S. Schmidt-Hofner: Das klassische Griechenland

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Titel
Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit


Autor(en)
Schmidt-Hofner, Sebastian
Erschienen
München 2016: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
€ 16,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maria Osmers, Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Das vorliegende Werk zum klassischen Griechenland von Sebastian Schmidt-Hofner komplettiert die von C.H. Beck herausgegebene sechsbändige Geschichte der Antike. Ziel der Reihe ist es, einem breiten Publikum einen Überblick über die verschiedenen Epochen der griechisch-römischen Antike zu vermitteln und bedeutende Entwicklungen und Wesensmerkmale der jeweiligen Zeit herauszuarbeiten. In seinem Band zur klassischen Epoche präsentiert Schmidt-Hofner die wichtigsten Ereignisse und Strukturen in Hellas von den Perserkriegen bis zum Tode Alexanders des Großen und integriert dabei auch jüngere Forschungsergebnisse in seine Darstellung.

Dies zeigt sich in der Einleitung, in der Schmidt-Hofner ausgehend von Lysias‘ Gefallenenrede prägende Elemente der klassischen Zeit identifiziert: So nennt er einerseits – wie auch im Untertitel deutlich wird – Krieg und Freiheit als Charakteristika dieser Epoche. Andererseits betont Schmidt-Hofner im Sinne der jüngeren Forschung, dass Geschichte in den antiken Gemeinschaften immer als Argument fungierte und die Bilder der Vergangenheit hinterfragt werden müssen. Des Weiteren möchte er die athenozentrische Perspektive nach Möglichkeit durchbrechen und auch Akteure „jenseits von Athen und Sparta“ in den Blick nehmen.

Das erste Kapitel widmet sich den Perserkriegen. Auffällig ist der Umfang, in dem Schmidt-Hofner die Strukturen und die Entstehungsgeschichte des Perserreiches beschreibt. Sicher kommt die persische Sicht auf die Ereignisse in Einführungen häufig zu kurz und es stellt eine Stärke des Kapitels dar, dass das griechische Narrativ durch einen Perspektivwechsel immer wieder korrigiert wird. Allerdings erschließt sich die Relevanz der detaillierten Ausführungen nicht, da Hinweise auf die Besonderheiten der Polisstruktur oder die Verhältnisse in Hellas weitgehend fehlen. Neben der Wiedergabe der Ereignisse in Kleinasien sowie der Schlachtverläufe im griechischen Mutterland betont Schmidt-Hofner die retrospektive Deutung der Kriege durch die Griechen und arbeitet so deren Bedeutung für die Zeitgenossen sowie deren Auswirkungen auf Hellas heraus. Besonders eindrücklich demonstriert er dies an der Entwicklung des Gegensatzes zwischen Ost und West, der noch heute das „Orientbild“ prägt. Abschließend gelingt es Schmidt-Hofner durch einen Blick auf Sizilien, die Omnipräsenz des Motivs der Freiheitskriege aufzuzeigen und neben athenischen Deutungsmustern alternative Erzählungen vorzustellen.

Im zweiten Kapitel zeichnet Schmidt-Hofner strukturelle Entwicklungen in Hellas im 5. Jahrhundert nach. Überzeugend zeigt der Autor, wie der Seebund gegründet und schließlich zu einem Machtinstrument Athens umgewandelt wurde, und demonstriert zugleich, welche Strategien die Athener anwandten, um ihren Führungsanspruch zu legitimieren. Daneben verweist er auf die enormen Auswirkungen auf Athen und leitet so zum nächsten Abschnitt über, in dem er sich mit der Demokratie beschäftigt. Schmidt-Hofner hält seine einführende Beschreibung dabei sehr allgemein, so dass die Spezifika der Volksherrschaft schemenhaft bleiben. Gelungen sind jedoch die Ausführungen zur athenischen Verfassung: Hier schafft es Schmidt-Hofner, Entwicklungslinien und Besonderheiten der attischen Demokratie aufzuzeigen und mit dem Selbstbild der Athener und Zeugnissen der Zeit ins Verhältnis zu setzen. In einem kurzen Abschnitt widmet er sich anschließend Sparta, wobei er die Rückwärtsgewandtheit und den dazugehörigen Bezug auf Lykurg gerade im 5. Jahrhundert v.Chr. betont. Einen wichtigen Grund für die Ausprägung dieser spezifischen Ordnung sieht Schmidt-Hofner dabei in der Helotenfurcht der Spartaner.

An diese Problematik schließt das folgende Kapitel an. Schmidt-Hofner identifiziert den Helotenaufstand von 462 v.Chr. als Ausgangspunkt des athenisch-spartanischen Dualismus, der zum Peloponnesischen Krieg führte. Bei der Darstellung des Kriegsverlaufs folgt er der thukydideischen Deutung: Er zeichnet zunächst den Archidamischen Krieg nach, dann die Zeit nach dem Nikias-Frieden, die er etwas schief als Phase eines „Kalten Krieges“ bezeichnet. Anschließend widmet er sich dem dekeleisch-ionischen Krieg. Ähnlich wie Thukydides unterstreicht Schmidt-Hofner die Größe des Krieges, deren Auswirkungen durch die Zunahme von Unruhen und Gewalt in ganz Hellas spürbar waren. An anderen Stellen bricht Schmidt-Hofner treffend mit thukydideischen Interpretationen, etwa bezüglich der Bedeutung Korinths für den Kriegsausbruch. Lesenswert sind insbesondere die Passagen, in denen der Autor durch Verweise auf Dramen oder Vorgänge wie den Hermenfrevel einen Eindruck von der wechselhaften Stimmung und den Problemen in Athen vermittelt.

Anschließend betrachtet Schmidt-Hofner die Zeit bis zum Aufstieg Makedoniens. Hier werden trotz der etwas irreführenden Kapitelüberschrift „Agon ohne Ausweg“ neben den kriegerischen Auseinandersetzungen und Kämpfen um die Hegemonie auch wichtige Veränderungen und Neuerungen vorgestellt, die zu Beginn des 4. Jahrhunderts aufkamen: So verweist Schmidt-Hofner auf den Innovationsgehalt der Idee eines allgemeinen Friedens, betont aber, welche Probleme dessen Durchsetzung mit sich brachte. Ebenso benennt er strukturelle Probleme in Sparta, die er als Grund für das Scheitern als Führungsmacht identifiziert, und präsentiert neue Akteure im Ringen um die Vorherrschaft. Daneben widmet Schmidt-Hofner sich neuen oder nun gehäuft auftretenden Phänomenen wie den bundesstaatlichen Gebilden, dem Söldnerwesen oder der Tyrannis. Auch Athen reagierte auf überstandene Krisen mit institutionellen und ideologischen Anpassungen, die den außenpolitischen Wiederaufstieg sowie gesellschaftliche Veränderungen anstießen. Auf die trotz oder gerade wegen dieser Innovationen voranschreitende politische Destabilisierung in Hellas reagierten nach Schmidt-Hofner Zeitgenossen, indem sie ihrer Gegenwart ideologische Konzepte wie den Panhellenismus oder idealisierte politische Verfassungsentwürfen entgegensetzten.

Das letzte Kapitel beschreibt den Aufstieg Makedoniens und dessen Auswirkungen auf Hellas. Überzeugend stellt Schmidt-Hofner dar, dass die Expansion Philipps II. keineswegs lange geplant war, sondern diesem vornehmlich dazu diente, seine Stellung zu sichern, da er hier die ökonomischen Ressourcen gewinnen und sich als siegreicher Herrscher bewähren konnte. Dass der makedonische König am Ende triumphierte und so die Zeit der Polis als bestimmender Größe im griechischen Raum endete, führt Schmidt-Hofner auf überlegtes Handeln Philipps und ebenso auf die Zerstrittenheit der Griechen sowie die Schwäche Athens aufgrund des Bundesgenossenkrieges zurück. Thesen der früheren Forschung, welche eine strukturelle und politische Erschöpfung der Poleis als Ursache benannten, widerlegt er. Die milde Behandlung Athens nach Chaironeia führt der Autor darauf zurück, dass Philipp für seine Feldzüge nach Osten, seinen „Freiheitskrieg“, auf die athenische Flotte angewiesen war. Daher konnte Athen nach Schmidt-Hofner unter Eubulos und Lykurg eine kulturelle Blüte erleben, bis schließlich der letzte „Freiheitskrieg“ der Griechen gegen die Makedonen 322 in einer Niederlage endete. In einem abschließenden Epilog verweist Schmidt-Hofner auf die Schwierigkeiten des Begriffs der Klassik und betont, dass diese Epoche auch eine andere Seite hatte. Daran schließen sich thematisch gegliederte und kommentierte Literaturhinweise sowie ein Auswahlregister und eine Zeittafel an.

Natürlich finden sich in dem vorliegenden Werk wie in jeder Einführung Punkte, die man mit dem Autor diskutieren oder kürzer oder umfangreicher abgehandelt haben möchte.[1] Insgesamt aber bietet das Buch durch seine quellennahe Darstellung eine inspirierende Lektüre; viele Überlegungen Schmidt-Hofners regen den Leser zum Weiterdenken an. Gerade mit den athenischen Verhältnissen des 5. Jahrhunderts v.Chr. ist der Autor gut vertraut, so dass die Passagen zur attischen Geschichte überzeugen und viele innovative Deutungen bieten. Er präsentiert hier überdies Motive wie die Bezugnahme auf Triptolemos, die bisher nur wenig bekannt waren. Allerdings führt die ausführliche Auseinandersetzung mit der attischen Polis dazu, dass die Geschichte Athens das Buch dominiert; nur selten wird die athenozentrische Perspektive etwa durch den Blick auf Sizilien durchbrochen, Sparta und die Verhältnisse auf der Peloponnes bleiben unscharf. Durch wiederholte Verweise auf seine zentralen Motive „Krieg“ und „Freiheit“ gelingt es Schmidt-Hofner, einen roten Faden für sein gesamtes Werk zu schaffen. Jedoch führt die Auswahl dieser Motive dazu, dass andere Charakteristika der Zeit, beispielsweise friedensstiftende oder verbindende Elemente in der Außenpolitik, weitgehend ausgeklammert werden[2] oder wie Innovationen und strukturelle Neuerungen quer zum Narrativ stehen. Trotz dieser Hinweise ist es Schmidt-Hofner gelungen, ein gut lesbares und klar strukturiertes Werk vorzulegen, das eigene Akzente setzt und neuen Forschungsergebnissen Raum gibt.

Anmerkungen:
[1] Beispielsweise fragt man sich, ob die Angabe von Betonungen bei der ersten Nennung von Namen in Fällen wie Heraklés oder Aristotéles wirklich sinnvoll ist. Hinzu kommt, dass die Erstnennungen sowohl aufgrund der abweichende Schreibweise teilweise im Register fehlen.
[2] Olympia etwa taucht nicht einmal im Register auf; entsprechend der Schwerpunktsetzung fehlen im Literaturverzeichnis auch Hinweise auf Werke zur griechischen Bündnispolitik im 5. Jahrhundert v.Chr., beispielsweise Ernst Baltrusch, Symmachie und Spondai. Untersuchungen zum griechischen Völkerrecht der archaischen und klassischen Zeit (8.–5. Jahrhundert v.Chr.), Berlin 1994.

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Veröffentlicht am
13.02.2017
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