J. Heinen u.a.: 1968... Des années d’espoirs

Cover
Titel
1968... Des années d’espoirs. Regards sur la Ligue marxiste révolutionnaire / Parti socialiste


Autor(en)
Heinen, Jacqueline; ... et 110 autres
Erschienen
Lausanne 2018: Antipodes
Anzahl Seiten
327 S.
Preis
CHF 35.00
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von:
Lucas Federer, Geschichte der Neuzeit, Universität Zürich

Die 1969 in der Westschweiz gegründete Ligue marxiste revolutionnaire (LMR) ist ein „Kind“ der Ereignisse rund um 1968. Passend zum breit begangenen fünfzigjährigen Jubiläum des oftmals als „Umbruchjahr“ erinnerten Höhepunkts der sozialen Bewegungen der ausgehenden 1960er-Jahre erschien nun 2018 eine auf einer breit angelegten Mitgliederbefragung basierende Retrospektive auf die trotzkistische Organisation.

Die LMR, die sich in der Deutschschweiz Revolutionäre Marxistische Liga (RML) nannte, war die grösste und bedeutendste Organisation in der Geschichte des Schweizer Trotzkismus. Sie zählte in den 1970er-Jahren mehrere hundert, in den 1980er-Jahren mit einer etwas loseren Mitglieder-Definition über 1.000 aktive Personen, die nicht nur in den grossen Schweizer Städten, sondern auch in kleineren Ortschaften in den drei grossen Sprachregionen der Schweiz in Ortsgruppen organisiert waren. Die LMR war in den 1970er-Jahren eine bedeutende politische Kraft des ausserparlamentarischen Spektrums der Schweiz. 1980 benannte sie sich in parti socialiste ouvrier (PSO) und in der Deutschschweiz in Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) um.1

Das hier besprochene Werk widmet sich dieser politischen Organisation im Sinne eines Rückblicks. Bereits die Autorenangabe „Jacqueline Heinen... et 110 autres“ deutet an, dass es sich dabei um den Versuch einer kollektiven Erinnerung und damit einer sehr spezifischen Aufarbeitung der Geschichte der LMR handelt. Eine Gruppe ehemaliger Aktivist/innen der LMR hat sich 2015 entschieden, ein Zeitzeug/innen-Projekt zu lancieren und hat zu diesem Zweck ungefähr 600 ehemalige Mitglieder – verglichen mit einem vielleicht doppelt so hohen maximalen Mitgliederbestand eine durchaus beachtliche Anzahl – ausfindig gemacht und zum Ausfüllen eines Fragebogens aufgefordert. Von den angeschriebenen Personen haben ungefähr 110 auf die Fragen geantwortet (S. 21).

Dass die Historiographie linker Bewegungen vornehmlich durch politisch und biografisch mit der Bewegung verflochtene Personen geprägt ist, ist insbesondere für trotzkistische Organisationen durchaus üblich. Gerade der Trotzkismus hat eine lange Tradition der Selbsthistorisierung und viele seiner Organisationen kennzeichnet eine Affinität zur Analyse und Reflexion. Dass auch die für das vorliegende Buch massgeblich verantwortlich zeichnende Jacqueline Heinen ehemalige Aktivistin der LMR ist, erstaunt daher nicht und muss den wissenschaftlichen Wert der Untersuchung nicht schmälern.2

Nach einer Einleitung, in der Heinen neben den Entstehungsbedingungen und methodischen Überlegungen stark auf den internationalen und schweizweiten Kontext rund um das Jahr 1968 sowie die Ursprünge der LMR fokussiert, folgen neun thematische Kapitel. Diese Kapitel sind jeweils einzelnen Fragekomplexen gewidmet. So behandelt das erste Kapitel die persönliche und soziale Herkunft der Befragten, während die darauffolgenden drei Kapitel sich mit den Ursprüngen, den Motivationen und den Bereichen des Engagements beschäftigen. Die nächsten vier Kapitel wiederum gehen alle auf spezifische Aspekte der Organisierung innerhalb der LMR ein. So wird von „hyperactivisme“ (S. 141) gesprochen und nach den Belastungen der Mitglieder gefragt, dem Verhältnis von Privatem und Politischem nachgegangen, der Stellenwert und die Praxis des Feminismus innerhalb der Organisation und der Gesellschaft erfragt sowie die „cadres de reflexion“ (S. 229), auf Deutsch etwa „Denkrahmen“ der Organisation, nachträglich ausgelotet.

Richtigerweise deutet Heinen in der Einleitung zu „1968... des années d’espoirs“ darauf hin, dass bereits die Entscheidung zur Teilnahme an der Umfrage eine wichtige Dimension in der Beurteilung der Resultate darstellen sollte. Soziale, persönliche, aber insbesondere politische Gründe hätten bei verschiedenen ehemaligen Mitgliedern dazu geführt, dass diese nicht an der Umfrage teilgenommen hätten. Dennoch, so Heinen, sei mit Blick auf die geografische und politische Zusammensetzung der Teilnehmer/innen eine repräsentative Auswahl zustande gekommen. Die einzelnen Kapitel des Buches basieren dabei vor allem auf Zitaten und Ausschnitten aus den Fragebögen, die von Heinen zueinander in Beziehung gesetzt, einander gegenübergestellt oder kontextualisiert werden. Die Autorin versucht Positionen abzuwägen und divergierende Meinungen zu Wort kommen zu lassen, mit dem Ziel: „Recueillir leur parole, laisser les traces, faire œuvre de mémoire collective: tel était l’objectif de l’enquête à l’origine de ces pages.“ (S. 306).

Auch wenn Heinen an mehreren Stellen (S. 23, S. 29) betont, dass die den Teilnehmenden gestellten Fragen offene Fragen gewesen seien, so muss doch angemerkt werden, dass die Auswirkungen der Themensetzung und der Konstruktion des Fragebogens einer stärkeren Reflexion bedurft hätten. Die Frage „As-tu souffert d’une surcharge de travail?“3 öffnet nicht einfach ein Feld, das Zeitaufwand und persönliche Präferenz bei der zeitlichen Ausgestaltung des politischen Aktivismus zum Thema hätte, sondern enthält bereits eine deutlich wahrnehmbare These: Die politische Betätigung innerhalb der LMR war von einer erheblichen Arbeitsbelastung geprägt. Besonders problematisch hierbei scheint, dass die tatsächlich formulierten Fragen in der synthetisierenden Auswertung nicht auftauchen. Nur in den online über die Archivbestände der Association pour l’étude de l’histoire du mouvement ouvrier abrufbaren Fragebögen sind diese ersichtlich.

Weshalb das Jahr 1968 so prominent im Titel erscheint und das eigentliche zentrale Thema des Buches – die LMR – erst auf Seite 5 im Untertitel auftaucht, bleibt – abgesehen vom fünfzigjährigen Jubiläum von 1968 – unklar. In Kombination mit dem Titelbild, einem Schablonendruck von 1969, das einen vietnamesischen Kämpfer sowie die Worte „Victoire Vietnam“ zeigt, entsteht ein falscher Eindruck des Werkes, das weder auf 1968 noch auf den Vietnamkrieg fokussiert, sondern über weite Strecken Erinnerungen an eine Organisation behandelt, die die darauf folgenden Jahrzehnte betreffen.

Und diese Erinnerungen sind die zentrale Stärke dieses Werkes. Es sind persönliche, teilweise sehr intime Details, die einen Blick in das Innenleben der LMR ermöglichen. Die persönlichen Reflexionen geben eine Idee davon, wie die Aktivist/innen die LMR wahrgenommen haben, beziehungsweise wie sie ihre damalige Wahrnehmung heute, in einem anderen biografischen und unter Umständen politischen Kontext, erinnern. Damit rücken das individuelle Erleben und Erinnern ins Zentrum der Betrachtung. Es eröffnet sich ein Zugang zu einem Bereich politischer Organisierung und Reflexion, der über die schriftlichen Quellen der Organisationsnachlässe kaum zu erschliessen ist. Damit leistet das Buch einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Schweizerischen Arbeiter/innenbewegung im Allgemeinen und der trotzkistischen Organisierung in der Schweiz im Konkreten.

Was Jacqueline Heinen und die weiteren Beteiligten am Projekt aber nicht zu leisten vermögen, ist eine umfassende Geschichte der LMR vorzulegen. Eine systematische Aufarbeitung der Organisation, ihrer Geschichte, ihrer Politik und insbesondere ihrer transnationalen Vernetzung muss unbedingt auch unter Einbezug der reichlich vorhandenen schriftlichen Quellenbestände und wenn möglich ergänzender lebensgeschichtlicher, qualitativer Interviews vorgenommen werden. Für die historische Forschung können die vorliegenden Fragebögen und ihre Synthese im hier besprochenen Band dabei aber von grossem Wert sein, solange die Entstehungsbedingungen und die damit einhergehenden Beschränkungen miteinbezogen werden. Eine deutsche Übersetzung mit dem Titel „1968... Jahre der Hoffnung. Rückblick auf die Revolutionäre Marxistische Liga/ Sozialistische Arbeiterpartei“ erscheint im Frühjahr 2019 im Verlag edition 8.

Im Januar 2019 wiederum wird ein ähnlich gelagertes Buch mit dem Titel „C’était la ligue“ von Hélène Adam und François Coustal erscheinen. Es behandelt die Geschichte der Ligue communiste révolutionnaire (LCR) in Frankreich, der französischen Schwesterorganisation der LMR. Adam und Coustal waren beide ebenfalls während vieler Jahre Mitglieder der LCR. Das Bedürfnis der historischen Aufarbeitung des Wirkens trotzkistischer Organisationen fünfzig Jahre nach den für diese prägenden Ereignisse von 1968 scheint also keine auf die Schweiz beschränkte Entwicklung darzustellen.

Anmerkungen:
1 Frank Nitzsche, Aus dem Schatten in die Reichweite der Kameras. Die Entwicklung trotzkistischer Organisationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses der neuen Sozialen Bewegungen von 1968 bis heute, Siegen 2006, S. 121–124.
2 Lucas Federer / Gleb J. Albert, Aktivismus, Archive, Trotzki – Eine Einleitung, in: Lucas Federer / Gleb J. Albert / Monika Dommann (Hrsg.), Archive des Aktivismus. Schweizer Trotzkist*innen im Kalten Krieg, Zürich 2018, S. A13.
3 AÉHMO, témoinage de Batou Jean, https://archives.aehmo.org/index.php/temoignage-4 (22.11.2018).

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch http://www.infoclio.ch/
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