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Titel
Das Theater der Erziehung. Goethes »pädagogische Provinz« und die Vorgeschichten der Theatralisierung von Bildung


Autor(en)
Schäfer, Martin J.
Anzahl Seiten
308 S.
Preis
€ 37,99
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Tim Zumhof, Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

„Es wird oft vergessen,“ notierte Bertold Brecht, „auf wie theatralische Art die Erziehung des Menschen vor sich geht“.[1] Mit seinem Buch „Das Theater der Erziehung“ ruft der Hamburger Literatur- und Theaterwissenschaftler Martin Jörg Schäfer dieses in Vergessenheit geratene Verhältnis von Theatralität und Erziehung wieder in Erinnerung. Zugleich legt er hiermit die Ergebnisse des gleichnamigen Forschungsprojektes vor, das von Mai 2013 bis August 2016 im Heisenberg-Programm der DFG gefördert wurde.[2]

Bereits 1959 hatte Gottfried Hausmann darauf hingewiesen, dass Inhalte im Unterricht konzentriert, sequenziert und inszeniert werden und die Didaktik daher als eine Dramaturgie des Unterrichts begriffen werden könne.[3] Die pädagogische Forschung, die sich neuerdings der Theatralität pädagogischen Handelns widmet, verstehen Christoph Wulf und Jörg Zirfas als performative Pädagogik.[4] Schäfer hingegen wendet sich den „Vorgeschichten der Theatralisierung von Bildung“ zu. Es geht ihm in doppelter Hinsicht um eine Historisierung des verschlungenen Verhältnisses von Theatralität, Erziehung und Bildung.

Im Sinne einer kritischen Ontologie der Gegenwart will Schäfer zum einen eine Genealogie der „kritikwürdigen Ökonomisierung, Regulierung und Prekarisierung von Lebensformen im 21. Jahrhundert“ schreiben, „deren Selbst- und Fremdbeschreibungen Anleihen bei Theater- und Theatralitätsdiskursen machen“ (S. 20). Schäfer ist der Ansicht, dass die Subjekte der Arbeitswelt im 21. Jahrhundert einem Imperativ des lebenslangen Lernens unterworfen seien, der sie nicht nur dazu auffordere, ihren Fähigkeitshaushalt sich permanent ändernden Anforderungen anzupassen, sondern darüber hinaus diese flexible Übernahme wechselnder Rollen im Sinne einer freien Künstlerexistenz zur Schau zu stellen. Ein solcher Selbst-Unternehmer erinnere, so Schäfer, in seiner permanenten Selbst-Umgestaltung an einen Schauspieler. Schäfer ist der Ansicht, dass sich die Geburt dieses theatralen Subjekts bis zu den Erziehungs- und Theaterdiskursen des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen lasse. Er schreibt, „dass das versteckte Fortwirken von Theoriebildung aus dem 18. Jahrhundert im 21. Jahrhundert“ (S. 21) sich zwar nicht als ungebrochene Kontinuität darstelle, gleichwohl durch eine selektive Aktualisierung geprägt sei.

In einem engeren, diskurs- oder ideengeschichtlichen Sinne will Schäfer zum anderen das Verhältnis von Theater und Erziehung in den vier, der sogenannten ,pädagogischen Provinz‘ gewidmeten Kapiteln in Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ herausarbeiten. Er rekonstruiert hierzu die im Text in Erinnerung gerufenen pädagogischen und theaterkritischen Diskurse des 18. Jahrhunderts, die für die Leser des 1829 vollständig erschienenen Romans bereits Rückblicke darstellten. Diesen „direkt oder indirekt aufgerufenen Prätexten zum Verhältnis von Theater und Erziehung“ (S. 30f.) widmet Schäfer jeweils einzelne Kapitel: Er befasst sich mit der Theaterkritik Platons (S. 75–101) und Rousseaus (S. 103–125), mit der Theaterskepsis der Philanthropen (Campe, Salzmann, Trapp) (S. 127–169), mit Karl Philip Moritz’ Theaterroman „Anton Reiser“ (S. 172–194) sowie mit Goethes Vorgängerroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (S. 195–261).

Dabei dient die zur Schau gestellte Anti-Theatralität der pädagogischen Provinz in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, die zugleich eine versteckte Theatralität der Erziehung offenkundig werden lasse, gleichsam als Motto der diskurs- oder ideengeschichtlichen Untersuchungen. Der Text der „Wanderjahre“ proklamiere, so Schäfer, „eine Austreibung des Theaters aus der Ordnung der Erziehung und Bildung; gleichzeitig inszeniert und exponiert der Text aber auch, wie diese Ordnung auf das Theater angewiesen bleibt und sich seiner ‚Zweideutigkeit‘ bedient“ (S. 66). Deutlich werde dies daran, dass es zwar keine Ausbildungsstätte zur dramatischen Poesie oder Theaterkunst in der pädagogischen Provinz gebe und das Theaterspiel als eine Einübung in die Unaufrichtigkeit verachtet werde, gleichwohl ständig Feste gefeiert werden, die sich letztlich durch Praktiken der Verhüllung als kulturelles Theater erweisen, und die erzieherische Regulierung des Nachahmungstriebes der Zöglinge sich eben diese mimetische Veranlagung zu eigen mache.

Ein ähnlich paradoxes Verhältnis von Erziehung und Theatralität lasse sich bereits in Platons „Politeia“ beobachten. Im platonischen Staat werden die mimetischen Künstler zwar ausgewiesen, gleichzeitig stelle die Mimesis aber „das grundlegende Mittel der frühen Erziehung der Wächter“ (S. 85) dar. Rousseau wiederholt diese wechselseitige Bezugnahme von ausgewiesener Anti-Theatralität und versteckter Theatralität. Mit dem „Émile“ habe er eine Erziehungsschrift vorgelegt, so Schäfer, in der sich das Verhältnis von Theater, Nachahmung und Erziehung als unumgänglich erweise. Für die Erziehung Emiles „konstruiert der Erzieher Jean-Jacques einen künstlichen, von der Gesellschaft (d.h. dem Theater) abgeschiedenen Raum, in welchem er selbst eine streng durchinszenierte Rolle übernimmt“ (S. 124). Die Aufklärungspädagogen griffen diese Ambivalenz auf und bewerteten das Theater als ein Medium, das „der Erziehung ebenso dienen wie sie unterminieren“ (S. 139) könne.

Moritz‘ Roman „Anton Reiser“ stelle laut Schäfer nicht bloß die schädlichen Auswirkungen einer übersteigerten Begeisterung für das Theater dar, sondern setze die bei Platon bereits angelegte Differenz von Nachahmen und Nachäffen, von gutem und schlechtem Theater fort. Der Roman wiederhole, so Schäfer, die Unterscheidung „zwischen dem Theater als Mittel zum Zweck der Herstellung eines zukünftigen Ereignisses höherer Ordnung (nämlich eines sokratischen Subjekts) und den nutzlosen oder gar gefährlichen Theaterereignissen als solchen, die keinem Zweck untergeordnet werden und so zur Entbildung und Zerrüttung des Subjekts beitragen“ (S. 181).

Der Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ gehe in seiner Auseinandersetzung mit dem Problem der Mimesis, so Schäfer, einen Schritt weiter als andere zeitgenössische Bildungs- und Erziehungskonzepte. Statt das mimetische Verlangen der Romanfigur zu regulieren, werde Wilhelms Nachahmungstrieb auf Dauer gestellt. Als Reservisten unterwerfe sich die Turmgesellschaft den Mimetiker Wilhelm, ohne seine Bestimmungslosigkeit in eine stabile Identität zu überführen, sondern vielmehr indem sie ihn sein mimetisches Verlangen auf ihre unbestimmte Autorität ausrichten lasse.

Das paradoxe Verhältnis von Theatralität und Anti-Theatralität, das Schäfer in seinen diskurs- und ideengeschichtlichen Analysen herausgearbeitet hat, stellt er schließlich in einen Zusammenhang mit Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und dem Theater des frühen 21. Jahrhunderts: Während das performance-orientierte, dokumentarische Theater des 21. Jahrhunderts authentische Darsteller auf die Bühne bringe, unterliege der „Arbeits- und Bildungsgouvernementalität des lebenslangen Lernens“ (S. 273) im 21. Jahrhundert eine versteckte Theatralität, die, so Schäfer, Perfektion, Kalkulation, kontrollierte Verwandlung und gelungene Verzauberung einfordere. In ihr setze sich verdeckt und abseits der Theaterbühne die von Diderot beschriebene ‚kalte‘, reflexive Schauspielkunst fort.

Wie sich diese These methodisch absichern lasse, bleibt Schäfer dem Leser jedoch schuldig. Es ist unklar, auf welcher theoretischen und methodischen Grundlage Schäfer die „Vorgeschichten der Theatralisierung von Bildung“ analysiert, um mit ihnen die Gouvernementalität der „Betriebsgesellschaft“ (S. 208) im frühen 21. Jahrhundert zu charakterisieren. Insgesamt wirkt der Spannungsbogen, den Schäfer vom 18. zum 21. Jahrhundert schlägt, eher assoziativ, obgleich seine Analysen der wechselseitigen Bezugnahme von Anti-Theatralität und Theatralität in den untersuchten Schriften überzeugend und aufschlussreich sind. Ihm gelingt es hier, die bisher unzureichend untersuchte paradoxe Konstellation von Theatralität, Mimesis und Pädagogik in den Diskursen des späten 18. Jahrhunderts aufzudecken und lesenswert darzustellen.

Anmerkungen:
[1] Bertolt Brecht, Lohnt es sich vom Amateurtheater zu sprechen?, in: Werner Hecht (Hrsg.), Bertolt Brecht Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, 30 Bände, Berlin und Frankfurt 1993, hier: Bd. 22,1: Schriften Teil 1. 1933–1942, hrsg. von Inge Gellert und Werner Hecht, S. 590–593, S. 593.
[2] Vgl. Martin Jörg Schäfer, Theater der Erziehung. Eine kleine Vorgeschichte um 1800, https://www.slm.uni-hamburg.de/germanistik/forschung/forschungsprojekte/theater-erziehung.html (06.02.2017).
[3] Vgl. Gottfried Hausmann, Didaktik als Dramaturgie des Unterrichts, Heidelberg 1959.
[4] Vgl. Christoph Wulf / Jörg Zirfas (Hrsg.), Pädagogik des Performativen. Theorien, Methoden, Perspektiven, Weinheim 2007.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.04.2017
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/