W. Schmidt: Erinnerungen eines deutschen Historikers

Cover
Titel
Erinnerungen eines deutschen Historikers. Vom schlesischen Auras an der Oder übers vogtländische Greiz und thüringische Jena nach Berlin


Autor(en)
Schmidt, Walter
Reihe
Autobiographien
Erschienen
Berlin 2018: Trafo Verlag
Anzahl Seiten
562 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ilko-Sascha Kowalczuk, Bildung und Forschung, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU)

Der 8. November 1943 änderte alles für Walter Schmidt: Sein Vater Josef Schmidt wurde wegen „Heimtücke“ und „Wehrkraftzersetzung“ in Berlin-Plötzensee von den Nationalsozialisten hingerichtet. „Die Kindheit war in diesem Moment beendet“ (S. 74). Das ist der wichtigste und entscheidende Satz in Schmidts Autobiographie. Sein Weg zum überzeugten Kommunisten und treuen SED-Geschichtspropagandisten ist, wenn schon nicht vorgezeichnet, so doch vor dem Hintergrund dieser schrecklichen Erfahrung zu erklären. Walter Schmidt war jedoch noch mehr: Er war seit den frühen 1960er-Jahren an nahezu allen zentralen Kollektivwerken der SED-Geschichtswissenschaft maßgeblich als Autor, Leiter und Herausgeber beteiligt. Zwanzig Jahre lang leitete er den Bereich „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ am Institut bzw. ab 1976 an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Der Multifunktionär – es gab kein relevantes Gremium der SED-Geschichtswissenschaft, dem er nicht angehörte – wurde 1984 Direktor des Zentralinstituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, dem Flaggschiff der DDR-Geschichtswissenschaft. Damit immer noch nicht genug: Anders als die meisten anderen der mit Ämtern überhäuften Historiker in der DDR hatte er sich seit den 1960er-Jahren auch noch zu einem international gewichtigen Forscher für die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts profiliert, insbesondere des Vormärz, der 1848er-Revolution sowie der Arbeiterbewegung. Der überaus produktive Historiker ist 1990 mit 60 Jahren in den Vorruhestand geschickt worden. Er galt als politisch-ideologisch belastet – was er zweifellos auch war. Anders als so manch anderer Historiker aus der DDR blieb er ungemein produktiv und hat seither viele weitere Studien insbesondere zu den genannten Forschungsgebieten vorgelegt. Eine Autobiographie verspricht vor dem Hintergrund dieser fast solitären Stellung von Walter Schmidt in der DDR-Geschichtswissenschaft und des zugleich beeindruckenden wissenschaftlichen Oeuvres Spannung, neue Einblicke und interessante Beobachtungen.

Walter Schmidt (Jahrgang 1930) entstammt einer Historikergeneration, die in der DDR wie in der Bundesrepublik die Nachkriegsentwicklung der Historiographie bis 1989 (und den bundesdeutschen Teil betreffend: bis zum Ende des Jahrhunderts) maßgeblich prägte. Anhand des Historikers Thomas Nipperdey oder mit Blick auf die von dieser Generation „versäumten Fragen“ konnte das für die Bundesrepublik exemplarisch gezeigt werden.[1] Umfangreiche autobiographische Darstellungen aus den Federn von Vertretern dieser bundesdeutschen Historikergeneration liegen gedruckt nur in seltenen Ausnahmefällen vor – im Unterschied zu ihren Fachkolleginnen und -kollegen aus der DDR. Denn in einem ungleich höheren Maße traten diese mit autobiographischen Schriften hervor, die vielfach aus einem inneren Legitimationsdruck heraus entstanden: Ihre Entlassungen im Jahre 1990 und in den Jahren danach aus ihren bisherigen Institutionen (oftmals mit deren Auflösung verbunden) empfanden sie als demütigend und als Abwertung oder gar Entwertung ihrer bisherigen Lebensleistung, auch ihrer wissenschaftlichen Arbeitsergebnisse. Offenbar entstand daraus der Druck, der Gegenwart und Nachwelt ihre Sicht der Dinge autobiographisch nahezubringen. So gerieten diese Autobiographien fast alle zu Rechtfertigungsschriften. Es gibt von ihnen mittlerweile dutzende, wenn man DDR-Gesellschaftswissenschaftler insgesamt berücksichtigt, sind es gar hunderte. Die wenigsten von ihnen sind so anregend und aufregend wie die des früheren Chefredakteurs der „Jungen Welt“, Hans-Dieter Schütt, oder des stellvertretenden Kulturministers, Dietmar Keller, eines promovierten Historikers.[2] Wenn man von den eindrucksvollen Büchern von Markov, Kuczynski oder Ruge absieht[3], so sind die zahlreichen Autobiographien von DDR-Historikern sogar nicht nur weder anregend noch spannend, sie sind überflüssig und bewegen sich meist am Rande der autoapologetischen Peinlichkeit. Leider reihen sich die Erinnerungen von Walter Schmidt hier nahtlos ein.

Die Memoiren gliedern sich in zwei große Teile. Der erste behandelt Kindheit, Jugend und Studium von 1930 bis 1953. Abgesehen von der tragischen Vatergeschichte, die Schmidts Lebensweg maßgeblich prägte, erzählt der Autor kleinteilig die Familien- und Beziehungsgeschichte nach. Es ist kaum vorstellbar, dass außerhalb der Familie, Freunde und der erwähnten Personen irgendjemand das mit Spannung zu lesen vermag. Selbst die an sich spannenden Studienjahre an der Universität Jena glättet Schmidt auf eine Art, die – wenn man etwas Ahnung von den inneren Vorgängen an der Universität und speziell bei den Historikern Anfang der 1950er Jahre hat – fast schmerzlich ist (S. 219–222).

Walter Schmidt erzählt dann die Jahre 1953 bis 2018 auf eine neue Art, leider ist die noch langweiliger. Denn der Autor schreibt Seite für Seite für Seite sein wissenschaftliches Werk wie in einer annotierten Bibliographie nieder[4], höchstens mal unterbrochen von familiären Fotoalbumgeschichten, die selten für Dritte interessant sind. Anders als viele andere Historiker aus der DDR leugnet Schmidt nicht seine geschichtspropagandistischen und -ideologischen Beiträge zur Legitimation der SED-Herrschaft. Was bei ihm aber nicht vorkommt, sind Konflikte, Auseinandersetzungen, Bruchlinien. Ganz typisch für seine Darstellung ist, dass er zwar erwähnt, dass Lothar Berthold 1968 den Direktorposten am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED räumen musste, nicht aber den Grund hierfür: Seine Tochter hatte gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in Prag protestiert (S. 211). Stattdessen gibt es viele weitere Beispiele, dass der Zeitzeuge Schmidt nicht erklärt, was sich warum hinter den Kulissen abspielte. Auch aus dem Innenleben der SED erfährt man nichts, gar nichts. Das MfS wird nicht einmal erwähnt: Der Direktor und Reisekader hatte also damit nichts zu tun? Er klärt auch nicht auf, was ein „Lehrstuhl“ an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften eigentlich war und lässt so seine Leserinnen und Leser im Unklaren. Es wäre doch einfach gewesen, zu erläutern, dass es sich um eine Adaption aus der Sowjetunion handelte und die synonyme Bezeichnung für „Institut“ war. Er hätte auch erklären sollen, warum es an den Parteiinstituten oder der Akademie der Wissenschaften „Professuren“ gab – zumindest seine Westleserschaft hätte er darüber aufklären müssen. Diese Reihe ließe sich fast beliebig und endlos fortsetzen. Nicht gerade ein Lob für einen Historiker, dass er nichts erklärt, einordnet, kontextualisiert, kritisch bewertet. Aber ein „so wie es gewesen ist“, kommt dabei eben auch nicht heraus.

In dem Buch erfährt man auch an keiner Stelle, wie die „DDR-Geschichtswissenschaft“ eigentlich funktionierte. Selbst wenn er mal etwas länger und ausführlicher auf die Arbeitsweise von Herausgeberkollektiven eingeht, wie etwa die der geplanten zwölf-bändigen „Deutschen Geschichte“, verharrt Schmidt an der Oberfläche, offenbar hat er selbst keine Fragen an diese Vorgänge (S. 413–418). Wer gehofft hatte, Interna zu erfahren oder etwas von dem Zusammenspiel von Wissenschaft und SED, der wird hier an keiner Stelle fündig, nicht einmal „zwischen den Zeilen“. Stattdessen erfährt die Leserschaft, dass das Zitieren der SED-Funktionäre in den wissenschaftlichen Arbeiten nichts anderes gewesen sei als die „Berufungen von wissenschaftlichen Eleven des Westens auf ihre jeweiligen Doktorväter“ (S. 386). Die Kritik Schmidts an dieser Praxis ist durchaus nachvollziehbar, die Parallelisierung lächerlich, absurd und unwissenschaftlich.

Das Buch lässt Walter Schmidt dennoch alles andere als unsympathisch erscheinen. Ich bin ihm noch nie persönlich begegnet, ich kann nicht beurteilen, wie er ist. Immerhin lässt er zuweilen anklingen, dass er nicht immer ein bequemer Vorgesetzter war, wohl auch nicht immer ausgeglichen. Das ist sympathisch. Weniger sympathisch freilich ist, dass Walter Schmidt zu jener Sorte SED-Funktionäre gehörte – ganz offenbar nach deren Selbsteinschätzung die absolute Mehrheit –, die irgendwie in jedes Amt gedrängt wurden, in jede Position unverschuldet hineinstolperten. Er jammert nicht darüber, im Subtext schwingt aber eine Passivität mit, die historisch nicht ansatzweise nachvollziehbar ist. Die Diktatur, so der Subtext, das waren die anderen... Überhaupt ist es erstaunlich, wie ein einst „führender Historiker“ aus der DDR ein Buch schreiben kann, das ohne jede Frage, ohne jede klare Methode, ohne theoretische Abstraktionen auszukommen glaubt. Es ist geradezu verblüffend, wie naiv Walter Schmidt schreibt. Lässt das einen Zirkelschluss auf seine wissenschaftlichen Arbeiten zum 19. Jahrhundert zu?

Walter Schmidt hat sich mit diesem Buch mehr geschadet als ihm wahrscheinlich bewusst ist. Die qualitativ gähnende Leere und der quantitative Umfang des Buches stehen zueinander in einem krassen Missverhältnis, was zumindest mich völlig überraschte. Leider negativ.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Rüdiger Hohls / Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus, Stuttgart 2000; Paul Nolte, Lebens Werk. Thomas Nipperdeys Deutsche Geschichte – Biographie eines Buches, München 2018; siehe allgemein auch: Gabriele Metzler, Der Staat der Historiker. Staatsvorstellungen deutscher Historiker seit 1945, Berlin 2018.
[2] Hans-Dieter Schütt, Glücklich beschädigt. Republikflucht nach dem Ende der DDR, Berlin 2009; Dietmar Keller, In den Mühlen der Ebene. Unzeitgemäße Erinnerungen, Berlin 2012.
[3] Erwähnt seien: Walter Markov, Wie viele Leben lebt ein Mensch. Eine Autobiographie aus dem Nachlass, Leipzig 2009; Wolfgang Ruge, Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion, Berlin 2012; von Jürgen Kuczynski gibt es „gefühlt“ etwa zwei Dutzend selbstständige autobiographische Schriften.
[4] Parallel erschien eine andere Autobiographie eines SED-Historikers, die ganz ähnlich vorgeht, vgl. Ludwig Elm, Geschichte eines Historikers. Erinnerungen aus drei deutschen Staaten, Köln 2018. Elms Buch ist aber politischer, was die Lektüre etwas interessanter macht, obwohl auch er seitenweise wie ein Buchhalter über seine Aktivitäten im Laufe der Jahrzehnte berichtet.

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Veröffentlicht am
10.04.2019
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