D. Morat u.a. (Hrsg.): Handbuch Sound

Cover
Titel
Handbuch Sound. Geschichte – Begriffe – Ansätze. Unter Mitarbeit von Rainer Rutz


Herausgeber
Morat, Daniel; Ziemer, Hansjakob
Erschienen
Stuttgart 2018: J.B. Metzler Verlag
Anzahl Seiten
XI, 437 S., 2 Abb.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kim Christian Priemel, Department of Archaeology, Conservation and History, University of Oslo

Die Rezension als Selbstversuch: Wie nähert sich der Leser einem Handbuch, für dessen Gegenstände und Methoden er großes Interesse mitbringt, aber keine eigene Forschungserfahrung? Wie geht man mit einem Titel um, dessen zentraler Begriff schon beim ersten Blick nicht mehr so klar ist, wie der umgangssprachliche Gebrauch es zuvor scheinen ließ? „Sound“ wird einleitend als „gehörter Schall“ (S. VIII) zwar definiert, aber bewusst nicht darauf begrenzt und später aus neurologischer Perspektive als „Luftdruckschwankungen in der Zeit“ (S. 140) sprachlich entmystifiziert. Wie wird man der Vielgestaltigkeit gerecht, die aus dem Zusammenklang von 80 Beiträgen diverser sozial-, kultur-, natur- und lebenswissenschaftlicher Perspektiven entsteht? Der Rezensent entscheidet sich für Demut und Neugier als einzig sinnvolle Herangehensweisen: Wenn die Buchbesprechung also ein Wagnis ist, so bietet die Lektüre ein Abenteuer.

Den Einstieg erleichtert zunächst die knappe Einführung der Herausgeber, die in ihrem Zugang zu Sound „von einer grundsätzlichen historischen Wandelbarkeit nicht nur des Auditiven selbst ausgehen, sondern auch der Kategorien, in denen es beschrieben und untersucht werden kann“ (S. IX). Als überaus nützlich erweisen sich zudem die Gliederung in sieben Hauptteile – (i) Methodisch-theoretische Zugänge, (ii) Begriffe, (iii) Disziplinäre Perspektiven, (iv) Akustische Phänomene, (v) Räume, (vi) Medien und (vii) Politik – sowie vor allem die systematischen Querverweise, die jedes kurze Kapitel beschließen. Diese sind durchweg hilfreich und erlauben es, zwischen den im Band eröffneten Forschungsfeldern und -diskursen nach Bedarf zu navigieren. Handbücher von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen, stellt ohnehin nur selten eine gute Idee dar, und im vorliegenden Fall ist dies allenfalls Experten zu raten. Der nicht initiierte Leser tut indes gut daran, zunächst einen Bogen um die voraussetzungsreichen, rätselhaft betitelten und von der Rechtschreibkontrolle nicht erkannten Kapitel wie „Akustemologie“, „Auralität“, „Akusmatik“ – von den Herausgebern unter die „Begriffe“ subsumiert, im Beitrag indes als „Praxis- und Forschungsfeld“ ausgewiesen (S. 49) – oder „Sonifikation“ zu schlagen. Stattdessen empfiehlt es sich, entweder im dritten Abschnitt einen Einblick in diverse disziplinäre Zugänge zu gewinnen oder gleich von jenen akustischen Phänomenen oder Räumen auszugehen, die durch die eigene geschichtswissenschaftliche Arbeit bekannt sind, und von dort aus den editorischen Wegweisern zu folgen.

Historiker/innen bietet Jan-Friedrich Mißfelders nüchterne, verständlich geschriebene Übersicht zu Geschichtswissenschaft und Sound einen naheliegenden Ausgangspunkt. In angenehmer Zurückhaltung ruft Mißfelder keinen neuen „Turn“ aus, sondern umreißt die Vielfalt der historiographischen Zugänge zum Gegenstand von stadt- und arbeitsgeschichtlichen zu umwelt- und musikhistorischen Analysen. Die Potentiale wie auch die Probleme, die Sound-Quellen mit sich bringen, werden herausgearbeitet (und später in Britta Langes Beitrag zum „Archiv“ wieder aufgenommen). Zugleich wird aber vor der „rankeanischen Versuchung“ (S. 110) gewarnt, durch die Wiedergabe gespeicherten Klanges eine Art auditives Reenactment zu betreiben; wir können die Vergangenheit ebenso wenig hören, wie wir sie zu lesen oder zu sehen vermögen.

Auch die weiteren disziplinären Kapitel lohnen die Lektüre, sei es wegen ihrer Nähe zum geschichtswissenschaftlichen Ohr (Kulturwissenschaft, Soziologie) oder ihrer Distanz (Neurowissenschaften, Architektur). Vor allem aber schaffen sie den Rahmen für die folgenden, stärker empirisch zugeschnittenen Kapitel, die ihre Themen beispielhaft, nicht abschließend inventarisieren und ihrerseits in den größeren Feldern situieren. Die einzelnen Beiträge der Räume-Sektion verweisen immer wieder zurück auf architektonische Fragen, aber auch auf Theater und Musik. Die ausgewählten Medien rekurrieren auf die gleichnamige Wissenschaft, und literaturwissenschaftliche Zugänge und Quellen unterliegen nahezu allen „Akustischen Phänomenen“: etwa Ovid in Lino Camprubis Ausführungen zum „Echo“; Rilke, Tucholsky und Goetz in Katja Stopkas instruktivem „Rauschen“; Homer und Dos Passos in Caroline Welshs Beitrag zu (den) Sirenen; oder Raabe und Kafka in Uwe C. Steiners „Tinnitus“. Nur zur „Stimme“, dargelegt von Jenny Schrödl und Doris Kolesch, fehlt der Rückverweis: Ein Kapitel zur Linguistik gibt es nicht.

Der Medien-Abschnitt ist der vielleicht homogenste des Bandes. Durchweg gut lesbare Miniaturen widmen sich der CD, Glocken, der Kassette, Musikinstrumenten, Noten, dem Phonographen, dem Radio, der Schallplatte, dem Stethoskop und dem Telefon. Regen die Überblicke zu musikalischen Tonträgern mitunter die Nostalgik des der „Kassettenkinder“-Generation angehörenden Rezensenten an, dekonstruieren sie derlei Neigungen umgehend, indem sie Distinktions- und Fetischisierungstendenzen von Retromoden betonen. Das Stethoskop fällt angenehm aus der Reihe und das Telefon-Kapitel lädt mit seiner Analyse wiederholt wechselnder Verhältnisse von privatem und öffentlichem Raum zu Querverbindungen mit Kassette (bzw. Walkman), Diskothek und Auto ein. Hier wie auch bei den Räumen sorgt die alphabetische Folge für produktive Irritation: Auf die Kirche folgt das Konzentrationslager, auf den Salon das Stadion, auf die Straße (der „Hör-Platz der Moderne“, so Peter Payer, S. 313) der Wald.

Notwendig heterogener fallen die Teile des letzten Abschnitts aus, die einen weiten Politikbegriff zugrunde legen. „Folter“, „Gender“, „Herrschaftsrepräsentation“, „Krieg“ und „Schweigen“ können natürlich alle gleichermaßen als politisch verhandeltes (Nicht-)Tun mit entsprechenden Kontexten und Absichten verstanden werden. Gleichwohl besteht der gemeinsame Boden von „LautSprecher[n]“ – hier nicht nur als Apparat, sondern als Dispositiv verstanden – und „Rassismus“ vor allem im Verweis auf nationalsozialistische Praktiken.

Sofern man aber nicht doch linear liest, sind diese Zuordnungen zweitrangig. Schwieriger machen es dem Leser einige Beiträge, die jargongeladen daherkommen, das Name-Dropping übertreiben und ohne Fremdwörterbuch kaum zu entschlüsseln sind. Mit Formulierungen wie „Otozentrismus und post-aurale Formen von Auralität“ (S. 11) bemühen sich manche Autor/innen erst gar nicht, den unkundigen Leser mitzunehmen. Dieser schaut derweil zu, wie sich auf den ersten zwölf Seiten Roland Barthes, Ernst Cassirer, John Dewey, Emile Durkheim, Donna Haraway, Martin Heidegger, Bruno Latour, Marshall MacLuhan, Richard Rorty, Kant und Descartes sowieso, die Klinke in die Hand geben. Allein auf S. 40 (im Artikel „Performanz“) tummeln sich Aristoteles, Horaz, Jean-François Marmontel, Klopstock, Herder und Friedrich Ludwig Schröder. Zugleich aber lassen sich viele andere Referenzen produktiv nutzen: Wiederkehrende Namen wie R. Murray Schafer, Hermann von Helmholtz, Karin Bijsterveld, Alain Corbin und Jonathan Sterne fügen sich zu einem Sample einflussreicher Forscher/innen, die den Weg für die weitere Lektüre weisen mögen.

Am Ende ist man tatsächlich um einiges klüger – nicht zuletzt dank lehrreicher Erläuterungen, was Timbre und Dezibel eigentlich sind – und vor allem angeregt, den Sound als Gegenstand historischer Forschung sowie die Sound Studies als vielfältige, oft quer zu anderen Disziplinen stehenden Perspektiven in die eigene Arbeit mit einzubeziehen: Das kann der Gerichtssaal als Raum ebenso sein wie das Hörbuch als Verknüpfung medialer Formen und akustischer Phänomene. Das „Handbuch Sound“ ist nicht nur eine bemerkenswerte editorische Leistung, sondern auch eine genuine Bereicherung für jene, die mit diesem Feld bislang wenig vertraut sind.