Antonin: Ideal Ruler in Medieval Bohemia

Titel
The Ideal Ruler in Medieval Bohemia.


Autor(en)
Antonin, Robert
Reihe
East Central and Eastern Europe in the Middle Ages. 450-1450. 44
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
€ 158,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Grischa Vercamer, Zakład Studiów Średniowiecznych, Instytut Historii im. Tadeusza Manteuffla PAN, Warszawa

Traditionell wird Herrschaft über harte Fakten (Rechtsdokumente wie Verträge und Urkunden) untersucht. Theoretische Grundlagen zur Herrschaft wiederum werden in Staatsschriften und Fürstenspiegeln gefasst. Die Ideen- und Vorstellungsgeschichte als Mittler zwischen Fakten- und Theoriegeschichte ist verhältnismäßig jung.[1] In diese junge Tradition schreibt sich das zu besprechende Buch ein, bei dem es sich um die Habilitationsschrift eines Historikers aus Ostrava/Tschechien handelt. Dem Verfasser Robert Antonín geht es um den idealen Herrscher im Böhmen des 10. bis 14. Jahrhunderts.

Während die Antike noch Staatsformen kannte, die zyklisch wechseln sollten, sobald sie Verfallserscheinung zeigten, galt die monarchische Staatsform im Mittelalter als unumstößlich. Die Beseitigung einer göttlich eingesetzten Herrschaft (Röm 13, 1 –7) war ab dem 12. Jahrhundert (Johannes von Salisbury, Tyrannenmord) zwar theoretisch denkbar, wurde aber nur sehr verzögert rezipiert – in Böhmen beispielsweise wurde diese Idee von den Eliten bis ins frühe 15. Jahrhundert nicht wahrgenommen (302). Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der (theoretisch alternativlose) Herrscher ein Orientierungssystem brauchte, um „gute“ Herrschaft auszuüben. Dieses wurde ihm seit der Antike durch die Kardinaltugenden: iustitia, temperantia, fortitudo, prudentia an die Hand gegeben – gepaart mit dem christlichen Dreiklang Glaube, Liebe, Hoffnung (fides, caritas, spes). An diesen hatte sich ein guter Herrscher zu orientieren, an diesen wurde er gemessen. Wie das für den jeweiligen mittelalterlichen Herrscher aussah, lässt sich für die Wissenschaft – mit großer Vorsicht – über die narrativen (Chroniken, Annalen, Viten) sowie die materiellen Quellen (Urkunden, Siegel, Münzen, Grabplatten, Gemälde) fassen. Genau diese Quellen, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf den narrativen Quellen, legt Antonín seiner Untersuchung zugrunde.

In der Einleitung benennt der Verfasser, was er klären möchte: Warum Gelehrte über Könige so schreiben, wie sie es eben taten, und wie das von den mittelalterlichen Rezipienten verstanden wurde; und in welcher Weise menschliche Gefühle neben rationalen Überlegungen bei der Darstellung von historischen Akteuren Wirkung entfalteten. Über neun Kapiteln verteilt, sucht Antonín diesen Leitfragen Herr zu werden und untersucht: (1.) die theoretischen und biblisch-philosophischen Grundlagen von Herrschaft grundsätzlich im Mittelalter in Europa, (2.) die anzuwendenden Methoden und Quellen für Böhmen, (3.) die Herkunft und Legitimation der böhmischen Herrscher in vorhussitischer Zeit, (4.) die Bedeutung des hl. Wenzeslaus für die böhmischen Fürsten, (5.) die Reflexion von antiken und biblischen Vorbildern in böhmischen Chroniken, (6.) ausgesuchte böhmische Herrscher bezüglich der „sieben Tugenden“, (7.) den Krieger-König als Ideal, (8.) die verschiedenen Tugenden und ihre Widerspiegelung bei den bestimmten Herrschertypen (rex pius usw.) mit zwei Unterkapitel zur „guten und schlechten Herrschaft“ sowie (9.) die Dichotomie vom Ideal/Norm und Realität.

Antonín ist in den Kapiteln am stärksten und interessantesten, wo es explizit um die böhmische Geschichtsschreibung geht (Kap. 4, 6, 7, 8). Die anderen Abschnitte rekapitulieren vor allem den von der internationalen Forschung gut abgesteckten Rahmen und bringen wenig Neues. Durch die Tendenz, viele verschiedene Strömungen wiederzugeben (auch bezüglich der Quellengattungen), wirkt die Argumentation teilweise nicht ganz konzis oder verharrt im Allgemeinen, wobei Antonín viele interessante Einzelbeobachtungen macht, die allerdings in den kurzen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels nicht vollends gebündelt werden. Im Fazit werden folglich auch Allgemeinplätze bedient und die in der Einleitung aufgestellten Ziele rundweg bestätigt: Die Chroniken in Böhmen spiegeln das Bild des idealen Herrschers wider, der sich dem „Rad des Schicksals“ (ein in Böhmen stark rezipiertes Motiv) durch seine „Tugenden“ widersetzen konnte. Im 13./14. Jahrhundert tauchen in der böhmischen Historiographie wiederholt genau diese Tugenden auf: Weisheit-Gerechtigkeit, Mut-Kampfkraft und die drei christlichen Tugenden zusammengefasst als Frömmigkeit (364). Daraus ergeben sich die Herrschertypen des rex-pius, rex-iustus, rex-sapiens oder rex-literatus, rex-miles und rex-pacificus. Wollte ein Herrscher in Böhmen bestehen – hier schlägt Antonín den Bogen zur Realität –, musste er sich dem Habitus des idealen Herrschers unterwerfen. Darüber wachten die Eliten am böhmischen Hof.

Das präsentierte Tugendsystem ist in der Forschung längst bekannt, auch für den Untersuchungsbereich Böhmen. Neu ist, dass Antonín die Ideale an die ganz praktische Erwartungshaltung des böhmischen Volkes (oder zumindest der Eliten) gegenüber dem Herrscher rückbindet. Die realen Taten eines Herrschers seien an den gesellschaftlich in Böhmen tief verwurzelten Vorstellungen der Herrschaftstugenden gemessen worden. Die Beweisführung für diese interessante These wird vor allem im kurz gehaltenen 9. Kapitel vorgenommen: Der Versuch die Realität zu fassen, über Rituale und Gebräuche, über normative und materielle Quellen, ist eigentlich (leider!) zum Scheitern verurteilt, weil man bezüglich des Auslebens der sieben Tugenden und des wirklichen Charakters des Herrschers letztlich doch nicht viel sagen kann. Das räumt Antonín im Fazit des Kapitels selbst ein, wenn er schreibt, dass die Herrscher ihre Defizite im Tugendhandeln durch „Vorzeigeprojekte“ übertüncht hätten (360).

Prinzipielle Relevanz für das Buch haben ferner das sechste und achte Kapitel: Im sechsten Kapitel untersucht Antonín exemplarisch vier böhmische Fürsten bezüglich ihrer Darstellung in den verschiedenen Chroniken. Grundsätzlich lässt sich so gut herausarbeiten, dass jeder Chronist eben aus seiner Zeit schrieb und die přemslidischen Vorfahren gerne im Auftrag des amtierenden Fürsten instrumentalisierte. Im zentralen achten Kapitel werden verschiedene Grundtypen von Herrschern besprochen (rex-pius, rex-iustus, rex-sapiens, rex-literatus, rex-tyrannus oder rex-inutilis, 254). Ein literarisches Schema (wie es für den französischen König Ludwig den Heiligen gut untersucht ist) sieht er für die Beschreibung eines besonders frommen Herrschers auch in Böhmen angewendet, zum Beispiel bei Ottokar II. und Wenzeslaus II. (258).

Ich komme zu der Fülle von interessanten Einzelbeobachtungen: In Böhmen gab es erst unter Karl IV. einen Fürstenspiegel (41); in der Christianslegende (10. Jahrhundert) wurde der hl. Wenzeslaus als rex vicarius Christi genannt (78), ein Motiv, das sich in der späteren böhmischen Historiographie nicht fortsetzte; die göttliche Erwähltheit des böhmischen Herrschers wurde jedoch in der Historiographie des 12. Jahrhunderts stark unterstrichen und paarte sich gut mit der aufkommenden Dei-gratia-Formel, erstmals unter Vladislav II. nachgewiesen (82 –84); Wenzeslaus ist in Böhmen in der Geschichtsschreibung (vor dem Hintergrund des rex-sacerdos und der Forschung von Ernst Kantorowicz) als ein „sehr konkretes Element der politischen Ideologie“ (116) omnipräsent und stellt das Bindeglied zwischen den Přemysliden und den geistlichen und weltlichen Eliten dar (das machte sich später Karl IV. geschickt zunutze, 122); die Antike (und somit eine starke Symbolkraft konkreter antiker Herrscher und Helden bezüglich Tugenden und Untugenden) wurde im Böhmen des 13. Jahrhunderts vor allem über die ritterliche Epik (Alexanderroman) rezipiert und stellte Neuland dar (166); die Rezeption von Platon setzte in Böhmen spätestens mit Beginn des 14. Jahrhunderts ein (174); die neu aufkommenden Ideale des Rittertums wurden in Böhmen schon im 12. Jahrhundert wahrgenommen und flossen bereits bei Cosmas ein (213); die Grausamkeit des rex tyrannus war eigentlich nicht vergleichbar mit der Passivität des rex inutilis, aber im Spätmittelalter (so bei Adolf von Nassau oder bei Wenzel IV.) verschwammen die Konturen zwischen diesen beiden Kategorien immer stärker (300).

Insgesamt besticht der Band für die böhmischen Verhältnisse durch eine breite Blütenlese der Quellen. Dieses führt aber leider nur bedingt zu höheren Erkenntnissen, weil es hermeneutisch für die Frage nach den Tugenden nicht sachdienlich ist, dass beispielsweise Vratislav II. bei Cosmas als grausam und listig dargestellt wird, während er bei Pulkava ein Beispiel für moralische Tugenden ist. Hier wären Tabellen mit kategorisch aufgelisteten Quellenstellen vielleicht besser gewesen, sodass sich der Leser einen schnelleren und systematischeren Eindruck verschaffen hätte können.

Manche Schlussfolgerungen scheinen zudem unlogisch: Im 13./14. Jahrhundert, so Antonín, betonten die Historiographen Klugheit, Mut/Kampfkraft und Frömmigkeit – „understood as the complex of theological virtues (faith, charity, and hope). It is this three-dimensional template that medieval authors used for characterizing individual sovereigns, thus creating the official memory of their deeds.“ (203) Berechtigt wird man fragen dürfen, warum hier einerseits Klugheit, Mut und Frömmigkeit mit andererseits Glaube, Liebe, Hoffnung ohne weitere Erklärung gleichgesetzt werden, und warum plötzlich von einer „typischen Dreiheit“ gesprochen wird, wo doch eigentlich am Anfang des sechsten Kapitels ein theoretischer Unterbau für die „vier“ Kardinaltugenden geschaffen wurde. Ebenso kann die Feststellung „In the Middle Ages, the ancient and Christian virtutes were collapsed into a single, interconnected, and organic whole“ (175) nur bedingt befriedigen, da eben jeder mittelalterliche Autor doch seine eigenen Schwerpunkte bei der Herrscherbeschreibung setzte. Diese allerdings systematisch herauszuarbeiten, ist eine sehr, sehr kleinteilige Arbeit, die in diesem Werk – trotz aller aufgezählten Stärken – nicht unternommen wurde.

Der Band schließt mit einem Register ab. Er besticht durch insgesamt 70 gut ausgesuchten Abbildungen, die größtenteils Illustrationen aus verschiedenen Chroniken darstellen, aber auch Münzen und Siegel zeigen. Das englische Lektorat hat leider schlampig gearbeitet, es finden sich sehr häufig gravierende Fehler (zum Beispiel 272: „Following ancieOne of them is...“).

Anmerkung:
[1] Forschung zur Vorstellungsgeschichte gut zusammengefasst bei: Hans-Werner Goetz, Gott und die Welt. Religiöse Vorstellungen des frühen und hohen Mittelalters. Teil 1. Band 1. Das Gottesbild, Berlin 2011, S. 15–30.

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21.03.2018
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