I. Reich (Hrsg.): Vom Monument zur Erinnerung

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Titel
Vom Monument zur Erinnerung. 25 Jahre Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in 25 Objekten


Herausgeber
Reich, Ines; Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen e. V.
Erschienen
Berlin 2017: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
238 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kurt Schilde, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

Das 25jährige Bestehen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der 65. Geburtstag seines aus dem Amt scheidenden Direktors Günter Morsch sind zwei Anlässe für die Herausgabe dieses bemerkenswerten Bandes – für das allgemeine Publikum – und ein besonderes Geburtstagsgeschenk für den sich in den Ruhestand Verabschiedenden. Seit 1993 hat Morsch zunächst als Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen und ab 1996 als Direktor der Stiftung gearbeitet. Für jedes Jahr der Stiftungsgeschichte ist aus den Sammlungen der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, der Gedenkstätten Brandenburg an der Havel, der Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald und der von der Stiftung verwalteten Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam ein Gegenstand ausgewählt worden. Das Objekt dient als Ausgangspunkt für Erzählungen zu seiner Geschichte und Nachgeschichte aber auch der der historischen Orte der Stiftung. Diese Idee, soviel sei vorweg gesagt, geht sehr gut auf und bietet einen kaleidoskopischen Überblick über die Gesamtgeschichte der Stiftung.

Die Erzählung beginnt mit einem Informationsschild, welches der kommissarische Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen Gerhard Emig – daher die Bezeichnung „Emig-Tafel“ – 1991 im Eingangsbereich aufstellen ließ. Der Text des mehrere Jahre in der DDR inhaftiert gewesenen Jurastudenten und späteren West-Berliner FDP-Politikers, der von Juni 1991 bis Dezember 1992 die Einrichtung leitete, beginnt mit der Aussage: „Die Gedenkstätte wurde von den kommunistischen Machthabern vor der Perestroika und der Wende zum Gedenken an die Opfer der Naziverbrecher errichtet und gestaltet.“ Bernd Faulenbach setzt sich mit dem Text und der Geschichte der Gedenkstätte auseinander. Er erinnert an die von der Brandenburgischen Landesregierung eingesetzte und von ihm geleitete Expertenkommission zur Neukonzeption der Brandenburgischen Gedenkstätten – der mit Stefanie Endlich und Annette Leo auch zwei Expertinnen angehörten – und deren Vorschläge. Dazu gehörte, „die Fixierung auf die kommunistischen Häftlinge aufzugeben“ (S. 26) und als „besonderes Problem“ die im Emig-Text angesprochene Geschichte des Speziallagers. Mit dieser „zweifachen Geschichte Sachsenhausens“ (S. 91ff.) setzt sich auch der Beitrag von Enrico Heitzer auseinander. Sein Ausgangspunkt der Darstellung ist das „Stoffherz von Leonore Fink“. Diese Gefangene widmete das Herz „meiner lieben Mutti“. Er erläutert anhand des Exponats sehr eindrucksvoll, „welche Überlebensstrategien im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen entwickelt werden konnten“ (S. 91).

In seinem Beitrag über die „Baracke 38“ geht Wolfgang Benz auf das besondere Leiden jüdischer Häftlinge in Sachsenhausen ein: Im Dezember 1939 waren 970 Juden registriert, die Zahl stieg auf 1.300 im März 1940. „Am 29. Mai 1942 wurden 400 Juden als Repressalie wegen des Anschlags der jüdisch-kommunistischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum in Sachsenhausen eingeliefert. 154 wurden sofort (wie am Vortag schon 96) erschossen.“ (S. 63) Benz erinnert aber auch an den Brandanschlag auf die Baracke im Herbst 1992 und den „Brandenburger Ermittlungsskandal“, welcher das „Ansehen von Polizei und Justiz nachhaltig geschädigt hat“ (S. 64).

Ein im Depot der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück aufbewahrtes Fotoalbum wird von der Gedenkstättenleiterin Insa Eschebach vorgestellt. Es enthält 92 Aufnahmen, beginnend mit der Aufstellung des weiblichen SS-Gefolges im verschneiten Ravensbrück, vermutlich von 1940. Es folgt eine Sequenz mit Aufnahmen der SS-Unterkünfte und Villen, der Schreibstube des Kommandanten und weiteren Aufnahmen. Eschebach weist zur Einordnung darauf hin, dass es auch aus anderen Konzentrationslagern wie Auschwitz, Westerbork, Stutthof oder Treblinka Fotoalben gibt, die als Leistungsnachweise dienten. Die nicht so seltenen Objekte umfassen offizielle Portraits, Aufnahmen von SS-Leuten bei der Arbeit, Privatfotografien von SS-Angehörigen und Fotografien von Tätern in alliierter Gefangenschaft.

In einem weiteren Beitrag setzt sich Detlef Garbe mit dem „Mindener Bericht“ auseinander, den ehemals leitende SS-Führer des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes 1946 in der Internierung abgefasst haben. Das Dokument verweist auf die zentrale Bedeutung Oranienburgs als Sitz der Inspektion der Konzentrationslager. Von den anderen 19 vorgestellten Relikten sei hier vor allem auf das von der jetzigen Leiterin der Gedenkstätten Brandenburg an der Havel Sylvia de Pasquale vorgestellte Architekturmodell „Museum des antifaschistischen Widerstandskampfes“ hingewiesen.

Ausgehend von den Reiseunterlagen Gerhard Penzels informiert die Herausgeberin Ines Reich über das Forschen und Ausstellen in der Potsdamer Gedenkstätte Leistikowstraße. Das frühere Gefängnis unterstand der sowjetischen Spionageabwehr, in deren Fänge Penzel geraten war. Er hatte in der DDR ein Informantennetzwerk aufgebaut, welches beispielhaft zeigt, „wie die Geheimdienste die Rückverbindungen von im Westen lebenden Ostdeutschen in ihre Heimat nutzten, um Spionageringe aufzubauen“ (S. 148). Dies sind nur wenige Beispiele von aus Objekten hergeleiteten Geschichten, die ausgehend von z.B. einem Pflasterstein, Teekessel, Koffer, einer Konserve und Druckplatte oder einem Bündel Kupferdraht über die Geschichte der Brandenburgischen Gedenkstätten berichten. Viele der vorgestellten Exponate sind in einer der 15 Dauerausstellungen der Brandenburgischen Gedenkstätten zu sehen. Nicht nur Günter Morsch dürfte sich über diese Form der Erinnerung an seine engagierte Tätigkeit – zu der nebenbei erwähnt über 70 Bände in zwei Schriftenreihen und die Zeitschrift „Konzentrationslager. Studien zur Geschichte des NS-Terrors“ gehören – sehr freuen.

Redaktion
Veröffentlicht am
26.01.2018
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