J. da Silva: School(house) Design and Curriculum

Cover
Titel
School(house) Design and Curriculum in Nineteenth Century America. Historical and Theoretical Frameworks


Autor(en)
da Silva, Joseph
Erschienen
Anzahl Seiten
XXV, 214 S.
Preis
$ 79.99
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Fanny Isensee, Institut für Erziehungswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Mit seiner Untersuchung „School(house) Design and Curriculum in Nineteenth Century America“ leistet der Schularchitekt und Bildungspolitiker Joseph da Silva einen Beitrag zu (historischen) Betrachtungen des gegenseitigen Einflusses von Architektur und Schulcurriculum. Die generelle Frage nach der Bedeutung von Schularchitektur ordnet der Autor in bisherigen Untersuchungen als eher marginal ein (S. 133), obwohl auf diesem Gebiet durchaus bedeutende Arbeiten entstanden sind, auf die er sich auch bezieht.[1] Für die vorliegende Untersuchung werden drei zentrale Fragestellungen formuliert, die die besondere Verbindung zwischen Schulbauten und Lehrplänen aufdecken und verdeutlichen sollen: „What curricula might a particular kind of architecture support? Which ones might it thwart? What kind of citizens might a certain curriculum, delivered in a specific spatiality, rear?” (S. ix) In insgesamt drei Hauptkapiteln geht da Silva diesen Themenkomplexen nach. Der erste Teil widmet sich einem knapp gehaltenen Überblick über die Historiografie des US-amerikanischen Schulbaudesigns, der vor allem auf Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert fokussiert. Das zweite Kapitel konkretisiert die Ausführungen zur Schularchitektur an insgesamt acht Schulen in drei Städten im Bundesstaat Rhode Island. Die Fallauswahl begründet der Autor mit Rhode Islands Status als Hotspot amerikanischen kulturellen Wandels, der sich in einem regen Interesse an Bildungsdebatten, frühen staatlichen Vorgaben zur Schulpflicht und dem breit ausgebauten Lehrerbildungssystem ausdrücke. Der dritte Teil des Buches ist schließlich dem Thema der Schularchitektur als Mittel der sozialen (Re-)Produktion gewidmet. Zum Schluss geht da Silvas Studie über die rein historische Betrachtung hinaus und verknüpft diese mit aktuellen Debatten um den Zugang zu Bildung und die Demokratisierung der Schule. Seine Analyse dient letztlich der Begründung seines Plädoyers für flexibel gestaltbare Lernumgebungen, die inklusivere Lehr- und Lernsettings schaffen sollen.

Den Fokus des Buches bilden im zweiten und dritten Kapitel die Debatten um die Gestaltung von Schulbauten, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts einsetzten. Sie orientierten sich einerseits an den 1828 erschienenen „Original Papers in Relation to a Course of Liberal Education“ (auch bekannt als „Yale Report“), die von zukünftigen Studierenden eine ausgeglichene Bildung forderten, die sowohl Wert auf die Vermittlung von Wissensbeständen der unterschiedlichen Schulfächer als auch auf die Ausbildung von Kompetenzen, wie kritisches Argumentieren, Entscheidungsfindung oder Erfindungsgabe, legte (S. 32). Diese Anforderungen übersetzte der Bericht in Unterrichtsformen – und damit einhergehend in architektonisches Design, wie zum Beispiel separierte Klassenzimmer mit fest angeordneten Bankreihen –, die sich aus Lehrervorträgen, Recitations (eine für das US-amerikanische Schulsystem typische Form des Abfragens von Wissen) und Debatten zusammensetzten. Somit sollte eine breite Basis für verschiedene spätere berufliche Orientierungen geschaffen werden. Im Gegensatz zu diesen von aufklärerischen Idealen geprägten Vorstellungen der sogenannten „traditionalist pedagogies“ forderten Vertreter des um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Bildungsbereich aufkommenden Scientific Management (wie John Dewey, Lester F. Ward oder John Franklin Bobbitt) eine neue Schularchitektur. Diese sollte es ermöglichen, Schulen so zu gestalten, dass sie als „sites of social control“ (S. 81) fungieren, in denen Effizienz, Empirismus und Produktivität zu den obersten Prämissen zählen, und eine an der Berufswelt orientierte Bildung vermittelt werden sollte. Diesen Wandel zeichnet da Silva anhand der unterschiedlichen Vorstellungen von und Anforderungen an Schule nach. Dafür vergleicht er die mit Enzyklopädien, Kartenmaterial und Schulbüchern ausgestatteten Klassenräume, deren Schulmobiliar zentral um das Lehrerpult angeordnet war, mit der Anlage von speziellen Fachräumen und Werkstätten sowie der Planung von eigens angelegten administrativen Räumlichkeiten, die mit der Etablierung einer professionellen Schulverwaltung einher ging. Anhand dieser Verschiebungen in der Ausstattung und dem Design von Schulen macht der Autor die Verknüpfung zwischen Lehr-/Lernumgebung und Curriculum fest. Die verschiedenen Ansprüche an die Schularchitektur, die mit bestimmten Unterrichtsformen korrespondieren, werden zudem sehr anschaulich in detaillierten Beschreibungen typischer Klassenräume (S. 79ff.) und in tabellarischen Übersichten (S. 34, S. 62, S. 169) dargestellt. Bei der Besprechung der einzelnen untersuchten Schulen in Rhode Island wird allerdings deutlich, dass die Schulbauten selbst während der Blütezeit des Scientific Management noch stark an die Vorstellungen und Vorgaben des „Yale Reports“ angelehnt waren (S. 114). Einzig die Oliver Memorial School (Bristol, Baujahr 1901) sowie die Providence Manual Training School (Providence, Baujahr 1894) weichen von der für die traditionalistische Strömung typischen neogotischen Architektur ab und weisen Charakteristika des Einflusses des Scientific Management auf.

Anschließend, in Kapitel vier, geht da Silva darauf ein, welche/r Schüler/in in den Schulen hervorgebracht werden sollten. Dafür bedient sich der Autor bei Althussers Betrachtungen zu Ideologie und dem ideologischen Staatsapparat[2] und der Weiterentwicklung dieser Theorie durch Bowles und Ginti.[3] Letztere ordnen in Anlehnung an Althusser Schule als Instrument zur Sortierung von Schüler/innen in verschiedene ökonomisch diversifizierte Gruppen ein, die in Bezug auf das US-amerikanische Schulsystem mit Labeln wie „college prep“, „vocational studies“ oder „home economics“ versehen werden (S. 125). Diese Vorstellungen von Schule wurden, so resümiert da Silva, von einer bestimmten Gruppe von weißen männlichen Personen durchgesetzt und berücksichtigten somit marginalisierte Positionen bei der Gestaltung nicht. Zunächst jedoch beschreibt da Silva die Unterschiede zwischen den Traditionalists und den Vertreter/innen des Scientific Managements. Während Erstere eine Schule für fleißige und leistungsstarke Bürger/innen anstrebten, die auf eine breite Wissensbasis zurückgreifen können sollten, forderten Zweitere eine Schule, die den Lernenden die nötigen Fähigkeiten für die Anforderung der expandierenden Industrie vermittelt. Der Architektur wird hierbei eine Rolle beigemessen, die die Hervorbringung dieser „erwünschten“ Schüler/innen unterstützen, verkomplizieren oder sogar untergraben kann. Im Rahmen dieses besonderen Verhältnisses zwischen Curriculum und Schuldesign führt da Silva das Konzept der „residual pastness“ ein, welches die Wirkung des bereits vorhandenen Schulbaus auf die Umsetzung neuerer Lehrpläne beschreibt. Mit dieser entscheidenden Verbindung wird der Einfluss der Architektur auf schulische Prozesse verdeutlicht und die oben angeführten Beispiele aus den Fallstudien können hierdurch noch konkreter eingeordnet werden.

In der Schlussbetrachtung verbindet da Silva die Ergebnisse seiner historischen Untersuchung mit aktuellen Debatten im Bildungssystem der USA. Dabei konstatiert er, dass die Sortierfunktion, die bereits im 19. Jahrhundert aufkommt, sowie der Fokus auf das Auswendiglernen von Wissensinhalten (etwa in Form von standardisierten Testverfahren) bis heute in Schulen erhalten geblieben sind (S. 173). Schließlich endet er mit der Empfehlung, das Design von Schulgebäuden weniger starr anzulegen und plädiert für flexibel gestaltbare Lernumgebungen (S. 187).

Mit seiner Untersuchung „School(house) Design and Curriculum in Nineteenth Century America“ gelingt da Silva ein überzeugendes Plädoyer für die verstärkte Einbeziehung der Architektur in schulhistorische Betrachtungen und aktuelle Schuldebatten, die sich zum Beispiel in derzeit aktiven Arbeitsgruppen zum Thema Schulraumqualität widerspiegeln. Die Rückbindung an curriculare Diskussionen aus dem 19. Jahrhundert, die die Vorstellungen von Schule in den USA bis heute prägen, erscheint dabei schlüssig und wird durch die Analyse konkreter Fallbeispiele und dem detaillierten Appendix (S. 191ff.), der die öffentlichen Schulen im Bundestaat Rhode Island von 1870 bis 1920 katalogisiert, anschaulich illustriert. Das Kapitel „Structuring Sociality: School Design as Social (Re)Production“ stellt eine Fülle von Theorien und Ansätzen vor, von denen die meisten allerdings nur recht kurz andiskutiert werden und deren Nutzen für die gesamte Studie daher nicht bis ins Detail nachvollziehbar wird. Auch die teilweise unvollständigen bibliografischen Angaben und die geringe Qualität der Abbildungen, die dem Alter der Vorlagen geschuldet sein mag, trüben den Gesamteindruck ein wenig. Insgesamt jedoch überzeugt der von Joseph da Silva gewählte Ansatz, den (Bildungs-)Historiker/innen und Forschende, die sich mit curricularen Debatten sowie schularchitektonischen Entwicklungen in den USA beschäftigen, durchaus mit Gewinn zur Kenntnis nehmen werden.

Anmerkungen:
[1] U.a. Ben E. Graves, School Ways. The Planning and Design of America’s Schools, New York 1993; Dale Allen Gyure, The Transformation of the Schoolhouse. American Secondary School Architecture and Educational Reform, 1880–1920, Ph.D. diss., University of Virginia 2001; ders., The Chicago Schoolhouse. High School Architecture and Educational Reform 1856–2006, Chicago 2011; Jeffrey A. Lackney, History of the Schoolhouse in the USA, in: Rotraut Walden (Hrsg.), Schools for the Future, Wiesbaden 2015, S. 23–40.
[2] Louis Althusser, Ideology and Ideological State Apparatuses, in: Ben Brewster (Hrsg.), Lenin and Philosophy and Other Essays, New York 1970, S. 121–176.
[3] Samuel Bowles / Herbert Gintis, Schooling in Capitalist America. Educational Reform and the Contradictions of Economic Life, New York 1976.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.04.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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