Cover
Titel
Im Vorraum der Geschichte. Siegfried Kracauers "History – The Last Things before the Last"


Autor(en)
Stephanie, Baumann
Erschienen
Anzahl Seiten
400 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Biebl, München

Siegfried Kracauers letztes Buch „History – The last things before the Last“[1] führt ein Schattendasein in der umfangreichen Forschung zum Werk des Soziologen, Filmtheoretikers und Journalisten. Dieses Bild ändert sich auch nicht wesentlich im Hinblick auf die zahlreichen Veranstaltungen und Veröffentlichungen anlässlich von Kracauers 50. Todestag im vergangenen Jahr. Nach wie vor richtet sich das Interesse in erster Linie auf die Gesellschaftsdiagnosen und filmkritischen Schriften der Weimarer Zeit und die in den USA verfasste „Theory of Film“ (1960). In die Theoriediskussion der Geschichtswissenschaft hat der Text, wie Detlev Schöttker erst jüngst konstatiert hat, bisher nur in wenigen Fällen Eingang gefunden.[2]

In dieser Lage leistet Stephanie Baumann mit ihrer Pariser und Tübinger Dissertationsschrift „Im Vorraum der Geschichte“ Grundlagenarbeit. Sie nimmt sich nichts Geringeres vor, als in ihrer Monographie erstmals die biografischen, vor allem aber werkhistorischen und ideengeschichtlichen Zusammenhänge zu rekonstruieren, in denen sich Kracauers unvollendet gebliebener Text implizit und explizit verortet. Die Autorin folgt damit jener Spur, die Kracauer selbst in der Einleitung zu „History“ gelegt hat, wo er nicht nur das Geschichtsbuch in die Nähe seiner Filmtheorie rückt, sondern auch beide in eine Linie mit seinen früheren Texten „Die Angestellten“ (1930), „Ginster“ (1928) und „Offenbach“ (1937) stellt: „Sie alle dienten und dienen noch“, so heißt es in der Einleitung, „einzig der Absicht, jene Ziele und Verhaltensweisen zu rehabilitieren, die noch eines Namens ermangeln und folglich übersehen oder falsch beurteilt werden.“[3]

Baumann versteht „History“ als „Exilwerk“ (S. 22), und zwar nicht nur im Hinblick auf die Emigrationserfahrung seines Autors, sondern auch in systematischer Hinsicht insofern, als darin die Position des Exilanten „zur heuristischen Metapher für einen bestimmten Modus der Hinwendung zur historischen Vergangenheit“ (S. 322) wird. Der Historiker muss, so fordert Kracauer in Rückbezug auf Ranke und Dilthey, sein Ich in empathischer Hinwendung zum Material soweit auslöschen, dass er in der Lage ist „durch die Dinge zu denken, anstatt über sie hinweg“.[4] Zugleich aber hat er Distanz zu wahren in der Position des fremden Beobachters, die ihm erlaubt mehr zu sehen als die unmittelbar Beteiligten. Die Metapher des Exils bestimmt dergestalt aber nicht nur den Standort des Historikers, sie wirkt auch weiter in der Konzeption des „geschichtlichen Universums“[5], das sich ihm als „Vorraum“[6] und „Wartesaal“[7] darstellt, in dem der „Geist“[8] des Historikers umherwandert, ohne selbst „lokalisierbar“ zu sein (siehe S. 95ff.). Nicht umsonst ist es Ahasver, anhand dessen Kracauer den Prozess des historischen Verstehens als permanente Bewegung zwischen Zeiten und Perspektiven beschreibt.

Baumann vollzieht Kracauers Gedankengänge und ihr Bezugssystem detailliert in fünf Kapiteln nach, die durch zentrale Kategorien seiner Geschichtstheorie strukturiert werden. Stellt das erste Kapitel die Exilsituation als eine konstante Erfahrung in der Biografie Kracauers dar, so untersucht das zweite Kapitel die Funktion der zahlreichen metaphorischen Figuren, anhand derer Kracauer unterschiedliche Haltungen des Historikers zum geschichtlichen Material diskutiert.

Über die Kategorien ‚Bild’ und ‚Zeit’ erläutert Baumann im dritten Kapitel Kracauers Verständnis des „historischen Universums“. Breiten Raum nimmt hier die Analogie zwischen „historischer Realität“[9] und „Kamera-Realität“ ein, in der die Autorin einen zentralen Aspekt der Originalität seines geschichtstheoretischen Ansatzes ausmacht (vgl. S. 322). Wie die physische Wirklichkeit, die die Kamera zur Darstellung bringt, so ist auch die historische Realität rein begrifflich nicht einzuholen, da sie sich unterhalb des Radars „systematischen Denkens“[10] bewegt. Das „Rohmaterial“[11] des Films wie der Geschichtsschreibung ist die ‚ungedeutete Welt’. Endlosigkeit, Zufälligkeit und Dunkelheit sind entsprechend die Kategorien, anhand derer Kracauer den historischen Raum bestimmt (vgl. S. 116). Diese Verfasstheit schlägt sich auch nieder in seiner Konzeption der Zeit, für die neben Jacob Burckhardts „Vorstellung vom Zeitraum“[12] sowie zeitgenössischen Überlegungen aus der Kunstgeschichte vor allem Walter Benjamin, Marcel Proust und Hans Blumenberg die wichtigsten ‚Korrespondenzpartner’ darstellen. Kracauer wendet sich gegen die Vorstellung einer linear verlaufenden Zeit, aus der sich homogene Teilbereiche separieren ließen, deren Elemente aufgrund ihrer bloßen Gleichzeitigkeit semantisch aufeinander beziehbar wären. Folgerichtig stellt sich ihm die grundlegende historische Kategorie des Zeitraums nicht mehr als „sinnerfüllte[…] raumzeitliche[…] Einheit“[13] dar, sondern als eine „Art Treffpunkt für Zufallsbegegnungen – wie etwa der Wartesaal eines Bahnhofs“. Zugleich aber erkennt Kracauer die Möglichkeit an, Geschichte als Prozess zu verstehen, in dem sich „lineare[…] Übergänge[…], zeitliche[…] Einflüsse[…] und langfristige[…] Entwicklungen“[14] beobachten lassen. Die Vorstellung des historischen Zeitraums kennzeichnet somit die Antinomie „unversöhnlicher Zeitvorstellungen“[15]: Zufällige, separierte Ereignisse stehen neben solchen, die thematisch miteinander korrespondieren und dem jeweiligen Zeitraum seine spezifische Prägung verleihen. Eine „Versöhnung“[16] dieses Gegensatzes lässt sich für Kracauer letztlich nur ästhetisch erreichen, als „Rückzug in die Dimension der Kunst“, wie er an Prousts „À la recherche du temps perdu“ erläutert.

Das vierte Kapitel entwickelt den „hybriden Charakter der Geschichtsschreibung“ (S. 324), der Kracauers Geschichtsverständnis als einer Wissenschaft, die zwischen Philosophie und Kunst steht, zugrunde liegt. Anhand der filmischen Kategorien ‚Fragment’ und ‚Totale’ verfolgt die Autorin seine Einlassungen zur Frage der Perspektive historiografischer Darstellung. Die bereits in den Frühschriften erkennbare kritische Haltung gegenüber der Tendenz zur Abstraktion in der Moderne, die den Menschen mehr und mehr von der physischen Wirklichkeit seiner Lebenswelt entfernt, bestimmt auch in „History“ Kracauers Sympathie für einen „mikrologischen Ansatz“ (S. 324) der fragmentarischen Großaufnahme des „Kleinen und Nahen“ (ebd.). Baumann zeigt nicht nur den Einfluss Georg Simmels und Walter Benjamins auf diese Herangehensweise, sondern setzt sie auch in Beziehung zu Kracauers Angestellten-Studie und der dort praktizierten Methode der Gesellschaftsdiagnostik aus dem konkreten Material. Kracauer wendet sich grundsätzlich gegen universalgeschichtliche Deutungen, die er am Beispiel Oswald Spenglers und Arnold J. Toynbees kritisiert, und gegen die Annahme gesetzmäßiger Abläufe und Strukturen in der Geschichte – woraus sich auch seine Ablehnung der zeitgenössischen Sozialgeschichte erklärt. Gleichwohl schließt er die verallgemeinernde und vom Besonderen abstrahierende Gesamtschau als notwendige historiografische Perspektive nicht aus, vielmehr führten Makro- und Mikroebene zu sich ergänzenden historischen Erkenntnissen.

Wie Baumann hervorhebt, stellt neben dem Film auch die Literatur ein leitendes Referenzsystem für Kracauers geschichtstheoretisches Denken dar, woran nicht zuletzt der Einfluss von Auerbachs Theorie des literarischen Realismus deutlich wird.[17] Neben dem wichtigsten Bezugstext, Prousts „Recherche“, ist es vor allem der moderne Roman von James Joyce und Virginia Woolf, dem Kracauer aufgrund seiner a-linearen, Kontinuität zerlegenden[18] Erzählweise Modellcharakter für eine zeitgemäße Historiografie zuspricht.

Die Abgrenzung der Geschichtswissenschaft von der Philosophie einerseits und die theologische Dimension eines Denkens von Geschichte als „Vorraum“ andererseits stehen im letzten Kapitel im Fokus. Gerade für diesen Zusammenhang erweist sich die Rekonstruktion intertextueller Bezüge und gedanklicher Korrespondenzen aus dem Nachlass-Materialien als aufschlussreich. Denn anders, als es die expliziten Referenzen im Text nahelegen, zeigt die Autorin, dass Kracauer seine zentrale Kritik an der Idee des historischen Fortschritts in Auseinandersetzung mit Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen entwickelt.

Baumann entfaltet in ihrer Monographie ein engmaschiges und gleichzeitig weitgespanntes Netz aus biografischen Erfahrungen, expliziten Dialogen, impliziten Bezugnahmen, Einflüssen und Impulsen, die sie mit detektivischem Spürsinn noch den entlegensten Materialen zu „History“ entlockt. Einige wichtige Dokumente dieser Spurensicherung sind in den Anhang als Faksimile-Abbildungen aufgenommen worden. Die Methode birgt allerdings die Gefahr, dass sich die jeweils diskutierte Argumentationslinie im Dickicht der Bezüge verliert. Anstelle der oft sehr textnahen Zusammenfassungen einzelner Positionen hätte hier ein noch stärker systematisch ausgerichteter, pointierter Zugriff auf Kracauers Text und seine Referenzen die Orientierung erleichtert. Gleichwohl gelingt es der Autorin, indem sie verborgene oder nur angedeutete Kontexte freilegt und erläutert, immer wieder Kracauers – mitunter kryptische und inkonsistente – Gedankengänge zu erhellen.

Baumanns Monographie stellt Kracauers Geschichtstheorie innerhalb der Koordinaten ihres Entstehungszusammenhangs dar, eine Einordnung und kritische Diskussion seiner Positionen im weiter gefassten Zusammenhang der zeitgenössischen wie auch aktuellen geschichtswissenschaftlichen Theoriedebatten steht allerdings noch aus.

Anmerkungen:
[1] Siegfried Kracauer, History – The last things before the Last, New York 1969; im Folgenden zitiert nach der deutschen Übersetzung: Geschichte – Vor den letzten Dingen, hrsg. v. Inge Belke unter Mitarbeit von Sabine Biebl, Frankfurt am Main 2009.
[2] Siehe Detlev Schöttker: Geschichtsschreibung als multimediales Verfahren. Kracauers „History“, in: Jörn Ahrens u.a. (Hrsg.), „Doch ist das Wirkliche auch vergessen, so ist es darum nicht getilgt“. Zur Gegenwart Siegfried Kracauers, Wiesbaden 2016, S. 351–363, hier S. 361. Für eine emphatische Bezugnahme auf Kracauer siehe Carlo Ginzburg, Minutiae, Close-up, Microanalysis, in: Critical Inquiry 34/1 (2007), S. 174–189; für den Hinweis danke ich Ruben Hackler.
[3] Kracauer, Geschichte, S. 12.
[4] Ebd., S. 210.
[5] Ebd., S., 56.
[6] Ebd., S. 209.
[7] Ebd., S. 166.
[8] Ebd., S. 105; so auch das folgende Zitat.
[9] Ebd., S. 11; so auch das folgende Zitat.
[10] Ebd., S. 209.
[11] Kracauer, Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit. Mit einem Anhang »Marseiller Entwurf« zu einer Theorie des Films, hrsg. v. Inka Mülder-Bach unter Mitarbeit von Sabine Biebl, Frankfurt am Main 2005, S. 19.
[12] Kracauer, Geschichte, S. 167.
[13] Ebd., S. 166; so auch das folgende Zitat.
[14] Ebd., 173.
[15] Ebd., S. 171.
[16] Ebd., S. 179; so auch das folgende Zitat.
[17] Siehe Erich Auerbach, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, Bern 1946.
[18] Siehe Kracauer, Geschichte, S. 200.