A. Rohde u. a. (Hrsg.): National Politics and Sexuality

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Titel
National Politics and Sexuality in Transregional Perspective. the Homophobic Argument


Herausgeber
Rohde, Achim; von Braun, Christina; Schüler-Springorum, Stefanie
Erschienen
Abingdon 2018: Routledge
Anzahl Seiten
208 S.
Preis
£ 110.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Veronika Springmann, Didaktik der Geschichte, DFG-Projekt Homosexuellenbewegung und Rechtsordnung, Freie Universität Berlin

Eine Auseinandersetzung mit (Homo)Sexualitäten und deren regulierenden Politiken zeigt, wie vergeschlechtlicht moderne Staaten sowie Konzepte von citizenship sind. Das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität gilt inzwischen als ein wichtiger Indikator für eine moderne liberale Gesellschaft und als der Inbegriff individueller Freiheit und Autonomie. Auf die epistemischen Probleme, die damit einhergehen, haben in den letzten Jahren viele Theoretiker/innen wie Jaspir Puar oder Nikita Dhawan hingewiesen. Während Jaspir Puar den Begriff des „Homonationalismus“ eingeführt hat, plädiert Nikita Dhawan dafür, die dynamische und ambivalente Funktion des Staates in seiner Veränderbarkeit in den Blick zu nehmen, wenn es um die Anerkennung von „nicht-normativen Körpern, Begehren und Praktiken“ geht.[1]

Der Sammelband zeigt wie und mit welchen Zielen Sexualität in unterschiedlichen Gesellschaften verhandelt wurde und wird. Sichtbar werden dabei die weitreichenden Konsequenzen von Gender, die mit dafür verantwortlich sind, wie und in welcher Form Sexualitäten rechtlich reguliert, verboten und auch unsichtbar gemacht werden. Dabei bleibt weibliches (gleichgeschlechtliches Begehren) in diesem Band eine Leerstelle. Geographisch liegt der Schwerpunkt auf Europa und der MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika). Diese drei Regionen seien – so die Herausgeber/innen in ihrer Einführung – durch eine lange Geschichte von Kolonialismus, Migrationsbewegungen und wirtschaftlichen Verbindungen miteinander verbunden. Wahrgenommen und beschrieben würden diese allerdings als „radically different (…) blocks“ (S. 1). Davon ausgehend liegt der inhaltliche Schwerpunkt des Bandes darauf zu zeigen, wie Sexualitäten, genauer gesagt Homosexualitäten, genutzt werden, um ein nationales/kulturelles Selbst zu beschreiben und das „Andere zu markieren. Ziel der Publikation ist es, Widersprüchlichkeiten zu zeigen, vor allem aber die Annahme eines queer-feindlichen Nahen Ostens und Nordafrikas zu dekonstruieren sowie einen Beitrag zu „transregional Sexuality Studies“ zu leisten.

Dass die Strukturierung des Sammelbandes allerdings nach Regionen erfolgt (Part I Europa mit fünf Beiträgen und Part II Naher Osten/Nordafrika mit weiteren fünf Beiträgen), unterstreicht diese Trennung und wirft bereits zu Beginn die Frage auf, warum sich die Herausgeber/innen nicht für eine Strukturierung der Beiträge nach Themen entschieden haben.

Die einzelnen Beiträge befassen sich sowohl mit Homosexualitäten in historischer Perspektive als auch mit Analysen aktueller Perspektiven und Problemfelder. Die empirischen Grundlagen (Presseartikel bis hin zu Gedichten), methodischen Zugriffe und Fragestellungen sind dabei sehr vielfältig. So fragt der Sozialwissenschaftler Paul Mepschen, ob LGBT-Rechte ein „avatar of both freedom and modernity“ seien (S. 19). Sein Beitrag bietet einen hervorragenden Einstieg in den Sammelband. Am Beispiel der Niederlande führt Mepschen aus, welche Dichotomien, wie bspw. religiös/liberal aktualisiert werden, wenn es um die Konstitution eines nationalen Selbstverständnisses geht. Säkularität als Argument wird inzwischen in den aktuellen Debatten gegen muslimische Bürger/innen in Stellung gebracht. Deniz Akin und Stina Helena Bang Svendsen problematisieren, wie und in welcher Form neue Politiken von „national identity“ geprägt und gestaltet werden. LGBT-Immigrant/innen[2] seien in Norwegen gern gesehen, weil sie erstens dem Aufnahmeland gegenüber Dankbarkeit zeigen und zweitens in vielen Fällen keine Familienzusammenführung beanspruchen. Beide Artikel problematisieren den Diskurs der Liberalisierung, der – zumeist antiislamisch geprägt – im Westen genutzt wird, um „Andere“ zu markieren. Ein wichtiger Topos sei dabei der Säkularismus und die Annahme, dass dieser die Voraussetzung für eine liberale und progressive Subjektivität sei.[3] Diese „politics of citizenship“ basiert, so die beiden Autor/innen, auf einer neoliberalen Konstruktion von Subjektivität. Muslim/innen im postkolonialen Europa würden den „secular contract“ (S. 22) bedrohen und als „pro-progessiv“ wahrgenommen und essentialisiert.

Diese Essentialisierung findet sich, anders gewendet, in dem Beitrag von Ori Ilany. Auf der Grundlage von Beschreibungen von Sodomie und Homosexualität während der britischen Mandatszeit (1920–1948) argumentiert er, dass beide Praktiken als orientalische Laster und als Perversion beschrieben wurden, die weder dem zionistischen Projekt noch der Vorstellung einer jüdischen Nation entsprachen. Angesprochen ist hier das Verhältnis von Staat, normativer Männlichkeit und Sexualität. Claudia Bruns fokussiert diesen Zusammenhang am Beispiel Deutschlands im langen 19. Jahrhundert. In ihrem Beitrag untersucht sie Erklärungen zu männlicher Homosexualität, wie sie von Benedict Friedländer, Magnus Hirschfeld, Sigmund Freud und auch Hans Blüher entworfen wurden. Auch wenn die Positionen dieser Männer sehr unterschiedlich waren, versuchte jeder das Bild des virilen homosexuellen Mannes in ein Spektrum von Normalität einzupassen und den effeminierten Mann aus diesem Bereich auszuschließen.

Gerade vor diesem Befund ist der Beitrag von Max Kramer interessant. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Beobachtung, dass in der zeitgenössischen westlichen Welt die „sexual object-choice“ einer der Parameter der Selbstdefinition ist. Junge Schriftsteller aus dem Maghreb thematisieren in Romanen gleichgeschlechtliche Sexualitäten in Ländern, die diese Sexualitäten per Gesetz bestrafen. Die Romane sind in der Ich-Perspektive und auf Französisch verfasst. Mit Sartre fragt Kramer, für wen diese Autoren schreiben. Ihr Thema, nämlich gleichgeschlechtliche Sexualität, sei tabu für die zeitgenössische muslimische Kultur, aber attraktiv für westliche Leser/innen: „The exoticism of its locales adds to the allure of this new literature“ (S. 139). Beschrieben werden mann-männliche Beziehungen, in denen die Partner jedoch in ihren Rollen, Klasse- und Altersunterschieden sehr gegensätzlich seien (S. 140). Kramer möchte zeigen, dass die in diesen Büchern angerissenen Themen (der Blick auf Sexualität und Partnerschaft) wenig damit zu tun haben, wie sie innerhalb der „Western notion of gay“ mit deren Prinzipien von Gleichheit (S. 140) verhandelt werden. Oft werden gleichgeschlechtliche Sexualitäten als passager, vorübergehend, zumindest aber als „closeted same-sex practises“ und weniger als eine individuelle oder soziale Identität beschrieben (S. 153).

Ganz anders gewichtet ist der Beitrag von Paweł Leszkowicz. Der Kurator und Kunsthistoriker zeigt, wie in Polen zeitgenössische Kunst als Intervention gegen Homophobie genutzt wird. Seine eigene kuratorische Arbeit startete er als eine persönliche und politische Reaktion auf die Homophobie in Polen in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts. Trotz des EU-Schutzes, lebten LGBT-Bürger/innen in einem unbeständigen Klima. Der polnische Staat würde deutliche misogyne Tendenzen und homophobe Sexualpolitiken zeigen.

Wie wichtig der Kampf um rechtliche Anerkennung geworden ist, führt die Politikwissenschaftlerin Pinar Ilkkaracan am Beispiel der Türkei aus. In ihrem Beitrag fokussiert sie die Forderungen von LGBT-Aktivist/innen nach rechtlicher Anerkennung. Obwohl diese Kämpfe politisch und rechtlich einige Schneisen in der Auseinandersetzung um Anerkennung geschlagen haben, blieben die Ziele eng gesteckt. Immerhin aber konnten LGBT-Aktivist/innen in der Türkei mehr Sichtbarkeit erreichen. Ob und in welcher Form diese Sichtbarkeit unter der autoritären Politik von Erdogan zu einer Zunahme von demokratischen Rechten führt, bleibt fraglich.

Gerade weil die Beiträge von ihrer thematischen Schwerpunktsetzung sehr heterogen sind, wäre es produktiv gewesen, diese mehr miteinander zu verzahnen oder durch kommentierende Beiträge miteinander ins Gespräch zu bringen. Dann hätten Fragen nach der Bedeutung von Religion/Säkularität für marginalisierte und hegemoniale Sexualitäten oder (neo)liberale Politiken von citizenship noch deutlicher herausgeschält werden können. Deutlich zeigt aber dieser Band, dass die Frage nach der Konstruktion des „Anderen“ ohne eine inklusive Geschichtsschreibung nicht beantwortet werden kann. Die Beiträge reißen all diese Fragen an und zeigen auf unterschiedlichen Ebenen, wie prekär die Auseinandersetzung um hegemoniale und marginalisierte Sexualitäten als identitätsstiftendes Moment sind. Die Herausgeber/innen haben ganz sicher einen Beitrag zu „transregional Sexual Studies geleistet“. Ihrem Ziel, den Nahen Osten und Nordafrika als queer-feindlich zu dekonstruieren, sind sie insofern nähergekommen, als dass die Beiträge auf unterschiedliche Weise zeigen, wie sehr eine Auseinandersetzung mit Sexualität, aber auch mit Religion, bedeutet, sich mit Uneindeutigkeiten und zeitlichen Verschiebungen auseinanderzusetzen.

Anmerkungen:
[1] Nikita Dhawan, Homonationalismus und Staatsphobie. Queering Dekolonisierungspolitiken, Queer-Politiken dekolonialisieren, in: Femina Politica 1 (2015), S. 38–51, S. 40; Jaspir Puar, Terrorist Assemblages. Homonationalism in Queer Times, London 2007.
[2] Die Herausgeber/innen benutzen die Abkürzung LGBTQIA, in den jeweiligen Beiträgen variieren die Kürzel. In der Rezension verwende ich durchgängig LGBT.
[3] Joan Wallach Scott, Sex and Secularism, Princeton 2017.