E. Kupferschmidt u.a.: Geschichten eines Sicherheitsunternehmens

: Geschichten eines Sicherheitsunternehmens. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Berlin 2013: Securitas Holding GmbH , ISBN 978-3-00-043348-1, 203 S. € 24,80.

: Geschichten eines Sicherheitsunternehmens. Bd. 2: Besetzung. Spaltung. Einheit. Vom Kriegsende bis zur Gegenwart. Berlin 2016: Securitas Holding GmbH , ISBN 978-3-00-051347-3, 209 S. € 24,80.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus Böick, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Die vorzustellenden Titel sind keine wissenschaftlichen Fachbücher im engeren Sinne. Vielmehr lassen sie sich als historisierende Selbstvergewisserungsschriften einer prekären Dienstleistungsbranche verstehen, die seit ihren Ursprüngen in der Zeit nach 1900 um öffentliche wie politische Anerkennung kämpfte und noch immer kämpft. Die private Sicherheitswirtschaft – die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts als „Bewachungsgewerbe“ firmierte – ist eine besondere Branche in einem sensiblen Schnittfeld von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Zur Diskussion stand und steht dabei nicht weniger als das staatliche Gewaltmonopol. Von Anfang an schien der Einsatz privater Wächter und Sicherheitskräfte gerade hierzulande in Öffentlichkeit, Politik und Gesellschaft stets auch eine bedrohliche Verfalls- oder Degenerationserscheinung zu sein: Drohte etwa ein „Ausverkauf“ des Staates zugunsten privater Interessen? Der geschwächte Staat und seine von massiven Kürzungen betroffenen Polizeikräfte zögen sich mehr und mehr zurück, während unterdessen kommerzielle Unternehmen prächtig am florierenden „Geschäft mit der Angst“ (vor Terrorismus oder Kriminalität) verdienten, wie der jüngst verstorbene Sozialdemokrat Erhard Eppler kurz nach dem 11. September 2001 empört feststellte: Auf diesen privatisierten „Gewaltmärkten“ degeneriere Sicherheit zu einer bloßen „Ware“, die sich bald nur noch die wohlhabenden Bürger leisten könnten, während ärmere Schichten sich selbst überlassen blieben.[1]

Die zu besprechenden Bücher wollen die Vorbehalte durch einen weitschweifigen wie reichhaltig illustrierten Blick in die Geschichte des „Bewachungsgewerbes“ ausräumen. Im engeren Sinne haben Erich Kupferschmidt und Thomas Menzel dabei eine interessante und im positiven Sinne populäre Kombination aus Branchen- und Unternehmensgeschichte vorgelegt, die zugleich Züge einer Festschrift für den Securitas-Konzern trägt. Doch was wird hier eigentlich gefeiert? Der im Jahr 1934 gegründete schwedische Konzern expandierte erst Mitte der 1990er-Jahre durch die Übernahme zweier traditionsreicher Sicherheitsunternehmen in Frankfurt am Main und München nach Deutschland und zählt mittlerweile zu den Marktführern in einer Branche, die über viele Jahre durch kleinere und mittlere Unternehmen in Familienbesitz bestimmt gewesen ist. Die über 20.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens in Deutschland, gut erkennbar durch das Firmenlogo mit den drei roten Punkten, bewachen öffentliche Gebäude, Betriebsanlagen sowie Kasernen oder Atomkraftwerke, patrouillieren im Nahverkehr, sichern private oder öffentliche Großveranstaltungen oder zeichnen für Sicherheitskontrollen an Flughäfen verantwortlich. Und auch insgesamt erscheint die Sicherheitsbranche mit über 250.000 Beschäftigten im Jahr 2018 hierzulande im Alltag so präsent wie nie, auch wenn immer wieder skandalträchtige Schlagzeilen über gewalttätige „Schwarze Sheriffs“, rechtsextreme Wachleute in NS-Gedenkstätten oder Flüchtlingswohnanlagen sowie problematische Entlohnungs- und Arbeitsbedingungen die Schlagzeilen beherrschen.[2]

Aufgrund ihres über die Jahre rasant gewachsenen Stellenwertes wurde dieser Branche in den internationalen Politik- und Sozialwissenschaften im Kontext der security studies seit den 1990er-Jahren und vor allem nach 9/11 erhebliche Aufmerksamkeit zuteil, als US-Großkonzerne wie Blackwater (heute: Academi) spektakulär als weltweite Dienstleister von Anti-Terror-Einsätzen auftraten. Die Geschichtswissenschaft und insbesondere die Zeitgeschichte hatte die Geschichte der Privatsicherheit jedoch noch kaum im Blick: Während große Forschungsprojekte zur „Versicherheitlichung“ die zeithistorische Sicherheitsforschung in Anschluss an Eckart Conze zu einem blühenden Forschungszweig ausgebaut haben[3], spielten nicht-staatliche Akteure oder Praktiken der Sicherheitsproduktion etwa in Form von Milizen, Bürgerwehren, einzelnen Bürgern oder eben kommerziellen Anbietern noch keine nennenswerte Rolle. Diese bemerkenswerte Leerstelle fällt umso mehr ins Auge, wenn man die umfassenden wie aktuellen Studien zu „private policing“ von Mark Button (Großbritannien), Wilbur Miller (USA) oder Pieter Lielup (Belgien) in Betracht zieht, die in ihren kriminologischen Analysen insbesondere die beständigen (un-)sicherheitsbezogenen Aushandlungs- und Spannungsverhältnisse zwischen „publicness“ und „privateness“ in Diskurs und Praxis erkundet haben.[4]

Von daher operiert dieser Doppelband in einem historiografisch weitgehend unkartierten Feld. Die beiden Autoren verorten die Sicherheitsbranche grundsätzlich in bemerkenswert langen Linien. Die vormodernen „Anfänge des Wächterberufs“ werden dabei anschaulich und knapp in einem ersten Kapitel seit der Ur- und Frühgeschichte beschrieben – über die Bewachung der Feuerstelle, biblische Passagen zum „zweitältesten Gewerbe der Welt“ sowie entsprechende Entwicklungen in Babylon, China, Ägypten, Griechenland oder Rom. Die Bewachung erscheint auf diese Weise als grundlegendes menschliches (Selbst-)Schutzbedürfnis und dementsprechend gewichtig erscheint auch der Wächterberuf an sich. Auch für die wachsenden Städte des europäischen Mittelalters, in denen nun nach Feinden oder Flammen spähende Türmer oder laut singende Nachtwächter das Straßenbild optisch wie akustisch vor allem des Nachts wesentlich mitbestimmten, vollziehen Kupferschmidt und Menzel die weitere Entwicklung in einem eigenen Kapitel nach. Die folgenden Kapitel verlassen dann zunächst die Chronologie und widmen sich zwei neuartigen Phänomenen des 19. Jahrhunderts: Präsentiert wird ein Biogramm des Franzosen Eugène François Vidocq, der sich in den 1810er-Jahren vom Kriminellen zum einflussreichen Kriminalisten wandelte und gemeinhin als Gründervater des modernen Detektivwesens gilt, sowie die Geschichte der 1850 in Chicago erfolgten Gründung der bald berühmt-berüchtigten „Pinkerton's National Detective Agency“, die als erstes kommerziell hocherfolgreiches Bewachungs- und Ermittlungsunternehmen gelten kann.[5]

Sodann beschreiben die Autoren die weitere Entwicklung des Wächterwesens „vom Landvogt bis zur Gründung privater Wach- und Schließgesellschaften“ in den deutschsprachigen Ländern seit der Frühen Neuzeit. Gerade im 19. Jahrhundert habe die einsetzende (National-)Staatsbildung eine zunehmende Zentralisierung und Professionalisierung der staatlichen Polizeikräfte forciert, während demgegenüber ältere Formen der privaten und insbesondere kommunalen Bewachung bis zum Ende des Jahrhunderts zunehmend verschwunden seien. Und weil nun die Türmer ihre Ausgucke verließen und die Nachtwächter ihre Hellebarden beiseitelegten, eröffnete sich in den rasant wachsenden und industrialisierten Großstädten des Deutschen Reiches eine regelrechte „Sicherheitslücke“, die eine Reihe findiger Unternehmensgründer für sich nutzten. Ab 1901 am US-Vorbild orientierte Neugründungen in Hannover, Köln, München oder Berlin boten ihren privaten oder gewerblichen „Abonnenten“ mit großem Werbeaufwand vorwiegend zur Nachtzeit regelmäßige Streifen- und Rundgänge durch ihr eilig rekrutiertes Wachpersonal an, das offene Türen verriegelte, die Beleuchtung löschte und insbesondere nach Einbrechern Ausschau hielt. Die Geschichte dieser in Politik und Öffentlichkeit stets mit beträchtlicher Skepsis beäugten Unternehmen, dies können die Autoren nun auch mithilfe einiger empirischer Fundstücke exemplarisch zeigen, erscheint dabei aufs Engste mit politischen wie gesellschaftlichen Dynamiken verzahnt: So bildeten der Erste Weltkrieg, die anschließende Revolution wie auch die Weimarer Zeit erhebliche Einschnitte für die Branche, wobei sich Kriegs- und Krisenzeiten sowie hiermit verschränkte gesellschaftliche Unsicherheits- und Bedrohungswahrnehmungen einerseits als lukrative Konjunkturtreiber erwiesen hätten, diese aber andererseits mit erheblichen rechtlichen Restriktionen (etwa bei Uniformen oder Bewaffnung), personellen Engpässen oder politischen Einschränkungs- und Vereinnahmungsversuchen einhergegangen seien.

Der zweite Band führt die Geschichte der Branche schließlich bis an die Gegenwart heran, wobei allerdings die ambivalente Rolle der privaten Sicherheitsdienste in der NS-Zeit (als Arisierungsobjekte bzw. bei der Zwangsarbeiterbewachung) bezeichnenderweise fast komplett ausgespart bleibt. Nach 1945 schien die Zukunft der privaten Sicherheitskräfte zunächst offen. In der SBZ bzw. DDR wurde dieses Feld komplett verstaatlicht und als Betriebsschutz in die Strukturen der Volkspolizei überführt. In den westlichen Zonen und der frühen Bundesrepublik versuchten hingegen zahlreiche familiengeführte Unternehmen, an ihr altes Geschäftsmodell der gewerblichen Betriebs- und Eigentumsbewachung anzuknüpfen, nachdem die alliierten Vorbehalte gegenüber deutschen Uniform- oder Waffenträgern zunehmend verklungen waren. Doch besonders seit den 1960er-Jahren deutete sich ein erheblicher Expansions- und Professionalisierungsschub durch rasch wachsende Sicherheitsunternehmen an. Dieses Wachstum erstreckte sich seit den von Terrorismusfurcht und Kriminalitätsängsten geplagten späten 1970er-Jahren und nochmals nach dem Mauerfall im Jahr 1989 auch verstärkt auf den öffentlichen Raum und wurde kontrovers diskutiert, als private Dienste zunehmend Aufgaben der Polizei übernahmen. Die folgenden, zunehmend kleinteiligeren Kapitel, die die dynamische Entwicklung bis zur Gegenwart beschreiben, sind wiederum auf die „weltweite Erfolgsgeschichte der Securitas“ (S. 104) bezogen und tragen dann mehr und mehr den hagiographischen Charakter einer typischen Unternehmensfestschrift, die den spektakulären weltweiten Aufstieg des schwedischen Konzerns und letztlich den unternehmerischen Genius der Gründerfiguren feiert.

Insgesamt fällt eine kritische, genuin zeithistorische Würdigung der Publikation zugegebenermaßen schwer. Es erscheint müßig, eine an ein breites (Branchen-)Publikum gerichtete Publikation für entsprechende Kunstgriffe und erwartbare Eigenarten grundsätzlich zu kritisieren. So würde man in einer Fachpublikation keinesfalls auf fiktionalisierte Dialoge oder erfundene Tagebucheinträge zurückgreifen, die aber dem Geschehen aus einer Mikro-Perspektive darstellerisch deutlich mehr Lebendigkeit verleihen. Im mit großer Liebe zum Detail zusammengetragenen bunten Quellen-, Bilder- und Anekdotenreigen geraten mitunter übergreifende Perspektiven sowie kritische Zeitabschnitte wie die NS-Zeit aus dem Blick, wobei methodische Reflexionen oder eine systematische Einordnung in breitere zeithistorische Kontexte letztlich auch gar nicht angestrebt werden. Auch stößt man sich insgesamt an dem manchmal trotzigen, manchmal euphorischen Aufstiegs- und Erfolgsnarrativ des Doppelbandes, der freilich auch aus der spezifischen Situation einer stets mit Argusaugen beargwöhnten Branche zu erklären ist. Und das hat nicht zuletzt mit den beiden Verfassern selbst zu tun: Erich Kupferschmidt, der selbst auf ein langes Berufsleben in der Sicherheitsbranche zurückblicken kann, und dem Journalisten Thomas Menzel geht es erklärtermaßen darum, darüber „nachzudenken, warum der gesellschaftliche Stellenwert des Bewachungsgewerbes in mehr als 100 Jahren kaum Fortschritte gemacht hat“ (S. 10).

Wer also in welcher Form in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft (innere oder gar äußere) Sicherheit anbieten, produzieren oder konsumieren kann, soll oder darf – dies ist eine überaus reizvolle Frage, die es aber künftig konsequent weiter zu historisieren und in trans- und internationale Bezüge einzubetten gilt. Eine Debatte über mögliche Transformationen von „Vigilanzkulturen“ könnte diese Diskussion weiter voranbringen.[6] Es wäre zu erörtern, inwiefern das 20. Jahrhundert insgesamt die Etablierung eines neuartigen sicherheitskapitalistischen Modells erlebt hat, das sich gerade nicht in vordergründigen Konkurrenzen zwischen verfallender Staatlichkeit und expandierender Sicherheitswirtschaft erschöpfte, sondern seit Anbeginn vielmehr vielfältigen kooperativen Hybridisierungen Vorschub geleistet hat. Insgesamt verweist dieser populärwissenschaftliche Doppelband, der den weiten Bogen von der überlebenswichtigen Bewachung der Feuerstelle bis hin zu kritischen Cyber-Infrastrukturen spannt, damit auf eine erstaunliche Leerstelle in der zeithistorischen Forschung.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Erhard Eppler, Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt? Die Privatisierung und Kommerzialisierung der Gewalt, Frankfurt am Main 2002.
[2] Bundesverband der Deutschen Sicherheitswirtschaft u.a. (Hrsg.), Sicherheitswirtschaft in Deutschland, Bad Homburg 2019.
[3] Hierzu: Eckart Conze, Geschichte der Sicherheit. Entwicklung – Themen – Perspektiven, Göttingen 2018; Achim Saupe, Von „Ruhe und Ordnung“ zur „inneren Sicherheit“. Eine Historisierung gesellschaftlicher Dispositive, in: Zeithistorische Forschungen 7 (2010), S. 170–187; Cornel Zwierlein, Sicherheitsgeschichte. Ein neues Feld der Geschichtswissenschaften, in: Geschichte und Gesellschaft 38 (2012), S. 365–386.
[4] Vgl. Mark Button, Private Policing, London 2019; Pieter Leloup, The private security industry in Antwerp (1907-1934). A historical-criminological analysis of its modus operandi and growth, in: Crime, History & Societies 19 (2015), S. 119–147; Wilbur R. Miller, A History of Private Policing in the United States, London 2019 sowie jüngst: Amerigo Caruso, Joining Forces against “Strike Terrorism”. The Public-Private Interplay in Policing Strikes in Imperial Germany, 1890–1914, in: European History Quarterly 49 (2019), S. 597–624.
[5] Vgl. Stephen O’Hara, Inventing the Pinkertons – or, Spies, Sleuths, Mercebarues and Thugs, Baltimore 2016.
[6] Hier insbesondere der neue Münchner SFB zu „Vigilanzkulturen“, vgl. https://www.sfb1369.uni-muenchen.de/der-sfb/index.html (03.12.2019).

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19.12.2019
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