Cover
Titel
Für alle! Die Basler Volksschule seit ihren Anfängen.


Autor(en)
Felder, Pierre
Reihe
Neujahrsblatt der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige, Basel GGG
Erschienen
Basel 2018: Schwabe Verlag
Anzahl Seiten
382 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Patrick Bühler, Pädagogische Hochschule, Fachhochschule Nordwestschweiz

Die Bildungsgeschichte folgt – wenig verwunderlich – in ihren Gepflogenheiten der Geschichtswissenschaft. Wenn ihre Veränderungen jedoch verglichen werden, wird häufig die Vermutung geäußert, dass das kleine Teilgebiet der historischen Forschung keine besondere Eile an den Tag lege und sich nur gemächlich an neuere Entwicklungen anpasse. Tatsächlich handelt es sich bei solchen vermeintlichen bildungshistorischen Retardierungen jedoch meistens um nachträgliche Täuschungen, die dadurch entstehen, dass zum einen im Rückblick Veränderungen bekannt sind und zum anderen häufig übersehen wird, dass sich auch „die“ Geschichte insgesamt nur gemessen auf Neuerungen einließ. Die letzte große „Erneuerung der deutschsprachigen Bildungsgeschichte“ liegt nun schon mehrere Dekaden zurück: In der zweiten Hälfte der Achtziger-Jahre begann man sich auch in der historischen Bildungsforschung wenig erstaunlich verstärkt für „alltags-, sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte“ zu interessieren.[1] Neben einer Reihe eindrücklicher Einzelstudien gehören zu den Früchten dieses sozial- und kulturhistorischen Wandels auch die „Datenhandbücher zur deutschen Bildungsgeschichte“ und das sechsbändige „Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte“, deren erste Bände 1987 erschienen.[2] Wollte man nun eine tatsächliche Verspätung oder mittlerweile gar schlicht einen schmerzlichen Verlust beklagen, so wäre es der, dass keine vergleichbaren Unternehmungen für die Schweiz zustande kamen, wie zwei renommierte Forscher in einem nach wie vor äußerst lesenswerten, programmatischen Artikel schon 1995 bedauerten.[3] Pierre Felders Studie „Für alle! Die Basler Volksschule seit ihren Anfängen“ löst nun zwar dieses alte Desiderat nicht ein, mit seiner Untersuchung liefert Felder aber einen ebenso konzisen wie aufschlussreichen sozial- und kulturhistorischen Überblick über die Geschichte der Schule des Stadtkantons, dass man sich wünschte, sein Kompendium sei der Anfang einer Reihe, die schließlich alle Kantone umfasste.

Seinen Abriss der Basler Schulgeschichte beginnt Felder mit zwei Kapiteln zu den Vorläufern der Volksschule, die den Basler Schulen im Ancien Régime und den „aufgeklärten“ Reformen des 18. Jahrhunderts gewidmet sind. Das Hauptgewicht der Darstellung liegt dann jedoch auf dem 19. und 20. Jahrhundert, als moderne Bildungssysteme bekanntlich überhaupt entstanden und ausgebaut wurden. Felders Darstellung der Basler Bildungsrevolution und Expansion folgt ganz klassisch sowohl großen historischen Umbrüchen als auch der Entwicklung der Institution „Schule“ selbst:[4] Felders Kapitel behandeln etwa „Kriegs- und Krisenzeiten“ (S. 203) oder erläutern das Zustandekommen der beiden wichtigen Basler Schulgesetze von 1880 und 1929. Grob vereinfacht funktioniert sozialer Wandel in Felders Geschichte daher auch als eine Art „Motor“ der Schulentwicklung und seine Darstellung mutet deswegen in mancher Hinsicht ab und zu auch wie eine klassische Erfolgs- und Aufstiegsgeschichte an. Gleichzeitig lässt Felder jedoch nicht außer Acht, dass es auch gute Gründe gibt, das Verhältnis gerade anders herum aufzufassen, und weiß er selbst nur zu gut, dass die Geschichte der Schule kaum jemals simpel und geradlinig verlief, wie es just auch seine eigene Studie immer wieder zeigt. Ein notorisches Beispiel dafür, dass sozialer Wandel nicht unbedingt einfach und schnell übernommen wird, sind die zähen und langen Streitereien, die Schulgesetze, neue Lehrmittel oder neue Schultypen auslösen können, die Felder zum Beispiel in seinem Kapitel „Mittelstufenreform auf der Achterbahn (1970–2003)“ beschreibt.

Neben den großen sozialen und politischen Entwicklungen richtet die Überblicksdarstellung jedoch auch ein besonderes Augenmerk auf eine Vielzahl von kulturhistorischen Veränderungen. Felder versucht der Vielfalt der Schule gerecht zu werden und geht daher unter anderem auf Lehrmittel, die Veränderung der Notenskalen, die Beschulung von Mädchen, das Lehrerinnenzölibat, die Gründung von staatlichen Kindergärten, die Entstehung der Sonderschule, die Anstellung von Schulärzten oder auf die Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern, wie zum Beispiel durch die reformpädagogische „Fortbildungszentrale“ „Institut für die Behandlung neuzeitlicher Erziehung- und Unterrichtsfragen“ ein, das 1924 geschaffen wurde (S. 162). Dabei vernachlässigt Felder auch die konfessionellen Kämpfe nicht. In Basel wurde 1884 etwa die private katholische Schule geschlossen, so dass 1.400 katholische Kinder in der Staatsschule aufgenommen werden mussten (S. 110–113). Ein ganzes Kapitel setzt sich mit dieser am Ende des 19. Jahrhunderts äußerst wichtigen Frage von „Laizismus und Religion“ auseinander. Aber auch anderen zentralen Fragen werden eigene Kapitel gewidmet, so etwa der Frage von „Sprachbarrieren und kultureller Heterogenität“, die in den 1960er Jahren bedeutsam wurde, und selbstverständlich werden auch die jüngsten Entwicklungen berücksichtigt, wie die Harmonisierung der kantonalen Bildungssysteme nach einer Revision der Bundesverfassung 2006. Felder konzentriert sich zwar auf Basel, bezieht aber immer nationale Entwicklungen in seine Beschreibung ein. So schildert er etwa nicht nur die Querelen, die mit dem Entwurf des neuen Schulgesetzes Ende der 1870er-Jahre einhergingen, sondern betont auch, dass die Gesetzgebung des Kantons Zürich als Vorbild diente (S. 86), oder hebt die Bedeutung des Abstimmungskampfs um den sogenannten eidgenössischen Schulvogt hervor, durch den die kantonalen Bildungssysteme schon am Ende des 19. Jahrhunderts hätten „harmonisiert“ werden sollen (S. 112–114).

Der kenntnisreichen, elegant geschriebenen Übersicht über die Geschichte der Basler Schule liegen intensive Archivrecherchen zugrunde, die auch der reichen und liebevollen Auswahl von Bildern zugute kamen: Es finden sich unter anderem Abbildungen von Bauplänen von Schulhäusern, Klassenphotos, Portraits, Schulmünzen, mit denen fleißige Gymnasiasten belohnt wurden, oder Zeugnisse. Die Studie besticht auch durch ihre hilfreichen graphischen Darstellungen, in denen Entwicklungen übersichtlich zusammengefasst werden wie etwa die Veränderung der Schuldauer, der Schulaufsicht, der Schulstufen etc. Außerdem enthält der Band instruktive Ausschnitte aus Schulerinnerungen und andere Zeugnisse, wie zum Beispiel eine Schilderung des „hölzernen Esels“, „auf dessen scharfkantigen Rücken gewisse Übeltäter zur Strafe gesetzt und öffentlich zur Schau ausgestellt wurden“ (S. 56), einen Auszug aus der „Badeordnung für die Primarschulen“ 1895 (S. 130) oder die Schilderung eines Protestzugs von Schülern und Schülerinnen, die 1968 demonstrierten (S. 180). Gerade weil der Abriss so gelungen ist, hätte man gerne auch noch mehr zur Entwicklung der Verwaltung oder zur Geschichte der Heime erfahren, die jedoch erst seit kurzem intensiv erforscht wird.[5] Während es in der Darstellung immer wieder Ausblicke auf nationale Entwicklungen gibt, kommen transnationale Transformationen hingegen kaum vor. Bei den meisten Neuerungen – Einführung von Kindergärten, Sonderschulen, Schulärzten etc. – handelte es sich jedoch nicht um Basler Erfindungen, sondern um Entwicklungen, die sich in vielen Ländern zur selben Zeit beobachten ließen. Aber der Versuch, die Geschichte eines Bildungssystems über mehrere Jahrhunderte zu schreiben, erfordert immer den Mut zu quälenden Lücken und schmerzhaften Kürzungen. Der hübsche Band bietet auf jeden Fall einen ebenso gewinnbringenden Überblick über die Basler Schulgeschichte wie eine vergnügliche Lektüre.

Anmerkungen:
[1] Karin Priem, Strukturen – Begriffe – Akteure? Tendenzen der Historischen Bildungsforschung, in: Jahrbuch für historische Bildungsforschung 12 (2006), S. 351–370, hier S. 352, http://www.pedocs.de/volltexte/2018/15394/pdf/Jahrbuch_fuer_Historische_Bildungsforschung_Band_12.pdf (14.02.2020).
[2] Hartmut Titze, Das Hochschulstudium in Preußen und Deutschland 1820–1944 (Datenhandbuch zur deutschen Bildungsgeschichte, 1.1 Band), Göttingen 1987; Ulrich Hermann, Vorwort zum Erscheinen des Handbuchs der deutschen Bildungsgeschichte, in: Karl-Ernst Jeismann / Peter Lundgreen (Hrsg.), Von der Neuordnung Deutschlands bis zur Gründung des Deutschen Reiches 1800–1870 (Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, 3. Band), München 1987, S. V–VII.
[3] Lucien Criblez / Carlo Jenzer, Zur Situation und Entwicklung der Schulgeschichte in der Schweiz, in: Bildungsforschung und Bildungspraxis. Schweizerische Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17 (1995), 2, S. 210–240. http://doi.org/10.5169/seals-786101 (14.02.2020). Für die darauffolgenden 15 Jahre vgl. Sebastian Brändli, Skylla und Charybdis in der Bildungsgeschichte. Methodische und perspektivische Bemerkungen zur disziplinären Entwicklung in der Schweiz, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 61 (2011), 3, S. 290–314, http://doi.org/10.5169/seals-170295 (14.02.2020).
[4] Zur Bildungsrevolution vgl. Heinrich Bosse, Bildungsrevolution 1770–1830. Herausgegeben mit einem Gespräch von Nacim Ghanbari, Heidelberg 2012.
[5] Für Basel vgl. Bürgergemeinde der Stadt Basel (Hrsg.), Zuhause auf Zeit. 350 Jahre Bürgerliches Waisenhaus Basel, [Basel] 2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.03.2020
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag