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Titel
Migrant Women's Voices. Talking About Life and Work in the UK Since 1945


Autor(en)
McDowell, Linda
Erschienen
London 2016: Bloomsbury
Anzahl Seiten
265 S.
Preis
£ 22.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Althaus, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg / Werkstatt der Erinnerung

Zuwanderung ist aktuell eines der zentralen Themen in den gesellschaftlichen und politischen Debatten Großbritanniens.[1] Die Humangeografin Linda McDowell widmet sich diesem Themenkomplex aus einer ganz bestimmten Perspektive. Sie stellt die Migrationserzählungen von Frauen, die nach 1945 ins Vereinigte Königreich eingewandert sind, ins Zentrum der Untersuchung. Dabei interessiert sie sich insbesondere für deren Arbeitserfahrungen. Neben der Veränderung der Bevölkerung durch Migration sei der (sektorale) Wandel auf dem Arbeitsmarkt der prägende Faktor für die britische Gesellschaft und Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. In der verflechtenden Untersuchung von Migration und Arbeitsmarkt will sie demnach „two of the most important issues in the lives of people living in the UK today“ in den Fokus rücken (S. 1). Dabei geht es ihr insbesondere darum, aufzuzeigen, welch signifikanten Beitrag Migrantinnen in den letzten 70 Jahren mit ihrer Arbeitskraft zur ökonomischen Entwicklung Großbritanniens geleistet haben.

In sechs von neun Kapiteln beschäftigt sich Linda McDowell mit Arbeitsverhältnissen in der Industrie, in Privathaushalten, in der Krankenpflege, im Bankensektor, in der Wissenschaft, im öffentlichen Raum (Gastgewerbe, Verkauf und Personennahverkehr) sowie mit der unbezahlten Haus- und Reproduktionsarbeit und dem ehrenamtlichen Engagement von Migrantinnen. Gerahmt wird dieser Hauptteil von einem informativen Einleitungskapitel zur Geschichte von Migration und Arbeitsmarkt im Vereinigten Königreich sowie einem Nachwort über die Konstruktion und Fiktion einer „weißen“ britischen Identität. In der Historisierung von Exklusionspraktiken, die diese Britishness konstituieren, zeigt Linda McDowell, dass sich die Vorstellung, wer oder was britisch sei, seit dem späten 19. Jahrhundert nicht grundlegend gewandelt hat, auch wenn sich die Differenzkriterien teilweise veränderten.

Bilden in den beiden Rahmenkapiteln neben Sekundärliteratur vor allem Statistiken und Meinungsumfragen die Grundlage, beruht der Rest des Buches auf 74 Oral History Interviews aus unterschiedlichen Forschungsprojekten, die Linda McDowell im Laufe ihres Berufslebens geführt hat. Die Vielfalt ihres Samples – in zeitlicher und geografischer Hinsicht – ist beachtlich. Deutlich wird dies insbesondere in einem Kapitel über die unterschiedlichen Migrationswege ihrer Interviewpartnerinnen, die zwischen 1917 und 1980 geboren worden und im Zeitraum von 1945 bis heute nach Großbritannien gekommen sind. Es finden sich in ihrem Sample irische Arbeitsmigrantinnen, Displaced Persons aus den baltischen Staaten, Einwandererinnen aus den ehemaligen britischen Kolonien sowie Europäerinnen – vorwiegend aus Osteuropa –, die im Rahmen der EU-Freizügigkeit nach England kamen. Die Erzählerinnen stammen sowohl aus ländlichen wie (groß-)städtischen Gebieten, unter ihnen sind Personen aus sozial prekären Verhältnissen genauso wie aus wohlhabenden Gesellschaftsschichten. Einige der befragten Frauen migrierten selbständig, andere kamen im Familienverbund. Auch die Auswahl der Berufsfelder umfasst eine große Spannbreite und reicht von der illegal beschäftigten Hausangestellten bis zur Investment Bankerin. Die Zusammenstellung erhebt zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit und es fehlen sowohl Migrantinnengruppen (z.B. Flüchtlinge aus Syrien) als auch zentrale Tätigkeitsbereiche (z.B. die Sexarbeit), aber es wird doch sichtbar, wie vielfältig und komplex die Migrationsthematik ist.

In der Darstellung der Migrations- und Arbeitserzählungen verfolgt Linda McDowell einen Ansatz der „Unmittelbarkeit“ (immediacy) (S. 2). Sie stellt die Stimmen der zugewanderten Frauen in den Mittelpunkt und will sie für sich selbst sprechen lassen. Darin liegen zugleich eine Stärke wie auch eine große Schwäche ihres Buches begründet. McDowell zerstückelt nicht die Narrative bis ins Unkenntliche, um mit wenigen knackigen Zitaten eine These zu belegen. Die seitenlangen Zitate gewähren einen Einblick in die Erzählweisen und Deutungslogiken der Interviewten und schaffen die Basis für eine narratologisch sensible Analyse sowie die Nachvollziehbarkeit der Argumentation. Zugleich liegt hierin aber ein Problem: Linda McDowell offeriert keine Interpretationen. Abgesehen von kurzen deskriptiven Zusammenfassungen am Ende eines Kapitels verzichtet sie auf eine Analyse der Erzählungen. Sie deutet die Narrative weder in ihrem historischen Kontext noch in ihrem lebensgeschichtlichen Zusammenhang. Zwar verweist sie in spärlich gesetzten Endnoten auf historische Ereignisse, auf eine Einbettung des Erzählten in biografischer Perspektive wartet die Leserin jedoch vergeblich. Es werden auch keine, für eine Sekundärauswertung von Interviews relevanten, Informationen zum Entstehungskontext der Gespräche geliefert.[2] Dank der ausführlichen Zitate und des umfangreichen Samples kommen einerseits zahlreiche spannende Themen und Erzählmuster zur Sprache, aufgrund der fehlenden Stimme der Autorin hängt es aber andererseits vom Vorwissen der Leser/innen ab, ob sie wahrgenommen und wie sie interpretiert werden. Das mag beabsichtigt sein, wird das Buch doch als „Quellensammlung“ und Grundlage für die „Methodenlehre“ im Bereich Oral History angepriesen (S. 2). Für diesen Zweck ist es jedoch gänzlich ungeeignet. Zum einen hat sich Linda McDowell als Interviewerin aus der Quelle hinausretuschiert, was es unmöglich macht, Fragen der Interviewdynamik zu analysieren. Zum anderen hat sie die Erzählungen redaktionell bearbeitet, ohne dies zu kennzeichnen. Die Tatsache, dass sie die Ordnung in den Narrativen geändert hat, „when it helped to make sense“ (S. 15), unterbindet die Interpretation von Darstellungs- und Erzählmustern auf der Grundlage formaler Gestaltung.

Diskussionswürdig ist auch Linda McDowells Entscheidung, ausschließlich Frauenbiografien in ihr Sample einzubeziehen. Sie begründet dies mit der Absicht, androzentrierte Masternarrative gesellschaftlicher und ökonomischer Entwicklungen Großbritanniens herauszufordern. Dies gelingt ihr etwa im Bereich der Arbeitsmarktforschung, indem sie darauf hinweist, dass bei der Berücksichtigung weiblicher Arbeitswelten der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft stärker von Kontinuitäten geprägt ist als gemeinhin dargestellt. Überzeugt ihre Argumentation zwar, wenn es um die Darlegung vergeschlechtlichter Arbeitsmarktstrukturen geht, wirkt die Fokussierung auf Frauen jedoch dann befremdend, wenn sie in pauschalisierender Weise weibliche Erzählmuster benennt. Im Gegensatz zu Männern, die ihre Migrationserzählungen in Form eines Heldennarrativs oder einer Selbstverwirklichungsgeschichte komponierten, würden Frauen ihre Migrationserfahrungen mehrheitlich als „Verlust- und Entwurzelungserzählungen“ darstellen (S. 15 und S. 23). Damit (re-)produziert sie nicht nur dualistische Geschlechtervorstellungen und die Fiktion eines ‚typisch‘ weiblichen Erzählens, das einer empirischen Überprüfung nicht standhält[3], sondern sie definiert die Migration von Frauen als Problemgeschichte – ein Aspekt, der in der jüngeren Migrationsforschung kritisch hinterfragt wird.[4]

Alles in allem handelt es sich um eine Zusammenstellung interessanter Migrationsbiografien zu einem kurzweiligen – oftmals auch berührenden – Lesebuch, das durchaus eindrucksvoll belegt, wie groß der Beitrag von Migrantinnen für die britische Wirtschaft ist. Leider wird das im vielschichtigen Sample schlummernde Innovationspotential für die Migrationsforschung nicht ausgeschöpft. Trotz des prinzipiell spannenden Ansatzes, die Narrative in den Vordergrund zu stellen, verpasst Linda McDowell auch die Möglichkeit, neue Impulse für die Oral History zu setzen und diese in narratologischer Hinsicht zu erweitern.

Anmerkungen:
[1] Das Thema der Einwanderung dominierte beispielsweise den Abstimmungskampf für oder gegen das Referendum um den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union vom 23.6.2016 <http://www.migrationobservatory.ox.ac.uk/projects/brexit> (06.07.2016).
[2] Franka Maubach, Freie Erinnerung und mitlaufende Quellenkritik. Zur Ambivalenz der Interviewmethoden in der westdeutschen Oral History um 1980, in: BIOS 26/1 (2013), S. 28–52, hier: S. 32.
[3] Andrea Althaus, Vom Glück in der Schweiz. Erfolgs- und Aufstiegserzählungen in Migrationsbiographien, in: Knud Andresen / Linde Apel / Kirsten Heinsohn (Hrsg.), Es gilt das gesprochene Wort. Oral History und Zeitgeschichte heute, Göttingen 2015, S. 24–42.
[4] Marlou Schrover, Feminization and Problematization of Migration. Europe in the Nineteenth and Twentieth Centuries, in: Dirk Hoerder / Amarjit Kaur (Hrsg.), Proletarian and Gendered Mass Migrations. A Global Perspective on Continuities and Discontinuities from the 19th to the 21st Centuries, Leiden 2013, S. 103–132.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.09.2016
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