M. Salzman u.a. (Hrsg.): Pagans and Christians

Cover
Titel
Pagans and Christians in Late Antique Rome. Conflict, Competition, and Coexistence in the Fourth Century


Herausgeber
Salzman, Michele Renee; Sághy, Marianne; Testa, Rita Lizzi
Erschienen
Anzahl Seiten
XV, 419 S.
Preis
€ 109,13; £ 74.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Fabian Schulz, Seminar für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Das Thema „Heiden und Christen in der Spätantike“ ist ein Dauerbrenner; kein Wunder, verspricht es doch Einblick in einen zentralen Bereich, an dem sich der Übergang von Antike zu Mittelalter vollzog. Während die ältere Forschung, die von Arnaldo Momigliano und Andreas Alföldi vorangetrieben wurde, die Beziehung als Konflikt dargestellt hat, in dem Heiden – besonders die Senatsaristokratie – erst erbittert und dann verbittert Widerstand gegen die Christianisierung leisteten, hat Alan Cameron seit den 1970er-Jahren ein anderes Bild der letzten Heiden gezeichnet: Diese waren in erster Linie Aristokraten, die das Christentum akzeptierten, sobald es mit ihrer Kultur und dem System kompatibel wurde. Der zu besprechende Sammelband will zwischen den extremen Positionen vermitteln. Das ist ein ehrbares Unterfangen, das Aufmerksamkeit verdient, finden die extremen Positionen doch auch in der Wissenschaft oft mehr Gehör.

Die drei Herausgeberinnen, Michele Salzman, Marianne Sághy und Rita Lizzi Testa, haben eine Reihe von Arbeiten zum Thema vorgelegt, sind also ausgewiesene Kennerinnen der Materie. In den concluding remarks setzt Rita Lizzi Testa die eigenen Beiträge noch einmal prominent in Szene. Zu den von dem Dreien zuletzt vorgelegten Publikationen zählen auch mehrere Sammelbände, die thematisch nah beieinander liegen.[1] Der vorliegende Band scheint durch den Fokus auf Rom ein klar umrissenes Thema zu haben, aber der Begriff erweist sich bei näherer Betrachtung als ambivalent. Zumeist ist zwar konkret die Stadt Rom gemeint, aber manchmal metonymisch auch das römische Reich (besonders in den Beiträgen von Thomas Jürgasch, Maijastina Kahlos und Levente Nagy). Manchmal wirft die Beschränkung auf Rom auch Fragen auf: zum Beispiel was an „Crowd Behavior in Late Antique Rome“ spezifisch war, etwa im Vergleich zu Mailand, Alexandrien und Antiochien.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: „I Senatorial Politics and Religious Conflict”; „II The Construction of New Religious Identities”; „III Pagans and Christians: Coexistence and Competition”. Die Beiträger stammen aus Europa und den USA. Da schon eine Reihe von Rezensionen erschienen sind [2], erlaube ich es mir, mich auf die Teile eins und zwei zu konzentrieren, die mir besonders viele Anregungen gegeben haben.

Den ersten Teil eröffnet Michele Salzman mit einer Untersuchung des Verhältnisses von Kaiser Konstantin und dem Senat. Auf der Grundlage allgemeiner Überlegungen zur Redefreiheit der Senatoren zeigt sie, dass es zwar keine offene, aber immerhin eine vorsichtige und verschleierte Form des Widerstands gegen Konstantins Bevorzugung des Christentums gab. Diese These hängt, wie sie selbst einräumt, an der Frühdatierung von Konstantins Bekenntnis zum Christentum, die in der Forschung nicht unumstritten ist. Außerdem gab es umgekehrt auch Aristokraten, die ihre Befürwortung des Christentums nur vorsichtig anklingen ließen. Das zeigen die Figurengedichte des Optatianus Porfyrius.

Robert Chenault untersucht den vieldiskutierten Streit um den Viktoriaaltar mit neuer Perspektive auf Damasus, den Bischof von Rom, dessen Haltung inkonsistent erscheint: Im Jahr 383 ergriff er Partei gegen die Senatoren, die die Wiederaufstellung forderten; 384 blieb er, als diese einen zweiten Anlauf unternahmen, untätig. Laut Chenault habe die aktive Position 383 an den Spannungen mit Bassus gehangen, dem amtierenden praefectus urbi, der Damasus‘ innerchristliche Gegner, die Luciferaner, vor Gericht schützte. Als Bassus nun die Initiative der Senatoren in seiner Rolle als Stadtpräfekt unterstützte, habe Damasus die Gelegenheit ergriffen, ihm das heimzuzahlen und so die Reihen seiner Unterstützer zu schließen. Die These, dass die Differenzen unter Christen größer waren als zwischen Heiden und Christen, ist natürlich attraktiv. Leider ist eine Beteiligung des Bassus im Altarstreit nirgends direkt bezeugt. Ob sich die Lage für Damasus unter Bassus‘ Nachfolger Symmachus gebessert hat, so dass der Bischof seinen Widerstand fallen ließ, ist zudem fraglich.

Alan Cameron reagiert auf Stéphane Ratti, der neue Argumente für das Konflikt-Paradigma vorgelegt und Camerons Position kritisiert hat. Gegenstand ist das Briefcorpus des Symmachus. Cameron räumt ein, dass Symmachus Selbstzensur betrieb, führt diese aber nicht auf Angst vor den Christen zurück, sondern auf eine nicht nur unter heidnischen, sondern auch unter christlichen Aristokraten verbreitete Zurückhaltung, die eigenen politischen Einstellungen kundzutun.

Den zweiten Teil eröffnet der anschauliche Beitrag von Thomas Jürgasch über das Aufkommen und die Bedeutung des Worts paganus. Im Anschluss an Alan Cameron und Judith Lieu hält Jürgasch die Bedeutung „Gegenpart“ für die hauptsächliche, zugleich schwinge aber die Nebenbedeutung mit, die pagani mit der Landbevölkerung und Zivilisten in Zusammenhang bringe. Christen knüpften an den üblichen, sozial verstandenen Sprachgebrauch an. Da die Leute, die „Pagane“ genannt wurden, sich so nicht selber genannt haben, ist „Pagane“ ein nicht relationaler Gegenbegriff. Paganism sei somit eine christliche Erfindung. Abschließend setzt Jürgasch dazu an, nicht nur Heiden als nicht-Christen, sondern auch Christen als nicht-Heiden zu verstehen, räumt dann aber ein, dass die Christen eine höhere Kohäsion hatten.

Douglas Boin untersucht die erstaunliche Beharrlichkeit des kaiserlichen Attributs divus, das sich bis ins 6. Jahrhundert nachweisen lässt. Zwischen dem Herrscherkult und dem Christentum habe lange Zeit keine Spannung bestanden. Im Mittelpunkt steht eine Inschrift (CIL 6.1783), die eine Restaurationsinschrift und einen Brief des Theodosius II. umfasst; in beiden Dokumenten wird Theodosius I. divus genannt. Das sei nicht einfach ein überkommener Ehrentitel, divus bedeute nichts Anderes als früher, nämlich „göttlich“. Dass das kein Problem war, macht Boin in einem Rückblick auf das Verhältnis der Christen zum Kaiserkult deutlich: Viele frühe Christen versuchten, sich mit dem Kaiserkult zu arrangieren, nicht alle verweigerten sich; so auch in der Spätantike. Ein Einwand: Ob es mit dem Kaiserkult zusammenhing, dass sich Christen nicht am Attribut „göttlich“ stießen, erscheint mir fraglich: Sidonius Apollinaris, gallischer Bischof und Dichter, hatte kein Problem damit, Aurora, die Göttin der Morgenröte, diva zu nennen.

Maijastina Kahlos untersucht die Magievorwürfe, die sich im 4. Jahrhundert häuften. Im Anschluss an Kimberly Stratton wird Magie als diskursive und sozial konstruierte Kategorie verstanden. Es gebe zwar keine Magie, aber der Glaube daran sei real und wirkmächtig. Die zahlreichen Magievorwürfe gegen Heiden und Häretiker stünden im Zeichen der Konkurrenz um spirituelle Autorität. Die Frequenz der Magievorwürfe zeugte von den wachsenden Ängsten von Klerikern, Aristokraten und Kaisern, nicht vom Anstieg magischer Praktiken. An dieser Stelle würde man sich wünschen, dass die Diskursebene mit der Praxis abgeglichen und nicht-literarische Quellen einbezogen würden: Was sagen die Funde von Fluchtafeln und Amuletten?

Danielle Slootjes macht die Sozialpsychologie für die Untersuchung von crowd behavior fruchtbar und fragt, ob das Christentum neue Dynamiken brachte. Die antike Terminologie wird gut ausdifferenziert, dann werden Fälle von Vandalismus gegen den Privatbesitz von Beamten und Ausschreitungen zwischen Gruppen im Zusammenhang mit Bischofswahlen untersucht. Leider wird im Gegenzug eine etablierte Methode zurückgestellt, nämlich die Quellenkritik. So wird etwa die Angabe der Collectio Avellana, Damasus habe Gladiatoren, Totengräber und eine dumme Menge angeheuert, beim Wort genommen. Slootjes betont immer wieder, dass ihre Untersuchung nur eine Fallstudie sei, die in einen größeren Kontext gestellt werden müsste. In der Tat fragt man sich, was die Menschenmengen Roms spezifisch machte. Das Fazit „Christian crowds proved an effective tool for their leadership“ überrascht nicht. Den Mehrwert der Methode mögen weitere Forschungen belegen!

Der Band enthält kleinere und größere Zeichen der Flüchtigkeit [3], ist insgesamt aber gut produziert. Vielen Beiträgen gelingt es, neue Perspektiven auf die Frage des Verhältnisses von Heiden und Christen zu eröffnen. Nach den ganzen Aufsätzen und Sammelbänden wünscht man sich nun vertiefende, synthetische und weiterführende Studien wie Salzmanns angekündigte Monographie „The Falls of Rome”. Der Grund ist dafür gelegt.

Anmerkungen
[1]Peter Brown / Rita Lizzi Testa (Hrsg.), Pagans and Christians in the Roman Empire. The Breaking of a Dialogue (IVth-VIth Century A.D.), Münster 2011; Rita Lizzi Testa (Hrsg.), The Strange Death of Pagan Rome. Reflections on a Historiographical Controversy, Turnhout 2013; Marianne Sághy / Edward Schoolman (Hrsg.), Pagans and Christians in the Late Roman Empire. New Evidence, New Approaches (4th–8th Centuries), Budapest 2017.
[2]Matthias Becker, Historische Zeitschrift 305, 1 (2017), S. 173–174; R. Goldenberg, Choice: Current Reviews for Academic Libraries 53, 10 (2016), S. 1525; Jacob A. Latham, The Journal of Roman Studies 107 (2017), S. 449-450; Alexandra Eppinger, Bryn Mawr Classical Review 2017.01.31 http://bmcr.brynmawr.edu/2017/2017-01-31.html ( 14.07.2018).
[3]Der Beitrag von Marianne Sághy hat keine Fußnoten, so dass sich die Zitate nicht zuordnen lassen. Italianismus exametrical statt hexametrical (S. 404); Jürgasch (Anm. 18) verweist auf „my italics“, das Zitat ist recte; auf S. 119 steht ein einzelnes Anführungszeichen nach dem Wort paganus“. S. 188 und 412 „Arrian controversy“ statt „Arian“. Boin erklärt sein Zitationssystem, was man sich für den ganzen Band wünschte.

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03.09.2018
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