V. Gouschin u.a. (Hrsg): Ancient Civil Communities

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Titel
Deformations and Crises of Ancient Civil Communities.


Herausgeber
Gouschin, Valerij; Rhodes, Peter John
Reihe
Ancient History
Erschienen
Stuttgart 2015: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
194 S., 5 s/w Abb.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Fraß, Alte Geschichte, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Bei dem vorliegenden Sammelband handelt es sich um das Ergebnis einer Tagung von russischen und britischen Historikern aus dem Jahr 2014. Alle Beiträge sind dabei in englischer Sprache verfasst. In elf Aufsätzen wird das gesamte Feld der Antike von der griechischen Archaik bis zur Spätantike behandelt. Darüber hinaus gibt es auch noch einen wissenschaftsgeschichtlichen Beitrag. All diese Beiträge soll wohl ein gemeinsamer Blickwinkel auf „deformations and crisis“ in den „ancient civil communities“ verbinden. Allerdings – und dies muss vorweggenommen werden – fehlt dem Sammelband leider eine Einleitung, in welcher die verbindende Problemstellung expliziert werden würde. Nun kann man sich sicherlich „deformations“ und auch „crisis“ umgangssprachlich erschließen, bei den „ancient civil communities“ wird dies aber schon schwieriger. Auch ist es nicht leicht, bei der inhaltlichen Breite des Sammelbandes, einen thematischen Schwerpunkt auszumachen. Dessen ungeachtet gibt der Sammelband aber einen guten Einblick in die gegenwärtigen vielfältigen Forschungsdiskussionen in der russischen Altertumswissenschaft, welcher aufgrund der Sprachbarriere ansonsten ja eher schwierig zu bekommen ist.

Im ersten Beitrag behandelt Ivan Ladynin unter dem Titel „The ‚Crisis of the Pyramid-Builders‘ in Herodotus Book 2 and Diodorus Book 1, and the Epochs of Egyptian History“ (S. 15–26) die griechische Rezeption der altägyptischen Geschichte. Dabei betrachtet er zum einen die Darstellung des Herodot (Hdt. 2,124–134) und zum anderen die des Hekataios von Abdera (überliefert bei Diodor 1,63,2–64). Bekanntermaßen sind die Darstellungen sowohl bei Herodot als auch bei Hekataios nicht zuverlässig. Der eklatanteste Fehler ist dabei wohl die falsche zeitliche Verortung der Phase der Pyramidenerbauung um etwa anderthalb Jahrtausende. Ladynin versucht nun aufzuzeigen, dass dieser und andere Fehler nicht Herodot und Hekataios anzulasten sind. Vielmehr sollen die griechischen Geschichtsschreiber einer bereits fehlerhaften ägyptischen Tradition gefolgt sein.

In seinem Beitrag über die „Instability in the Greek Cities“ (S. 27–46) gibt P.J. Rhodes einen breit angelegten Überblick über innenpolitische Krisen in den griechischen Gemeinwesen von der archaischen bis zur spätklassischen Zeit. Er sieht die Gründe für die instabilen innenpolitischen Verhältnisse hauptsächlich in den Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern einer demokratischen und einer oligarchischen Ordnung begründet. Ebenso in den Spannungen zwischen Reichen und Armen in den einzelnen Gemeinwesen und in den Spannungen, welche durch die Existenz zweier sich bekämpfender Hegemonialmächte in der griechischen Welt verursacht wurden. Valerij Goušchin hingegen untersucht in seinem Beitrag zur „Aristocracy in Democratic Athens: Deformation and/or Adaption“ (S. 47–61) die Entwicklung der athenischen ‚Aristokratie‘ unter der Bedingung einer demokratischen Ordnung. Diese Gruppe blieb, so Goušchin, als politische Elite bestehen und passte sich zumindest teilweise an, sodass mitunter „aristocratic hetaireia which did not shun demagogic techniques“ (S. 61) entstanden. Dadurch, so Goušchin weiter, konnte die athenische ‚Aristokratie‘ einer Existenzkrise entgehen.

Im letzten Beitrag zum vorhellenistischen Griechenland von Polly Low soll es um „Empire and Crisis in Fourth-Century Greece“ (S. 63–72) gehen. Genau genommen geht es um die Begründungen der Athener für ihre erneuten ‚imperialen‘ Ambitionen im 4. Jahrhundert, wie sie vor allem bei Demosthenes sichtbar werden. Bei allen ideologischen Ansprüchen, dass die Herrschaft der Athener für die Freiheit aller Griechen notwendig sei, wird auch bei Demosthenes, so Low, die Sicherheit des eigenen Gemeinwesens mit der arche über die anderen griechischen Gemeinwesen verbunden.

Es folgen nun zwei Beiträge zur hellenistischen Epoche. Yuri N. Kuzim („The Antigonids, Caunus and the so-called ‚Era of Monophthalmus‘: Some Observations Prompted by a New Inscription“, S. 73–85) versucht mithilfe einer neuen Inschrift aus dem karischen Kaunos (IKaunos 4) aufzuzeigen, dass diese Polis wohl kurz vor dem Chremonideischen Krieg durch Antigonos II. Gonatas erobert wurde. Oleg L. Gabelko wiederum („‚A Tale of two Cities‘: Some Particulars of the Conquest of Cius and Myrlea by the Kingdom of Bithynia”, S. 87–100) stellt in seinem Beitrag alle verfügbaren Quellen zur Eroberung von Cius und Myrlea durch Prusias I. im Jahr 202 v.Chr. zusammen.

Es folgen drei Beiträge zu Römischen Republik. T.J. Cornell untersucht dabei „Crisis and Deformations in the Roman Republic: The Example of the Dictatorship“ (S. 101–125). Um genau zu sein, betrachtet er das Amt der Diktatur im Besonderen in der Phase von circa 366 bis 300 v.Chr. Denn für die Endphase der Frühen Republik ist dieses am häufigsten belegt. Cornell kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die Diktatur zumindest in dieser Phase kein Ausnahmeamt zur Krisenbewältigung gewesen sei. Vielmehr seien die Diktatoren „more-or-less routine substitutes for the regular magistrates“ gewesen. Die besondere Betonung der Diktatur als außen- oder auch innenpolitisches ‚Krisenamt‘ in der späteren Überlieferung sei hingegen als eine Deformation zu betrachten, welche aus den Erfahrungen der Punischen Kriege und der Diktaturen des 1. Jahrhunderts resultierte. Amy Russel („The Tribute of the Plebs as a Magistracy of Crisis“, S. 127–139) beleuchtet die Bedeutung, welche vor allem Cicero, aber auch spätere Autoren wie Florus und Appian, dem Volkstribunat für die ‚Krise‘ und für den ‚Untergang‘ der Republik zuschreiben. Catherine Steel beschäftigt sich in ihrem Beitrag über „The Roman Political Year and the End of the Republic“ (S. 141–155) mit der Reform des römischen Amtsjahres durch Sulla. Unter anderem durch diese Reform sei die Stellung der amtierenden und designierten Konsuln und Prätoren gegenüber dem Senat als der eigentlichen Regierung gestärkt und außenpolitische Entscheidungsprozesse unnötig verkompliziert worden. Ebenso seien die Partizipationsmöglichkeiten der außerhalb Roms lebenden Bürger durch die Verlegung der Wahlen in den Sommer eingeschränkt worden, was wiederum die Beeinflussung der Wahlen durch die senatorische Elite erschwert habe. Diese neuen, strukturellen Defizite seien es dann gewesen, welche entscheidend zum Untergang der Republik beigetragen hätten. Es folgt ein wissenschaftsgeschichtlicher Beitrag von Natalia Almazova („The ‚Cultural Crisis‘ in Rome on the Cusp of the Republic and Principate as seen in Russian Research in the late 19th – early 20th Century”, S. 157–168). Sie zeigt am Beispiel von fünf Altertumswissenschaftlern – Mikhail Korelin (1855–1899), Faddey Zieliński (1859–1944), Nikolai Blagoveshchensky (1812–1892), Vassily Modestov (1839–1907) und Boris Warnecke (1874–1944) – aus dem vorrevolutionären Russland, wie diese aus ihren verschiedenen Forschungsperspektiven den Übergang von der Republik zur Monarchie „as a stage in a long evolution“ (S. 167) verstanden.

Die letzten beiden Beiträge des Sammelbandes wenden sich der Spätantike zu. Pavel Rubtsov will in seinem Aufsatz (S. 169–181) dabei folgender Frage nachgehen: „Imperial Power in the third and fourth Centuries: Deformation or Evolution?“ Eine wirkliche Antwort darauf bleibt er aber leider schuldig und stellt den Veränderungsprozess als eine Institutionalisierung und ‚Konstitutionalisierung‘ der Stellung des Kaisers dar. Aleksey Kamenskikh („The Dialectic of the Other: Political Philosophy and Practice in the Late Neoplatonist Communities“, S. 183–192) stellt in seinem Beitrag einige Beispiele für das Verhältnis zwischen den neuplatonischen Schulgemeinschaften und ihrem, sich christianisierenden bzw. christlichen, gesellschaftlichen und politischen Umfeld vom 3. bis zum 6. Jahrhundert zusammen. Eine Verbindung mit den Leitbegriffen des Sammelbandes (‚deformations‘ und ‚crisis‘) erfolgt hier leider nicht, obwohl dies sich sicherlich angeboten hätte.

Der Sammelband schließt mit einem kurzen Namensregister. Es fehlt allerdings ein Sachregister und Quellenregister. Dies wiegt aufgrund der fehlenden thematischen Verbindungen der einzelnen Beiträge und der fehlenden Einleitung, die eine solche Verbindung hätte möglicherweise herstellen können, umso schwerer. Letztendlich handelt es sich bei dem rezensierten Werk um eine Sammlung von doch sehr divergenten Einzelbeiträgen.