A. Habenstein: Abwesenheit von Rom

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Titel
Abwesenheit von Rom. Aristokratische Interaktion in der späten römischen Republik und in der frühen Kaiserzeit


Autor(en)
Habenstein, Astrid
Erschienen
Anzahl Seiten
360 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Page, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

In der Lebenswelt römischer Aristokraten der späten Republik und frühen Kaiserzeit nahm Rom eine herausragende Stellung ein. Die Hauptstadt des Imperium Romanum war nicht nur der Ort, von dem sämtliches aristokratisches Engagement im Weltreich ausging. Sie bildete ebenso die Bühne, auf der jegliche elitäre Form von sozialer und politischer Interaktion, insbesondere die Anerkennung von Leistungen für die res publica, öffentlich vollzogen wurde. Hierzu war es unabdingbar, dass die wesentlichen Akteure des soziopolitischen Systems Rom nicht nur idealiter als den Mittelpunkt ihrer Existenz ansahen, sondern einen großen Teil des Jahres tatsächlich auch in der urbs weilten. Astrid Habenstein untersucht in ihrer Dissertation die vielfältigen Funktionen, die abweichend von diesem Ideal zeitweilige Abwesenheit und dauerhafter Rückzug aus Rom für die Oberschicht erfüllen konnten.[1]

Die Studie ist in drei zentralen Kapiteln organisiert, denen eine ausführliche Einleitung vorausgeht. Dort breitet Habenstein zunächst sorgfältig das Thema ihrer Untersuchung aus, das sich aus zwei grundlegenden Gedankengängen speist: Auf der einen Seite steht die zeitgenössische Vorstellung, dass Rom mit göttlicher Vorsehung zur Herrscherin über die Welt wurde und daher alternativlos den Mittelpunkt des römischen Denkens bildete. Vor dem Hintergrund der soziologischen Interaktionsforschung argumentiert Habenstein auf der anderen Seite, dass Interaktion zwar in der Regel Präsenz voraussetzte, bei Abwesenheit jedoch auf alternativen Kanälen – etwa durch literarische Kommunikation – betrieben werden konnte und in hohem Maße Dynamik und Symbolkraft zu entwickeln vermochte.

In Kapitel 2 („Absenz und aristokratische Lebensführung: Die römische Villa“, S. 51–119) steht zunächst die aristokratische Villa im Fokus. Habenstein legt überzeugend dar, dass diese kein unpolitischer, privater Rückzugsort für enttäuschte Senatoren war, sondern vielmehr seit dem 1. Jahrhundert v.Chr. unter hellenistischem Einfluss zu einem zentralen Feld der elitären Lebenswelt avancierte.[2] Neben unbestrittenen Funktionen im Bereich des otium (etwa Erholung, Muße, körperliche und geistige Betätigung) erfüllte die Villa dabei zugleich einen politischen Zweck im Bereich des negotium. Insbesondere im Kontext des inneraristokratischen Wettbewerbes besaß sie eine hochgradig kompetitive Funktion: Waren die Senatoren in Rom in erster Linie dem Prinzip der Egalität verpflichtet, so ermöglichte ihnen der Rückzug aufs Land eine individuelle und sozial distinktive Form der Selbstdarstellung. Die Villa war deshalb ein ausgesprochen repräsentativer und hochwertig eingerichteter Wohnkomplex, der sich (neben den ländlichen clientes) vor allen Dingen an die häufig zu Besuch anwesenden Mitglieder der Oberschicht richtete. Im Zuge der spätrepublikanischen Niedergangstopik führte der zeitliche und finanzielle Aufwand, den römische Aristokraten jenseits ihres Engagements für die res publica in ihren Villen betrieben, schließlich dazu, dass insbesondere luxuria, sumptus und avaritia zum Gegenstand einer moralisierenden Kritik wurden, welche die Einhaltung des mos maiorum forderte. Argumente im Rahmen dieser Villenkritik wurden, so Habenstein, in erster Linie von anderen Villenbesitzern vorgebracht, um diese trotz aller „‚Doppelmoral‘“ (S. 115) politisch instrumentalisieren zu können.[3]

Kapitel 3 („Rückzug, Absenz und aristokratische Politik in der späten Republik und frühen Kaiserzeit“, S. 121–194) behandelt anschließend den zentralen Gegenstand der Untersuchung. Da längerfristige Abwesenheit von Rom für einen Aristokraten (und später auch princeps) aus sozialer und politischer Perspektive als inakzeptabel galt, war das gegenteilige Verhalten erklärungsbedürftig. Ausgehend hiervon diskutiert Habenstein zwei in den Quellen prominent vertretene Rechtfertigungsmodelle: 1. Die Person des „ungerecht verfolgten Patrioten“ (S. 124), der sich um die res publica verdient gemacht hat, im Zuge dessen aber Intrigen seiner politischen Gegner zum Opfer fiel und sich ins Exil begeben musste; 2. „Die Figur des philosophischen Politikers“ (S. 142), der sich aufgrund des Verfallszustandes des Gemeinwesens von diesem abwandte, um sich stattdessen seinen studia widmen zu können. Alle Erklärungsmodelle inszenieren jedoch eine zuvor erfolgte politische Marginalisierung als (mehr oder weniger) freiwilligen Rückzug, der somit nicht auf den Launen der Akteure basierte, sondern stets aus spezifischen Konfliktsituationen resultierte.

Darüber hinaus betrachtet Habenstein Abwesenheit als eine Strategie zur Delegitimierung des politischen Systems beziehungsweise des Herrschers. Sie kann nachweisen, dass Senatoren ihre Absenz im Senat dazu nutzten, politische Positionen kundzutun, ohne diese zwangsläufig direkt aussprechen zu müssen – eine Strategie, die etwa Cicero während des Bürgerkrieges angewandt hat, als nicht nur Caesar, sondern auch Pompeius entsprechende Loyalitätsbekundungen von ihm einforderten. Analog muss die Entscheidung, sich aktiv vom princeps fernzuhalten, als politisches Statement gelesen werden, insbesondere bei jenen Senatoren, die aufgrund von Abkunft und Vermögen als potentielle Konkurrenten des Alleinherrschers gelten mussten. Um eine wirksame Symbolik abwesender Oppositioneller im Senat zu verhindern, sahen sich die principes daher gezwungen, ihre Reichselite stärker zu kontrollieren, beispielsweise durch die Einführung von Reisebeschränkungen, einer Anwesenheitspflicht oder eines quorum bei Abstimmungen. Habenstein betont jedoch, dass derartige Diskurse in den Quellen vor allen Dingen im Kontext der Tyrannentopik vorkommen (Tiberius etwa wird in dieser Frage deutlich restriktiver dargestellt als der optimus princeps Trajan) und folglich stets kritisch zu hinterfragen sind.

Die Studie wendet sich in Kapitel 4 („‚Rückzug‘ und Herrschaft: Der Kaiser“, S. 195–287) schließlich der Absenz des princeps zu. Ausgehend vom Vorbild Sullas steht dabei zunächst das wiederholt vorgebrachte Angebot des Augustus im Mittelpunkt, sich dauerhaft aus dem politischen Raum zurückzuziehen. Habenstein zeigt auf, dass es sich bei der augusteischen Offerte (und der Ablehnung des Senats) um eine herrschaftsstabilisierende und akzeptanzerzeugende Maßnahme handelte, bei der vor allen Dingen die Symbolik im Vordergrund stand und nicht der vermeintliche Wunsch des Augustus, sich nach dem Ende des Bürgerkrieges zur Ruhe zu setzen. Die gleiche Strategie verfolgte Tiberius, der sich jedoch anders als sein Vorgänger zu lange vom Senat bitten ließ und dadurch die symbolische Kommunikation mit der Senatsaristokratie beinahe zum Scheitern gebracht hätte.

Die Abwesenheit potentieller Sukzessoren vom kaiserlichen Hof lässt sich hingegen durchaus feststellen (etwa bei Tiberius, Claudius oder Domitian bevor sie ihre Herrschaft antraten). Auch wenn sich die individuellen Beweggründe und Konfliktthemen hierbei mitunter stark unterschieden, blieb die Absenz prominenter Mitglieder der kaiserlichen Familie aufgrund ihrer Brisanz im Hinblick auf die Nachfolgepolitik stets besonders erklärungsbedürftig. Ähnlich verhielt es sich mit den Kaisern, die sich zwar nicht dauerhaft aus Rom zurückziehen konnten, die Stadt jedoch faktisch immer wieder zeitweilig verlassen haben.[4] Obgleich die Abwesenheit von einem Ort die Anwesenheit an einem anderen Ort bedeutete, schuf die Absenz des Herrschers dennoch ein Machtvakuum in Rom, das nur bedingt von seinen Vertrauten ausgefüllt werden konnte, wie etwa die Versuche Sejans unter Tiberius oder Domitians unter Vespasian zeigen. Die principes wurden daher in der Regel von ausgewählten Senatoren begleitet, die stellvertretend für die Senatsaristokratie mit dem aus der Hauptstadt abwesenden Herrscher interagieren konnten.

Habenstein hat eine innovative, sprachlich hochwertige und gut lesbare Arbeit zur Abwesenheit aus dem politischen Raum Roms vorgelegt. Sie analysiert detailliert die vielfältigen Formen und Funktionen von Absenz, zeigt maßgebliche Kontinuitätslinien innerhalb ihres Untersuchungszeitraumes auf und vermag die komplexe Symbolsprache des soziopolitischen Phänomens quellennah zu entschlüsseln. Ihre Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der aristokratisch-monarchischen Kommunikation und Interaktion in der späten Republik und frühen Kaiserzeit.

Anmerkungen:
[1] Im Rahmen ihres Open Access Publikationsmodells stellt Heidelberg University Publishing die Arbeit zugleich als kostenlosen Download zur Verfügung (ISBN: 978-3-946054-01-6).
[2] Vgl. anders hingegen: Katja Schneider, Villa und Natur. Eine Studie zur römischen Oberschichtkultur im letzten vor- und ersten nachchristlichen Jahrhundert, München 1995.
[3] Vgl. nur einmal entsprechende Argumente im Konflikt zwischen Aulus Gabinius und L. Licinius Lucullus im Jahr 67 v.Chr. (besonders deutlich: Cic. Sest. 93).
[4] Dies konnte aus unterschiedlichen Gründen geschehen: Auftritt als primus inter pares (Augustus, Tiberius); militärische Überlegungen (Vespasian, Trajan); Reisen im Imperium (Nero, Hadrian); u.v.m.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.12.2016
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