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Titel
Going to College in the Sixties.


Autor(en)
Thelin, John R.
Erschienen
Anzahl Seiten
XVIII, 198 S.
Preis
$ 34.95
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Catrin Dingler, Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften, Bergische Universität Wuppertal

In den USA stand der 50. Jahrestag der Studentenproteste von 1968 nicht allein im Zeichen nostalgischer Rückschauen. Die Tagespresse rief die Campus-Unruhen der Vergangenheit vielmehr vor dem Hintergrund zeitgenössischer Konflikte um die akademische Redefreiheit in Erinnerung.[1] Mit den Auseinandersetzungen um die Einrichtung von safe spaces an der Universität von Berkeley war wieder jener Campus in die Schlagzeilen geraten, an dem sich vor mehr als einem halben Jahrhundert Hochschulgruppen der Neuen Linken zum Free Speech Movement zusammengeschlossen hatten.

Der journalistische Fokus auf den altbekannten Schauplatz animierte den an der University of Kentucky lehrenden Universitätshistoriker John R. Thelin, einen bildungshistorischen Blick auf das Hochschulwesen der Sechzigerjahre zu werfen.[2] Mit Going to College in the Sixties möchte er die in der Presse präsentierten „postcards“ (S. 1) vertrauter, mythisch aufgeladener Bilder und Geschichten rund um die 68er-Studentenbewegung durch weniger einschlägige, im kollektiven Gedächtnis verblasste Impressionen erweitern, um in einem das ganze Jahrzehnt umfassenden Album die US-amerikanische Hochschulbildung in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit sichtbar werden zu lassen.

Im ersten Kapitel zeichnet Thelin ein statistisches Portrait der in den Sechzigerjahren zu beobachtenden Transformation von der akademischen Elitenbildung zur Massenuniversität. Infolge der steigenden Geburtenrate expandierte zunächst der sekundäre Bildungsbereich, ehe Anfang des Jahrzehnts eine nie dagewesene Zahl von Achtzehnjährigen an die Universitäten drängte. Binnen weniger Jahre wurden Hunderte von neuen, öffentlichen Hochschulen unterschiedlichen Typs gebaut. Bis zum Ende der Dekade hatte sich die Zahl der Masterabschlüsse verdreifacht, die Zahl der Promotionsabschlüsse im Vergleich zu den ersten Nachkriegsjahren verfünffacht.

Bevor Thelin die daraus resultierenden Veränderungen für den Hochschulalltag reflektiert, schildert er im zweiten Kapitel die soziokulturellen Rahmenbedingungen für den Bildungsboom: Mit Ratgeberliteratur konnten sich die Absolventinnen und Absolventen der High School gezielter auf die Zulassungstests der Hochschulen vorbereiten, in Unterhaltungsmedien, wie der landesweit ausgestrahlten TV-Show College Bowl, konkurrierten Universitäten um zukünftige Studierende. Hochschulbildung war prestigeträchtig und populär zugleich.

Das dritte Kapitel erläutert die politischen Intentionen der öffentlich geförderten Bildungsoffensive: Clark Kerr, Präsident der University of California, wird als zentrale Figur eines „Higher Education Establishment“ (S. 52) vorgestellt, das den Funktionswandel der Universität von der klassischen Bildungsanstalt zur modernen Wissensindustrie managen sollte. Kerrs Ziel war es, Qualität und Quantität, Exzellenz und Masse, in einer modernen „multiversity“ (S. 66) zu verbinden.[3] Akademische Aus- und Neubauten wurden seit den Sechzigerjahren nicht mehr als Einzelinstitutionen betrachtet, sie galten nunmehr als Teile riesiger Universitätssysteme, die in enger Kooperation mit den nationalen Wirtschaftsunternehmen agieren sollten.

Erst in den zentralen Kapiteln vier und fünf widmet sich Thelin seinem eigentlichen Thema. Auf der Basis von Vorlesungsverzeichnissen, akademischen Jahrbüchern, individuellen und kollektiven Memoiren, Presseberichten und eigens für die Publikation gesammelten Interviews mit Zeitzeugen rekonstruiert er ein facettenreiches, lebendiges Bild des Campuslebens in den Sechzigerjahren. Zusätzlich werden in einem kürzeren sechsten Kapitel die Nachwirkungen der Studentenbewegung auf den Hochschulsport angedeutet.[4]

Wichtig ist Thelin die Unterscheidung zwischen den Aktivitäten der Studentenkultur und dem Aktivismus einer jugendlichen Gegenkultur, die eher jenseits des Campus entstanden sei und dann auf ihn zurückgewirkt habe. Die Studentenproteste der frühen Sechzigerjahre galten innerakademischen Problemen; bemängelt wurden überfüllte Seminare, das überwiegend unpersönliche Verhältnis zu den Lehrenden beziehungsweise die generelle Vernachlässigung der Lehre zugunsten der Forschung. Erst allmählich wurden Forderungen der Bürgerrechtsbewegung und der Neuen Linken aufgegriffen. Darüber hinaus belegen Aufnahmen, von denen eine den Buchumschlag ziert, dass die Studierenden im ersten Drittel des Jahrzehnts ihre Anliegen noch in geordneten Protestmärschen in Hemd und Krawatte vortrugen. Erst zum Ende der Dekade änderte sich das Erscheinungsbild des Protests. Die mediale Aufmerksamkeit gehörte fortan spektakulären Campus-Blockaden und gewaltsamen Auseinandersetzungen in Berkeley oder Columbia. Für Thelin gerieten infolge dieser Fokussierung nicht nur die studentischen Proteste in den Südstaaten aus dem Blick; übersehen worden sei außerdem, dass nicht der Radikalismus der politischen Revolte, sondern der friedliche, studentische „grassroots activism“ (S. 116) zu nachhaltigen Reformen des Hochschulbetriebs geführt habe.

An ausgewählten Fallstudien ruft Thelin experimentelle Hochschulgründungen der späten Sechzigerjahre in Erinnerung, wie das Stockton State College in New Jersey oder das Cowell College in Santa Cruz, in denen die Tradition der liberal arts neu begründet werden sollte. Die Idee war, in neugestalteten Wohn- und Lerneinheiten ein interdisziplinäres Programm der freien Künste nicht mehr nur für eine exklusive Minderheit, sondern für die Mehrheit der berufsorientierten Studierenden anbieten zu können. Allerdings erforderten diese Top-Down-Konstruktionen eine lange Planungs- und Bauphase, sodass bisweilen an traditionellen Universitäten studentische Initiativen zur Etablierung neuer Themenfelder, neuer Lehr-Lern-Programme und veränderter Bewertungskriterien schneller und erfolgreicher durchgesetzt werden konnten.

Thelin präsentiert in den mittleren Kapiteln eine Fülle interessanter kleiner case studies, die das vertraute Geschichtenrepertoire der Sechzigerjahre erweitern, doch nicht immer wird deutlich, warum dieser oder jener Campus ausgewählt wurde, und ob und wie die verschiedenen Einzelereignisse ins Verhältnis zu setzen wären. Das hat Folgen für seine Schlussbetrachtung: Thelin schließt mit der Feststellung, dass nach 1970 aus der akademischen Revolte eine „managerial revolution“ (S. 167) geworden sei, in deren Verlauf die mit der Bildungsexpansion Anfang der Sechzigerjahre geschürte Hoffnung, Chancengleichheit und Exzellenz ließen sich verbinden, enttäuscht worden sei (S. 168ff.). Seine eigene Rekonstruktion lässt jedoch Zweifel aufkommen, ob dieser Anspruch in den Masterplänen derer, die er selbst als „Higher Education Establishment“ bezeichnet, je eine herausragende Rolle gespielt hat. Thelin deutet in den einzelnen Kapiteln an, dass die Politisierung der Hochschulen in den Sechzigerjahren keineswegs nur seitens der Linken erfolgte und die politische Rechte ihre Macht just in den Jahren der größten Campus-Unruhen konsolidieren konnte: Ronald Reagan gewann 1966 und 1970 die Gouverneurswahl in Kalifornien, Richard Nixon 1969 die US-Präsidentschaftswahlen. Thelin merkt außerdem an, dass die in emanzipatorischer Absicht gegründeten experimentellen Colleges bei ihrer Eröffnung Anfang der Siebzigerjahre schon unzeitgemäß wirkten und binnen weniger Jahre als separate „distinctive colleges“[5] fungierten, somit die Trennung von Massen- und Elitenbildung eher akzentuierten als aufhoben.

Es wäre wünschenswert gewesen, wenn Thelin seine politischen Andeutungen ausgeführt und nicht nur die bildungspolitische Entwicklung der frühen Sechzigerjahre, sondern auch das Ende des langen Jahrzehnts im gesamtgesellschaftlichen Kontext reflektiert hätte. So bleibt der Band eine Erklärung schuldig, warum sich die aus der studentischen Selbstverwaltung hervorgegangenen Cultural Studies, Black Studies, Gender Studies und Disability Studies mit dem Konzept der „multiversity“ kompatibel erwiesen und sich die vermeintlich gegenkulturellen Curricula in den folgenden Jahrzehnten in das neoliberale Konzept der unternehmerischen Universität einfügten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Carol Pogash, At Berkely, Free (Though Subdued) Speech, 50 Years Later, in: New York Times, 02.10.2014, S. A18; Adam Nagourney / Carol Pogash / Tamar Lewin, It’s Not the Old Days, but Berkeley Sees a New Spark of Protest, in: New York Times, 10.12.2014, S. A1.
[2] Für seine umfassende Erkundung der amerikanischen Hochschulbildung von der Gründung im 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts vgl. John R. Thelin, A History of American Higher Education, 3. überarb. Aufl. Baltimore 2019 (1. Aufl. 2004).
[3] Vgl. Clark Kerr, The Uses of the University, Cambridge 1963.
[4] Zur Bedeutung des Hochschulsports im US-amerikanischen Hochschulwesen vgl. John R. Thelin, Games Colleges Play. Scandal and Reform in Intercollegiate Athletics, Baltimore 1996.
[5] Vgl. Burton R. Clark, The Distinctive College. Antioch, Reed and Swarthmore, Chicago 1970.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.11.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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