A. Möller: Das andere New York

Cover
Titel
Das andere New York. Friedhöfe, Freiräume und Vergnügungen, 1790–1860


Autor(en)
Möller, Angelika
Reihe
Amerika: Kultur – Geschichte – Politik 7
Anzahl Seiten
268 S.
Preis
€ 29,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Annette Karpp, John F. Kennedy Institut für Nordamerikastudien, Freie Universität Berlin Email:

Die heutige Metropole New York City ist ohne ihre „grüne Lunge“, den Central Park in Manhattan, kaum vorstellbar. Bewohner und Besucher Manhattans suchten aber nicht erst im 21. Jahrhundert Natur und Erholung in der Stadt. Naturverbundene, öffentliche Räume in Form von Friedhöfen und Parkanlagen gewannen bereits im frühen 19. Jahrhundert in Manhattan an Bedeutung. New York war hier kein Einzelfall. Historische Studien weisen insbesondere ländlichen Friedhöfen, den „rural cemeteries“, in amerikanischen Städten als Orte der Erholung und Vergnügungen eine zentrale Rolle zu und vermerken, dass diese den Bau späterer innerstädtischer Parkanlagen inspirierten.[1] Mit Blick auf heutige Großstädte unterstreicht die jüngere Stadtplanungsforschung zudem die Bedeutung von ungenutzten, verlassenen und obsoleten Räumen, die von dem Architekten Ignasi de Solà-Morales als „terrains vagues“ bezeichnet werden. Während Solà-Morales „terrains vagues“ als wertvolle Freiräume in der Stadt interpretiert, werden diese in der Forschung jedoch bisher vorrangig gegenwarts- und zukunftsorientiert als Räume der Geschichtsvergessenheit mit Potential zur Neubesetzung im Rahmen von Modernisierungsprozessen wahrgenommen.[2]

Hier setzt Angelika Möller mit ihrer kulturgeschichtlichen Monografie „Das andere New York“ an, die sich den Freiräumen Manhattans während der „Antebellum Era“ (1790–1860) mit dem Ziel widmet, „Trends der Stadtentwicklung und Praktiken im Stadtraum abseits der gängigen Fortschritts- und Modernitätsnarrative“ (S. 32) aufzuzeigen. Die Autorin untersucht, wie „terrains vagues“ als fluide Zwischenräume von den Stadtbewohnern „geplant, gebaut, bewohnt, gefeiert, geplündert und transformiert“ (S. 12) wurden und inwiefern Praktiken der Freizeitgestaltung unter freiem Himmel zur urbanen Entwicklung Manhattans beigetragen haben (S. 13f.). Auf der Basis einer breiten Quellenauswahl, die unter anderem private Briefe, Tagebücher, historische Karten und Reiseführer, literarische Werke, Zeitungen und Gesetzestexte umfasst, arbeitet Angelika Möller geschickt heraus, wie insbesondere (designierte) Friedhöfe sich zu den bedeutendsten Freiräumen der Stadt entwickelten und hierbei sowohl „Ikonen der Transformation“ im Sinne Thomas Benders (S. 119) als auch Symbole von Resignation und Stillstand werden konnten.

Die aus einer Dissertation hervorgegangene Studie ist in drei Kapitel gegliedert. In einer historischen Hinführung erfährt die Leserschaft zunächst, welche Raum-, Wirtschafts-, Hygiene- und Klassendiskurse im New York City der „Antebellum Era“ geführt wurden. Die darauffolgenden beiden Kapitel sind weniger chronologisch angeordnet, sondern orientieren sich vor allem an der sozialen Stellung der Stadtbewohner. In Kapitel 2 wird dementsprechend untersucht, wie Freiräume von der wohlhabenden Mittel- und Oberschicht genutzt wurden, während abschließend in Kapitel 3 kulturelle Praktiken der arbeitenden Bevölkerung und in den Armenvierteln im Vordergrund stehen. Hier lassen sich jedoch keine strikten Grenzen setzen, denn in zahlreichen Freiräumen kam es zu Interaktionen aller Gesellschaftsschichten, zu Integrations-, Abgrenzungs- und Exklusionsmechanismen, welche Angelika Möller anschaulich aufzeigt.

In der historischen Hinführung werden die geographischen Gegebenheiten New York Citys und die Geschichte der Stadtplanung Manhattans skizziert. Insbesondere in den 1830er-Jahren machte sich das rasante urbane Wachstum aufgrund der höheren Bevölkerungsdichte durch Zuwanderung und Immigration bemerkbar und ließ die Forderung nach mehr innerstädtischen Freiräumen und Natur immer lauter werden. Verschmutzungen und Trinkwasserknappheit führten zu Krankheiten wie Gelbfieber und Cholera. Im Zuge der hohen Sterberaten unterlief die New Yorker Friedhofskultur des 19. Jahrhunderts Veränderungen. Während es schwieriger war, die privat finanzierten Kirchhöfe der Mittel- und Oberschicht zu verlagern oder zu schließen, wurden Armenfriedhöfe – die mit als Verursacher der Krankheiten gesehen wurden – häufig auf moorige, vor der Stadt liegende Areale ausgelagert und bei Bedarf stillgelegt. So konnten die Armenfriedhöfe als außergewöhnlicher, nur partiell bestimmter urbaner Zwischenraum ein „Ort der Lebenden“ werden (S. 72), an denen Angehörige verschiedener Schichten miteinander in Kontakt traten. Die gehobeneren „rural cemeteries“ der Mittel- und Oberschicht wurden bereits in den 1830er-Jahren von dieser als Freizeiträume genutzt.

Die freizeitliche Nutzung von Friedhöfen ist für Angelika Möller ein Beleg für fehlende Parkanlagen in Manhattan. In Kapitel 2 führt die Autorin aus, wie diese Abwesenheit der Natur und die verschlechterte Luftzirkulation ab den 1830er-Jahren verstärkt von den Stadtbewohnern diskutiert und die Forderung nach naturbezogenen Erholungsorten laut wurde (S. 75ff.; 86). Zwei neue Parkanlagen sollten hier Abhilfe schaffen: Brooklyns Parkfriedhof Green-Wood Cemetery und Manhattans Central Park. Noch bevor der 1837 gegründete Green-Wood Cemetery von der zahlfähigen Mittel- und Oberschicht als Friedhof angeeignet wurde, entwickelte sich der Park für diese jedoch zu einem populären Freizeitort (S. 93). Prunkvolle Grabstätten wurden zum Teil über New York hinaus berühmt und von der Friedhofsführung zu Werbezwecken genutzt, um mit günstigeren Friedhöfen und dem Ende der 1850er-Jahre neu gebauten Central Park in Manhattan zu konkurrieren. Obwohl letzterer als neue, öffentliche Parkanlage für alle offen sein sollte, gingen im Central Park vorrangig die Mittel- und Oberschichten ihren Vergnügungen nach, während die Unterschicht eher arbeitend vertreten war. Angelika Möller hebt hier hervor, dass der Central Park weder in seiner Genese noch in seiner Nutzung im 19. Jahrhundert ein demokratischer Ort war. Vielmehr führte er zur Übernahme der durch den Parkbau aufgewerteten Ländereien durch die Elite und zur Verdrängung ärmerer Bewohner (S. 116ff.).

Das dritte und ausführlichste Kapitel widmet sich vier designierten Armenfriedhöfen Manhattans, die sich zu Orten entwickelten, in denen die Stadtbewohner eine Vielzahl an Freizeitaktivitäten ausübten. Angela Möller kontrastiert hier die Geschichte(n) dieser sogenannten „potter’s fields“ und zeigt auf, dass die südlicher, nahe den dicht besiedelten Arbeitervierteln gelegenen Friedhöfe Washington Square Park und City Hall Park mehr Freiräume boten, in denen soziale Integration oder Verdrängung stattfinden konnten. So zog beispielsweise das American Museum von John Scudder in ein ehemaliges Armenhaus in der Nähe des City Hall Parks ein und bot neben Ausstellungen, Vorträgen und günstigen Eintrittspreisen zeitweise kostenfreie Konzerte, an denen sich alle Schichten erfreuen konnten. Der nördlich gelegene Madison Square Park lockte hingegen mit seinem 1853 erbauten Hippodrom, in dem Pferderennen für die Elite, aber auch von den Unterschichten ausgetragene Laufwettkämpfe abgehalten wurden. Zudem entstand hier im Verborgenen eine der bekanntesten amerikanischen Sportarten, die sich vor allem die Elite zu eigen machte: Baseball. Anhand der Geschichte des Reservoir Squares (heute Bryant Park), der zu einem Ort technischer und architektonischer Erneuerungen und Experimente wie des Wasserreservoirs oder des Crystal Palaces wurde, veranschaulicht Angela Möller die Verquickung von städtischen Modernisierungsprozessen und kulturellen Praktiken der Stadtbewohner.

Nicht überraschend ist das Ergebnis von Angelika Möllers Untersuchung, dass die wohlhabenderen Schichten im Rahmen der Urbanisierung zunehmend Armenviertel verdrängten und deren frühere Freiräume aneigneten, um- oder überbauten. Der Mehrwert von „Das andere New York“ für die aktuelle Forschung liegt in der Analyse der Möglichkeiten, die die „terrains vagues“ – hier insbesondere Armenfriedhöfe – den Unterschichten in Manhattan boten. Es entstanden Orte, innerhalb derer gelegentlich Interaktionen zwischen allen Schichten stattfinden konnten. Angelika Möller gelingt es überzeugend darzustellen, wie diese Praktiken der Unterschichten nicht nur das zeitgenössische Stadtbild, sondern auch die Stadtentwicklung New York Citys beeinflussten. Ihre Studie bietet somit ergänzende Perspektiven zu gängigen Forschungsdiskursen, die vorrangig den besitzenden und wohlhabenden Schichten Handlungsmacht in der Städteplanung und -gestaltung Manhattans zugestehen.[3] Insgesamt liefert sie so mit ihrer Monografie einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Stadtgeschichte New York Citys in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In diesem Zusammenhang wäre es erfreulich, wenn „Das andere New York“ ins Englische übersetzt und somit auch der anglophonen Leserschaft zugänglich gemacht werden würde.

Anmerkungen:
[1] So zum Beispiel Thomas Bender, The ‚Rural’ Cemetery Movement: Urban Travail and the Appeal of Nature, in: New England Quarterly 47 (1974), S. 196–211; Stanley French, The Cemetery as a Cultural Institution: the Establishment of Mount Auburn and the ‚Rural Cemetery’ Movement, in: American Quarterly 26 (1974), S. 37–59; David Schuyler, The New Urban Landscape: the Redefinition of City Form in Nineteenth-Century America, Baltimore 1986. Aaron Sachs betont zudem die Inspirationskraft der rural cemeteries für die heutige Landschaftsgestaltung, siehe Aaron Sachs, Arcadian America: The Death and Life of an Environmental Tradition, Yale 2013.
[2] Zum Konzept des „terrain vague“ siehe: Ignasi de Solà-Morales Rubió, Terrain Vague, in: Cynthia C. Davidson (Hrsg.), Anyplace, Cambridge 1995, S. 118–123. In der modernen Stadtplanungsforschung findet das Konzept des „terrain vague“ beispielsweise Anwendung bei: Patrick Barron / Manuela Mariani (Hrsg.), Terrain Vague: Interstices at the Edge of the Pale, New York 2013; Nate Millington, From Urban Scar to ‚Park in the Sky’: Terrain Vague, Urban Design, and the Remaking of New York City’s High Line Park, in: Environment and Planning A (11) 47 (September 2015), S. 2324–2338.
[3] Hier lassen sich beispielhaft anführen: Matthew Gandy, Concrete and Clay: Reworking Nature in New York City, Cambridge 2002; David M. Scobey, Empire City: The Making and Meaning of the New York City Landscape, Philadelphia 2002.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.04.2016
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