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Titel
La DDR e l'Italia. Politica, commercio e ideologia nell’Europa del cambiamento 1973–1985)


Autor(en)
Fasanaro, Laura
Reihe
Studi Storici Carocci 274
Erschienen
Rom 2017: Carocci
Anzahl Seiten
228 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Federica Addis, Facoltà di Scienze della Comunicazione, University of Teramo

Die Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und Italien haben nie einen Schwerpunkt der zeithistorischen Forschung dargestellt: In der deutschen Literatur wurden sie lediglich peripher behandelt und in der italienischen Forschung ist bisher noch kein wichtiger Beitrag zu diesem Gegenstand erschienen. Die einzigen beiden – jeweils deutschsprachigen – Studien über dieses Thema konzentrieren sich auf die 1950er- und 1960er-Jahre[1], so dass insbesondere die Geschichte der Beziehungen zwischen diesen beiden Staaten nach der gegenseitigen Anerkennung (1973) bisher so gut wie unerforscht geblieben ist. Unter Berücksichtigung des Zeitraums zwischen 1973 und 1985 hat sich Laura Fasanaro (Università degli Studi Roma Tre) das Ziel gesetzt, dieses Desiderat zu beheben. Bemerkenswert ist die breite Quellenbasis ihrer Arbeit: Die Autorin hat in zahlreichen Archiven sowohl in Deutschland als auch in Italien geforscht.

Trotz seines relativ beschränkten Umfang ist das Buch in sieben Kapitel gegliedert. Am Anfang setzt sich die Autorin mit der Untersuchung der historischen Hintergründe und den ersten Annäherungen zwischen Italien und der DDR auseinander. Im ersten Kapitel geht es um die “italienische Ostpolitik” während der 1960er-Jahre: Die Verfasserin weist diesbezüglich auf eine eigene Dynamik der italienischen Außenpolitik hin, die dank der kontinuierlichen diplomatischen Aktivitäten von Aldo Moro, zuerst als Ministerpräsident und danach als Außenminister, möglich wurde und fruchtbar war. Die Westpolitik der DDR steht hingegen im Zentrum des zweiten Kapitels: Die neue Führung unter Erich Honecker förderte auf der Grundlage des verstärkten Anspruchs einer internationalen Legitimierung die ostdeutschen außenpolitischen Initiativen. In dieser Phase kann man aber nur von einer gegenseitigen Beobachtung sprechen: Obwohl die DDR und Italien versuchten, die Spielräume für ihre eigene Außenpolitik zu erweitern, wurde die Errichtung von förmlichen Beziehungen infolge der Zugehörigkeit zu den jeweiligen Bündnissen zunächst blockiert. Vor allem die Bundesrepublik spielte, wenn auch indirekt, eine wichtige Rolle, da eine italienische Initiative der parallel verlaufenden Ostpolitik der verbündeten Bundesrepublik nicht vorangehen sollte.

Die Unterzeichnung des Grundlagenvertrags räumte dieses Hindernis für ein eigenes italienisch-ostdeutsches Abkommen aus dem Wege, das im Januar 1973 in Kraft trat. Das dritte Kapitel beschreibt ausführlich die Entwicklung der bilateralen Beziehungen nach der gegenseitigen Anerkennung, die von einem stabilen, indes langsamen Fortgang (S. 77) und von einer Abkühlung nach Helsinki (S. 89) gekennzeichnet wurde. Im Großen und Ganzen zeichnet Fasanaro das Bild, dass die ostdeutschen Akteure im Vergleich zu den italienischen die aktivere Rolle spielten: Die DDR drückte mehrmals ihre Enttäuschung über die italienische Seite aus, insbesondere wegen des schleppenden Verlaufs der Verhandlungen über weitere bilaterale Vereinbarungen und wegen der quantitativen Einschränkungen, die Italien auf DDR-Exporte anwandte. Hintergrund für diese Schwierigkeiten waren nach ostdeutscher Ansicht die Einbeziehung von Italien in das NATO-System und die bilateralen Beziehungen zwischen Italien und der BRD. Eine wichtige Rolle dafür, dass sich die Beziehungen zwischen Italien und der DDR nur langsam entwickelten, spielte auch die “Labilität”, so die damaligen ostdeutschen Analysten, der italienischen innenpolitischen Lage: Deren Instabilität, die wirtschaftliche Krise, die Aktivität reaktionärer Kräfte, die Gefahr eines rechten Putsch waren für die DDR Erklärungen dafür, dass die Außenpolitik des Landes nicht immer zielgerichtet erschien.

Das vierte Kapitel unterbricht die chronologische Darstellung des Buches zu Gunsten von einigen thematischen Fokussierungen. In diesem Abschnitt versucht Fasanaro, den Einfluss der RGW und der EWG zu rekonstruieren: Ein ambitioniertes Unterfangen, das der Autorin nur partiell gelungen ist. Tatsächlich widmet sich das Buch der Rolle von RGW und EWG derartig kurz, dass die Positionen der DDR und Italiens in den entsprechenden Wirtschaftsgemeinschaften ebenso diffus bleiben wie die sich aus den Mitgliedschaften ergebenen Pflichten und die aus diesen folgenden Schwierigkeiten für die Entwicklung der Beziehungen.

Im weiteren Verlauf dieser thematischen Gliederung entfaltet Fasanaro dennoch auch die wirtschaftliche Dimension der Verbindungen. Im fünften Kapitel wird der institutionelle Dialog in diesem Bereich als schwankend bezeichnet; fruchtbarer schienen hingegen die Absprachen zwischen ostdeutschen Regierungsvertretern und einigen italienischen Konzernen gewesen zu sein. Auch hier spielten die Beziehungen Italiens zu Westdeutschland eine wichtige Rolle. Der Bau eines Stahlwerks in der DDR seitens der italienischen Firma Danieli, der die BRD als Interferenz in ihrer eigenen Deutschlandpolitik betrachtete, zeigt exemplarisch nicht nur den Einfluss des Bundes mit Westdeutschland auf die Beziehungen Italien-DDR, sondern auch den konstanten Versuch Italiens, sich außenpolitische Spielräume zu erhalten. Treffend verweist die Autorin auf die Kontinuität dieser wirtschaftlichen Beziehungen, die sich auch während der Verschärfung der internationalen Lage Anfang der 1980er-Jahren fortsetzten. Trotz der Raketeninstallation, des Kriegs in Afghanistan und der polnischen Krise erfuhr die wirtschaftliche Kooperation zwischen Italien und der DDR tatsächlich keine deutliche Verschlechterung. Dies war auch ein Ergebnis der Strategie Italiens, trotz der eigenen Einbeziehung in das NATO-System einen unabhängigen Dialog mit den sozialistischen Staaten im wirtschaftlichen Bereich zu pflegen.

Die genannten Ereignisse der Jahre zwischen 1979 und 1982 wirkten sich jedoch negativ auf die Beziehungen zwischen der DDR und der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI) aus. Der PCI-Generalsekretär Berlinguer, so wird im sechsten Kapitel dargestellt, äußerte sich kritisch über die Invasion der Sowjetunion in Afghanistan und die Lösung der polnischen Frage. Zusätzlich wies er beiden Supermächten eine Verantwortung für die Gefährdung der friedlichen Koexistenz zu. Diese Spannungen waren aber nicht neu: Schon der Fall Biermann hatte Zweifel innerhalb der PCI-Leitung bezüglich der ostdeutschen Beachtung der Menschenrechte und des “dritten Korbs” von Helsinki geweckt. Umgekehrt betrachtete die DDR-Seite die von den kommunistischen Parteien Italiens, Frankreichs und Spaniens eingeführte Strategie des Eurokommunismus ebenso wie die PCI-Idee von einem “nationalen Weg zum Sozialismus” als regelrechte Provokationen gegen die “sozialistische Gemeinschaft”.

Das alles führte zu einer Distanzierung zwischen den italienischen Kommunisten und der DDR und gleichzeitig auch zu einer allgemeinen Verschlechterung der internationalen Atmosphäre, die auch als “zweiter Kalter Krieg” beschrieben wird. Fasanaro vermerkt aber in ihrem hoch interessanten siebten Kapitel des Buches, dass der Umstand, dass der Dialog zwischen verschiedenen Ländern auch in diesen Jahren weitergeführt wurde, diesem Paradigma deutlich widerspricht. Denn genau in dieser Zeit erlebten zum Beispiel die Beziehungen zwischen Italien und der DDR einen Höhepunkt: Der neue Ministerpräsident Bettino Craxi (Sozialist) und der Außenminister Giulio Andreotti (Christdemokrat) intensivierten die Kontakte und die diplomatischen Initiativen gegenüber den sozialistischen Staaten. Nach Aussage von Fasanaro hatte sich “die Tendenz der Beziehungen der 1970er-Jahre – eine langsame Steigerung des Austauschs, eine Erweiterung der technisch-wissenschaftlichen Kooperation, ein geringes Interesse seitens Italien für den politischen Dialog und Vorsicht gegenüber Fragen, die die BRD reizen konnten – umgekehrt. Die politischen Beziehungen wurden wieder zentral” (S. 209). Andreotti schien der DDR ein privilegierter Gesprächspartner, insbesondere nach seiner Erklärung hinsichtlich der Notwendigkeit, die Existenz zwei deutscher Staaten zu akzeptieren: Dieser Standpunkt wurde von der DDR positiv aufgenommen, löste aber eine entsetzte Reaktion in Bonn aus.

Der wichtigste Verdienst dieser Studie liegt darin, die Bedeutung der Beziehungen zwischen zwei regionalen Mittelmächten zusammen mit ihren Positionierungen im bipolaren System ins rechte Licht zu stellen. Die Autorin hat tatsächlich die Beeinflussung der jeweiligen Allianzen und der Bundesrepublik, die zeitweilig die Entwicklung von Beziehungen zwischen der DDR und Italien erschwert hat, eindrucksvoll aufgezeigt. Fasanaro zeigt aber auch die kontinuierlichen Versuche der beiden Staaten, eigene außenpolitische Spielräume zu gewinnen und widerlegt damit die Vorstellung einer kompletten Abhängigkeit der beiden Staaten von ihren jeweiligen Blöcken. Die DDR und Italien waren sich in diesem Sinne ähnlich und hatten gemeinsame Interessen: Sie teilten nicht nur die Bestrebung, eine größere Autonomie innerhalb ihrer Allianzen zu gewinnen, sondern auch diejenige, das internationale System zu stabilisieren, den Status quo zu erhalten, die Ostpolitik und Entspannung fortzusetzen. Allgemein gesehen kann das Buch als ein aufschlussreicher und wertvoller Beitrag nicht nur zur Geschichte der Beziehungen Italien und der DDR, sondern auch des Ost-West-Konflikts insgesamt betrachtet werden.

Anmerkung:
[1] Johannes Lill, Völkerfreundschaft im Kalten Krieg. Die politischen, kulturellen und ökonomischen Beziehungen der DDR zu Italien 1949–1973, Frankfurt am Main 2001; Charis Pöthig, Italien und die DDR. Die politischen, ökonomischen und kulturellen Beziehungen von 1949 bis 1980, Frankfurt am Main 2000.