H. Tarrant u.a. (Hrsg.): Brill's Companion to the Reception of Plato

Cover
Titel
Brill's Companion to the Reception of Plato in Antiquity.


Herausgeber
Tarrant, Harold; A. Layne, Danielle; Baltzly, Dirk; Renaud, François
Reihe
Brill's Companions to Classical Reception 13
Erschienen
Anzahl Seiten
XXI, 657 S.
Preis
€ 187,00; $ 216.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Pietsch, Institut für Klassische Philologie, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Angesichts der enormen Nachwirkung Platons ist es sinnvoll, in einem Kompendium die Stationen dieser komplexen Denkbewegung nachzuzeichnen. Und es ist auch sinnvoll, sich dabei auf eine einzelne Epoche, im vorliegenden Falle auf die Antike, zu beschränken, denn auch so umfasst der vorliegende Band bereits 582 Textseiten, auf denen selbst innerhalb der gewählten Beschränkung manches entweder, wie die patristische Platonrezeption, nur gestreift oder gar, wie Platons berühmtester Schüler Aristoteles, überhaupt nicht behandelt werden kann. Mit diesem neuen Brill‘s Companion wird sicherlich insofern einem Desiderat entsprochen, als nun eine chronologisch geordnete Darstellung (fast) aller einschlägigen antiken Autoren vorliegt. Das Bemühen, nicht so sehr die einzelnen Autoren um ihrer selbst willen zu besprechen, sondern als Rezipienten Platons in einem je bestimmten historischen Kontext deutlich werden zu lassen, verleiht den einzelnen Beiträgen eine gemeinsame, spezifische Charakteristik.

Bei den einzelnen Beiträgen handelt es sich um Übersichtsdarstellungen auf engstem Raum, das heißt auf durchschnittlich etwa 15–20 Seiten. In jedem Falle trägt Brill‘s Companion damit den Bedürfnissen eines Publikums Rechnung, das eine erste Orientierung auf einem Gebiet sucht, das selbst unter Altertumswissenschaftlern nur wenigen vertraut ist. Doch auch ein Spezialist dürfte kaum mit allen Bereichen des antiken Platonismus so vertraut sein, dass er nicht etliche Artikel mit Gewinn lesen wird.

Zu den Details: Die vier Herausgeber, unter ihnen der renommierte Platonismus-Forscher Harold Tarrant (University of Newcastle, Australia), treten nicht nur durch Auswahl und Anordnung der Einzelbeiträge in Erscheinung, sondern auch durch eigene, übergreifende Beiträge, die dem Band eine gegliederte Binnenstruktur verleihen. In ihnen erhält der Leser zu Beginn eine Einführung in das Anliegen des Bandes insgesamt sowie am Ende eine zusammenfassende Rückschau. Doch werden auch die drei thematischen Großbereiche, in die die chronologische Abfolge der insgesamt 31 Beiträge aufgeteilt ist, jeweils durch eine eigene Introduction eingeleitet. Im Einzelnen behandelt Part I: Early Developments in Reception (29–89) in vier Beiträgen die Platon-Rezeption von den unmittelbaren Schülern Platons in der Mitte des 4. Jahrhunderts v.Chr. (Ph.S. Sidney Horky, 29–45) über die Philosophenschulen des Hellenismus mit Schwerpunkt auf der Stoa (F. Alesse, 46–57) und der Neuen Akademie (Ch.E. Snyder, 58–71) bis zum Moment des Übergangs zum sogenannten Mittelplatonismus in der Zeit Ciceros (F. Renaud, 72–89). Part II: Early Imperial Reception of Plato (92–249) bespricht in neun Beiträgen die Phase des Mittelplatonismus, beginnend ungefähr ab der Zeitenwende mit Philon von Alexandria (S. Yli-Karjanmaa, 92–99), über Plutarch von Chaironeia und den anonymen Theaitet-Kommentator (M. Bonazzi, 130–142), Theon von Smyrna (F.M. Petrucci, 143–155), Apuleius (G. Roskam, 156–170), Alkinoos (C.S. O‘Brien, 171–182), Numenios (P. Athanassiadi, 183–205), Galen (J. Rocca, 206–222) bis zur Zweiten Sophistik (R.C. Fowler, 223–249). Part III: Early Christianity and Late Antique Platonism (252–579) schließlich bietet in 18 Beiträgen überwiegend die neuplatonischen Autoren bis zum Ende der paganen Schulphilosophie im 6. Jahrhundert n.Chr., angefangen von Plotin (L.P. Gerson, 316–335) über Porphyrios (M. Chase, 336–350), den anonymen Parmenides-Kommentator (D. Clark, 351–365), Jamblich (J. Finamore, 366–380), Amelius und Theodor von Asine (D. Baltzly, 381–399), Kaiser Julian (D.J. O‘Meara, 400–410), Calcidius (Ch. Hoenig, 433–447), Syrian (S.K. Wear, 471–485), Hermias (H. Tarrant und D. Baltzly, 486–497), Proklos (J. Opsomer, 498–514), Damaskios (S. Ahbel-Rappe, 515–532), den anonymen Verfasser der Prolegomena (D.A. Layne, 533–554), Olympiodor (M. Griffin, 555–568) bis zu Simplikios (G. Gabor, 569–582).

Das Hauptgewicht bei der Auswahl der Beiträge liegt – zu Recht – auf den Vertretern der Schulphilosophie, denn der eigentliche „Motor“ der Entwicklung platonischen Philosophierens war ohne Zweifel der institutionalisierte Schulbetrieb. Da der antike Platonismus keinen Anspruch auf Originalität erhob, sondern lediglich Ausleger Platons sein wollte, stand die Auslegung der Schriften Platons im Mittelpunkt des Unterrichtes. Sie wurden dem angehenden Platoniker mit Hilfe detailgenauer Kommentare, aber auch durch Einführungen und Zusammenfassungen sowie durch eine kanonische Lektüreauswahl erschlossen. Diese im kaiserzeitlichen Platonismus im Rahmen der unterrichtlichen Didaktik entwickelten Vermittlungsformen erhalten zusätzlich zu den bisher genannten autorenbezogenen Beiträgen im Artikel von H. Tarrant (101–114) eine eigene Würdigung.

Doch benennen die Beiträge über die Schulphilosophie hinaus auch die sonstigen platonisierenden Strömungen, die sich nicht selbst als Vertreter platonischer Philosophie sahen, sondern sich platonischer Inhalte und Methoden zu eigenen Zielsetzungen bedienten. Hierzu gehört die jüdische Bibelexegese am Beispiel ihres prominentesten Vertreters Philon von Alexandria (S. Yli-Karmanjaa, 115–129); weiterhin, in der Zeit ihrer größten Annäherung an den paganen Platonismus, die frühchristlichen Autoren, die kenntnisreich von Justinus Martyr über Clemens Alexandrinus, Origenes, Gregor von Nyssa bis hin zu Evagrius dargestellt werden (I. Ramelli, 271–291). Auch Augustinus erhält einen eigenen Beitrag (G. van Riel, 448–469), in dem mit kriminalistischem Spürsinn nach den Quellen gesucht wird, aus denen sich der Bischof von Hippo Informationen über Platon verschaffte. Zu den Nebenströmen des Platonismus gehören weiter die gnostischen Richtungen, von denen mit der sogenannten Sethischen Gnosis ein besonders beeindruckendes Beispiel der exzessiven Anwendung platonischer Philosopheme vorgestellt wird, bei dem die dreistufige Metaphysik dieser Schriften genau den drei Hypostasen Plotins entspricht (J.D. Turner, 292–315). Hierzu gehört weiter die kaiserzeitliche Medizin, deren prominentester Vertreter Galen sich im Kontext des Platonismus bewegte, aber doch, da ohne Schulbindung, eigene Wege ging, v.a. bei seiner Auffassung des welterschaffenden Demiurgen, in dessen Konzeption er dem christlichen Gott recht nahe kam (J. Rocca, 206–222). Ebenfalls hierzu zählt die zeitgenössische Sophistik, deren Darstellung sich angesichts ihrer Inhomogenität schwierig gestaltet, aber doch auf gemeinsame platonische Charakteristika verweisen kann: den inhaltlichen Rekurs auf Platon, die (im weitesten Sinne) rhetorische Aufbereitung sowie die Adaption der literarischen Form des Dialogs (R.C. Fowler, 223–249). Die Rolle von Frauen in der antiken Platon-Rezeption schließlich betrachtet der Artikel von C. Addey (411–432), die erstmals systematisch zeigt, dass Frauen, wenngleich immer als Minderheit, in schulischem Kontext wie auch abseits davon von Anfang an und kontinuierlich bis in die Spätantike nicht nur vertreten waren, sondern teilweise sogar in prominenter Position agierten, wie die alexandrinische Philosophin Hypatia.

Bei einer so großen Zahl von Beiträgen lassen sich qualitative Unterschiede kaum vermeiden. Insgesamt ist die Qualität der weitaus meisten Beiträge erfreulich hoch, einige von ihnen sind geradezu exzellent, insofern sie den einführenden Charakter mit einer weiterführenden Deutungsperspektive verbinden. Angesichts des geringen zur Verfügung stehenden Raumes muss hier freilich jede besondere Hervorhebung zur Willkür geraten. Gleichwohl sei aus Part I der Beitrag von F. Alesse (46–57) genannt, in dem die Autorin zeigt, wie wesentliche stoische Dogmen v.a. im Bereich der Ethik (z.B. zur Gemeinschaft der Tugenden, zur Notwendigkeit der Selbsterkenntnis, zur Güterlehre), aber auch im Bereich der Physik (etwa bei der Konzeption des stoischen Gottes) auf der Wirkung der platonischen Dialoge beruhen. In Part II zeigt M. Bonazzi (130–142), wie Plutarch durch Einbindung skeptizistischer Elemente mögliche Kritik am Platonismus entschärft. Denn zwar teilt er durchaus die zeitgenössische Deutung Platons, legt sich aber im Sinne eines Erkenntnisvorbehaltes etwa bei der Frage nach dem Status der Ideen nicht fest. Überaus lesenswert ist weiter der Beitrag von P. Athanassiadi zu Numenios (183–205). Die Autorin vermittelt ein umfassendes Bild, angefangen von den (spärlichen, schwer zu deutenden) Nachrichten zur historischen Person über die Darstellung seiner Hauptschrift „Über das Gute“ mit der dreigestuften Theologie bis hin zur allegorischen Mythenexegese und die durch sie gewonnene Theologie. Es wird deutlich, dass es sich um einen Philosophen mit starker mystischer Tendenz handelt, der durch Verwendung eindrucksvoller Bilder und durch scharfe Unterscheidung irdischer und geistiger Wirklichkeit die Seelen zur Rückwendung in die wahre Heimat durch homoiosis theō („Angleichung an Gott“) bewegen wollte. Aus Part III sei wenigstens zum einen der Artikel von I. Ramelli (271–291) erwähnt, dessen Autorin eindrucksvoll die besondere Nähe der Christen im 2. und 3. Jahrhundert zum Mittelplatonismus aufweist. Von Justinus Martyr an galt Platon geradezu als eine eigene Offenbarung, hatte er doch kraft Menschennatur an eben dem Logos teil, der Christus ist. Die Nutzung platonischen Denkens zeigt Ramelli sehr kenntnisreich von Justinus Martyr über Clemens Alexandrinus, Origenes, Gregor von Nyssa bis zu Evagrius. Dabei wird das Ausmaß der Adaption deutlich: inhaltlich in der Seelenlehre und der Prinzipientheorie, methodisch bei der Verwendung der Allegorese. Zum anderen sei der Beitrag von S. Gerson zu Plotin (316–335) hervorgehoben. Bei der Darlegung der Entfaltung der beiden nachgeordneten Wirklichkeitsebenen (Hypostasen) Intellekt und Seele aus dem absoluten Einen geht Gerson auf zwei entscheidende Fragen ein: erstens „Wie ist überhaupt ein Hervorgang von Vielem aus einem absolut Einen möglich?“ und zweitens „Wie kann Plotin behaupten, es verbleibe ein (intellektiver) Teil der inkorporierten Seele im intelligiblen Bereich?“. Die erste Frage wird unter Rekurs auf die Materie beantwortet, die nach Plotin kein gleichwertiges aktives Gegenprinzip zum Einen bildet, sondern lediglich einen passiven Ermöglichungsgrund für die Wirkung des Einen. Als solcher tritt die Materie aus dem Einen hervor, ohne das Eine in irgendeiner Weise zu begrenzen, da sie keinerlei Bestimmtheit besitzt. In ihr als „Unbestimmter Zweiheit“ vollzieht sich zunächst die Entstehung des Intellekts als der ersten nicht rein einen Form von Einheit. Gersons Antwort auf die Frage nach dem nicht hinabgestiegenen Intellekt der Seele kann diese von den späteren Platonikern abgelehnten Position Plotins als sachlich plausibel erweisen. Da die Seele mit ihrem obersten Vermögen intellektiv tätig ist, ist ihr Intellekt, wenn Erkennen die Identität von Erkennendem und Erkanntem bedeutet, mit dem von ihm erfassten Intelligiblen identisch und insofern muss der Intellekt der Seele im intelligiblen Bereich verharren.

Doch auch weniger gelungene Beiträge finden sich. So fragt man sich beispielsweise, wozu in einem einführenden Kompendium ein Beitrag über Theodor und Amelios von Asine (381–399) gut sein soll, dessen Ergebnis lediglich darin besteht, dass sich über ihre Lehre sowie ihre Rolle als Platoninterpreten so gut wie nichts sagen lässt.

Im Beitrag über Proklos (498–514) als den Klassiker des nachplotinischen Neuplatonismus hätte man vor allem etwas darüber zu erfahren erwartet, wie Proklos seine Weiterentwicklung der Lehre, vor allem die enorme innere Differenzierung des triadischen Entfaltungssystems, aus den Texten Platons heraus legitimierte. Darüber ist jedoch nichts zu erfahren. Der Artikel beschränkt sich stattdessen weitgehend auf Methodisches, bleibt hier aber unspezifisch. Denn sicher trifft es zu, dass Proklos Platon als inspiriert ansah und daher eine akribische Interpretation betrieb, dass er Platon primär theologisch deutete, dass er, über Plotin hinaus, neben monographischen Schriften zahlreiche Kommentare zu platonischen Dialogen verfasste, dass diese Kommentare nach einem methodischen Schema verfahren. Doch sind diese methodischen Aspekte nichts, was in irgendeiner Weise für Proklos spezifisch wäre, wie der Autor auch selbst mehrfach hervorhebt: „… which were common in the late ancient Athenian Academy and in the school of Alexandria“ (510).

Schwer zu ertragen schließlich ist der Artikel über Damaskios (515–532), wenn die Autorin das letzte Oberhaupt der platonischen Akademie, offenbar als Kompensation für den ansonsten von ihr konstatierten Mangel an Originalität als Platon-Kommentator, sich in seinem monographischen Werk Probleme und Lösungen von seiner eigenen Schultradition emanzipieren lässt. Denn Damaskios habe die sokratische Methode der Aporie zum leitenden Prinzip erhoben und in der massiven Feststellung der Unsagbarkeit des Einen skeptizistisch die Möglichkeit von Erkenntnis grundsätzlich und damit am Ausgang der antiken Philosophie die Möglichkeit von Metaphysik überhaupt in Frage gestellt. Tatsächlich aber tut Damaskios nichts Anderes – wenn auch mit noch gesteigertem Nachdruck –, als ganz im Sinne der platonischen Tradition in einer rational kontrollierten Weise positive Aussagen über diejenigen Wirklichkeitsebenen zu negieren, die jenseits der menschlichen Erkenntnismöglichkeiten liegen: eine docta ignorantia. Die Unterstellung schließlich, Damaskios stilisiere in Leben des Isidor seinen Lehrer als Freiheitskämpfer gegen die Tyrannei der Christen, rundet die missglückte Sympathiewerbung für den antiken Autor ab. Hier werden anachronistisch Wertvorstellungen zugrunde gelegt (Originalität, antimetaphysischer bzw. antidogmatischer Erkenntnisvorbehalt, Kampf gegen Tyrannei im Allgemeinen und gegen das dogmatische Christentum im Besonderen), die Damaskios vielleicht in den Augen eines von der „aufgeklärten“ Moderne geprägten Lesers attraktiv machen, die aber kaum die des Damaskios waren. Dieser Beitrag ist ein lehrreiches Beispiel dafür, wohin die assoziative und unreflektierte Übertragung eigener Hintergründe auf eine andere Epoche den Interpreten führen kann.

Für den Band insgesamt gilt, dass die Auswahl der Beitragsthemen im Ganzen gelungen ist. Lediglich einen Artikel zu Eudoros und zu der Frage, wie es im 1. Jahrhundert v.Chr. zu dem erstaunlichen Wiederaufleben des Platonismus nach über zwei Jahrhunderten materialistischer Philosophie kam, vermisst man. Weniger ausgewogen ist dagegen die Auswahl der Beitragenden in diesem weitgehend von angelsächsischen Wissenschaftstraditionen geprägten Band, dem daher auch die Schwächen und Schrullen dieser Tradition eignen: die Arroganz, fast ausschließlich englischsprachige Literatur zur Kenntnis zu nehmen und ganze Forschungstraditionen anderer Sprache weitgehend zu ignorieren; die deutlich sichtbare innere Distanz mancher Verfasser zu ihren antiken Autoren, die in der Sache offenkundig nicht ernst genommen werden, wodurch man sich der Chance begibt, einen sachlichen Gewinn aus der Beschäftigung mit platonischer Philosophie zu ziehen statt nur historische Schubladen zu füllen; schließlich die bisweilen befremdliche Hörigkeit gegenüber Zeitmoden, v.a. dem Genderismus mit entsprechender Sprachzensur („he or she“, „humankind“ statt „mankind“ u.v.m.).

Doch dies sind letztlich Marginalien, die das positive Urteil über diesen im ganzen lesenswerten, informativen und für Fachleute wie für „Zaungäste“ dieses philosophischen Gebietes gleichermaßen lohnenden Band nicht mindern können.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.02.2019
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