N. Grüne u.a. (Hrsg.): Ländliche Gemeingüter

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Titel
Ländliche Gemeingüter / Rural Commons. Kollektive Ressourcennutzung in der europäischen Agrarwirtschaft / Collective Use of Resources in the European Agrarian Economy (= Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raums 12)


Herausgeber
Niels, Grüne; Hübner, Jonas; Siegl, Gerhard
Erschienen
Innsbruck 2016: StudienVerlag
Anzahl Seiten
312 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Stuber, Historisches Institut, Universität Bern

Ausgehend von Elinor Ostroms Standardwerk Governing the commons (1990) hat sich die historische Forschung zum kollektiven Bodenbesitz in den letzten Jahrzehnten stark entwickelt. Allerdings erfolgte dies in den verschiedenen Teilen Europas in unterschiedlichem Ausmaß. Während in den Niederlanden, in Großbritannien, in Spanien sowie – etwas weniger ausgeprägt – in Frankreich und Italien zahlreiche Publikationen zum Thema erschienen, stagnierte die Forschung in den deutschsprachigen Gebieten; nicht zu reden von Osteuropa, wo einschlägige Untersuchungen überhaupt erst sehr vereinzelt erfolgten. Das Ungleichgewicht hat seinen Ursprung nicht in den räumlich unterschiedlichen sozialen, ökonomischen und politischen Bedeutungen des Gegenstands, vielmehr ist es Resultat der nationalen Forschungslandschaften und deren spezifischen Agenden.

Es gehört zu den expliziten Zielen dieses außerordentlich reichhaltigen und innovativen Sammelbands, diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken. Dem entspricht die räumlich breite Auswahl der Beiträge, in denen nicht nur Gemeingüter in Deutschland (S. Brakensiek, N. Grüne, J. Hübner, T. Massinger), Frankreich (A.M. Granet-Abisset, S. Olivier), England (J. Healey), Italien (L. Mocarelli, E. Pechlaner), den Niederlanden (T. De Moor, A. Tukker), Österreich (C. Pöll, G. Siegl), Schweden (J. Larsson), der Schweiz (A.L. Head-König) und Spanien (J.M. Lana, J.A. Serrano Álvarez), sondern auch solche in Böhmen (E. Maur), Polen (P. Guzowski) und Ungarn (A. Szántay) sowie – als außereuropäisches Kontrastbeispiel – Namibia (R.M. Bennett, H. van Gils, M. Hipondoka) analysiert werden. Diese vergleichende Perspektive nahm ihren Ausgangspunkt an der Konferenz der European Rural History Organisation (EURHO) in Bern 2013[1] und konkretisierte sich an der von den Herausgebern organisierten Jahrestagung 2015 der Gesellschaft für Agrargeschichte (GfA).[2]

Um die aus dreizehn verschiedenen Ländern stammenden Beiträge, die zudem eine große zeitliche Spannweite vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart umfassen, überhaupt zueinander in Bezug setzen zu können, braucht es eine minimale gemeinsame Terminologie. In den Augen der Herausgeber beförderte die englische Leitsprache in diesem Fachzweig zweifellos die Vergleichbarkeit der Befunde. Die Übersetzungen lokal- und regionalspezifischer Quellenbegriffe ins Englische seien bisher aber häufig inadäquat und unbefriedigend ausgefallen. Deshalb entschied man sich bewusst für eine zweisprachige englisch-deutsche Veröffentlichung und legte großen Wert auf Definition und Anschlussfähigkeit der zentralen Begriffe in deutscher Sprache. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang der überzeugende Vorschlag, sich terminologisch vom umfassenden Dachbegriff „Allmende“ zu verabschieden und ihn durch das Konzept „ländliche Gemeingüter“ zu ersetzen, das auf derselben sprachlichen Ebene wie das englische „rural commons“ die semantische Vielfalt der Quellen besser unter sich vereinen kann. Dies explizit in Abgrenzung gegenüber der deutschen Übersetzung von Ostroms „commons“ in „Allmende“, was – fälschlicherweise – deren Gleichartigkeit suggeriert. Demgegenüber ist die eigentliche „Allmende“ als dauerhaft für Kollektivnutzung reservierte Bodenfläche bloß als Teilmenge der „ländlichen Gemeingüter“, die sämtliche Institutionen kollektiver Ressourcennutzung im agrarischen Bereich umfassen, zu verstehen.

Der Sammelband geht auch hinsichtlich seiner differenzierten Textsorten innovative Wege. Um von der Individualität ländlicher Gemeingüter auf ein überregionales Abstraktionsniveau zu gelangen, präsentiert er neben „lokalen und regionalen Fallstudien“ auch „Forschungspfade und Neuorientierungen“, „problemspezifische Analysen“ sowie ein umfangreiches „Resümee“. Daraus resultiert ein reichhaltiges Geflecht aus präzis gestellten Forschungsfragen, örtlicher Empirie, gezielt herangezogener Forschungsliteratur und vergleichend herauspräparierten Befunden, was im Folgenden beispielhaft angedeutet werden soll.

Auch wenn die Tragedy of the commons in den letzten Jahrzehnten von der Gemeingüterforschung endgültig verabschiedet wurde, blieb der Bezugsrahmen ihrer Analysen oftmals noch dem zunehmend unfruchtbar gewordenen Dualismus von Tragik und Nachhaltigkeit verhaftet. Demgegenüber wird hier ein Perspektivenwechsel zugunsten einer ergebnisoffenen Annäherung postuliert, die sich „gegen eine aktualistische Vereinnahmung ländlicher Gemeingüter sowohl durch modernisierungstheoretische Tragödien-Narrative als auch durch postmodernes Nachhaltigkeitsdenken wendet“ (S. 292). Dabei kann die aktuelle historische Forschung zu den Gemeingütern an zahlreiche andere Forschungszweige anknüpfen. Präsentiert werden hier vielversprechende Bezüge zur Frühgeschichte der bäuerlichen Gemeinde, zu den frühneuzeitlichen Konfliktanalysen zwischen Herren und Bauern sowie allgemein zur Forst-, Landschafts- und Umweltgeschichte. Beispielsweise war die spezifisch forstliche Version der Tragedy of the commons, wonach die gemeinschaftlich genutzten Wälder bis ins 19. Jahrhundert einem Prozess zunehmender Verwüstung ausgesetzt waren, durch sozialgeschichtliche Impulse bereits seit den frühen 1980er-Jahren als zeitgenössische Deutung der entstehenden professionellen Forstadministration dekonstruiert worden. Dies heißt umgekehrt aber natürlich nicht, dass ein gemeinschaftliches Nutzungsregime per se eine ressourcenschonende, auf den lokalen Bedarf ausgerichtete Nutzung garantierte. Kommerzielle Holzproduktion bildete schon in der Frühen Neuzeit keine ausschließliche Domäne der Kaufleute und Aristokraten; wo Hüttenwerke oder floßbare Gewässer erreichbar waren, wurden auch Gemeindeforste kommerziell genutzt.

Überhaupt konnten sich gemeinschaftliche Wirtschaftsformen durchaus mit forcierter Marktproduktion vertragen, was sich beispielsweise in der intensivierten Viehwirtschaft auf den Allmenden im frühneuzeitlichen Schweden beobachten lässt, oder auch in der exportorientierten Hartkäseproduktion auf den Gemeinschaftsalmen im Tirol des 19. Jahrhunderts. Interessante Verbindungen zwischen Gemeinbesitz und ökonomischer Dynamik zeigen sich in den schweizerischen Protoindustriegebieten (Appenzell, Glarus, Toggenburg), wo das protoindustrielle Einkommen aus Spinnen und Weben nur in Kombination mit den korporativen Nutzungsrechten zur Existenzsicherung eines Haushalts ausreichte. Ähnliche Verbindungen ergaben sich mit dem Tourismus in Berggebieten, der gemischte Ökonomien schuf, die zu einer rentablen Weiterführung landwirtschaftlicher Betriebe und damit auch der ländlichen Gemeingüter bis in die Gegenwart entscheidend beitrugen.

Die ländlichen Gemeingüter durchliefen seit den politischen, rechtlichen und ökonomischen Umwälzungen der Sattelzeit äußerst unterschiedliche Entwicklungen, die von ihrer Auflösung bis zur Integration in (post-)industrielle Wirtschafts- und Verfassungsstrukturen reichen. Rekonstruktion und Analyse des Weiterbestands der kollektiven Bodennutzung im 19. und 20. Jahrhundert gehören zu den großen Forschungsdesideraten. Dabei ist der Wandel der Nutzungsweisen von Allmenden und Gemeinschaftswäldern vorzugsweise multifaktoriell zu erklären. Die früher vorherrschenden rein demographischen Erklärungsmuster, die von einer durch den Naturraum determinierten Tragfähigkeit von Flächen ausgingen, sind durch demo-ökonomische Erklärungen zu ersetzen, ergänzt um lokale oder regionale Konstellationen der Macht. Ein entscheidender Ausgangsfaktor bleibt aber die Topographie. Bei den bis heute weiterbestehenden ländlichen Gemeingütern handelt es sich häufig um Flächen, deren Böden für intensivere Nutzungen wie Ackerbau und Heugewinnung weniger geeignet waren und die zudem nach dem Thünen’schen Modell der Landnutzung in den äußeren, unrentablen Ringen lagen. Aufschlussreich ist die kontrastierende Persistenz ländlicher Gemeingüter in Tirol und der badischen Pfalz seit dem 18. Jahrhundert. Die letztlich topographisch begründete Differenz bestand in der Option für die Pfälzer, ihre Allmende durch einzelbetriebliche Intensivierung in Wert zu setzen, während die Tiroler Gemeingüter dies wegen der Hang- und Höhenlagen und anderer naturräumlicher Umstände kaum zuließen. In Tirol fehlte somit ein Kernmotiv für die Individualisierung, da die (potentiellen) Aneigner davon nicht profitieren konnten bzw. keine höheren Erträge als in Gemeinschaftsnutzung abzusehen waren; im Gegenteil wäre mit höheren Kosten zu rechnen gewesen. In der badischen Pfalz hingegen eröffneten sich den im 18. Jahrhundert immer zahlreicher werdenden Kleineigentümern eine tragfähige Subsistenzperspektive nur im Umfeld einer marktorientierten Intensivlandwirtschaft, welche die herkömmlichen Weideallmenden als Bodenreserve für den Ackerbau einbezog. Dass dieser umfassende Individualisierungsprozess in der Umbruchphase von 1770 bis 1810 trotz massiven (voll-)bäuerlichen Widerstands tatsächlich gelang, hing wesentlich mit dem agrarpolitischen Kurs der kurpfälzischen Regierung zusammen, deren Vertreter in etlichen lokalen Auseinandersetzungen – nicht zuletzt mit fiskalischen Hintergedanken – als Bündnispartner der Mittel- und Unterschichten agierten.

In vielen der hier versammelten Beiträge finden sich solche sorgfältig austarierte vergleichende Befunde zu Grundfragen der Entwicklung kollektiver Bodennutzung, auf denen die künftige Forschung zweifellos aufbauen wird. Sowohl in seiner empirischen Breite als auch in seiner terminologischen und konzeptionellen Analyseschärfe kommt dem Sammelband weit überdurchschnittliche Qualität zu. Vielleicht darf man sogar von einem Meilenstein auf dem Weg zur europäisch vergleichenden Geschichte der ländlichen Gemeingüter respektive der rural commons sprechen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu die Webseite der european rural history organisation: https://www.ruralhistory.eu/conferences/rural-history-2013 (2.1.2019).
[2] Vgl. den Tagungsbericht auf H-Soz-Kult von Friederike Scholten, Totgesagte leben länger? Geschichte und Aktualität ländlicher Gemeingüter in vergleichender Perspektive, 12.06.2015–13.06.2015 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 04.03.2016, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6430 (2.1.2019).

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29.01.2019
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