R. Breckner u.a. (eds): Biographies and the Division ...

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Titel
Biographies and the Division of Europe. Experience, Action and Change on the 'Eastern Side'


Herausgeber
Breckner, Roswitha; Kalekin-Fishman, Devorah; Miethe, Ingrid
Erschienen
Anzahl Seiten
394 S.
Preis
DM 68,00
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Ina Merkel, Philipps-Universität Marburg

Das vorliegende Buch offeriert eine Auswahl von Vorträgen, die 1999 auf einer Konferenz in Berlin zum Thema "Biographien und die Teilung Europas" gehalten wurden. In diesen, in englisch publizierten Texten wird der Versuch unternommen, die vierzigjährige Spaltung Europas durch den "Eisernen Vorhang" in ihren Auswirkungen auf Lebensentwürfe und biographische Verläufe zu untersuchen. Ausgangsthese ist die Annahme, daß die Teilung den Hintergrund jeglicher Kommunikation zwischen Ost und West auf entscheidende Weise bestimmt hat. Nun soll herausgefunden werden, wie sich das auf das Alltagsleben der Menschen ausgewirkt hat, welche biographischen Wendungen es hervorgerufen hat und welche kulturellen Praxen der Bewältigung die Individuen ausgebildet haben. Die Untersuchungen bedienen sich des methodologischen Konzepts der Biographieforschung.
Obwohl es um die Erfahrung der Trennung zwischen Ost und West geht, konzentriert sich das Buch typischerweise auf Biographien im osteuropäischen Kontext. Die Herausgeber sind sich dieser Tatsache bewußt und begründen die einseitige Sichtweise damit, daß die politischen und sozialen Veränderungen dramatische Auswirkungen eben vor allem (oder sogar nur?) auf die Menschen in Osteuropa hatten. Die seit 1989 stattfindenden Transformationsprozesse, die sich in der Regel als Kapitalisierung darstellen, bestätigen diesen Zugang einmal mehr. Lebensentscheidungen und Orientierungen finden vor dem Hintergrund der westlichen Gesellschaften statt, die gewissermaßen als Norm europäischer Entwicklung gesetzt sind. Sosehr dieser Zugang also seine Berechtigung hat, provoziert er dennoch die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, auch einmal westliche Biographien vor dem Hintergrund osteuropäischer Geschehnisse zu untersuchen. So sind beispielsweise die 1968er Studentenunruhen, die Aktionen der RAF und die Gründung einer linksalternativen Partei (Die Grünen) nur vor dem Hintergrund osteuropäischer Entwicklungen zu begreifen. Auch wenn sie es vielleicht gar nicht wollen, bestätigen die Organisatoren der Konferenz mit ihrer Themenwahl einmal mehr die Ungleichgewichtigkeit in der Betrachtung und damit den Mainstream des politischen Diskurses über Europa, in dem Osteuropa in der Regel als das "andere Europa" ausgeklammert wird. Dieser Diskurs geht ja mittlerweile so weit, daß Länder wie Tschechien oder Polen erst einmal beweisen müssen, daß sie überhaupt zu Europa gehören.

Abgesehen von diesem grundsätzlichen Problem mit der Ausrichtung des Themas ist dem Buch jedoch zugute zu halten, daß es sich um eine sehr differenzierte Herangehensweise bemüht und dezidiert versucht, die Klischees und Polarisierungen des Kalten Krieges aufzubrechen. Ausgangspunkt ist die Kritik an den "Images", die über den Osten kursieren und jahrzehntelang den Blick gerichtet haben. Der Osten Europas, so ließe sich das sympathische Bestreben der Autoren und Autorinnen zusammenfassen, vereint in sich eine Vielzahl unterschiedlicher Charaktere und Facetten, die sich weder unter das Konzept "Sozialismus" noch das der "traditionalen Gesellschaft" einfach subsumieren lassen, sondern eigenlogische Formen von Entwicklung darstellen. Methodisches Konzept ist die Biographieforschung, mit deren Hilfe eine andere Perspektive, um nicht zu sagen der "Blick von unten", auf das Thema gerichtet wird. Entsprechend den unterschiedlichen Herangehensweisen und Fragerichtungen gliedert sich das Buch in drei Teile:
1. Annäherung an Europa – Theoretische Überlegungen (Approaching Europe – Theoretical Considerations)
2. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart – Erfahrungen von Gewalt und Zerstörung in Krieg, Diktatur und der Shoa (Between Past und Present – Experiences of Violence and Destruction)
3. Herausforderungen beim Überbrücken/Überqueren von Grenzen (Challenges in the Crossing of Borders)
Im ersten Teil werden theoretische Fragen behandelt, die zum Konzept von Europa und seiner Teilung in Beziehung stehen. Die Debatte wird von Erhard Stölting eröffnet, der in seinem Aufsatz: "Der Osten Europas – eine historische Konstruktion" die Entstehung von bestimmten Mustern im Ost-West-Diskurs seit dem 18. Jahrhundert nachvollzieht. Stölting zeigt darüber hinaus, wie diese dichotomisierenden Konstruktionen bei der Herausbildung nationaler Identitäten funktioniert haben, wie sie schließlich ins Unterbewußtsein abgesunken sind und dort nach wie vor und weitgehend unreflektiert die Vorstellung eines grundsätzlichen Gegensatzes von Ost und West speisen. Im Unterschied zu Stölting, der vor allem die Linie der Teilung verfolgt, stellt Martin Peterson in "Das Streben nach europäischer Identität" angesichts eines kulturellen Pluralismus in Europa die Frage, ob es dennoch so etwas wie einen gemeinsamen kulturellen Rahmen gibt, der es erlaubt, von europäischer Identität zu sprechen. Seiner Auffassung nach ist es nicht sinnvoll, nach fest definierbaren Kriterien zu suchen, die das "Europäische" ausmachen. Europäische Identität sei als eine Art work in progress zu verstehen, getragen von dem Bemühen aufgeklärter Geister um Pluralität, Modernität und Aufklärung. Einer solchen Denkweise entspricht das Konzept der Biographieforschung, in dem davon ausgegangen wird, daß die Individuen in gegebenen Verhältnissen ihrem Leben eine je eigene Bedeutung geben.

In diesem Sinne greift Wolfram Fischer-Rosenthal den Faden auf und entwickelt in seinem Aufsatz "Adresse verloren: Wie kann man das Leben festhalten. Biographisches Strukturieren in der europäischen Moderne" die Idee, daß sich Identitäten nicht länger fixieren lassen – weder in geographischer noch in kultureller oder sozialer Hinsicht –, sondern eine andauernde Praxis sind, mit der die Individuen den ständigen Wandel in ihrem Leben verarbeiten. Devorah Kalekin-Fishman geht in ihrem Aufsatz "Blick auf Europa von außen: Geschichten von Ausschließung und Einschließung" sogar noch einen Schritt weiter und fragt, ob nicht die biographische Methode selbst dahin tendiert, den permanenten Prozeß der Individualisierung abzuschließen, statt ihn in seiner Offenheit zu erfassen und zu beschreiben. Solchermaßen bietet der erste Teil eine hochaktuelle Debatte über die Möglichkeiten und Grenzen der Biographieforschung.
Im zweiten und dritten Teil des Buches geht es empirisch zur Sache. Während sich der zweite Teil mit der Frage beschäftigt, wie die Individuen Gewalterfahrungen biographisch verarbeiten, befaßt sich der dritte Teil mit zeitgenössischen kulturellen Praxen des Umgangs mit der Grenze. In beiden Themenfeldern geht es letztlich darum herauszufinden, inwiefern die Vergangenheit heute noch präsent ist und sich auf das Leben in der Gegenwart auswirkt. Die biographischen Erzählungen, so der Ansatz, unterliegen im Verlaufe der Zeit einem Bedeutungswandel, der zum einen durch die Generationenfolge in der Familie und zum anderen durch den sich verändernden öffentlichen Diskurs über Politik und Geschichte begründet ist.

Victoria Semenova eröffnet die Diskussion mit ihrem Aufsatz "Die Botschaft der Vergangenheit: Wie die Erfahrung des Leids durch die Generationen vermittelt wird". Sie geht der Frage nach, was die Erlebnisse der Großeltern in den 20er und 30er Jahren in Sowjet-Rußland für die Konstruktion von Lebensgeschichten der heutigen jungen Generation bedeuten. Gabriele Rosenthal schließt an mit ihrem Aufsatz "Soziale Transformation im Kontext familialer Erfahrungen: Biographische Konsequenzen verdrängter Vergangenheit in der Sowjetunion". Sie versucht eine Deutung der Repräsentationen von Vergangenheit vor dem Hintergrund gegenwärtig durchlebter Erfahrungen – einmal als Auswirkung der Vergangenheit in die Gegenwart und zum anderen als Rekonstruktion der Vergangenheit aus heutiger Perspektive. Von besonderem Interesse ist, was in den Erzählungen früher verschwiegen und versteckt wurde und was davon heute weggelassen wird.

Auch die folgenden Aufsätze befassen sich mit der Frage, wie jahrzehntelang versteckte oder mit einer bestimmten Bedeutung erzählte Geschichten (wie die des Holocausts) seit der Öffnung der Grenzen einen Bedeutungswandel erfahren. Bettina Völter folgt in ihrem Aufsatz "Intergenerationendialog in Familien jüdischer Kommunisten in Ostdeutschland. Eine prozeß-orientierte Analyse" der sich wandelnden Perspektive auf die Vergangenheit und auf die eigene jüdische Identität im Verlaufe von vierzig Jahren. Was es heißt, nach der Shoa ein Jude zu sein, ist auch das Thema von Lena Inowlocki "Doing ‚Being Jewish'. Die Konstitution von ‚Normalität' in displaced jüdischen Familien in Deutschland". Sie beschreibt den Fall einer jüdischen Mutter, die, in Westdeutschland lebend, versucht, ein "normales" jüdisches Leben zu leben.

Den Drang, der familialen Vergangenheit zu entfliehen und eine neue Basis für "Normalität" zu schaffen, beschreiben Júlia Vajda und Éva Kovács in ihrem Aufsatz "Wie Juden und Nicht-Juden nach der Übergangsperiode in Ungarn zusammenleben". Sie untersuchen anhand von vier unterschiedliche Fällen, welche Rolle das Jüdisch-Sein im Verhältnis der Partner und in den jeweiligen Familien spielt und wie diese mit dem Vergangenheitstrauma und den Schuldgefühlen umgehen. Diese Frage stellt sich auf ganz andere Weise auch Mirjana Morokvasic-Müller in ihrem Aufsatz "Dem Nationalismus und der Gewalt entrinnen: Interethnische Heiraten in Post-Jugoslawien", wenn sie untersucht, vor welchen Herausforderungen interethnische Beziehungen nach den kriegerischen Ereignissen der letzten Jahre stehen. Eine ganze Generation, die als "Jugoslawen" sozialisiert wurde, ist nun in eine nationale Hysterie verstrickt, aus der sie sich kaum lösen kann.

Die folgenden Aufsätze befassen sich mit narrativen Strategien in biographischen und autobiographischen Erzählungen. Kaja Kazmierska zeigt in ihrem Aufsatz "Polnisch-deutsche Beziehungen in Erzählungen über die Erfahrungen des II. Weltkriegs von der östlichen Grenzregion", wie die Kriegserlebnisse einmal in den Mustern kollektiver Erfahrung geschildert werden (wenn sie mit der Sowjet-Armee zusammenhängen) und zum anderen in Form biographischer Aktion (wenn sie mit der deutschen Armee zusammenhängen). Sie deutet diesen Befund als narrative Strategien, die auf den Vergleich unterschiedlicher Erfahrungen militärischer Gewalt zielen.

Mihai Dino Gheorghiu beschäftigt sich in seinem Aufsatz "Narrative extremer Erfahrungen in vier Lebensgeschichten: Mircea Eliade, Mihail Sebstian, Nicolae Steinhardt, Paul Goma" ebenfalls mit narrativen Strategien, diesmal aber im öffentlichen Raum. Es geht um die Untersuchung der Wirkung kürzlich in Rumänien veröffentlichter autobiographischer Texte von Intellektuellen, die von extremen Leiden während des faschistischen bzw. stalinistischen Regimes berichten, auf den öffentlichen Diskurs und die Geschichtsschreibung. Eine ähnliche Frage wirft Zdzislaw Krasnodebski in seinem Aufsatz "Dilemmata kollektiver und individueller Erinnerung in Osteuropa: Reflexionen am Beispiel Polen" auf. Er untersucht den enormen Wandel, den die Deutung der Vergangenheit im öffentlichen Diskurs erfahren hat. Dabei konzentriert er sich auf die biographischen Erzählungen der Solidarnost-Generation und zeigt, wie schwierig es ist, klare Unterscheidungen von Opfern und Tätern zu treffen, insbesondere wenn man den Wandel der Positionen bedenkt, die durch den Fall des Sozialismus hervorgerufen wurden.

Der dritte Teil des Buches beschäftigt sich mit der Frage, wie die Menschen mit der Grenze zwischen den Systemen umgegangen sind und was sie für ihr Alltagsleben bedeutet hat. Ina Dietzsch thematisiert in ihrem Aufsatz "Die Konstruktion kultureller Differenz zwischen Ost- und West-Deutschland anhand von Briefwechseln" das Problem, Nähe und Gemeinsamkeit in familiären oder Freundschaftsbeziehungen während der politischen Teilung aufrechtzuerhalten. Die Briefeschreiber bedienen sich dabei zugleich solcher Strategien, die geeignet sind, Hierarchien analog des politischen Diskurses zu konstituieren, als auch solcher, die über alle Grenzen hinweg immer wieder Gemeinsamkeiten herstellen. László Kürti befaßt sich in seinem Aufsatz "Der sozialistische Zirkus: Geheimnisse, Lügen und autobiographische Familienerzählungen" ebenfalls mit den Widersprüchen innerhalb einer Familie, die sich an dem Für und Wider zur sozialistischen Gesellschaft zerreibt.
Geradezu entgegengesetzt untersucht Vera Sparschuh in ihrem Aufsatz "Die Biographien der Biographen: Einige Bemerkungen über die Geschichte der Sozialwissenschaften in der DDR" inwiefern die Konstituierung der sozialistischen Gesellschaften mit der Herausbildung bestimmter biographischer Muster verknüpft war. Ingrid Miethe hingegen interessiert sich in ihrem Text "Wandel des politischen Aktivismus: Ostdeutschland in der Transformation" für den Bedeutungswandel, den das politische Handeln der besonderen Gruppe der Dissidenten im Verlaufe der Wende erfahren hat.

Ingrid Oswald und Viktor Voronkov reflektieren in ihrem Aufsatz "Tricky Hermeneutics. Öffentliche und private Sichtweisen auf jüdische Migration von Rußland nach Deutschland" das Problem, inwiefern der biographische Hintergrund der Sozialwissenschaftler Einfluß auf die Interpretation hat. Für die Muster der Kommunikation über Differenz interessieren sich Yvonne Schütze und Tamar Rapoport in ihrer Untersuchung "'Wir sind uns ähnlich in dem, wie wir anders sind': Soziale Beziehungen junger russisch-jüdischer Immigranten in Israel und in Deutschland". Roswitha Breckner beschäftigt sich in ihrem abschließenden Aufsatz mit der "Bedeutung des Eisernen Vorhangs in den Biographien von Ost-West-Migranten". Sie zeigt anhand von zwei rumänischen Auswanderern von 1970, daß die Grenze erst mit der Migration zum strukturierenden Element von Erfahrung wird.
Soweit die Aufsätze in aller gebotenen Kürze, die der Fülle des empirischen Materials und der anregenden Fragestellungen und Interpretationen nicht annähernd gerecht werden kann. Ein zweifellos großes Verdienst der Herausgeberinnen ist es, so viele osteuropäische Wissenschaftler/innen für die Publikation gewonnen zu haben. Dies eröffnet eine Vielzahl interessanter Perspektiven auf das Thema, die über bisherige Publikationen weit hinausgehen. Dem Band ist wegen seiner tiefgehenden theoretisch-methodologischen Reflexionen, seiner geschichtlichen Differenziertheit und seiner interessanten Fallstudien ein über den kleinen Kreis der Osteuropa-Experten hinausgehendes Publikum zu wünschen.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.11.2001
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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