Cover
Titel
Urbanität. Formen der Inszenierung in Texten, Karten, Bildern


Autor(en)
Schneider, Ute; Stercken, Martina
Reihe
Städteforschung. Reihe A: Darstellungen
Erschienen
Köln 2016: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
252 S., 24 farb., 18 s/w-Abb.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Kühnle, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Der vorliegende Tagungsband versammelt die Vorträge und Ergebnisse des gleichnamigen Frühjahrskolloquiums, das im März 2012 am Münsteraner Institut für vergleichende Städtegeschichte unter der Leitung der beiden Herausgeberinnen stattfand. In interdisziplinärer Perspektive und auf zeitlich lange Sicht hatte man sich seinerzeit mit der Vermittlung von Urbanität beschäftigt[1], die Martina Stercken und Ute Schneider ganz allgemein als „Chiffre für das ‚Städtische‘“ gilt (S. 11). In ihrer Einleitung fragen sie, das Leitthema des Bandes spezifizierend, nach Inszenierungsformen, wie also „Imaginationen des Urbanen“ (S. 12) in Texten, Bildern, Karten und Filmen erzeugt werden. Der mediale Zugang stellt dabei nicht nur einen der Forschungsschwerpunkte der beiden Wissenschaftlerinnen dar[2], sondern berührt zugleich auch einen neuralgischen Punkt der Stadtgeschichtsforschung: Dass nämlich Urbanität als solche, das spezifisch Städtische, sich nur unzureichend fassen lässt, ein Schemen, ein „unscharfes Phänomen“ (S. 12) bleibt – man denke nur an die zahlreichen Versuche einer allgemeingültigen Stadtdefinition[3] –, sie uns aber in den Vorstellungswelten vergangener und gegenwärtiger Zeitgenossen, sei es durch Chroniken und Urkunden, sei es durch Photographien und Filme, begegnet und zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung einlädt. Der Tagungsband unternimmt dies innerhalb eines Geschichtszeitraums, der „zur Aufdeckung von Kontinuitäten und Diskontinuitäten“ (S. 13) von ca. 1300 bis in die Gegenwart reicht, und bedient sich mit Beispielen aus England, Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien eines westmitteleuropäischen Schwerpunkts.

Der aus 10 Beiträgen und der Einleitung der beiden Herausgeberinnen bestehende Band bietet ein breites Spektrum an Untersuchungsgegenständen und Herangehensweisen, die zahlreiche Facetten der eingangs umrissenen Thematik beleuchten. Die im Untertitel implizierte Vielfalt medialer Formen etwa wird in den Aufsätzen völlig ausgeschöpft: Vertreten sind ganz unmittelbar mit urbaner Darstellung verbundene Stadtpläne und Stadtansichten, die im Mittelpunkt der Beiträge von Ferdinand Opll (S. 133–155) und Gerhard Fouquet (S. 21–42) stehen, sowie Stadtbeschreibungen, denen sich Tanja Michalsky (S. 105–131) am Beispiel des frühneuzeitlichen Neapel widmet. Pia Eckhart und Birgit Studt (S. 83–103) befassen sich mit spätmittelalterlichen Chroniken Südwestdeutschlands, Jens Martin Gurr (S. 193–208) mit den Möglichkeiten literarischer Texte und Gabriel Zeilinger (S. 67–81) mit elsässischen Verträgen und Rodeln. Enrico Chapel (S. 209–221) thematisiert in seinem französischsprachigen Beitrag Architekturentwürfe im Rahmen des seit 1989 ausgeschriebenen europäischen Wettbewerbs „Europan“. Neben schriftlichen Quellengattungen, kartographischem Material und Baukonzepten nehmen aber auch bewegte Bilder in Form von Filmen und TV-Serien einen größeren Raum im Sammelwerk ein: Frank Rexroth beispielsweise (S. 43–66) dient die filmische Rezeption von Paris als „unverwechselbarem Platz an einer Schnittstelle zwischen Intellektuellen-, Künstler- und sexuell libertinem Milieu“ (S. 45) als Ausgangspunkt für seine Frage, wie und warum Paris zu diesem Image gelangt sei. Jörg Schweinitz (S. 157–170) hinterfragt die mediale Inszenierung von Urbanität am Beispiel des im Jahr 1927 produzierten Schwarz-Weiß-Films „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ von Walter Ruttmann. Julika Griem (S. 171–191) schließlich rekurriert bei ihren Überlegungen unter anderem auf die amerikanische TV-Serie „The Wire“, die in Baltimore spielt. Griem untersucht überdies auch am Beispiel des London-Marathons, ob und wie Urbanität im Rahmen städtischer Großereignisse erzeugt wird.

Mit der Fülle unterschiedlicher Darstellungsformen korrespondieren verschiedene Perspektiven und Zugänge der Verfasser und Verfasserinnen. Eine überwiegend quellenimmanente Argumentation findet sich dann, wenn schriftliches Untersuchungsmaterial herangezogen wird: Bei Eckhart und Studt zum Beispiel geschieht dies aus genuin städtischer Perspektive, wenn Chroniken als Träger urbaner Geschichtsüberlieferung betrachtet sowie die daran beteiligten Personengruppen berücksichtigt werden und insgesamt nach der „Vernetzung der städtischen Geschichtsschreibung am Oberrhein“ (S. 96) gefragt wird. Zeilinger hingegen beschäftigt sich gezielt mit Quellen herrschaftlicher Provenienz, etwa dem Teilungsvertrag der Herrschaft Rappoltstein von 1298, um abweichenden Vorstellungen und Wertungen auf die Spur zu kommen. Deutlicher auf der Meta-Ebene – der Frage folgend, welche Erkenntnisgewinne und Mechanismen hinsichtlich Urbanität generell aus bestimmten Medien zu erwarten sind – bewegen sich Griem, die einen Text, Spektakel und Praxis integrierenden Ansatz für die Erschließung des Gegenstands „Stadt“ propagiert, und Gurr, der die Stärke des literaturwissenschaftlichen Beitrags gerade darin sieht, im Vergleich zur Stadtplanung und Stadtentwicklung das nicht Quantifizierbare fassen zu können (S. 208). Eine interessante Doppelperspektive findet sich bei Michalsky: Während sie im ersten Teil ihres Beitrags die Stadtgeschichte Neapels anhand von schematischen Darstellungen der Stadt in verschiedenen Epochen schildert – und damit ihre ganz eigene Auffassung neapolitanischer Urbanität durchblicken lässt –, beschreibt sie im zweiten Teil die Vermittlung von Urbanität durch Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts.

Trotz großer Bandbreite der gewählten Medien, Fragestellungen und Methoden lassen die Beiträge Gemeinsamkeiten erkennen, die mit der Vermittlung von Urbanität einhergehen und von denen stellvertretend nur zwei genannt werden sollen. Großen Einfluss übt etwa die Frage nach der Dynamik von Urbanität aus, die manchmal nur unzureichend abgebildet werde. Fouquet beispielsweise stellt bei seiner Untersuchung von Stadt-Umland-Beziehungen und der Frage, wie sich urbane Entwicklung in städtischen Darstellungen niederschlägt, eine ständige Orientierung der Forschung an den Stadtansichten von Braun und Hogenberg einerseits und Merian andererseits fest und resümiert: „So entstehen Kopfgeburten des Immergleichen, wo doch Werden und Vergehen und dauernde Entwicklung die urbanen Topographien, die städtischen Räume und ihre Realien prägten.“ (S. 42). Eckhart und Studt hingegen kommen am Ende ihrer vergleichenden chronikalen Betrachtung zu dem Ergebnis, dass das „Funktionspotential von historiografischen Texten“ (S. 85) bei der Auflösung stereotyper Auffassungen helfe und derartige Wissensformen „darum nicht als ein einmal gesammeltes und unveränderliches Speicherwissen zu verstehen“ seien (S. 85f.). Dass Dynamik als konstitutives Merkmal von Urbanität in filmischen Darstellungen ganz explizit zum Ausdruck kommen kann, zeigt Schweinitz anhand des schon genannten Ruttmann-Films, der mit den Schlagwörtern Maschine, Rhythmus und Textur die Mechanisierung der Stadt in Szene setzt. Neben der Dynamik (und in einem engen Zusammenhang mit ihr stehend) spielt auch die Komplexität des Urbanitätsphänomens eine bedeutsame Rolle. Sie tritt deutlich zu Tage, wenn Griem eine eindimensionale Herangehensweise als ungenügend empfindet und sich stattdessen der Stadt mehrdimensional in textualisierender, spektakulärer und praxeologischer Hinsicht nähern will. Gurr betrachtet die Literaturwissenschaft als eine alternative Form der Modellbildung, die mit ihrer Komplexitätsreduktion gerade nicht an das spezifisch Urbane heranreiche (S. 194) – wohingegen literarische Texte in ganz andere Bereiche vordringen könnten. Was für eine Inspiration schließlich von komplexen urbanen Strukturen in Kombination mit städtebaulichen Aufgabenstellungen ausgehen kann, unterstreicht Chapels Untersuchung des 8. Ideenwettbewerbs „Europan“, der mit Hilfe von drei Begriffspaaren – „le sensoriel et le pluriel“, „le vivant et le conventionnel“ und „l’architectural et le naturel“ – zu städtischen Zukunftsvisionen anregte. Farbige Abbildungen der Konzeptplakate folgen im Anschluss an den Beitrag.

Wie anfänglich schon erwähnt, führen Fragen medialer Darstellungen von Urbanität auch zu einer definitorischen Annäherung an das Urbane, freilich ohne eine feststehende Definition jemals erreichen zu können. Es ist eine große Stärke des vorliegenden Bandes, dass Urbanität ganz ausdrücklich nicht als gegeben, sondern als vermittelt gekennzeichnet wird. Dazu trägt auch die sehr gelungene Einleitung der Herausgeberinnen bei, die von einer chronologischen Zusammenfassung der Beiträge absehen und stattdessen nach einer Aufarbeitung des Forschungsstandes das Arbeitsprogramm der Tagung und des Tagungsbandes skizzieren und dabei mit den leicht kryptisch wirkenden Schlagwörtern „Verstetigungen“, „Komplexe Anlagen“ und „Lancierung von Eigenart“ Schwerpunkte setzen. Im Vergleich zur Tagung fällt allerdings die abweichende Zusammensetzung des Sammelbandes auf: Von den ursprünglich elf Vorträgen gelangten sechs offenbar nicht zur Verschriftlichung, woraufhin die Herausgeberinnen fünf neue Autoren und Autorinnen für den Band gewinnen konnten. Dies spricht einerseits zwar für die Bedeutung und Fruchtbarkeit der Fragestellung, könnte andererseits aber auch erklären, warum der Band erst vier Jahre nach der Tagung erschienen ist. Nichtsdestoweniger lassen die letztlich enthaltenen Texte aber eine große Ausgewogenheit erkennen, was sowohl die Epochenverteilung anbelangt – sechs Beiträge befassen sich mit spätmittelalterlichem und frühneuzeitlichem Material, fünf Beiträge widmen sich Fallbeispielen der neueren Geschichte – als auch die Länge der Texte (wobei die zusätzlichen, bei der Tagung noch nicht enthaltenen Beiträge mehrheitlich etwas kürzer gehalten sind). Zwar stehen großstädtische Beispiele quellenbedingt deutlich im Vordergrund, weisen dabei aber schon den Weg für ähnlich gelagerte Untersuchungen im Bereich kleinerer Formen urbanen Lebens. Mit der genannten Ausgewogenheit korrespondiert auch der Facettenreichtum, der nicht zuletzt den hohen Grad an Interdisziplinarität widerspiegelt; so befinden sich unter den Verfassern und Verfasserinnen Historiker, Architekturhistoriker, Anglisten, Kunsthistoriker und Filmwissenschaftler. Aufgrund dieser Vielfalt an Disziplinen und Sichtweisen hätte dem Band aber auch eine Zusammenfassung gutgetan, die rote Fäden hätte sichtbar machen können. So behält das Werk den Charakter einer Sammlung von Einzelstudien, die durch einen farbigen Bildanhang von sehr guter Qualität sowie ein Orts- und Personenregister komplettiert werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Tagungsbericht: Urbanität. Formen der Inszenierung in Texten, Karten, Bildern, 19.03.2012 – 20.03.2012 Münster, in: H-Soz-Kult, 13.06.2012, http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4268 (26.01.2017).
[2] Vgl. zum Beispiel das Arbeitsprogramm des u. a. von Martina Stercken geleiteten NCCR Mediality an der Universität Zürich: http://www.mediality.ch/ (26.01.2017), oder auch das längst zur kartographischen Standardliteratur zählende Werk von Ute Schneider, Die Macht der Karten. Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute, 3. erw. u. aktual. Aufl., Darmstadt 2012 (1. Aufl. 2004).
[3] Aus der Flut von Publikationen will ich nur exemplarisch nennen: Peter Johanek / Franz-Joseph Post (Hrsg.), Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff, Köln 2004; Alfred Heit, Die mittelalterlichen Städte als begriffliches und definitorisches Problem, in: Die alte Stadt 5 (1978), S. 350–408; Franz Irsigler, Was machte eine mittelalterliche Siedlung zur Stadt?, Saarbrücken 2006.