M. Bengtson-Krallert: Die DDR und der internationale Terrorismus

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Titel
Die DDR und der internationale Terrorismus.


Autor(en)
Bengtson-Krallert, Matthias
Reihe
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag / Politikwissenschaften 69
Erschienen
Anzahl Seiten
412 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Wunschik, Abteilung Bildung und Forschung, Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen

Warum hat die DDR, trotz der beständigen Sorge um ihre Reputation, die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) ab 1969 unter ihrem neuen Anführer Jassir Arafat offen unterstützt? Matthias Bengtson-Krallert geht in seiner Dissertation an der Freien Universität Berlin dieser berechtigten Frage nach. Ein Teil seiner Antwort liegt in der selbstbetrügerischen Annahme der SED-Führung, mäßigend auf die Organisation einwirken zu können – und in der Unterstellung, der „imperialistische“ Westen würde ihm nahestehende „Freiheitskämpfer“ in der „Dritten Welt“ genauso unterstützen. Vor allem betrachtete Ostberlin die Freundschaft mit der palästinensischen Dachorganisation als Mittel, um Anerkennung durch die arabische Welt zu erlangen.

Zutreffend verknüpft der Autor die Haltung der DDR gegenüber dem palästinensischen Lager mit dem weltpolitischen Geschehen. Gemäß der von Moskau gewünschten Arbeitsteilung fungierte Ostberlin im Nahen Osten nämlich als ein „osteuropäischer Vortrupp“ (S. 103) und lieferte sogar solche Waffen an die PLO, die die Sowjetunion ihr verweigerte. Denn aus sowjetischer Sicht war die palästinensische Dachorganisation ein unsicherer Kantonist ohne genügende marxistische Prägung. Die Auseinandersetzung in Palästina wurzelte ja auch in anderen Konflikten als dem „Klassenkampf“ oder dem „kalten Krieg“ zwischen Ost und West. Unter dem Dach der PLO versammelten sich jedenfalls unzählige „linke“ und „rechte“ Gruppierungen unterschiedlicher (und variierender) Militanz, die sich oftmals untereinander heftig befehdeten.

Dem palästinensischen Lager zuzurechnen waren auch (spätere) Terroristen wie Abu Daud, Abu Nidal oder „Carlos“. Zur Durchsetzung ihrer Interessen ersuchten sie alle irgendwann um Unterstützung durch sozialistische Staaten – und nicht zuletzt durch das SED-Regime, weil es sich kritisch gegenüber Israel positioniert hatte. Wie diese Terrorgruppen dann protegiert wurden, untersucht Bengtson-Krallert detailliert – von der Gewährung eines Ruheraums für die Anführer und der Weitergabe geheimdienstlichen Insider-Wissens bis hin zur Lieferung von Waffen bzw. Duldung des Handels mit diesen.

Dabei schwankt der Autor zwischen einer diachronen und einer systematischen bzw. unsystematischen Darstellung. So werden 90 Prozent des Buches in ein einziges Kapitel gezwängt, doch unter dessen Überschrift „Die Zusammenarbeit zwischen der DDR und der PLO“ ist dann über viele Seiten von militärischer Kooperation zwischen Moskau und Ostberlin die Rede. Innerhalb dieses Hauptkapitels wird dann in drei Teilkapiteln die Geschichte der Beziehungen zwischen Ostberlin und den Palästinensern in den 1950er- und 1960er-, in den 1970er- und schließlich in den 1980er-Jahren untersucht. Im mittleren Teil wird jedoch beispielsweise auch die Strukturgeschichte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) bis 1989 entrollt. So bedarf es auf den 370 Textseiten auch fünf Gliederungsebenen, um die Darstellung „in den Griff“ zu bekommen, was den analytischen Mehrwert schmälert.

Trotz seiner insoweit diachronen Darstellung übersieht Bengtson-Krallert die entscheidende Zäsur gegen Mitte der 1980er-Jahre, als die DDR vor allem aus Sorge um ihre Reputation die Unterstützung des internationalen Terrorismus erheblich drosselte. Nach ernüchternden Erfahrungen mit „Carlos“ überboten sich die Geheimdienste der DDR, Ungarns und der CSSR nun darin den Topterroristen aus ihren Ländern „herauszuekeln“.[1] Auch gegenüber Abu Nidal oder der RAF überwog bei der Staatssicherheit bald die Vorsicht. In seiner detaillierten Schilderung dieser Kooperationsbeziehungen hätte Bengtson-Krallert diese Veränderung in der Grundhaltung der ostdeutschen Geheimpolizei herausarbeiten müssen, die in der Forschung seit langem thematisiert wird.[2] Dass die Arbeitsteilung innerhalb der Staatssicherheit gegenüber den palästinensischen Terrorgruppen laut Bengtson-Krallert darauf hinaus lief, dass die Hauptabteilung XXII („Terrorabwehr“) die Informationen sammelte und die Hauptverwaltung A (HV A) in die Gruppen eindrang, entspricht ebenfalls nicht dem Forschungsstand.[3] Auch die erstgenannte verfügte über eine Reihe Inoffizieller Mitarbeiter in verschiedenen Terrorgruppen.

Gewisse Überzeichnungen mögen damit zusammenhängen, dass Bengtson-Krallert an erster Stelle seiner Forschungsmotivation nennt, dass er bis zu seinem 14. Lebensjahr selbst „täglich Mängeln, Tücken und Schikanen“ des SED-Unrechtsstaates ausgesetzt“ gewesen sei (S. 16). Vielleicht werden deswegen auch die Quellen mitunter überinterpretiert. So schreibt er beispielsweise, insgesamt 75 DDR-Bürger hätten eine „im Auftrag des MfS agierende Unterstützergruppe“ für „Carlos“ gebildet (S. 275). Tatsächlich handelte es sich hierbei um sympathisierende Gaststudenten aus dem Nahen Osten, kurzlebige Frauenbekanntschaften und kontaktfreudige Barkeeper der Interhotels, in denen „Carlos“ nächtigte. Oft kannten diese sich gegenseitig nicht und wurden, wenn überhaupt, von der Staatssicherheit einzeln instruiert. Von einer MfS-geführten Gruppe gut organisierter Handlanger des Top-Terroristen mitten in der DDR kann nicht die Rede sein.

Die Unterstützung von Terroristen sollte geräuschlos vonstattengehen und wenig Spuren hinterlassen. Daraus resultierende Lücken in der Überlieferung sind dem Autor nicht anzulasten, doch muss deswegen das mutmaßliche Geschehen umso vorsichtiger rekonstruiert werden. Bengtson-Krallert zitiert jedoch mehrfach die (Verschwörungstheorien nicht abgeneigte) Regine Igel.[4] Als Beleg für die vermutlich zutreffende Weitergabe sowjetischer Waffen an Terroristen durch Syrien nennt er einen 1989 erschienenen Aufsatz. Eine interne Einschätzung Honeckers ist mit der 1993 erschienenen Studie von David Yallop belegt (S. 285).[5] Gar nicht dokumentiert, sondern lediglich aus dem insgesamt guten Kenntnisstand der Staatssicherheit rückgeschlossen, ist die Behauptung, die DDR habe bereits im Vorfeld des Anschlags auf die Olympischen Spiele in München 1972 von diesem erfahren (S. 163). Andere Charakteristika der Arbeit, wie die häufigen Zusammenfassungen und Überleitungen, sind der Natur einer akademischen Qualifizierungsarbeit geschuldet, hätten für die Druckversion aber auch bereinigt werden können. In diesem Zuge ein Personenregister zu erstellen, hätte viele Leser vermutlich ebenfalls erfreut.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Oliver Schröm, Im Schatten des Schakals. Carlos und die Wegbereiter des internationalen Terrorismus, Berlin 2002, bes. S. 262–266.
[2] Vgl. Martin Jander, Differenzen im antiimperialistischen Kampf. Zu den Verbindungen des Ministeriums für Staatssicherheit mit der RAF und dem bundesdeutschen Linksterrorismus, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 1, Hamburg 2006, S. 696–713, hier S. 706; Tobias Wunschik, Gleiche Gegner, verwandte Methoden, unterschiedliche Strategien. Die Bekämpfung des Linksterrorismus in den beiden deutschen Staaten, in: Karl Härter / Beatrice de Graaf (Hrsg.), Vom Majestätsverbrechen zum Terrorismus. Politische Kriminalität, Recht, Justiz und Polizei zwischen Früher Neuzeit und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2012, S. 365–401, bes. S. 392–395.
[3] Vgl. Helmut Müller-Enbergs, Hauptverwaltung A (HV A). Aufgaben – Strukturen – Quellen, Berlin 2011.
[4] Vgl. Regine Igel, Terrorismus-Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte, München 2012.
[5] Vgl. David Yallop, Die Verschwörung der Lügner, München 1993.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.11.2018
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