R. Strootman u.a. (Hrsg.): Persianism in Antiquity

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Titel
Persianism in Antiquity.


Herausgeber
Stootman, Rolf; Versluys, Miguel John
Reihe
Oriens et Occiens 25
Erschienen
Stuttgart 2017: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
557 S.
Preis
€ 84,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tino Shahin, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universtität Bonn

„The conquest of Persia meant not the conversion of Persia to Islam, but the conversion of Islam to Persianism.“[1] Der Dichter und Philosoph Muhammad Iqbal (1877–1938) rezipierte mit diesen Worten die verbreitete Vorstellung, dass die vielen Eroberer des iranischen Hochlandes (angefangen von den Makedonen und Griechen unter Alexander bis hin zu den verschiedenen türkischen Stämmen im Mittelalter) als Fremde kamen, und zu Persern wurden. Der kulturelle Einfluss der militärisch Besiegten auf die arabischen Herrscher führte nach Iqbal schon früh zu einer Transformation des Islam. Dass sich das Wort „Persianism“ auch für die Beschreibung anderer historischer Prozesse eignet, erkannte Miguel John Versluys bei seiner intensiven Beschäftigung mit Antiochos I., der im ersten Jahrhundert v.Chr. König des anatolischen Kommagene war.[2] Zusammen mit Rolf Strootmann leitete Versluys im Jahre 2014 das Kolloquium „Persianism in Antiquity“ in Istanbul. Nun bringen beide den zugehörigen Sammelband heraus, der 21 Einzelstudien „on the origins of the idea of Persia, in the period of Antiquity“ (S. 10) umfasst.

„Persianism“ wird im einleitenden Aufsatz der Herausgeber als Sammelbezeichnung für die verschiedenen Formen der Rezeption der Achaimeniden beziehungsweise der Bezugnahmen auf diese verstanden (S. 10). Damit ist „Persianism“ vom Begriff „Persianization“ zu unterscheiden, der den direkten kulturellen Einfluss der Achaimeniden beschreibt (auch „Persian imperialism“). Die Autoren differenzieren „Persianism“ weiterhin von „Iranism“. Letzterer Terminus geht von einer politischen und kulturellen Einheit von „Greater Iran“ aus und wird mit der Sasanidendynastie verbunden, die in der Spätantike Anspruch auf die Herrschaft über Ērān beziehungsweise Ērānšahr erhob. „Iran“ ist, wie Strootman und Versluys feststellen, „in origin a concept of the eastern Iranian world that later travelled to the west, while ‚Persia‘ originally is a Mediterranean and West-Iranian concept“ (S. 10–11). Diese unterschiedliche Konzeption wirkte sich politisch bis in die jüngere Vergangenheit aus, immerhin wurde der Staat am Kaspischen Meer und Persischen Golf noch im 20. Jahrhundert vielerorts als „Persien“ bezeichnet, bis der vorletzte iranische Monarch Reza Shah auch im Westen den Landesnamen „Iran“ durchsetzte.

Durch den Fokus auf das Phänomen „Persianism“ kann es in dem Sammelband nicht um eine Rekonstruktion der iranischen Geschichte gehen, der sich in der Vergangenheit die verdienstvollen Arbeiten von Josef Wiesehöfer, Pierre Briant oder das populäre Buch von Heidemarie Koch widmeten.[3] Vielmehr steht das Bild der Perser im Zentrum der Betrachtung: Das Kollegium wirft die Fragen auf, wie sich die Rezeption des alten Persien gestaltete, welche Vorstellungen von Persien in der Antike tradiert wurden und welche Rolle Persien im „kulturellen Erbe“ einnimmt. Strootman und Versluys fordern einen Paradigmenwechsel, den sie mit den Worten „From Culture to Concept“ beschreiben. Methodisch stützen sie sich dabei auf Jan Assmanns Theorie des ‚Kulturellen Gedächtnisses‘ (S. 17).[4] Dass aber schon die Antike eine Phänomenologie von Vorstellungen und Standpunkten in Bezug auf Persien kannte, belegen die griechischen Wörter medismós und medízein, die kooperative Haltungen von Griechen mit dem Achaimenidenkönig beschreiben (S. 20).

Die Herausgeber von „Persianism in Antiquity“ konnten für ihren neuen Ansatz viele anerkannte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gewinnen, deren Beiträge in drei Kapitel gegliedert sind. In „Part I: Persianization, Persomania, Perserie“ bieten Albert de Jong, Margaret C. Miller, Lloyd Llewellyn-Jones, Omar Coloru, Judith A. Lerner und David Engels theoretische Auseinandersetzungen mit Kategorien und Begrifflichkeiten, die mit „Persien“ in Verbindung stehen. Dabei nehmen die Autoren immer wieder Bezug auf den einführenden Essay von Strootman und Versluys, indem sie diskutieren, ob die Terminologie der Herausgeber auf ihre eigenen Untersuchungsfelder anzuwenden ist. So schlägt Miller in „Quoting ‘Persia’ in Athens“ vor, einige Formen der Einbindung „fremder“ Elemente in der materiellen Kultur nicht als „Persianism“ zu bezeichnen, sondern als „Perserie“ (auch „Intransitive Persianization“) (S. 49–51). Die Autoren scheuen nicht den Sprung über die Epochengrenzen, wie der Beitrag von Engels über die Rolle Persiens in Oswald Spenglers Werk zeigt. Spengler ist anzuerkennen, dass er die Geschichte des Iran (von der Zeitenwende bis zum ersten Jahrtausend) in größere Zusammenhänge eingeordnet und die historischen Parallelen zu anderen Hochkulturen hervorgehoben hat. Wie Engels zeigt, reduzierte Spenglers spezifischer „Persianism“ aber die iranische Geschichte auf den Einfluss der „Arabischen Kultur“ (S. 142–143).

Die folgenden Kapitel ermöglichen erstmals eine diachrone Betrachtung von „Persianism“ in der Antike. Dem Aspekt in hellenistischer Zeit widmet sich „Part 2“ mit Aufsätzen von Damien Agut-Labordère, Sonja Plischke, Rolf Strootman, Matthew Canepa, Charlotte Lerouge-Cohen, Bruno Jacobs und Benedikt Eckhardt. Lerouge-Cohen veranschaulicht das Phänomen in „Persianism in the Kingdom of Pontic Kappadokia“ am Beispiel von Mithradates VI. Der König berief sich auf eine Abstammung von einem der sieben Verschwörer, die 522 v. Chr. die Machtübernahme des Dareios ermöglicht hatten (Polyb. 5,43,1–2), und steigerte auf diese Weise seine Reputation bei Persern wie Nichtpersern (S. 233). Jacobs erkennt in seinem Beitrag über die Ausstattungsprogramme des Antiochos I. von Kommagene (der einzige deutschsprachige Aufsatz unter den englischen) „ein gutes Beispiel dafür, wie Vergangenheit als Ausgangspunkt einer Tradition, in der man zu stehen glaubte oder in die man sich zu stellen wünschte, konstruiert wurde“ (S. 247).

Im letzten Teil wenden sich Valeria Sergueenkova / Felipe Rojas, Richard Gordon, Eran Almagor, Michael Sommer, Richard Fowler, Josef Wiesehöfer, Touraj Daryaee sowie M.Rahim Shayegan „Roman and Sasanian Perspectives“ zu. Ein zentrales Fallbeispiel thematisiert Gordon in „Mithra(s) between Persia and Rome“. Dem Autor gelingt es mit „Persianism“ „as a heuristic device“ (S. 324), die komplexe griechisch-römische Rezeption des Gottes Mithras zu systematisieren, indem er vorab verschiedene Formen von „Persianism“ definiert (S. 297). Wiesehöfer beschäftigt sich mit einem Thema, das schon länger einen seiner Forschungsschwerpunkte bildet, und untersucht das sasanidische Weltbild und die ideologische Unterscheidung zwischen Ērān und Anērān. Wie groß die Kenntnisse der Sasaniden über die Achaimeniden waren, ist in der Forschung umstritten (S. 387–388). Was mitunter als achaimenidische Reminiszenz gedeutet wird, wird in sasanidischen Quellen nicht als „persisch“ oder „achaimenidisch“ bezeichnet. Wiesehöfer ist also skeptisch, ob der Terminus „Persianism“ für eine „post-Achaemenid construction of cultural memory by a re-invention and re-appropriation of the Persian past“ anwendbar ist (S. 388).

Dieser Einwand ist berechtigt, denn phänomenologische Ansätze sind nicht immer semantisch zu fassen. In mehreren Einzelstudien des Sammelbands befördert die Analyse von „Persianism“ aber neue Erkenntnisse zur Rezeption der Achaimeniden. Das Paradigma „From Culture to Concept“ ist als äußerst progressiv zu bewerten, allerdings impliziert der Vorzug von „Konzept“ auch einen Perspektivenwechsel, der die iranische Geschichte in der Betrachtung unterordnet. „Persianism“ muss den iranischen Blickwinkel vielfach übergehen, um griechisch-römische Rezeptionen nachzuzeichnen. Solange der Impuls von Strootman und Versluys nicht zu einer Vernachlässigung der Geschichte Vorderasiens führt, wird ihr Ansatz aber einen wissenschaftlichen Mehrwert bringen. Besondere Anerkennung verdient das Kollegium, weil die vielen Einzelbeiträge keine isolierten Auseinandersetzungen mit einer Phänomenologie sind (wie in zahlreichen anderen Kompendien), sondern stets einen direkten Bezug zu den übergeordneten Thesen im einführenden Essay haben.

Anmerkungen:
[1] Muhammad Iqbal, Thoughts and reflections of Iqbal. Edited with notes by Syed Abdul Vahid, Lahore 1964, S. 82.
[2] Miguel J. Versluys, Cultural Responses from Kingdom to Province. The Romanisation of Commagene, Local Identities and the Mara Bar Sarapion Letter, in: Annette Merz / Teun L. Tieleman (Hrsg.), The Letter of Mara Bar Sarapion in Context, Leiden 2012, S. 43–66; Miguel J. Versluys, Visual Style and Constructing Identity in the Hellenistic World. Nemrud Dağ and Commagene under Antiochos I, Cambridge 2016.
[3] Josef Wiesehöfer, Das antike Persien. Von 550 v. Chr. bis 650 n. Chr., Düsseldorf 2005; Pierre Briant, Histoire de l'empire perse: de Cyrus à l'Alexandre, Paris 1966; Heidemarie Koch, Es kündet Dareios der König … Vom Leben im persischen Großreich, 3. Aufl., Mainz 2000.
[4] Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, 7. Aufl., München 2013.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.06.2017
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