C. Koehn: Justinian und die Armee

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Titel
Justinian und die Armee des frühen Byzanz.


Autor(en)
Koehn, Clemens
Reihe
Millennium-Studien / Millennium Studies 70
Erschienen
Berlin 2018: de Gruyter
Anzahl Seiten
VIII, 309 S.
Preis
€ 109,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maurits de Leeuw, Seminar für alte Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Der Titel des Buches von Clemens Koehn, „Justinian und die Armee des frühen Byzanz“, lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig bezüglich der zwei Hauptthemen der Untersuchung. Die als Habilitationsschrift entstandene Studie nimmt einen Aspekt des in den letzten Jahren vielerforschten „justinianischen Zeitalters“ ins Auge, der, wie der Autor einleitend bemerkt, noch nicht ausführlich untersucht wurde: die Struktur der justinianischen Armee und deren Bedeutung innerhalb der Gesamtpolitik Justinians. Abgesehen von einer bündigen Einführung (S. 1–7) und Schlussbetrachtung (S. 275–284) besteht die Arbeit aus zwei großen Teilen, die die Armee zuerst „als militärisches Instrument“ (S. 8–145), dann „als politisches Instrument“ (S. 146–274) studieren. Zurecht betont Koehn dabei, das Militärische und das Politische seien im Zusammenhang zu betrachten, was in der bisherigen Forschung aber eher ausnahmsweise gemacht wurde. Ein reiches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Namens-, Sach- und Stellenregister schließen das Buch (S. 285–309).

Nach seiner evaluierenden Besprechung der Literatur über die Herrschaft von Justinian fängt Koehn an, stufenweise seine Hauptthese aufzubauen, Justinian habe versucht die Armee sowohl für die Verteidigung des Reiches als auch für offensive Feldzüge möglichst schlagkräftig einzurichten, ohne dabei zusätzliche finanzielle und militärische Ressourcen gebrauchen zu müssen. Oft bieten seine wohlüberlegten Beobachtungen zu den Quellen (vor allem Prokop und der justinianischen Gesetzgebung) erhellende Nuancierungen oder Korrekturen der bestehenden Literatur. Im ersten Teil rückt er die Struktur bzw. die Änderungen in der Struktur der Armee in den Mittelpunkt. Koehns Ausgangsbasis für diese Diskussion ist die von Justinian am Anfang seiner Regierung oder bereits vor seinem Herrschaftsantritt angesetzte Armeereform, wobei drei Truppengattungen besonderer Wert zugekommen sei: den comitatenses, den foederati und den hippotoxotai.

Koehns Quellenanalyse zeigt sich da am stärksten, wo er scheinbar triviale Bemerkungen als Kennzeichen für die von ihm postulierten Prozessen deutet. So fängt er seine Untersuchung damit an, dass er die in den Quellen erwähnte Neueinsetzung des magister militum per Armeniam als sechster magister militum als exemplarisch für Justinians Armeereform deutet. Diese Einsetzung habe einerseits die Verteidigung der Nordostgrenze gefördert, da dort jetzt dauerhaft comitatenses gelagert wurden, andererseits der Kommandostruktur weitere Flexibilität gegeben, da mit dem sechsten magister militum ein zusätzlicher Feldherr bereitgestellt worden war, der auch außerhalb seines Kommandobereiches operieren konnte. Tatsächlich, wie Koehn bei Prokop nachweisen kann, begleitete der magister militum per Armeniam Dorotheos den General Belisar, der selbst das Magisterium des Ostens innehatte, auf dem Vandalenfeldzug. Dies zeige eine dahingehende Wandlung innerhalb der Kommandostruktur, dass die magistri unter Justinian auch den Befehl über andere Regimenter führen konnten, ohne notwendigerweise ihre sämtlichen Truppen mitzubringen. Am wichtigsten für Justinian sei nämlich gewesen, wie bei der Reform insgesamt, dass das neu erschaffene Kommando nicht auf Kosten der Schlagkraft anderer Magisterien ging. Die comitatenses des neuen armenischen Magisteriums, wie diejenigen, die später die Expeditionsarmeen bildeten, würden zwar den anderen Magisterien entnommen; diese seien aber zuvor schon aufgefüllt worden, um ihre Kampfstärke zu gewährleisten.

Im zweiten Teil stehen die politischen Ziele im Zentrum, die Justinian mit seiner neugestalteten Armee habe verfolgen wollen. Bei seiner Analyse der Vandalen- und Gotenkriege zeigt sich die von Koehn postulierte Strategie des Justinian, die Eroberungskriege mit eingeschränkten militärischen und finanziellen Mitteln zu führen, damit die Sicherung der Donau- und Ostgrenze sowie der Staatshaushalt möglichst unberührt bleiben, als ein starkes Erklärungsmuster. So bietet es eine befriedigende Antwort auf die vieldiskutierte Frage der relativ geringen Zahl der Soldaten, die der Kaiser für die Expeditionen in Afrika und Italien bereitstellte (ungefähr 18.000 Mann für die Vandalenkriege; mit ca. 9.000 Mann wurde Belisar am Anfang nach Italien geschickt). Justinian habe nämlich nur das aufgebaute Surplus an Truppen eingesetzt, um einen sogenannten „lean warfare“ zu führen, wobei der Feind mehr durch Guerillataktiken als in offenen Schlachten besiegt werden müsse. Diese Strategie sei erfolgreich gewesen, solange das römische Heer die Initiative hatte, wie es im Vandalenkrieg und in der ersten Phase des Gotenkrieges der Fall war. Sobald die Goten die Römer aber in die Verteidigung drängten, waren sie nicht im Stande, sich gegen die zahlenmäßig überlegenen Goten zu wehren. Trotz zeitgenössischer Kritik an dieser unkonventionellen Art der Kriegführung von unter anderem Prokop habe Justinian lange an seiner Strategie festgehalten – sogar die Katastrophen der frühen 540ern hätten Justinian nicht auf andere Gedanken über seine Kriegführung gebracht. Erst als er Narses 551 Truppen aus den Präsental- und Balkanmagisterien zur Verfügung stellte, um mit einem großen Heer die Goten in Italien endgültig besiegen zu können, habe er seine Strategie eines „lean warfare“ zugunsten eines „absolute war“ verlassen. Das Heer des Narses wurde nämlich aus Soldaten aufgebaut, die ursprünglich mit der Verteidigung der Donaugrenze beauftragt waren: Nun sei die Kriegführung in Italien schließlich also doch auf Kosten der Sicherung anderer Gebiete im Reich gegangen. Koehns Hauptthese, finanzielle und militärische Effizienz[1] habe die Militärpolitik von Justinian geprägt, überzeugt also als historisches Erklärungsmodell, das vermag das traditionelle, kritische Bild von Justinian als rücksichtslos reformierendem Kaiser zu korrigieren.

Schwächere Teile enthält die Argumentation von Koehn aber auch, besonders wenn er versucht, persönliche Motivationen zu rekonstruieren oder zu erklären. So nimmt er zu unreflektiert die – zwar vertretbaren, aber nicht unumstrittenen – Prämissen an, dass Prokop mit den Bella ein „Heldenlied auf Belisar“ (S. 196) habe singen wollen und dass er „von seinem Ansatz her ein Eye of Command-Erzähler sein müsste, tatsächlich aber Face of Battle-Darstellung liefert“ (S. 196). Koehns Vorgehensweise ist hier aber nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch zu kritisieren. Erstens wird die Komplexität der literarischen Intention hier überhaupt nicht berücksichtigt; zweitens wirken die Prämissen wie Strohmann-Argumente bei seiner Schlussfolgerung, Prokop habe diese zwei Vorhaben wegen des Charakters der justinianischen Kriegführung nicht ausführen können. Im Licht der Rekonstruktion der persönlichen Motivationen fällt auch ein weiterer als biographisch-psychologische Analyse etwas altmodisch anmutender Teil auf (S. 56–67), in dem Koehn anhand der Erfahrungen von Justinian vor seinem Herrschaftsantritt gegen die communis opinio argumentiert, dass der Kaiser tatsächlich persönlich am Militär interessiert gewesen sei. Obwohl seine Analyse hier stichhaltig ist, trägt sie nicht zwangsläufig zur Kraft der Gesamtthese bei. Stattdessen wäre eine Differenzierung der Einfluss- und Entscheidungsprozesse bei der Militärstrategie geschickter gewesen: Wie Koehn sich diese nun aber vorstellt, habe so gut wie alle Verantwortung und Initiative für Änderungen in der Militärstrategie beim Kaiser selbst gelegen. Auch wenn dies wirklich so gewesen sein mag, hätte man gerne gelesen, warum andere Akteure dann nur so passiv an den Prozessen beteiligt gewesen seien.

Trotz der angeführten Kritikpunkte wird Koehns Buch allen von großem Wert sein, die sich für das justinianische Zeitalter interessieren, wäre es nur wegen seiner souveränen Literaturkenntnis und seiner akribischen und anregenden Quellenbehandlung. Überzeugend ist auch seine Neubewertung der Militärpolitik von Justinian insgesamt, die unser Verständnis der Zeit weiter vertieft und sicherlich von neuen Studien aufgenommen werden wird. Das Buch endet mit einem interessanten Blick auf die Gestaltung und Strategie der byzantinischen Armee in späteren Zeiten, der zeigt, wie kurzfristig Justinians militärpolitische Bemühungen waren. Im Endeffekt hätte also der Titel „Justinian und seine Armee“ noch besser zum Buch gepasst, obwohl dieser einige Hauptergebnisse sofort verraten hätte.

Anmerkung:
[1] Dass Effizienz als Grundlage für das spätantike Kaisertum zu betrachten sei, hat auch Chistopher Kelly behauptet, der sich allerdings nicht mit dem Militär auseinandersetzt, sondern mit der kaiserlichen und staatlichen Verwaltung: Christopher Kelly, Ruling the Later Roman Empire. Revealing Antiquity 15, Cambridge MA 2004. Das Buch wird in Koehns Studie nicht erwähnt.

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18.03.2019
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