T. Bürgisser: Wahlverwandtschaft zweier Sonderfälle im Kalten Krieg

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Titel
Wahlverwandtschaft zweier Sonderfälle im Kalten Krieg. Schweizerische Perspektiven auf das sozialistische Jugoslawien 1943–1991


Autor(en)
Bürgisser, Thomas
Reihe
Quaderni di Dodis 8
Anzahl Seiten
640 S.
Preis
€ 14,81
Andrej Markovic, Historisches Seminar, Universität Zürich

Selten illustriert ein Titelbild die These einer Monografie so prägnant wie im vorliegenden Fall. Auf einer Schwarz-Weiss-Fotografie von 1952 sehen wir zwei sich anlachende Kunstturner – einen Schweizer und eine Jugoslawin. Denn es ist „die Geschichte einer ‚relativen Nähe’“ (S. 32), die Thomas Bürgisser mit seiner Dissertationsschrift über die Beziehungen zwischen der Schweiz und dem sozialistischen Jugoslawien vorlegen möchte. Diese sind abseits der Migrationsgeschichte wenig erforscht und ihren politischen und wirtschaftlichen Dimensionen widmet der Autor sein Hauptaugenmerk. Ebenfalls nimmt er schweizerische Jugoslawienvorstellungen in den Blick – massgeblich hierfür ist Maria Todorovas Konzept des „Balkanismus“[1] – und fragt, wie sich diese auf die Schweizer Jugoslawienpolitik auswirkten. Insgesamt besticht die Studie insbesondere durch die detailreiche und in ihrer Breite geradezu erschöpfende Darstellung schweizerisch-jugoslawischer Beziehungen. Das quellengesättigte Werk beruht auf den Beständen zahlreicher schweizerischer Archive, insbesondere auf jenen des Bundesarchivs. Für die Rekonstruktion schweizerischer Jugoslawienvorstellungen zieht der Autor die Schweizer Presse sowie Reiseberichte heran, während Zeitzeugengespräche wenig bekannte Aspekte der Beziehungsgeschichte erhellen. Einzig die weitestgehende Beschränkung auf Quellen schweizerischer Provenienz ist – bei allem Verständnis für die Entscheidung – zu bedauern.

Einer Vorgeschichte schweizerisch-jugoslawischer Beziehungen folgen Kapitel, die schweizerische Hilfsmissionen nach Jugoslawien während und nach dem Zweiten Weltkrieg, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen sowie die Migrationsgeschichte zum Gegenstand haben. Stets geht es auch um die Bilder, die man sich in der Schweiz von Jugoslawien machte. Bürgisser interessiert hier insbesondere, inwiefern dem Land Modernität zugestanden wurde und wie über jugoslawische Besonderheiten wie Selbstverwaltungssozialismus und blockfreie Stellung gedacht wurde. Der Wahrnehmung des jugoslawischen Langzeitherrschers Josip Broz Tito ist ein eigenes, kurzes Kapitel gewidmet. Trotz ihres Umfangs bleibt die Studie dank ihrer thematisch-chronologischen Gliederung (und des Personenregisters) übersichtlich und leicht handzuhaben.

In der bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden und an Einzelheiten reichen Vorgeschichte erinnert Bürgisser unter anderem an die Bedeutung, welche die Schweiz im 19. Jahrhundert für die Studierenden und politischen Emigranten aus dem Raum, den Jugoslawien einmal umfassen sollte, innehatte. Das Vorhandensein von Vorstellungen vom Balkan als einer chaotischen, gewaltreichen Region sowie als vormodernen, orientalischen Teil Europas zeigt der Autor auch für die Schweiz auf. Besonders ausführlich lässt er aber jene Schweizer zu Wort kommen, die der Region etwas abgewinnen konnten – und zum Beispiel Serbien während des Ersten Weltkriegs zu einer eigentlichen „Urschweiz der Gegenwart“ (S. 80) stilisierten, in der ein freiheitsliebendes, den Schweizern mentalitätsverwandtes Bauernvolk lebte. In derartigen Projektionen des nationalen Selbstverständnisses sieht Bürgisser einen „Sonderfall des Balkanismus“ (S. 107─109). Bei der Behandlung der Zwischenkriegszeit treten die kleine Auslandschweizergemeinde in Jugoslawien und die wirtschaftlichen Beziehungen als Themen hervor, denn schweizerische Investoren waren zu bedeutenden Kapitalgebern avanciert.

Der eigentliche Hauptteil setzt mit der Schilderung schweizerischer Hilfsmissionen während und nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Die Bedingungen für eine bedeutsamere Beziehung schuf aber erst die nach dem Bruch mit der Sowjetunion einsetzende jugoslawische Öffnung gegenüber dem Westen. In der Schweiz blieb zwar der Umgang der jugoslawischen Regierung mit oppositionellen Kräften und insbesondere der römisch-katholischen Kirche Gegenstand öffentlicher Kritik, aber Bern teilte das Interesse westlicher Mächte, ein von der Sowjetunion unabhängiges Jugoslawien zu erhalten. Die Schweiz beteiligte sich an Kredithilfen und Mitte der 1980er-Jahre engagierte sie sich auf Bitten der Vereinigten Staaten, des Internationalen Währungsfonds und Jugoslawiens hin sogar in der Koordination von internationalen Finanzhilfen an das hochverschuldete Jugoslawien, das in der Zwischenzeit der bedeutendste osteuropäische Abnehmer schweizerischer Exporte geworden war. Bescheidener als die wirtschaftlichen Beziehungen waren die diplomatischen, die nur zeitweilig intensiviert wurden. Ein Beispiel für eine Phase verstärkter Zusammenarbeit war das Wirken beider Länder in der Gruppe der neutralen und blockfreien Staaten an den Konferenzen über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Darüber hinaus schätzten Schweizer Diplomaten ihre jugoslawischen Gesprächspartner ihrer Kenntnisse über den Ostblock wegen und zunehmend auch aufgrund des jugoslawischen Einflusses in der Bewegung der Blockfreien. Dass beide Seiten selbst unter den an der Zahl überschaubaren europäischen Neutralen den Umgang mit anderen Ländern priorisierten, macht allerdings den Stellenwert der Beziehung genauso augenfällig wie der Umstand, dass es nie zu einem Staatsbesuch des reisefreudigen jugoslawischen Präsidenten Tito in der Schweiz kommen sollte. (Es blieb bei einem kurzen Zwischenhalt auf dem Genfer Bahnhof anlässlich seiner Rückreise von einer Visite in Frankreich 1956.)

Wohl bemerkenswerter als die bilateralen Kontakte war das Interesse, das Jugoslawien bei ganz unterschiedlichen Menschen in der Schweiz zu wecken verstand. Die Resultate der jugoslawischen Modernisierungspolitik liessen die hergebrachten Balkanbilder verblassen, doch ganz verschwanden diese nie aus den Berichten über das von starken regionalen sozioökonomischen Disparitäten gekennzeichnete Land. Der jugoslawische Sozialismus wirkte aber nicht nur modern, er bot auch Anknüpfungspunkte für die Suche nach Gemeinsamkeiten. In der Schweiz wurden die Ähnlichkeiten und Unterschiede von Selbstverwaltungssozialismus und direkter Demokratie, Blockfreiheit und Neutralität und der Föderalismen beider Länder diskutiert. Der Partisanenaufstand im Zweiten Weltkrieg konnte sogar als Neuauflage des Rütli-Schwurs gedeutet werden. Aus diesem Fundus an Ähnlichkeitsbehauptungen bedienten sich nicht zuletzt Schweizer Diplomaten für ihre bei bilateralen Treffen vorgetragenen, überaus herzlichen Lobesreden auf die Qualität der schweizerisch-jugoslawischen Beziehungen. Bürgisser sieht in ihnen das Maximum dessen, was sich die offizielle Schweiz einem sozialistischen Staat gegenüber leistete. Interessant wäre es gewesen, die Bedingungen dieser gar stark Schweiz-zentrierten Sicht auf Jugoslawien stärker herauszuarbeiten, die zuweilen an die nicht minder überstrapazierten Analogien erinnert, die aus Ruanda eine „afrikanische Schweiz“ machten.[2] Eigentliche Jugoslawienschwärmer blieben in der Schweiz aber eine Minderheit. Für den jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus konnte sich auch die Schweizer Linke nicht ernsthaft begeistern. Aufgeschlossener für jugoslawische Erfahrungen zeigten sich hingegen die Militärs: Manche waren regelrecht fasziniert vom Partisanenkrieg. Nicht zuletzt entdeckten auch Schweizer Touristen zunehmend das Land. Ein Kapitel widmet Bürgisser schliesslich der jugoslawischen Einwanderung in die Schweiz. Die weitverbreitete Erzählung, wonach eine zuvor in der öffentlichen Wahrnehmung geschätzte Gruppe im Zuge der jugoslawischen Zerfallskriege eine gründliche Abwertung erfahren habe, relativiert er. Die Mehrheitsgesellschaft habe zwar vergleichsweise positiv geurteilt, doch vor 1991 seien die Jugoslawinnen und Jugoslawen als Gruppe überhaupt medial „weitgehend unsichtbar“ (S. 555) geblieben.

Am Ende gelangt Bürgisser zum nicht ganz überraschenden, dafür aber überzeugend abgestützten Schluss, dass die Beziehungen zwischen der Schweiz und Jugoslawien „nie aussergewöhnlich eng“ (S. 573) waren. Dem ist zuzustimmen. Umso stärker muss es aber irritieren, wenn der Autor wiederholt eine grosse Nähe der beiden Länder suggeriert. So bewertet er die zwischenstaatlichen Beziehungen als „enge aussenpolitische Partnerschaft“ (S. 427), spricht gar von einer „Geistes- und Seelenverwandtschaft der beide[n] Länder“ (S. 500) und resümiert: „Die schweizerisch-jugoslawische Wahlverwandtschaft war im aussenpolitischen Bereich eine Art versteckte Komplizenschaft Gleichgesinnter“ (S. 497). Derlei Affinitätssemantik ist naturgemäss wenig analytisch. Einen Beitrag zur Begriffsschärfe hätte eine transparente Diskussion der diesen Qualifikationen zugrundeliegenden Massstäbe leisten können. Ebenfalls erhellend wären systematisch oder zumindest häufiger vorgenommene Vergleiche der schweizerisch-jugoslawischen Beziehungen mit jenen der Schweiz zu anderen Ländern gewesen (für einen solchen, die militärische Kooperation betreffenden Vergleich, der allerdings die Bedeutung der schweizerisch-jugoslawischen Beziehungen relativiert, vgl. S. 390). Die Implikation, das sozialistische Jugoslawien habe in der Schweiz einen Wahl- oder Seelenverwandten erblickt, ist hingegen allein schon deswegen zurückzuweisen, weil einschlägige Quellen jugoslawischer Provenienz nicht ausgewertet wurden. Den Gesamteindruck trüben solche Irritationen aber nicht. Wer schweizerisch-jugoslawischen Verflechtungen nachgehen möchte, wird um das in Thomas Bürgissers Pionierarbeit entfaltete Panorama schweizerischer Blicke auf und Beziehungen zu Jugoslawien nicht umhinkommen.

Anmerkungen:
[1] Maria Todorova, Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil, Darmstadt 1999.
[2] Vgl. Lukas Zürcher, Die Schweiz in Ruanda. Mission, Entwicklungshilfe und nationale Selbstbestätigung (1900─1975), Zürich 2014.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.04.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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