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Titel
Walter de Gruyter. Ein Wissenschaftsverlag im Nationalsozialismus


Autor(en)
Königseder, Angelika
Erschienen
Tübingen 2016: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
XI, 321 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wiebke Wiede, Neuere und Neueste Geschichte, Universität Trier

Das Verlagshaus von Walter de Gruyter liegt in der Genthiner Straße in Berlin-Tiergarten im ehemals mauernahen West-Berliner Stadtraum zwischen dem Straßenstrich an der Kurfürstenstraße und der Philharmonie am Potsdamer Platz. 1935 bis 1947 hieß die Genthiner Straße Woyrschstraße, benannt nach dem preußischen Generalfeldmarschall Remus von Woyrsch, und das Verlagshaus befand sich fußläufig zu den Zentralen des NS-Staates und schließlich auch seiner Vernichtungspolitik: der Zentraldienststelle T4 in der Tiergartenstraße, dem „Eichmannreferat“ in der Kurfürstenstraße, dem Prinz-Albrecht-Palais, dem Bendlerblock und nicht zuletzt der Reichskanzlei. Gleichermaßen nah zum 1910 errichteten Verlagsgebäude lagen bevorzugte Wohnquartiere des gut situierten jüdischen Bürgertums: die prächtigen Villen des historischen Tiergartenviertels und die weitläufigen Gründerzeitwohnungen des Bayerischen Viertels. „Die geistige Situation der Zeit“, so der Titel der 1931 mit großem Erfolg bei de Gruyter publizierten Schrift von Karl Jaspers, mag sich in einer solchen topographisch herausragenden Lage besonders anschaulich bündeln.

Das hier zu Besprechung anstehende Buch „Walter de Gruyter. Ein Wissenschaftsverlag im Nationalsozialismus“ der Historikerin Angelika Königseder, die lange im Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung beschäftigt war, widmet sich nur eingeschränkt solchen lokalhistorischen Assoziationen, die gleichsam auch die politische Situation des Verlags im Nationalsozialismus beschreiben. Entstanden als Auftragsarbeit der Walter de Gruyter Stiftung für Wissenschaft und Forschung, reiht es sich in eine Reihe von Unternehmens- und Verlagsgeschichten mit Fokus auf die Jahre des Nationalsozialismus ein, die seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten erscheinen.[1] Quellenbasis sind Unterlagen des Verlagsarchivs, das als Depositum in der Staatsbibliothek zu Berlin zugänglich ist. Der Band ist in sechs chronologisch angeordnete Kapitel gegliedert. Den Schwerpunkt bilden zwei Kapitel über den Verlag in den Jahren 1933 bis 1939 sowie 1939 bis 1945. Der Verlag Walter de Gruyter entstand, dies erörtert Königseder in Rückgriff auf die grundsolide Festschrift zum 250-jährigen Firmenjubiläum des Verlags von Anne-Katrin Ziesak, seit 1898 aus dem sukzessiven Zusammenschluss von fünf bis dahin selbstständigen Firmen, die 1919 die „Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co.“ bildeten: G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, Verlagshandlung I. Guttentag, Georg Reimer, Karl I. Trübner und Veit & Comp.[2] 1923 wurde der wissenschaftliche Großverlag in Walter de Gruyter & Co. umbenannt. Nachdem der Initiator und Geschäftsführer des Unternehmens Walter de Gruyter 1923 überraschend verstarb, wurde sein Schwiegersohn Herbert Cram, studierter Maschinenbauingenieur und bis dahin wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Hochschule Charlottenburg, zum Nachfolger in der Geschäftsleitung aufgebaut.

Inhaltlich konzentriert sich Königseder für die Zeit des Nationalsozialismus zum einen auf Programmveränderungen, insbesondere in den Verlagsgebieten Theologie und Rechtswissenschaften, und zum anderen auf sensible unternehmerische Bereiche, die „Rassen“- und Kriegspolitik des NS-Regimes betreffend. Für die Zeit bis 1939 werden hier vor allem der Umgang mit jüdischen Autoren sowie die Beteiligung des Verlags an Arisierungsvorgängen benannt, für die Kriegsjahre der letztlich nicht erfolgte Einsatz von Zwangsarbeitern in der verlagseigenen Druckerei sowie der Umgang mit Papier- und Personalknappheit und den Bombenschäden am Verlagshaus.

Der Verlag Walter de Gruyter stellte sich auf die neuen Produktions- und Marktbedingungen im Nationalsozialismus ein. Das Unternehmen bestand weiter und verkaufte teilweise erfolgreich sein Verlagsprogramm. Jüdische Autoren, Herausgeber und Kommentatoren wurden, anfänglich zögernd, doch konsequent aus dem Verlagsprogramm gedrängt. Symptomatisch steht hierfür „Kürschners Deutscher Literatur-Kalender“, Traditionsprodukt des Verlagsbereichs Göschen, der 1936/37 in einer neuen Ausgabe produziert wurde, diejenige von 1932 ablösend. Schriftsteller wie Erich Kästner oder Thomas Mann, die nicht der Reichsschrifttumskammer angehörten, wurden ebenso aus dem „Kürschner“-Verzeichnis gestrichen wie alle „nicht-arischen“ Schriftsteller. Daraus freilich „vorauseilende[n] Gehorsam“ (S. 73) der Verlagsleitung gegenüber dem NS-Regime zu folgern, unterschlägt vorschnell die perfiden Effekte einer offiziell nicht existierenden Vorzensur im NS. Die Reichsschrifttumskammer als zuständiges NS-Organ überließ den Verlegern die alleinige Verantwortung für ihre Neuerscheinungen und die Einschätzung darüber, inwiefern ihre Publikationen „undeutsches“ Gedankengut enthielten. Bei falscher Einschätzung hatten sie allerdings gleichfalls die existenzbedrohenden Konsequenzen (mindestens Berufsverbot) zu tragen. Überzeugender gelingt Königseder das Kapitel über „erfolgreiche und gescheiterte Verlagsübernahmen“ (S. 116–137), in dem ansatzweise deutlich wird, dass unternehmerische Routinen die Verlagspolitik auch dann bestimmten, wenn es um die Verdrängung der jüdischen Konkurrenz ging. De Gruyter war erfolgreich an „Arisierungen“ der Firmen Technischer Verlag Moritz Krayn und Stilkes Rechtsbibliothek und an der versuchten „Arisierung“ der Akademischen Verlagsgesellschaft Leipzig beteiligt. Bedenkt man die Verlagstradition von de Gruyter als Fusionsprodukt von fünf Einzelunternehmen und die erwogene oder tatsächlich durchgeführte Akquise von insgesamt acht Verlagsunternehmen in den Jahren 1933 bis 1939, so rückt die Wahrnehmung der damaligen Verlagsleitung, die „Arisierungen“ im Kontext anhaltender, unternehmerisch attraktiver Firmenübernahmen zu sehen, in den Bereich des Denkbaren, ohne dass damit die Unmoral dieser Übernahmen als solche in Frage gestellt würde. Seit Mitte der 1930er-Jahre publizierte der Verlag Lehr- und Handbücher im zukunftsträchtigen Programmbereich der Luftfahrtkunde, was ihm mit Kriegsbeginn den Status „wehrwirtschaftliche Bedeutung“ sicherte. Damit waren wichtige Arbeitskräfte im Verlag vom Kriegsdienst freigestellt und die im Krieg limitierte Papierzuteilung erleichtert. Steigerung von Auflagen, Ausverkauf von Lagerbeständen, Frontbuchhandel- und Wehrmachtsausgaben führten, wie im Buchhandel allgemein, zum Umsatzhoch in den Jahren 1940 bis 1942 (S. 169). Der Absatz der Sammlung Göschen florierte. Erst am 21. April 1945 stellte der Verlag den Betrieb ein. Als erster Verlag im britischen Besatzungsgebiet erhielt Herbert Cram bereits am 3. Oktober 1945 die Lizenz zur Wiedereröffnung des Verlags Walter de Gruyter & Co.

Der Verfasserin kommt das Verdienst zu, die Schicksale der jüdischen Autoren, die nach 1933 aus dem Verlagsprogramm von de Gruyter wie dem deutschen Wissenschaftsbetrieb verdrängt wurden, redlich geschildert und sensibel überliefert zu haben. Die Erklärungen, die Königseder für das verlegerische Handeln bei de Gruyter liefert, sind aber eher kontextarm und vor allem im Duktus eines „moralischen Rigorismus“[3] gehalten, wie Reinhard Wittmann in der FAZ kritisierte. Handlungsspielräume oder auch nur Handlungsbedingungen der Verlagsleitung bleiben oft unklar. Die Verfasserin verurteilt rigide die „Bereitschaft, Kompromisse mit den Nationalsozialisten einzugehen“ (S. 103), und selbst die Grußformel „Heil Hitler“ in der Verlagskorrespondenz wird als „eine nach außen sichtbare Anpassung an die neuen Verhältnisse“ (S. 227) missbilligt. Dass Kompromisse, Anpassungen und Ambivalenzen hingegen schlicht das geschäftliche Überleben bedeuteten und folglich den verlegerischen Alltag durchzogen, deutet Königseder teilweise sogar selbst an. Wenn der politisch konservative Herbert Cram den demissionierten SPD-Politikern Adolf Grimme und Paul Löbe ein Auskommen als Korrektoren in seinem Verlag sicherte, so lässt dies eher auf situatives Taktieren der Verlagsleitung im NS-Regime schließen als auf blanken Opportunismus. Ähnlich ist Crams Einsatz für den Geschäftsführer der verlagseigenen Sortimentsbuchhandlung einzuordnen, gegen den ein Verfahren vor einem buchhändlerischen „Ehrengericht“ angestrengt wurde, unter anderem wegen seiner als „Halbjüdin“ eingestuften Ehefrau und langjährigen Verlagsmitarbeiterin, deren „nationale[s] Empfinden“ Cram, in diesem Verfahren selbst unter Anklage, hervorhob (S. 87). Königseder verzichtet an dieser Stelle darauf, Crams Verhalten zu bewerten. Melanie Mienert hingegen, die, von Königseder nicht nachgewiesen, bereits 2013 zu diesem Vorgang einen Aufsatz veröffentlichte, hob gerade den „bestmöglich[en]“[4] Einsatz Crams für seine Mitarbeiter unter vorsichtigem Austarieren der machtpolitisch begrenzten Handlungsoptionen hervor.

Mienert kommt in ihrem Aufsatz zu dem klar formulierten Schluss, dass „de Gruyter kein aktiver Nazi-Verlag [war], und nur wenige Mitarbeiter […] Mitglied in der Partei“[5] waren. De Gruyter gehörte zu der Mehrzahl der deutschen Verlage, die, so Klaus G. Saur nüchtern, „weiter gearbeitet und sich mehr oder weniger angepasst oder arrangiert haben“.[6] Vorschnellen Entschuldigungen solcher geschäftspolitischen Arrangements in all ihren geschmacklosen und unmoralischen Konsequenzen soll hier selbstverständlich nicht das Wort geredet werden. Es liegt im Interesse der Öffentlichkeit und des gegenwärtigen Verlags de Gruyter zu erfahren, was während der nationalsozialistischen Diktatur unter seinem Dach geschah. Unklare Verurteilungen, wie sie Königseder teilweise vornimmt, helfen dagegen nicht beim wissenschaftlichen Verständnis des verlegerischen Alltags im Nationalsozialismus mit all seinen Kompromissen, Ambivalenzen und opportunen Machenschaften. Angelika Königseder dient mit ihrem Buch dem Interesse der Öffentlichkeit. Um besser zu begreifen, wie Wissenschaftsverlage im nationalsozialistischen Alltag agieren konnten und tatsächlich agierten, sind weitere Forschungen notwendig.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zur Konjunktur des Genres „Unternehmensgeschichte im NS“: Norbert Frei / Tim Schanetzky (Hrsg.), Unternehmen im Nationalsozialismus. Zur Historisierung einer Forschungskonjunktur, Göttingen 2010.
[2] Anne-Katrin Ziesak, Der Verlag Walter de Gruyter 1749–1999, Berlin 1999.
[3] Reinhard Wittmann, Alles nur im Dienst einer verbrecherischen Politik? Mit dem moralischen Rigorismus der Nachgeborenen: Angelika Königseder bewertet die Rolle des Wissenschaftsverlages Walter de Gruyter zur Zeit des Nationalsozialismus, in: FAZ,10.08.2016, S. 10.
[4] Melanie Mienert, Herbert Cram, Fritz Homeyer und „Der Strick“ – Der Verlag Walter de Gruyter im „Dritten Reich“, in: Klaus G. Saur (Hrsg.), Verlage im „Dritten Reich“, Frankfurt am Main 2013, S. 51–60, hier S. 59.
[5] Ebd., S. 60.
[6] Klaus G. Saur, Verlage im Nationalsozialismus, in: ebd., S. 9–15, hier S. 11.

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Veröffentlicht am
05.01.2017
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