf größere Projekte genommen wird, wie etwa das von der Europäischen Union geförderte Projekt EuropeanaPhotography[6]. Auch auf den Aufkauf historischer Archive – beispielsweise des LIFE-Magazines oder des Bettmann-Archivs – durch die weltgrößten Bildagenturen Getty Images und Corbis gehen die Beiträge nicht ein.[7] Die Perspektive ist vor allem europäisch geprägt und der Sorge um kleinere Sammlungen und Nachlässe verhaftet.

Eberhard und Richard Püscher, Heinrich Heidersberger, Alfred Ehrhardt, Rolf Steininger: Es fällt auf, dass kaum weibliche Fotografen im Zentrum der Beiträge stehen. Hingegen sind die meisten Beiträger des Bandes weiblich: Professionelles oder kommerzielles Fotografieren scheint nach wie vor männlich geprägt zu sein, das Kümmern um Archive dagegen eher weiblich. Bleibt zu hoffen, dass bei der Rettung fotografischer Nachlässe und Archive weibliche Fotografen nicht per se aussortiert, sondern mit derselben Sorgfalt beachtet werden wie ihre männlichen Kollegen.

Die Autoren des Bandes „Der Gang der Dinge“ beschreiben aus ihrer eigenen Erfahrung die Widerstände und Freuden, die Entdeckungen und die Lust daran, aber auch die vielfach langwierige und beschwerliche Suche nach finanzieller Unterstützung und Erhalt fotografischer Nachlässe. Das Retten eines fotografischen Nachlasses oder Archivs gleicht mitunter einem Seifenkistenrennen: Es startet oft mit geringen Mitteln, zum Teil vor dem Abfallcontainer gerettet, und erfindet seine Strukturen und Regeln neu. Enthusiastische Mitstreiter weichen unvorhergesehenen Hindernissen fantasievoll aus, mal bedacht, meist aber rasant. Dass es gut ausgeht, darauf hoffen alle Beteiligten.

Anmerkungen:
[1] Sammlung Püscher: <http://www.sammlung-puescher.de/> (05.08.2015).
[2] Fundacja Archeologia Fotografii: <http://faf.org.pl/> (05.08.2015).
[3] Le Portail de la Photographie: <http://www.photo-arago.fr>; Stiftung Kunstfonds: <http://www.kunstfonds.de/>; Bildarchiv Foto Marburg: <http://www.fotomarburg.de/> (05.08.2015).
[4] Deutsche Fotothek: <http://www.deutschefotothek.de/>; Netzwerk Fotoarchive e.V.:<http://www.netzwerk-fotoarchive.de/> (05.08.2015).
[5] Knut Ebeling / Stephan Günzel (Hrsg.), Archivologie. Theorien des Archivs in Philosophie, Medien und Künsten, Berlin 2009.
[6] EuropeanaPhotography: <http://www.europeana-photography.eu/> (05.08.2015).
[7] Getty Images: The LIFE Premium Collection: <http://www.gettyimages.de/fotos/life-magazine>; Corbis Images: Bettmann und Condé Nast <http://www.corbisimages.com/stock-photo/archival> (05.08.2015).

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Veröffentlicht am
24.09.2015
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