C. Bunnenberg u.a. (Hrsg.): Geschichte auf YouTube

Cover
Titel
Geschichte auf YouTube. Neue Herausforderungen für Geschichtsvermittlung und historische Bildung


Herausgeber
Bunnenberg, Christian; Steffen, Nils
Reihe
Medien der Geschichte 2
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 347 S.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nils Theinert, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Das Videoportal YouTube ist längst ein zentrales Medium für Geschichte im Netz geworden. Dabei ist die ganze Bandbreite von Videos mit History-Content kaum noch zu überblicken: Neben Erklärvideos zu allen möglichen Epochen gesellen sich Special-Interest-Angebote zu Nischenthemen (vor allem Militärgeschichte), Aufnahmen von Re-Enactments, „Let’s Play“-Videos von Computerspielen mit historischem Inhalt und nicht zuletzt auch historische TV-Aufnahmen, Musik und sogar alte Werbeblöcke, die Nutzer/innen für eigene lebensgeschichtliche Erinnerungen konsumieren. Die Forschung zur Geschichtsvermittlung ist somit zu einer eingehenderen Analyse dieser neuen Formen von Geschichtskultur aufgefordert.

Darauf reagiert der nun vorliegende Tagungsband, der auf dem Nachwuchsworkshop „Digital Native (Hi)stories“ in Heidelberg 2016 basiert und von „Studierenden und Young Professionals der AG Angewandte Geschichte/Public History im VHD“ organisiert worden war. Ziel ist es, „sehr gute Forschungsarbeiten des Nachwuchses [...] mit Beiträgen von etablierten Praktikerinnen und Praktikern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“ zusammenzuführen (S. 18). Der Band gliedert sich in die Unterkapitel „Kontexte“, „Narration und Authentizität“, „Produktion und Praxis“, „Partizipation“ sowie „YouTube und historische Bildung“ mit insgesamt 16 Beiträgen.

Wie die Herausgeber eingangs betonen, wurde das Videoportal von der Forschung bisher meist übersehen, obwohl viele Jugendliche es besonders für schulisches Lernen nutzen. Digitale Medien hätten „enormes Potential für die historisch-politische Bildung“ (S. 16), da es sich um „partizipative Wissensräume digitaler Netzkultur“ handele, in denen „formelles und informelles Wissen ohne (Hemm-)Schwelle“ (S. 17) ausgetauscht würde. Es fällt auf, dass sich die zitierte Literatur bei der diagnostizierten Forschungslücke auf die Geschichtswissenschaft beschränkt und zum Beispiel gedächtnissoziologische Arbeiten nicht hinzugezogen worden sind.[1] Bei diesem Thema besteht jedoch großes interdisziplinäres Vernetzungspotenzial, daher wäre ein Blick über das eigene Fach hinaus wünschenswert. Im Folgenden werden einige Beiträge beispielhaft vorgestellt.

Im Kapitel „Kontexte“ stellt Judith Uebing ein hilfreiches Analyseraster für Erklärvideos vor, das geschichts- und medienwissenschaftliche Methodik vereint. Sie weist jedoch auch auf die Notwendigkeit der Reflexion hin, da die Analyse der Videos nach allein wissenschaftlichen Maßstäben „eigene Logiken der Wissensvermittlung (nicht Wissenschaftsvermittlung) und Authentizitätszuschreibung“ (S. 89) auf YouTube übersehen könne.

Der Abschnitt „Narration und Authentizität“ beginnt mit Hannes Burkhardts Beitrag über den YouTube-Auftritt des DDR-Museums in Berlin. Er moniert, dass dort das „totalitäre[] System der DDR“ (S. 104) in einer „unverantwortbaren Weise bagatellisiert“ (S. 114) werde. Das Museum biete größtenteils „geschlossene Masternarrationen“ (ebd.), vor allem im YouTube-Format „Frag Dr. Wolle“, in dem der Leiter des Museums vom DDR-Alltag berichtet. Burkhardt bemängelt zu Recht, dass Wolle zu einem Hybrid aus Zeitzeugen und Experten verschmilzt und nie ganz klar wird, was historische Einordnung und was eigene Erfahrung ist. Es entsteht bisweilen jedoch der Eindruck, dass Burkhardts Bewertung der Videos, der darin enthaltenen Zeitzeug/innenaussagen und auch der Nutzer/innenreaktionen selbst von einer totalitarismustheoretischen (Master-)Narration des DDR-Alltags beeinflusst ist.[2] Benjamin Roers untersucht die Authentifizierungsstrategien des Kanals „MrWissen2go“. Das in den Videos präsentierte Wissen zeichne sich durch eine scheinbare Nicht-Kontroversität aus. Dies und die „amateurhafte Videoproduktion, das Bemühen um eine hierarchiefreie Vermittlung […] sowie die persönliche Kommunikationsebene“ (S. 157) würden mit einer Komplexitätsreduktion einhergehen.

Einen interessanten Blick auf „Produktion und Praxis“ liefern zwei Interviews mit Mirko Drotschmann (MrWissen2go) und Florian Wittig, einem der Produzenten des YouTube-Kanals „The Great War“ (1,16 Millionen Abonnent/innen). Wittig nennt drei Erfolgsfaktoren für seinen Kanal: „Serialität, Production Value und den globalen Bedarf nach History Content“ (S. 180). Eine Herausforderung sei die YouTube-Aufmerksamkeitsökonomie, der „The Great War“ als kommerzieller Kanal Rechnung tragen müsse. Sie erhöhe die Spannung zwischen Kultur- und Militärgeschichte, da Content mit Gewalt und Kriegsgerät mehr Klicks bekomme. Für die Zukunft wünscht er sich eine stärkere Vernetzung von Wissenschaftler/innen und Produzent/innen.

Einen wichtigen Aufschlag für die Nutzungsanalyse liefern die Beiträge im Abschnitt „Partizipation“. Moritz Hoffmann plädiert für die „Einführung der analytischen Kategorie ‚Historische Hassrede‘“ (S. 212) im Internet. Diese umfasse die Gesamtheit von „Abwertungsmechanismen“ gegen bestimmte Gruppen in der Geschichte und zeichne sich durch eine spezifische Ausdrucksform in sozialen Medien aus: „schnell, häufig anonym, meist unsanktioniert und global abrufbar“ (S. 214). Die rechtsextremen Topoi seien dabei selten neu, nun stoße die Agitation aber auf ein großes, meist im Schulalter befindliches Publikum. Doch diese Öffentlichkeit biete auch Chancen. So könnten „Diskurse und Argumentationsmuster […] ‚revisionistischer‘ Subkultur in ihrer Entstehung, Vernetzung und Verbreitung“ wie selten zuvor beobachtet werden und somit auch Lehrkräfte und andere historische Bildner/innen auf Provokationen bei bestimmten Themen und eigene Gegenrede vorbereitet werden. Christopher Friedburg analysiert YouTube-Beiträge mit Blick auf verschiedene Nutzer/innenrollen: Rezipient/innen, Bewertende sowie Produzent/innen. Im Fokus stehen dabei die Reaktionen auf eine kontrovers diskutierte, auf YouTube hochgeladene alte TV-Dokumentation über Hitler. Ernüchternd muss er feststellen, dass auch in den Kommentaren unter diesem Video „Holocaustleugner und Verschwörungstheoretiker die Deutungshoheit“ (S. 253) übernommen hätten. Diese zweifellos überzeugend dargelegten Befunde sind allerdings wenig überraschend. Die Analyse von nur einer Handvoll von Videos in beiden Beiträgen zeigt zudem auf, dass die Geschichtsdidaktik für eine weitergehende Untersuchung solcher Phänomene wie Hassreden und historischer Verschwörungstheorien in bestimmten Fällen gut daran täte, sich kommunikationswissenschaftlicher Methoden und Werkzeuge zu bedienen, die es erlauben, größere Datenkorpora zu analysieren und Vernetzungsprozesse sichtbar zu machen.[3]

Im Unterkapitel „YouTube und historische Bildung“ widmet sich Anja Neubert in geschichtsdidaktischer Perspektive dem Kanal „TheSimpleClub“, dem mit 204.000 Abonnent/innen reichweitenstärksten deutschen Geschichtslernkanal „als Herausforderung historischer Nonsensbildung“ (S. 261). Historischen Sinn „negiert [der Kanal] offensiv […] in der Herablassung gegenüber Vergangenheit und Geschichte“ (S. 274). Der Konstruktionscharakter von Geschichte werde nicht ansatzweise thematisiert. Das einzige Ziel bestehe in der Vermarktung des Produkts. Anja Neubert schlägt eine dekonstruierende Thematisierung der Videos im Unterricht „im Sinne der Vermittlung geschichtskultureller und narrativer Kompetenz“ (S. 279) vor. „Durch eine konsequente Umsetzung eigener Ansprüche an zeitgemäßes historisches Lernen“ müsse die Geschichtsdidaktik TheSimpleClub „die Geschäftsgrundlage […] entziehen“ (S. 281). Im gleichen Unterkapitel stellen Bernhard Linke und Marie Föllen eine Übung vor, in der Bachelor-Studierende die didaktischen Potenziale und qualitativen Einschränkungen des medialen Formats „Erklärvideo“ für Unterricht und Lehre erarbeiteten. Den Autor/innen fiel dabei besonders auf, dass die Studierenden aufgrund eigener langjähriger Rezeption von YouTube und anderer digitaler Medien „eine bemerkenswerte kritische Distanz“ sowie „ein hohes methodisches Reflexionspotential“ (S. 291) bei der Bewertung der Videos an den Tag legten; ein auffälliger Unterschied zur Nutzung von Forschungsliteratur, die „häufig unreflektierter rezipiert“ (S. 292) werde. Schließlich widmet sich Jens Crueger der Frage des Webs als kulturellem Gedächtnis. Dabei kommt er zu der folgenden Erkenntnis, der man nur zustimmen kann: „Der Verlust von Dokumenten […] hat längst ein Ausmaß erreicht, dass die Rede von ‚Dark Ages of Internet History‘ gerechtfertigt erscheinen lässt“ (S. 299f.).

Wie die Herausgeber im Ausblick selbst schreiben, kann ein Tagungsband ein Forschungsgebiet nicht vollumfänglich abdecken, so werden beispielsweise nur deutschsprachige Angebote behandelt. Eingehende Analysen von Agenda-Setting, Zielgruppen, wissenschaftlicher Einbindung, Professionalisierungs- und Monetarisierungsprozessen sowie Nutzungsverhalten stehen noch aus. Zudem müsse YouTube als „globales Medienphänomen“ (S. 318) analysiert werden. Insgesamt bietet der Tagungsband trotzdem eine wichtige erste geschichtsdidaktische Erkundung von Geschichte auf YouTube und mit der umfangreichen Bibliografie und vor allem den verschiedenen methodischen Zugängen eine Inspirationsgrundlage für weitere Untersuchungen.

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa: Vivien Sommer, Erinnern im Internet. Der Online-Diskurs um John Demjanjuk, Wiesbaden 2018.
[2] Als differenziertere Ansätze seien hier genannt: Martin Sabrow, Sozialismus als Sinnwelt. Diktatorische Herrschaft in kulturhistorischer Perspektive, in: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien 40–41 (2007), insb. S. 10; Mary Fulbrook, Ein ganz normales Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR, Darmstadt 2008; sowie Thomas Lindenberger, Das Land der begrenzten Möglichkeiten. Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft, in: Deutschland Archiv, 10.8.2016, https://www.bpb.de/232099 (26.02.2020).
[3] Ein Beispiel für eine solche Analyse: Jan Tereick, Die „Klimalüge“ auf YouTube. Eine korpusgestützte Diskursanalyse der Aushandlung subversiver Positionen in der partizipatorischen Kultur, in: Claudia Fraas u.a. (Hrsg.), Online-Diskurse. Theorien und Methoden transmedialer Online-Diskursforschung, Köln 2013, S. 226–257.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.04.2020
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