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Titel
Umkämpfte Grenzen, umkämpfte Bevölkerung. Die Entstehung der Staatsgrenzen der Zweiten Polnischen Republik 1918–1923


Autor(en)
Conrad, Benjamin
Reihe
Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa
Erschienen
Stuttgart 2014: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
382 S.
Preis
€ 62,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jerzy Kołacki, Instytut Historii UAM, Poznań

Die Problematik des Wiederaufbaus des polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg wurde schon sehr breit in der polnischen, aber auch in der internationalen Historiographie behandelt. Zudem liegen inzwischen mehrere Quellen- und Dokumenteneditionen vor.[1] Das Thema der deutschen Gebietsverluste im Osten wurde in unzähligen Publikationen behandelt. Diese für Polen und seine Nachbarn sowie für ganz Europa wichtigen Ereignisse haben aber bislang keine monographische Bearbeitung erfahren. Umso mehr ist jetzt die Veröffentlichung von Benjamin Conrad zu begrüßen, der sich des ambitionierten Themas einer Darstellung und Interpretation jener vielschichtigen Prozesse angenommen hat, die mit der Entstehung der Staatsgrenzen der Zweiten Polnischen Republik verbunden waren.

Die hinter diesem schwierigen Unterfangen stehende Hauptidee zielt auf das Herausarbeiten von Unterschieden und gemeinsamen Elementen der Grenzziehungen des im November 1918 nach 123 Jahren wiederentstandenen polnischen Staates. Dabei geht es um die Grenzziehungen zu den sieben Nachbarn Polens, dargestellt aus der Perspektive der damaligen politischen Hauptakteure und angesiedelt in einem sehr breiten internationalen und innerpolitischen Kontext. Der Autor macht dem Leser jedoch deutlich, dass man dafür nicht nur „die großen Männer“ im Blick haben darf, sondern „die zentralen Akteure“ und „die Strukturen, die das Handeln ermöglichen“, also die Netzwerke und Machtbeziehungen von Akteursgruppen und deren Bedeutung (S. 24).

Beeindruckend breit ist die Materialbasis der hier anzuzeigenden Arbeit: mehrsprachige Archivalien aus Posen, Warschau, Moskau und Koblenz, Quellen- und Dokumentensammlungen, Tagebücher, Erinnerungen, Presseinformationen (153 Titel). Kombiniert mit der sehr reich verwendeten Sekundärliteratur (über 550 Titel) gelingen Conrad zahlreiche Schlussfolgerungen im Hinblick auf den quantitativen und qualitativen Forschungsstand. Dieser wird durchaus kritisch bewertet, vor allem die politische und ideologische Instrumentalisierung der Forschung, zum Teil auch nach 1989. Anhand der älteren historiographischen Werke wird der Einfluss jener polnisch-deutschen Geschichtskonflikte herausgearbeitet, die sich aus den unterschiedlichen historischen Paradigmen entwickelt haben. So zum Beispiel in den Arbeiten von Gotthold Rhode. Diese „[…] atmen deutlich den Geist der unmittelbaren Nachkriegszeit” (S. 18). Oder die im Jahre 1971 veröffentlichte Publikation von Gerard Labuda über die polnische Westgrenze, die „[…] allerdings ihre Provenienz aus der Zeit der Volksrepublik nicht verhehlen kann und für die Zeit 1918–1923 zahlreiche Fehler und Verkürzungen aufweist” (S. 18). Conrad betont, dass die damaligen Veröffentlichungen „mit klarer politischen Zielrichtung” (S. 18), versehen worden waren und man sie deshalb nur sehr vorsichtig und kritisch nutzen sollte. Zudem seien viele Dokumente, namentlich aus Archiven in Russland, weiterhin unzugänglich. In Bezug auf Teile der historischen Literatur hält er fest: „In logischer Konsequenz sind zahlreiche Ergebnisse solcher Darstellungen einseitig, gelegentlich auch völlig erfunden.“ (S.19) Allgemein, so Conrad, leide die Art und Weise der Darstellung der Grenzentstehung des polnischen Staates im 20. Jahrhundert unverändert unter folgenden Problemen: Einseitigkeit und politischer Instrumentalisierung. Alleine schon aus diesem Grund sei – dies ist der Tenor der der stets sachlich gehaltenen Kritik – eine „sorgfältige Korrektur von Fehlern vorangegangener Literatur notwendig und geboten“ (S. 21).

In Zusammenfassung seine Zielstellung formuliert Conrad: „die vorliegende Arbeit untersucht die Frage der Grenzen Polens in internationaler und vergleichender Perspektive. Dadurch sollen Lücken in der Forschung, die einerseits aus bilateraler Betrachtung und anderseits aus einseitig nationaler Sichtweise der bisherigen Forschung entstanden, geschlossen werden.“ (S. 17) Mit Blick auf die polnische Historiographie zeigen sich einige große Lücken, vor allem in Bezug auf eine vollständige Analyse der Entstehung von Grenzen der Zweiten Republik. In der Tat sind viele der ehemals wichtigen Publikationen nicht mehr aktuell und eine neue Darstellung dieses für die Geschichte Polens sowie die Beziehungen mit seinen Nachbarn so wichtigen Ereignisses werden dringend benötigt. So wird zum Beispiel seit langer Zeit im Kreise der Posener Historiker die Notwendigkeit einer Synthese des Großpolnisches Aufstandes diskutiert.

Es ist verständlich, dass Conrad seine Arbeit als einen Beitrag zur Erforschung der krisenhaften und sehr sensiblen Zwischenkriegszeit angelegt hat. Damit stellt sich der Autor einer anspruchsvollen Herausforderung, was ihm sehr hoch anzurechnen ist. Sein Ziel besteht darin, den Wiederentstehungsprozess polnischen Staates vollständig und vergleichend darzustellen und es gelingt ihm, einige bisher unbekannte Aspekte der diplomatischen Begebenheiten herauszuarbeiten. Vollständigkeit kann er dabei gleichwohl nicht erreichen. Zudem, die große Mehrheit der von ihm präsentierten Fakten ist uns schon aus anderen Monographien bekannt. Dies betrifft in großem Maße die bis heute konfliktbeladenen Fragen nach der Interpretation der Volksabstimmungen in den umkämpften Grenzgebieten. Conrad hebt vor allem das Verhalten der polnischen Regierung und der Wählerschaft hervor. Hier hätte er viel tiefer in die anthropologischen Theorien von nationalen Identität der Gesellschaften eintauchen, die das sehr breit verstandene Grenzgebiet bewohnten, wo als Folge der Kulturdiffusion und nicht zuletzt in gemischten Ehen eine ethnische und nationale Identifikation sehr oft problematische gewesen ist. Statistische Auszählungen können hier zu falschen Schlussfolgerungen führen.

Das Buch besteht aus einer Einführung, sieben Kapiteln und einem Schlusswort. Es wird vervollständigt durch eine breit angelegte Bibliografie und eine Reihe von Annexen, die eine Orientierung in der komplizierten Thematik der territorialen und politischen Kämpfe ermöglichen. Zudem findet der Leser Regierungslisten der Zweiten polnischen Republik, ein hilfreiches Personen- und Ortsregister sowie neun mit Kommentaren versehene Landkarten. Es ist Wert darauf aufmerksam zu machen, dass der Autor mit einigen wenigen Ausnahmen die aktuellen topografischen Bezeichnungen verwendet, die durch in Klammern angegebene deutsche Bezeichnungen von Orten in den ehemaligen Ostprovinzen des Deutschen Reiches vervollständigt werden.

Unter gezielter Anwendung der eingangs der Arbeit festgelegten zentralen Begriffe werden die Situation in den drei Teilungsgebieten vor dem Ersten Weltkrieg sowie die „polnischen Neuordnungspläne“ näher beleuchtet. was einer kurzen Präsentation von den zwei wichtigsten Visionen des zukünftigen Polens gleichkommt: des „piastischen Polens“ von Roman Dmowski sowie des „jagiellonischen Polens“ von Jozef Piłsudski.[2] An dieser Stelle wird auch ein Fragment eingefügt, mit einer auf vielleicht zu vereinfachten Darstellung des „polnischen Westgedankens“, dessen vollständige Realisierung im Jahr 1945 erfolgte.

Im „Schwebezustand 1918–1919” überschriebenen zweiten Kapitel, das die Zeit zwischen der Staatsgründung und den Pariser Friedensverhandlungen beschreibt, beschäftigt sich der Autor mit der Rolle der polnischen Grenze während des Ersten Weltkrieges bis kurz vor dessen Ende anhand von den Konzepten, Diskussionen und politischen Debatten der drei Teilungsmächte sowie der Alliierten Mächte, um in den nächsten fünf Kapiteln den Grenzentstehungsprozess mit den Nachbarn Polens darzustellen. Unter dem Gesichtspunkt der „Ereignisgeschichte“ enthält das Buch die allgemein bekannten Fakten ohne die geltenden Paradigmen oder Interpretationen zu verändern. Neu hingegen ist die Perspektive, aus der Conrad den Grenzentstehungsprozess Polens beobachtet und beschreibt. Er konzentriert sich auf die beiden wichtigsten Entscheidungsorte um Roman Dmowski sowie Jozef Piłsudski und platziert diese in einem sehr breiten und sehr genau präsentierten Komplex von unterschiedlichen äußeren und inneren Bedingungen, die nicht nur die diplomatische Ebene, sondern auch die sozialen Schichten einbeziehen.

Es versteht sich, dass der Autor keine endgültige Antwort auf die vielen bis heute sehr umstrittenen Fragestellungen hat: wie zum Beispiel die immer wieder mit Emotionen beladene Abtrennung Westpreußens und Oberschlesiens von Deutschland, die geringe Berücksichtigung der jüdischen Bevölkerung, die relativ kurze Behandlung des Großpolnischen Aufstandes oder den Vorschlag von Piłsudski, die Entscheidung über den Verlauf der polnischen Westgrenze den Westmächten zu überlassen.

Mit Sicherheit wird die Publikation, je nach politischer Orientierung, unterschiedlich interpretiert und bewertet werden, aber dieses Schicksal teilen alle Arbeiten, die sich mit kontroversen Themen beschäftigen. Doch vielleicht kann das Buch eben darum einen wichtigen Beitrag innerhalb der Diskussion über die Vergangenheit Polens leisten. Das Buch ist in einer lebendigen, flüssigen Sprache verfasst. Von ganz wenigen Fehlern abzusehen, wurde das Buch sehr sorgfältig lektoriert und ist auch ästhetisch auf hohem Niveau. Es handelt sich eine wichtige Publikation, die für die weitere Bearbeitung eines für die polnische Geschichte und nationale Erinnerung sehr wichtigen Themas neue Perspektiven einbringt, alte Paradigmen entstaubt und eine inspirierende Interpretation bietet. Wird genau dieses Thema doch ständig aktualisiert und aus neuen Perspektiven betrachtet, die immer wieder an die aktuellen Bedürfnisse der nächsten Generationen anzupassen sind. Die Veröffentlichung des Buches von Benjamin Conrad könnte, sofern es auch in den Sprachen der östlichen Nachbarn Deutschlands vorliegen sollte, die Diskussion über den Entstehungsprozess der politischen Landkarte Europas nach dem Ersten Weltkrieg sowie die Folgen des Versailles Friedensvertrages für die folgende Geschichte des ganzen Kontinents neu eröffnen. Mit Sicherheit ist es aber ein wertvoller Beitrag, der dem heutigen Leser die komplizierte Realität der ersten 25 Jahre des 20. Jahrhunderts näher bringt.

Anmerkungen:
[1] Verwiesen sei vor allem auf die neun Bände O niepodległą i granice [Kampf um ein unabhängiges Polen un seine Grenzen], Warschau 1991–2015.
[2] Die Möglichkeit, sich mit dem neuesten von M. Semczyszyn, T. Sikorski und A. Wątor herausgegeben Werk: Nad Odrą i Bałtykiem. Myśl zachodnia: ludzie − koncepcje − realizacja do 1989 r. [An Oder und Ostsee. Der Westgedanke: Menschen – Konzepte – Realisierung bis 1989], Szczecin 2016, bekannt zu machen, hatte Conrad nicht.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.08.2017
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