C. Kerz: Atmosphäre und Authentizität

Cover
Titel
Atmosphäre und Authentizität. Gestaltung und Wahrnehmung in Colonial Williamsburg, Virginia (USA)


Autor(en)
Kerz, Christina
Reihe
Erdkundliches Wissen 161
Erschienen
Stuttgart 2017: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
424 S., 14 s/w Abb., 8 farb. Abb., 7 s/w Tab., 29 farb. Fotos
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Juliane Tomann, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Frage danach, wie Geschichte außerhalb universitärer Zusammenhänge entsteht und wie der Prozess der Produktion historischen Wissens beschrieben werden kann, ist ein zentraler Aspekt der Public History. Die Hinwendung zum Performativen, zu Erlebnis und Erfahrung oder kurz zum Doing History prägen gegenwärtig die Zugangsweisen zu diesem dynamischen Forschungsfeld. Christina Kerz greift mit ihrer Dissertation diese Entwicklung auf und zeigt, dass die daran anknüpfenden Fragen am besten jenseits festgelegter disziplinärer Zuordnungen verhandelt werden. Als ausgebildete Sozialgeographin stehen für sie die Begriffe Atmosphäre und Authentizität mitsamt ihren Wechselwirkungen im Fokus. Besonders hervorzuheben ist Kerz’ Interesse an Atmosphären in Bezug auf die Wahrnehmung von Vergangenheit und Geschichte. Während die Frage der Authentizität bereits Teil (auch geschichtswissenschaftlicher) Untersuchungen war[1], steht die Atmosphärenforschung gegenwärtig noch am Anfang.

Den hohen Anspruch der Untersuchung benennt die Autorin gleich zu Beginn. Kerz setzt es sich zum Ziel, anhand ihres Fallbeispiels, des Living History Museums ‚Colonial Williamsburg‘, ein „theoretisch konzeptuelles Modell zu Atmosphäre und Authentizität“ (S. 16) zu erarbeiten, das dem Prozess atmosphärischen Erlebens ebenso Rechnung trägt wie dem „Phänomen der Authentizität“ (ebd.). Die Autorin weiß um die Komplexität ihres Gegenstandes und buchstabiert ihr Erkenntnisinteresse in drei untergeordneten Fragen aus, die sich auch in der Struktur des Buches widerspiegeln. Um die Entstehung und Gestaltung von Atmosphären verstehen zu können, will die Autorin sowohl die „Angebots“- und die „Nachfrageseite“ (ebd.) beleuchten. Erstere macht die Autorin für das Setting, die Rahmenbedingungen sowie die zeitliche und räumliche Implementierung von Atmosphären verantwortlich. Die Besucher, ihre individuelle Wahrnehmung, ihr atmosphärisches Erleben werden auf der Nachfragseite verortet. Schließlich legt sie den Akzent auf die Erfahrung von Authentizität und den Zusammenhang zu den gestalteten Atmosphären. Das Ergebnis ihrer Analyse nimmt die Autorin an dieser Stelle vorweg und erklärt, dass „situativ erfahrene Atmosphären eine immanente Rolle bei der Konstruktion erlebter Authentizität“ (ebd.) spielen und Atmosphäre sowie Authentizität nur im „Dialog zu denken“ (ebd.) seien.

Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, holt die Autorin weit aus und steckt den theoretischen Rahmen ihrer Studie ab. Das Atmosphärische verortet sie an der Schnittstelle von Phänomenologie und Konstruktivismus. Atmosphären sind, daran lässt Kerz keinen Zweifel, ein schwer zu analysierender Gegenstand. Sie rücken den „Rand der sachlichen Aufmerksamkeit in den Mittelpunkt“ sowie das „was passiert, wenn (auf den ersten Blick) nichts passiert“ (S. 26). Diese sehr ausführlichen, wenngleich im Lesefluss teilweise sprunghaften, theoretischen Reflexionen untermauern ihre Einsicht, dass Atmosphären einen entscheidenden Einfluss auf Wahrnehmung und Erkenntnis haben. Ihren zweiten Leitbegriff, Authentizität, steckt die Autorin mit objektivistisch-essentialistischen, konstruktivistischen, postmodernen und existentiell-phänomenologischen Zugängen ab. Die Erörterungen fallen vergleichsweise kürzer und konziser aus, was dem Lesefluss des Buches zu Gute kommt. Das anschließende, knappe Kapitel versucht die Erkenntnisse der Theoriediskussion zu einer theoretischen Folie zusammenzuführen. Nach der langen Diskussion von Atmosphären-Begriffen bleibt der Leser etwas verwundert über die Aussage zurück, dass die Arbeitsdefinition von Atmosphären aufgrund ihres dynamischen Charakters als „Halbdinge“ bei einer „Nicht-Definition“ (S. 119) belassen wird.

Dem Entstehungsprozess von Authentizität durch atmosphärisches Erleben spürt die Autorin im Folgenden auf zwei unterschiedlichen Ebenen nach. Sie beschreibt erstens die Versuche von Akteuren in Colonial Williamsburg atmosphärische Wirkungsfelder zu gestalten. Zweitens skizziert sie verschiedene Phasen des atmosphärischen Erlebens aus der Perspektive der Besucher. Einerseits wird nach den Intentionen der Akteure gefragt, andererseits danach, ob und wenn ja wie das Intendierte wirkt, um schließlich einen „Wirkungs- und Handlungskreislauf“ offenzulegen (S. 145). Dies wird auf der empirischen Grundlage einer ganzen Reihe erhobener Daten vollzogen (Interviews, teilnehmende Beobachtung, Mental Maps, Fotodokumentationen etc.), die als Quellen sehr transparent im Buch aufgelistet und beschrieben sind.

Bevor die Atmosphären wieder in den Mittelpunkt rücken, widmet sich die Autorin Colonial Williamsburg, dessen Spezifik darin besteht, gleichzeitig ein Living History Museum, ein öffentlicher Raum und ein historisches Viertel der Stadt Williamsburg zu sein. Der Ort gilt als Geburtsort der amerikanischen Nation im späten 18. Jahrhundert. Seine Altstadt wurde mithilfe der monetären Unterstützung von John D. Rockefeller Jr. in den 1920er- und 1930er-Jahren (re)konstruiert und konserviert, wie sie in dieser Zeit recherchiert und imaginiert wurde. ‚Belebt’ wird die Geschichte in Colonial Williamsburg durch Darsteller, die direkt mit dem Publikum in Interaktion treten.

Anhand von Interviews mit Mitarbeitern des wichtigsten Akteurs vor Ort (Colonial Williamsburg Foundation) gibt die Autorin einen sehr vielgestaltigen Einblick in dessen programmatische Ausrichtung. Diese höchst aufschlussreiche Innenansicht legt sowohl Unklarheiten im Selbstverständnis der Einrichtung offen (Ort, Stadt oder Museum?) als auch Konflikte zwischen der Foundation und den von ihr formulierten Zielvorstellungen auf der einen Seite und den Möglichkeiten der Darsteller des frontline staff auf der anderen Seite. Die Autorin verweist in unterschiedlichen Konstellationen darauf, dass in Colonial Williamsburg Fiktionalisierungen von Geschichte und historische Ungenauigkeiten verborgen bleiben oder „bisweilen auch als historisch akkurat verkauft“ (S. 242) werden.

Mit den Überschriften „Funken“ und „Momente“ kündigt die Autorin den Wechsel der Perspektive weg von den Produzenten hin zu den Besuchern an. Anhand von Interviewpassagen beschreibt sie die Wege der Besucher in die atmosphärische Immersion. Das Einlassen auf den Ort seitens der Besucher versteht die Autorin nicht zuvorderst als kognitiven Prozess, sondern als leiblich-ganzheitlichen Zustand (S. 286). Dieses atmosphärische Erleben unterteilt Kerz anschließend in fünf Phasen mit unterschiedlicher Intensität: Während der ersten Phasen stehe das Eintauchen und das leibliche Ergriffenwerden im Fokus. Ab Phase vier rückten assoziierende und reflektierende Prozesse in den Mittelpunkt: „Die zuvor aufgekeimten Eindrücke und Gefühle werden zu nachhaltigen Emotionen und Wissensbausteinen verarbeitet. Authentizität wird hier allmählich als neue Wirklichkeit konstruiert.“ (S. 361). In Phase vier und fünf der tiefen atmosphärischen Immersion verortet Kerz die Möglichkeit von Lernprozessen, die aus dem „ganzheitlich Erlebten“ extrahiert würden (S. 362). Authentizität, so das Fazit, wurzele in Colonial Williamsburg weder vollständig in den Subjekten noch in den Objekten, weder in den Gebäuden noch in den nachgespielten historischen Ereignissen, sondern in der atmosphärischen Immersion: „(U)m die Bedeutung und den Einfluss des Konstruktes Authentizität zu verstehen, muss man sich dem Atmosphärischen widmen, dem es entspringt.“ (S. 363) Authentizität sei gleichzeitig eine leiblich empfundene Emotion und somit Teil der Identität des Wahrnehmenden.

Im Schlussteil ihrer Studie bezieht Kerz die gewonnenen Einsichten auch auf die Frage der Geschichtsvermittlung in Colonial Williamsburg, die im Verlauf des Buches zwar immer wieder eine Rolle spielt, teilweise aber mit nebulösen Begriffen wie „Geschichte(n) von Geschichte“ missverständlich bleibt. Im Schlusskapitel wird Kerz konkret: „simplifizierende und festivalisierte Inhalte“ seien in den ersten Phasen atmosphärischen Erlebens eine „sinnvolle Hilfestellung“. Diese müssten aber in den späteren Phasen durch „detaillierte und gegenstandsorientierte Inhalte“ ergänzt werden, um nicht als „faktenverschleiernd“ oder gar als „Bremse der weiteren Immersion“ zu wirken (S. 364). In Colonial Williamsburg, so Kerz’ Ergebnis, würde die „atmosphärisch realisierte Geschichtsinterpretation“ vor allem Besucher in der ersten und zweiten Phase ansprechen, während Besucher in der dritten, vierten oder fünften Phase hauptsächlich durch persönliche Interaktion mit den Darstellern eine vertiefte Immersion erlangten.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Christina Kerz‘ Buch all jenen ans Herz gelegt sei, die sich mit theoretischen Ansätzen zu Atmosphäre und Authentizität beschäftigen. Der Blickwinkel der Autorin ist erfrischend, da sie als Sozialgeographin mit Zugängen ausgestattet ist, die jenseits der gängigen geschichtswissenschaftlichen Herangehensweisen liegen. Die Autorin hat zudem faszinierendes empirisches Material gesammelt und ausgewertet. Trotz der sehr guten Einblicke in das Funktionieren einer so renommierten Institution wie Colonial Williamsburg, fehlt es Kerz’ Buch jedoch häufig an einem Narrativ bzw. einer stringenten Erzählung, die dem Leser eine bessere Navigation durch all die interessanten empirischen Befunde und theoretischen Zugänge ermöglichen würde.

Anmerkung:
[1] Martin Sabrow / Achim Saupe (Hrsg.), Historische Authentizität, Göttingen 2016; Eva Ulrike Pirker u.a. (Hrsg.), Echte Geschichte. Authentizitätsfiktionen in populären Geschichtskulturen, Bielefeld 2010.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.10.2018
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