A. Dalhouski u.a.: Wisent-Wildnis

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Titel
Wisent-Wildnis und Welterbe. Geschichte des polnisch-weißrussischen Nationalparks von Białowieża


Autor(en)
Dalhouski, Aliaksandr; Bohn, Thomas; Krzoska, Markus
Erschienen
Köln 2017: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
401 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katja Bruisch, Department of History, Trinity College Dublin

Der Wald von Białowieża im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet zählt mit seinen jahrhundertealten Baumbeständen zu den bedeutendsten Nationalparks in Europa. Das wichtigste Markenzeichen der Region ist der Wisent (auch bekannt als Europäischer Bison), der vor einhundert Jahren als fast ausgestorben galt. Heute leben fast 900 Tiere in Białowieża.[1] Obwohl Białowieża als UNESCO-Welterbestätte besonderen Schutzstatus genießt, beklagen Naturschützer seit mehreren Jahren die Intensivierung der Forstwirtschaft im polnischen Teil des Waldes. Der unter der national-populistischen polnischen Regierung entschieden vorangetriebene Holzeinschlag wurde im April 2018 durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für illegal erklärt.[2]

Wie Thomas M. Bohn, Aliaksandr Dalhouski und Markus Krzoska in ihrer Geschichte des Nationalparks zeigen, sind solche Widersprüche kein neues Phänomen. Über Jahrhunderte rangen unterschiedliche Akteursgruppen um die "richtige" Nutzung des Waldes. Machtverhältnisse, kulturelle Normen, wirtschaftliche Interessen und der Zustand des Waldes beeinflussten, wer in diesen Auseinandersetzungen jeweils die Oberhand gewann. Politischer, sozialer und ökologischer Wandel waren in der bewegten Geschichte der Region somit eng miteinander verzahnt.

Der Aufbau des Buches orientiert sich an den politischen Zäsuren, infolge derer Białowieża in wechselnde Herrschaftszusammenhänge einbezogen wurde. Nachdem der Wald mehrere Jahrhunderte lang von den polnisch-litauischen Fürsten und Königen als Jagdgebiet beansprucht worden war, fiel er nach der dritten Teilung Polens 1795 an das Russische Reich. Während des Ersten Weltkriegs nutzten die deutschen Besatzer das Gebiet zur Jagd und bauten eine Infrastruktur zur kolonialen Ausbeutung der Holzvorkommen auf. In der Zwischenkriegszeit strebte die Regierung des neu entstandenen polnischen Nationalstaats die Polonisierung der multiethnischen und multikonfessionellen Region an. Am Beginn des Zweiten Weltkriegs gelangte der Wald dann in den sowjetischen Einflussbereich und erhielt 1940 vorübergehend den Status eines Naturreservats. Auf den Vormarsch der Wehrmacht im Sommer 1941 folgten die Zerstörung der Dörfer und Erschießungsaktionen, denen vor allem die jüdische Bevölkerung zum Opfer fiel. Nach dem Ende der Kampfhandlungen setzte Stalin eine Verschiebung der polnisch-weißrussischen Grenze zugunsten der Sowjetunion durch. Seit 1944 verläuft diese durch den Wald von Białowieża.

Trotz dieser zahlreichen Brüche in der territorialen Zugehörigkeit der Region zeigen sich in der longue durée einige Kontinuitäten. Eine wichtige Konstante bildete das Interesse herrschender Eliten am Wald von Białowieża als Jagdgebiet. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts jagten hier die russischen Zaren nach Wisenten, Wildschweinen, Dam- und Rotwild. Ihnen folgten während des Ersten Weltkriegs der deutsche Kaiser Wilhelm II., Paul von Hindenburg, die Könige von Sachsen und Bayern und der österreichische Kaiser. Im Zweiten Weltkrieg knüpften die nationalsozialistischen Besatzer an diese Tradition an. Immer wieder standen auch diplomatische Interessen hinter der Ausrichtung von Jagden. So sollten etwa die Besuche Hermann Görings, des ungarischen Reichsverwesers Miklós Horthy sowie des italienischen Außenministers Graf Ciano die internationale Geltung des unabhängigen polnischen Staats der Zwischenkriegszeit unterstreichen. Während des Kalten Krieges lud die weißrussische Führung regelmäßig hochrangige Gäste aus dem sozialistischen Ausland zur Jagd nach Białowieża ein, unter ihnen etwa Walter Ulbricht, Erich Honecker oder Raúl Castro.

Das Spannungsverhältnis zwischen Schutz und Ausbeutung ist ein weiterer roter Faden in der Geschichte der Region. Immer wieder weckten Versuche zur Einschränkung der Nutzung des Waldes den Widerstand verschiedener Akteursgruppen, die ein Interesse an den Tieren und Holzvorkommen Białowieżas besaßen oder negative Konsequenzen für die lokale Wirtschaft befürchteten. Vor dem Ersten Weltkrieg folgten Schutzmaßnahmen vorrangig den Bedürfnissen von Jagd- und Forstwirtschaft. Die polnische Regierung kombinierte in den 1920er-Jahren die Einrichtung eines Nationalparks mit Konzessionen an holzverarbeitende Unternehmen im In- und Ausland. Nach dem Zweiten Weltkrieg besaßen sowohl der polnische als auch der belarussische Teil von Białowieża Schutzstatus. Aufgrund andauernder Konflikte zwischen den Interessen von Naturschutz, Wirtschaft und Tourismus blieben die Grenzen des Schutzgebietes im polnischen Teil jedoch immer umkämpft. Auf sowjetischer Seite wiederum nutzte die politische Führung den Wald als exklusives Jagdreservat, wovon nicht zuletzt die Parteivorsitzenden Nikita Chruščev und Leonid Brežnev persönlich Gebrauch machten. Zugleich griff der sowjetische Staat durch umfassende Meliorationen und "Sanitärhiebe" erheblich in das Ökosystem Białowieża ein. Der polnische Teil des Waldes wurde 1979, der weißrussische Teil schließlich 1992 von der UNESCO als Welterbestätte anerkannt. Trotzdem bleiben der Nationalpark und seine Grenzen weiterhin Gegenstand kontroverser Diskussionen. Ähnlich wie in der Vergangenheit wird der Naturschutz vielfach als Hindernis für die regionale Entwicklung angesehen.

Faszinierend an diesem Buch sind die Schilderungen über den historischen Wandel der Mensch-Tier-Beziehungen. So waren für die Entwicklung der Wisentpopulation in der Region menschliche Interessen und Vorstellungen von zentraler Bedeutung. Schon seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde der Wisentbestand Białowieżas regelmäßig erfasst. Auch die Winterfütterung der Tiere war damals bereits fest etabliert. Auf die nahezu vollständige Ausrottung der Art am Ende des Ersten Weltkriegs folgte in den 1920er-Jahren ihre medial inszenierte Wiederansiedlung – ironischerweise ermöglicht durch den Ankauf von Wisenten aus verschiedenen europäischen Zoos. Nicht weniger paradox waren der Rücktransport eines aus Polen in die Sowjetunion gelangten Tieres in den späten 1950er-Jahren oder die starke Zunahme des Wisentbestands, die den Wald in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an die Grenze seiner Kapazitäten brachte. In beiden Teilen des Waldes wurde daher eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um dieses Problem zu kontrollieren: die Einschränkung der Weideflächen für das Nutzvieh der lokalen Bevölkerung, die gezielte Reduzierung von Nahrungskonkurrenten der Wisente und mitunter sogar die Ausweitung der Jagd. Zugleich wurden die Wisente dauerhaft von der Fütterung durch den Menschen abhängig. Dass heute so viele Wisente im Wald von Białowieża leben, ist daher weniger ein Ausweis von dessen "Ursprünglichkeit" als eine Folge der komplizierten Wechselbeziehung von Natur und Kultur.

Der Wald erscheint in dieser Lokalgeschichte immer wieder als ein Raum der Konflikte – zwischen der lokalen Bevölkerung und herrschenden Eliten, Behörden oder Besatzern, zwischen Förstern und Naturschützern, Rindern und Wisenten, Menschen, Bäumen und Borkenkäfern. Die in offiziellen Dokumenten regelmäßig beklagten Fälle von Wilderei und Holzdiebstahl sind ebenfalls Teil dieser Konfliktgeschichte. Sie verweisen nicht nur auf die beschränkte Reichweite gesetzlicher Verordnungen, sondern auch auf die soziale Sprengkraft, die der Festschreibung von Eigentumsrechten an der Natur inhärent ist. Während instabile Herrschaftsverhältnisse in Kriegszeiten illegale Nutzungspraktiken begünstigten, spiegelten Wilderei oder das unerlaubte Fällen von Bäumen möglicherweise auch die in der Geschichte des Naturschutzes häufig anzutreffende Marginalisierung lokaler Interessen wider. Da das Jagen und Holzfällen in der Regel den herrschenden Eliten oder staatlichen Institutionen vorbehalten war, wurde die Nutzung des Waldes durch nichtprivilegierte Bevölkerungsgruppen vielfach kriminalisiert. Auch wenn es die Quellen sicher schwermachen, den Wilderern und Holzdieben als Akteuren mehr Kontur zu verleihen, so wäre es doch wünschenswert gewesen, wenn diese Phänomene konsequenter mit Fragen von Gewohnheits- und Eigentumsrecht sowie dem Verhältnis von lokalen und externen Interessen verknüpft worden wären.

Die drei Autoren haben eine detailreiche Studie der komplexen sozialen, politischen und ökologischen Entwicklungen im Wald von Białowieża vorgelegt. Das Buch zeigt den Wald als einen Mikrokosmos der ostmitteleuropäischen Geschichte zwischen Imperium und Nationalstaat, Naturschutz und Ressourcennutzung, Gewalt und Tourismus. Der Untersuchung liegen publizierte Materialien sowie umfangreiche Archivalien aus Polen, Deutschland, Weißrussland und Russland zu Grunde. Zahlreiche historische Fotos, Kunstwerke und Karten machen den historischen Wandel in der visuellen Repräsentation der Region sichtbar. Problematisch ist die bisweilen unscharfe Trennung zwischen Quellenbegriffen und Analysekategorien, insbesondere bei umweltgeschichtlichen Schlüsselbegriffen wie "Wildnis", "Urwald", "Natur" oder "Umwelt". Zudem gehen leider einige der zentralen Themen des Buches in der Materialfülle und der mitunter extrem quellennahen Darstellung etwas unter. Möglicherweise hätte anstelle der eher konventionellen chronologischen Gliederung ein stärker analytischer Ansatz die Grundprobleme dieser integrierten Umwelt-, Sozial- und Politikgeschichte besser fassbar gemacht und damit die Relevanz der Fallstudie über die Regionalgeschichte hinaus stärker zur Geltung gebracht.

Anmerkungen:
[1] UNESCO World Heritage Centre, Białowieża Forest, https://whc.unesco.org/en/list/33 (23.04.2018).
[2] Abholzung im Białowieża-Urwald verstößt gegen EU-Recht, in: Zeit Online, 17.04.2018, https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2018-04/polen-abholzung-in-urwald-verstoesst-gegen-eu-recht (23.04.2018).

Redaktion
Veröffentlicht am
23.05.2018
Beiträger
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