Cover
Titel
Radiation Nation. Three Mile Island and the Political Transformation of the 1970s


Autor(en)
Zaretsky, Natasha
Erschienen
Anzahl Seiten
XIX, 285 S.
Preis
$ 35.00; £ 27.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Bösch, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Ende März 1979 kam es zu einem der schwersten Unfälle in der Geschichte der Atomkraft. Nach einem Ausfall der Kühlung im Reaktor Three Mile Island nahe Harrisburg setzte eine Kernschmelze ein, und die Welt fieberte live mit, ob Radioaktivität austreten würde. Rund 140.000 Menschen aus der Umgebung flohen, und diese Bilder verstärkten wiederum die Angst. Wenngleich es schließlich „nur“ zu einer partiellen Kernschmelze kam und direkte physische Schäden ausblieben, bescherte der Unfall in den USA eine Wende in der Atompolitik. Für Jahrzehnte wurde kein neu geplantes Atomkraftwerk mehr zugelassen, und die Atomindustrie galt als diskreditiert. Der Ablauf, die Aufarbeitung und die Folgen des Unfalls sind entsprechend relativ gut erforscht[1], dessen Bedeutung in der Populärkultur[2], zum Teil auch dessen Wirkung auf Westeuropa.[3]

Natasha Zaretskys Studie behandelt jedoch weniger den Unfall selbst oder, wie meist auch in der deutschen Zeitgeschichtsforschung üblich, die generelle Geschichte der Anti-AKW-Proteste. Den roten Faden bildet vielmehr das Argument, der Unfall stehe für das Aufkommen eines „biotic nationalism“. Die Angst vor den radioaktiven Strahlen sei vor allem auf die Reproduktionsfähigkeit von Frauen und den Schutz von Kindern bezogen worden, wodurch eine neue Verbindung zwischen ökologischem Denken und konservativ-christlichen Positionen entstanden sei. Ihr gemeinsames Misstrauen gegenüber dem Staat und der Einsatz für ungeborene Kinder, die die Zukunft der Nation sichern sollten, hätten maßgeblich zum Wandel der politischen Kultur und zur konservativen Wende beigetragen. Dabei spricht Zaretsky von „post-Vietnam patriotic body politics“ (S. 9). Inhaltlich knüpft sie damit direkt an ihr vorheriges Buch zum Status der Familie im Kontext der Niedergangsdiskurse der 1970er-Jahre an.[4]

Zaretskys Studie bettet dieses Argument zunächst in die Angst vor der Atombombe seit den 1950er-Jahren ein, bei der die Furcht vor genetischen Mutationen bereits eine Rolle spielte. Auch der Vietnam-Krieg habe eine Gefährdung der Körper in den Vordergrund gerückt. Das weit verbreitete Misstrauen gegenüber der Regierung nach dem Vietnam-Krieg und dem Watergate-Skandal habe die Wahrnehmung des AKW-Unfalles 1979 geprägt – angesichts der Unsichtbarkeit von Radioaktivität, der schwierigen Bewertbarkeit des Unfalls und der möglichen langfristigen Folgen. Entsprechend macht Zaretsky eine „crisis of visibility“ aus (S. 72).

Die eigenen Forschungsanteile des Buches sind ganz auf die Region um den Reaktor bezogen. Dabei stützt sich die Autorin vornehmlich auf zeitgenössische Aussagen von Anwohnern, die in der grauen Literatur, bei Untersuchungen oder auf Flugblättern gemacht wurden. Diese verängstigte und potentiell gefährdete Bevölkerung war überwiegend weiß, protestantisch und konservativ, was die Deutung der Gefährdung prägte. Dass (schwangere) Frauen und Kinder im Vordergrund der anklagenden Proteste standen, kann die reich illustrierte Studie schon visuell mit Medienbildern und Protestschriften untermauern. Dies stand für die Angst vor künftigen Schäden am Körper der Nation, die nicht absehbar seien. Berichte über die lokale Mutation von Tierbabys und Pflanzen, die in der betroffenen Region rasch aufkamen, sollten dies untermauern. Der „betrügerischen Regierung“, besonders in Washington, wurde die Schuld an den angeblich verstrahlten Frauenkörpern gegeben. Da der konservative Nationalismus auf Reproduktion bezogen gewesen sei, kamen laut Zaretsky auch bei Republikanern Ängste auf. Während reale physische Folgen für Menschen nicht nachweisbar waren, betont die Autorin die psychischen Folgen. Die Anwohner verglichen sich mit den damaligen Geiseln in der US-Botschaft in Teheran, da auch sie Opfer der nationalen Politik seien. Die mit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan wachsende Angst vor einem Atomkrieg wirkte verstärkend. Aus diesem Grunde seien die Abrüstungskampagnen in den 1980er-Jahren sowohl von Linken und als auch von Konservativen unterstützt worden.

So kann das Buch ein stark vorgetragenes Argument mit einer interessanten Fallstudie verbinden. Freilich wird der Wandel der US-amerikanischen politischen Kultur ganz aus den Protesten der Region abgeleitet, was sicherlich kaum repräsentativ ist. Selbst leicht zugängliche Quellen wie Parlamentsdebatten werden zugunsten der lokalen Protestkultur ausgeblendet. Emotionshistorische Ansätze zur Geschichte der Angst greift Zaretsky nicht auf. Bei Aussagen zur Überparteilichkeit von Akteuren wird deren strategische Funktion unterschätzt. Dass der Schutz des Fötus nach der Liberalisierung des Abtreibungsrechts von 1973 einen Kern konservativer Mobilisierung bildete, ist unstrittig. Stärker zu gewichten ist aber, dass ökonomische Motive dazu führten, dass auch Republikaner die Atomkraft für nicht mehr vertretbar hielten. Neben den gewaltigen Investitions- und Entsorgungskosten gab es für die Kraftwerksbetreiber große Risiken, da Unfälle Schließungen oder teure Auflagen nach sich ziehen konnten – und damit auch finanziell schwere Einschnitte. Da internationale Seitenblicke in der Studie fehlen, bleibt offen, ob und warum ein „biotic nationalism“ sich spezifisch in den USA entfaltete. Ein Verdienst dieses Buches ist es jedoch zweifelsohne, Körper- und Geschlechtergeschichte enger als bislang üblich mit der Geschichte riskanter Großtechniken zu verbinden. Auch die Verbindungen zwischen links-ökologischen und konservativen Positionen in der Zeit um 1980 deuten Perspektiven für weitere Forschungen an. Die Angst vor genetischen Eingriffen, das Misstrauen gegenüber dem Staat oder auch die Sehnsucht nach natürlichen Lebensweisen erwiesen sich als langfristig bedeutsam.

Anmerkungen:
[1] J. Samuel Walker, Three Mile Island. A Nuclear Crisis in Historical Perspective, Berkeley 2004; Bonnie A. Osif / Anthony J. Baratta / Thomas W. Conkling, TMI 25 Years Later. The Three Mile Island Nuclear Power Plant Accident and its Impact, University Park 2004.
[2] Grace Halden, Three Mile Island. The Meltdown Crisis and Nuclear Power in American Popular Culture, New York 2017.
[3] Frank Bösch, Taming Nuclear Power: The Accident near Harrisburg and the Change in West German and International Nuclear Policy in the 1970s and early 1980s, in: German History 35 (2017), S. 71–95.
[4] Natasha Zaretsky, No Direction Home. The American Family and the Fear of National Decline, 1968–1980, Chapel Hill 2007.