H. Müller-Enbergs u.a. (Hrsg.): Spione und Nachrichtenhändler

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Titel
Spione und Nachrichtenhändler. Geheimdienst-Karrieren in Deutschland 1939–1989


Herausgeber
Müller-Enbergs, Helmut; Wagner, Armin
Erschienen
Anzahl Seiten
375 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Rau, Institut für Zeitgeschichte München-Berlin

Geheimdienstgeschichte erfährt gegenwärtig eine zunehmende Aufmerksamkeit. War dieses Forschungsfeld bislang vor allem eine Domäne von Politik-, Militär- und Technikhistorikern, so wagen sich nun auch vermehrt Sozial- und Kulturhistoriker auf dieses Terrain vor.[1] Parallel haben der Bundesnachrichtendienst (BND) und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) eigene Aufarbeitungsprojekte initiiert, deren Ergebnisse zum Teil schon vorliegen. In diesen fachwissenschaftlichen und öffentlichen Debatten ordnet sich auch der Sammelband von Helmut Müller-Enbergs und Armin Wagner ein, der zehn Biographien von Geheimdienstmitarbeitern der „zweiten Reihe“ präsentiert. Das Buch richtet sich sowohl an die Fach- als auch an eine größere interessierte Öffentlichkeit.

Ziel des Bandes ist es, einen „Einblick in die Komplexität und Verflochtenheit“ (S. 20) der deutschen, insbesondere der deutsch-deutschen Geheimdienstgeschichte zu geben. Dass die Herausgeber nicht mit dem Jahr 1945, sondern mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges einsetzen, leuchtet ein, markiert doch der Krieg (und nicht die Nachkriegszeit) einen bedeutenden Professionalisierungsschub in der Geheimdienstarbeit, die sich in dieser Phase in „konspirative Aufklärung des Gegners, in verdeckte Operationen mit dem Zweck der Sabotage und in wissenschaftliche Analyse“ (S. 333) differenzierte. Der Band versammelt Beiträge sowohl zu west- als auch ostdeutschen Geheimdiensten, wobei einzelne Aufsätze darüber hinaus auch die Geheimdienste der Alliierten einbeziehen. Zuweilen greifen die Autoren auch auf die Quellenüberlieferung der CIA zurück, der bei der Zurverfügungstellung von Material eine Vorreiterrolle zukommt.

Fünf Beiträge beschäftigen sich mit westdeutschen Geheimagenten und legen den Schwerpunkt besonders auf NS-Kontinuitäten. Magnus Pahl schildert den Konflikt zwischen dem früheren Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost, Reinhard Gehlen, und dem ehemaligen Abwehroffizier und „Ostspezialisten“, Hermann Baun, um die Führung des von der CIA aufzubauenden Geheimdienstes. Er zeigt, dass dieser Konflikt letztlich auch eine Fortsetzung von Auseinandersetzungen zwischen Abwehr und Generalstab der Wehrmacht während des Krieges war. Matthias Ritzi und Erich Schmidt-Eenboom zeigen am Beispiel des ehemaligen Mitarbeiters des Reichsicherheitshauptamtes Josef Adolf Urban, wie abhängig die konkurrierenden Geheimdienste zu Beginn des Kalten Krieges von privaten Nachrichtenhändlern waren. Enrico Heitzer zeichnet die Bedeutung des einst begeisterten Nationalsozialisten Heinrich von zur Mühlen für den Aufbau eines „Stay-Behind“-Netzwerkes in der DDR im Rahmen der Tätigkeit der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ nach. Susanne Meinl und Marcus Schreiner-Bozic untersuchen den ungebrochenen beruflichen Werdegang von Martin Riedmayr vom Kriminalbeamten im Nationalsozialismus zum Leiter des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz und betonen die Zähigkeit regionaler Netzwerke über das Jahr 1945 hinweg.

Stefan Creuzberger widmet sich Ewert von Dellingshausen, der als früherer Beamter der Militärverwaltung im Rahmen des Unternehmens „Barbarossa“ nach seiner Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone als Referatsleiter im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen tätig war und zu den „wichtigsten Verbindungsmännern“ (S. 217) westdeutscher Geheimdienste avancierte. Zwischen den genannten Beiträgen findet sich ein Porträt des während der deutschen Besatzung Frankreichs als Generalsekretär des Départements Loiret sowie in der Zentralverwaltung des Staatssekretariats für Versorgung tätigen Maurice Picard (Beitrag von Michael Müller). Picard führte bereits während der Besatzungszeit, aber auch danach ein Doppelleben als verehrter Widerstandskämpfer und Nachrichtenübermittler für verschiedene Geheimdienste.

Die vier Beiträge über MfS-Spione beziehen sich ausschließlich auf die Zeit seit den 1960er-Jahren. In zwei Beiträgen behandelt der Herausgeber Müller-Enbergs den für das MfS arbeitenden Präsidenten des Bundesdisziplinarhofes Kurt Behnke (Beitrag zusammen mit Schmidt-Eeenboom) sowie Hans-Joachim Bamler, der im Auftrag des ostdeutschen Geheimdienstes im NATO-Generalsekretariat spionierte. Beide stehen beispielhaft dafür, wie sehr Kosten und Nutzen in der Auslandsspionage des MfS auseinandergingen. Auch Helmut R. Hammerich beschäftigt sich mit einem dem MfS zuarbeitenden westdeutschen Spion, dem stellvertretenden Chef des Militärischen Abschirmdienstes Joachim Krase, der als „einer der größten operativen Erfolge“ (S. 296) der Stasi gelten kann. Armin Wagner schließlich widmet sich dem Fall der „Delikatessen-Spionin“ Hildegard Zickmann und zeichnet damit einen Fall des Transfers von Geheimdienstwissen von Ost nach West nach.

Dem biographischen Ansatz entsprechend heben die Beiträge besonders auf individuelle Motive und persönliche Netzwerke ihrer Protagonisten ab. Für die Zeit des Übergangs vom Nationalsozialismus in die Bundesrepublik seien, so ein immer wiederkehrender Befund, ein ausgesprochener Antikommunismus und Russland-Expertise wichtige Ankerpunkte für die Integration ehemaliger NS-Funktionsträger in die westdeutschen Geheimdienste gewesen. Zudem betonen die sich mit dieser Phase beschäftigenden Autoren die Bedeutung bereits bestehender Agentennetzwerke. Andere Motive waren Abenteuerlust, Geltungsbedürfnis, Geldprobleme, aber auch familiäre Beweggründe. Allerdings beruhen viele dieser Motiv-Analysen angesichts der verwendeten Quellen aus staatlichen Provenienzen auf Wahrscheinlichkeitsannahmen. Teilweise mischen sich diese auch mit allzu moralisierenden Wertungen, die in einer wissenschaftlichen Darstellung vermieden werden sollten, so etwa wenn Michael Müller die Karriere von Maurice Picard als eine der „abgründigsten Agentenkarrieren des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit“ (S. 147) bezeichnet. Daneben machen mehrere Autoren wie Magnus Pahl, Helmut Müller-Enbergs und Erich Schmidt-Eenboom auf die zum Teil scharfen Konkurrenzkämpfe zwischen den westdeutschen Geheimdiensten aufmerksam.

Der Band beeindruckt zweifellos durch seine große Bandbreite und wartet mit einer ganzen Reihe bislang wenig bekannter Namen auf. Dennoch bleibt der Anteil neuer Erkenntnisse am Ende überschaubar. Der Schwerpunkt liegt sehr stark auf Politik- und Militärgeschichte. Einige Aufsätze beziehen sich zudem auf Arbeiten, die die Autoren oftmals schon vor vielen Jahren publiziert haben. Auch die Befunde zu den individuellen Motiven überraschen keineswegs. Der Band lässt sich vielmehr als eine Art Zwischenbilanz der deutschen Geheimdienstforschung lesen, was die Herausgeber in ihrem gut gelungenen Abschlusskapitel auch deutlich machen.

Die Beiträge bieten für sich genommen jeweils eine beeindruckende – zuweilen aber auch erdrückende – Detailfülle. Fraglich ist allerdings, inwiefern die Auswahl der Personen der „zweiten Reihe“ tatsächlich die gesamte „Komplexität und Verflochtenheit“ der deutschen Geheimdienstgeschichte widerspiegelt, zumal das Auswahlkriterium sehr unscharf ist. „Gemeinsamer Nenner für die Auswahl“ sei, so die Herausgeber, „dass die hier Vorgestellten entweder nach 1945 direkt oder indirekt mit der Organisation Gehlen und dem Bundesnachrichtendienst oder dem Verfassungsschutz verbunden waren bzw. zum Ziel der nachrichtendienstlichen Aufklärung Gehlens wurden. Auf ostdeutscher Seite waren die Porträtierten entweder in die Auslandsspionage des MfS eingebunden oder wurden selbst zum Ziel der MfS Spionageabwehr.“ (S. 20) Die „zweite Reihe“ umfasst den Ausführungen der Herausgeber zufolge alle im Dienst der Spionageeinrichtungen tätigen Personen unterhalb der unmittelbaren Führungsebene. Welches Gewicht den Einzelbiographien tatsächlich zuzumessen ist, müssen künftige Forschungen noch zeigen.

Es ist zudem auffällig, dass der Sammelband neuere Ansätze zur Mediengeschichte von Geheimdiensten und zur Wissenszirkulation in der Geheimdienstarbeit völlig ignoriert. Damit blenden die Herausgeber wichtige gegenwärtig diskutierte Aspekte der Geheimdienstgeschichte aus, die sich überdies mit dem biographischen Ansatz gut vereinbaren ließen. Methodisch bringt die Fokussierung auf individuelle Lebensverläufe überdies den Nachteil mit sich, dass sich der Leser zuweilen im Wirrwarr der Institutionen verliert. Nur wenige Autoren – unter ihnen sind besonders Enrico Heitzer und Stefan Creuzberger zu nennen – bemühen sich darum, auch dem geheimdienstgeschichtlich weniger bewanderten Leser Orientierungshilfen zu geben. Dagegen vermisst man im Gros der Beiträge leserfreundliche Bemerkungen zu Funktionen, institutionellen Verankerungen und Bedeutungen der zahlreichen Organisationen und Abteilungen. Zudem sind die meisten Beiträge im lexikalischen Stil geschrieben, während nur wenige Autoren (auch hier sind Heitzer und Creuzberger zu nennen) Thesen bilden. Die adressierte größere Öffentlichkeit wird wohl am Ende vornehmlich die zum Teil außergewöhnlichen Biographien im Gedächtnis behalten, die Institutionenarchitektur aber kaum durchdringen.

Fazit: Die versammelten Biographien bieten wichtige Bausteine für eine noch zu schreibende deutsche bzw. deutsch-deutsche Geheimdienstgeschichte und die Herausgeber weisen pointiert auf bestehende Forschungsdesiderate hin. Der Band wird künftige Forschungen damit zweifelsohne bereichern. Allerdings repräsentiert das Buch eine Tradition deutscher Geheimdienstgeschichte, deren Fokus noch sehr stark auf Militär- und Politikgeschichte liegt. Er steht damit unverbunden neben neueren Arbeiten, die sozial- und kulturgeschichtliche Zugänge einbeziehen.

Anmerkung:
[1] Etwa Lisa Medrow / Daniel Münzner / Robert Radu, Kampf um Wissen. Spionage, Geheimhaltung und Öffentlichkeit 1870–1940, Paderborn 2015 [s.a. die Rezension von Friedrich Kießling in: H-Soz-Kult, 01.11.2016, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24610 (02.01.2017)]; Michael Kempe, Burn after Reading. Verschlüsseltes Wissen und Spionagenetzwerke im elisabethanischen England, in: Historische Zeitschrift 296 (2013), S. 354–379; Tim B. Müller, Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg, Hamburg 2010 [s.a. die Rezension von Bernhard Schulz in: H-Soz-Kult, 05.11.2010, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15032 (02.01.2017)].

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17.01.2017
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