K. Weinhauer u.a. (Hrsg.): Germany 1916–23

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Titel
Germany 1916–23. A Revolution in Context


Herausgeber
Weinhauer, Klaus
Anzahl Seiten
266 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Blanck, a.r.t.e.s. School for the Humanities, Universität zu Köln

2017 jährt sich die Oktoberrevolution zum hundertsten Mal – und so ist es nur logisch, dass nach der jüngsten Publikationsflut zu Entstehung und Verlauf des Ersten Weltkriegs nun langsam dessen Ende und Nachgeschichte in den Fokus von Forschung und Verlagen rücken. Im nächsten Jahr wird wohl insbesondere die deutsche Revolution von 1918 große Aufmerksamkeit auf sich ziehen, deren Untersuchung zwar in den 1960er- und 1970er-Jahren eine Hochphase erlebte, danach jedoch zunehmend in Vergessenheit geriet.[1] Der hier zu besprechende Band kommt daher zur rechten Zeit, macht er doch auf die Leerstellen der bisherigen Revolutionsforschung aufmerksam und ebnet einer facettenreicheren Betrachtung der Transitionsphase um 1918 den Weg. Er geht zurück auf eine Kölner Tagung im März 2013, deren Anliegen es war, die deutsche Revolution aus überkommenen, oftmals politisierten Deutungen herauszulösen und sowohl chronologisch als auch topographisch neu zu kontextualisieren: Die Novemberrevolution nicht mehr als verpasste Chance der nationalen Geschichte, sondern als Teil einer globalen Umwälzungsphase von 1916 bis 1923, deren Charakteristika nur mit einem breiten kulturwissenschaftlichen Instrumentarium zu erfassen sind (S. 16f.).

Der Einleitung folgen neun Einzelbeiträge, die in drei Sektionen zusammengefasst sind. Die erste fragt nach dem Zusammenhang von Gewalt, Staat und Ordnung. Mark Jones beginnt hier mit einer räumlichen Interpretation der Straßenpolitik im November 1918 und formuliert die These, dass die staatliche Gewalt gegenüber jenen revolutionären Massen, die die neue Ordnung erst ermöglicht hatten, zur Delegitimation der Republik beitrugen (S. 55f.). Inwiefern seine idealtypische Klassifikation revolutionärer „crowds“ (S. 49–53) für diese These unabdingbar ist, bleibt fraglich. Es verwundert zudem, dass ein Verweis auf den in dieser Hinsicht einschlägigen Elias Canetti fehlt.[2] Nadine Rossol beschreibt anschließend die mit der Revolution einsetzenden Reformbemühungen innerhalb des preußischen Polizeiapparates. Angesichts realer und imaginierter Bedrohungen der inneren Sicherheit und staatlichen Ordnung scheiterte bald die Idee einer demokratisch verfassten und inklusiven „Volkspolizei“, womit der Begriff zu einem bloßen Schlagwort wurde (S. 82). Florian Grafl zeigt in seinem Beitrag, dass revolutionäre Gewalt und staatliche Gegengewalt auch Staaten erfasste, die keine Kriegsteilnehmer gewesen waren. Am Beispiel Barcelonas arbeitet er heraus, wie Regionalismus, Anarchismus und soziale Ungleichheit zu einer revolutionären Situation führten, die erst der Militärputsch von 1923 beendete.

Der zweite Buchteil widmet sich den Kommunikationsformen und kollektiven Vorstellungen der Revolution. Im Rückgriff unter anderem auf Werke von Ernst Toller und Bertolt Brecht zeichnet Kathleen Canning nach, wie die Revolution das weibliche und männliche Subjekt neu formierte, und zwar weniger sozialpolitisch denn im Rahmen einer kollektiven revolutionären Imagination (S. 125). Diese Vorstellungswelt ist ebenfalls zentral im spannenden Aufsatz Norma Lisa Flores’, die die Auswirkungen der deutschen Revolution auf die US-amerikanische Sicherheitspolitik untersucht. Eng am Quellenmaterial arbeitet sie heraus, wie US-Behörden die Furcht vor einer bolschewistischen Revolution in Deutschland nutzten, um massive staatliche Repressionsmaßnahmen gegenüber verdächtigen politischen Akteuren zu legitimieren. Damit, so Flores’ These, legten sie den Grundstein einer inneren Sicherheitsarchitektur, die auf Maßnahmendenken und einer Stärkung der Exekutive baut, und letztlich bis heute Bestand hat (S. 130). Thesenreich ist auch Oliver Hallers Beitrag, der die „materialistische“ (S. 153) Erklärung der deutschen Niederlage 1918 zurückweist: Nicht allein die zahlenmäßige und technische Überlegenheit der Entente-Truppen habe zur Kapitulation des Deutschen Reiches geführt, sondern in bedeutender Weise auch die Spanische Grippe, die die deutschen Truppen überproportional hart traf (S. 173). Insofern müsse auch die Dolchstoßlegende in neuem Licht betrachtet werden, da sie im unsichtbaren Feind der Grippe eben doch eine Fundierung gehabt habe, die bisher übersehen worden sei: „The truth is that myth, memory and history all intersected.“ (S. 179)

Im letzten Teil des Buches („Subjectivities and Social Movements“) wiederum wendet sich Gleb J. Albert zunächst den russischen bolschewistischen Parteikadern der zweiten Reihe zu. Oftmals in ländlichen Gebieten kämpften sie nicht nur für den Sieg der Weltrevolution, sondern zugleich um ihre eigene soziale Position. Als mobilisierende und motivierende „charismatische Idee“, so Albert, hatte die deutsche Revolutionsphase daher bis 1923 entscheidenden Einfluss auf ihr Selbstverständnis und ihre Formierung als revolutionäre Subjekte, womit er den transnationalen Charakter der Revolutionsphase unterstreicht. Anschließend untersucht Ian Grimmer die „Politischen Räte geistiger Arbeiter“ als Teil der Selbstmobilisierung der deutschen Intellektuellen in den Jahren 1918/19 – in Aufbau, Zielsetzung und regionalem Zuschnitt waren diese Räte allerdings so disparat, dass sie selten über programmatische Aussagen hinauskamen. Jens Boysen wiederum beschreibt die Parallelität von sozialistischer Revolution und polnischer Nationalbewegung in Preußen als eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, wobei das schematische Rechts-Links-Denken der deutschen Revolutionäre den Blick für die Anliegen der polnischen Bevölkerung verstellt habe.

In seinen zusammenfassenden Kommentar interpretiert Stefan Berger die Novemberrevolution zunächst als Teil einer Herausforderung des liberalkapitalistischen Ordnungssystems durch einen globalen „revolutionary moment“ (S. 256) in der Zeit von 1905 bis Mitte der 1920er-Jahre, womit er die Forderung nach einem erweiterten Untersuchungsfokus betont. Darüber hinaus aber müsse auch die Frage nach Erinnerungs- und Repräsentationsformen gestellt werden (S. 254); Dirk Schumann wiederum weist auf die Erkenntnispotentiale einer verstärkten kultur-, raum- und mediengeschichtlichen Untersuchung der Nachkriegszeit hin. Gerade die letztgenannte Perspektive erscheint vielversprechend, kommt im Band allerdings nur am Rande vor.

Transnational, kulturgeschichtlich inspiriert und mit breitem zeitlichen Fokus – so könnte man die konzeptionellen Forderungen der Herausgeber an die Geschichte der deutschen Revolution 1918/19 zusammenfassen. Insgesamt lösen die Aufsätze dieses Programm ein und sind dabei in der großen Mehrzahl quellengesättigt, prägnant und bündig verfasst. Das fehlende Sach- und Personenverzeichnis sowie das vereinzelt nachlässige Lektorat schmälern den Nutzen des Bandes kaum. Lesenswert bereitet er auf die in den nächsten Jahren wohl kommenden Forschungen und Publikationen vor, indem er die deutsche Revolution gleichzeitig entprovinzialisiert – hinaus aus dem Schattendasein der Regionalstudien – und reprovinzialisiert, und zwar als Teil einer umfassenderen globalen Ordnungskrise im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Alexander Gallus (Hrsg.), Die vergessene Revolution von 1918/19, Göttingen 2010.
[2] Vgl. Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt am Main 1980 (1. Aufl. 1960).