M. Franke: Hoffnungsträger und Sorgenkind

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Titel
Hoffnungsträger und Sorgenkind Südasien. Westdeutsche Betrachtungen und Begegnungen zwischen 1947 und 1973


Autor(en)
Franke, Martina
Erschienen
Heidelberg 2017: CrossAsia E-Publishing
Anzahl Seiten
456 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Josefine Hoffmann, Centre for Modern Indian Studies (CeMIS), Georg-August-Universität Göttingen

Mit Hoffnungsträger und Sorgenkind Südasien. Westdeutsche Betrachtungen und Begegnungen zwischen 1947 und 1973 legt Martina Franke 2017 ihre Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin vor. Wie der Titel verrät, handelt es sich um die Darstellung und Analyse sich wandelnder, ambivalenter, teilweise widersprüchlicher Wahrnehmungen des Subkontinents. Franke nimmt sich dabei auf ausführliche Weise des westdeutschen medialen Outputs zu Südasien an und untersucht nicht nur inwiefern, sondern auch weshalb sich der Blick – hauptsächlich auf Indien und Pakistan als Schwerpunktregionen – wandelte. Sie widmet sich dabei insbesondere der Verflechtung dieser Wahrnehmungen mit der Haltung gegenüber der sogenannten Entwicklungshilfe in Journalismus, Politik und Öffentlichkeit in den 1950er- und 1960er-Jahren.

Ein erklärtes Ziel der Arbeit ist es, „über die Konzentration auf Personen den Wandel des Südasienbildes und eine sich wandelnde westdeutsche Gesellschaft begreifbar zu machen“ (S. 31). Dementsprechend ist eine Reflexion der Beziehungen von Journalismus, Politik und Öffentlichkeit bei den Kernfragen und -aussagen stets von Bedeutung und ein wechselseitiger Einfluss vorausgesetzt. So werden Konstruktionsvorgänge von Wahrheit und Wissen in Abhängigkeit zeitlicher und persönlicher Voraussetzungen der Akteurinnen und Akteure beschrieben.

Franke nutzt hierbei einen Diskussionsraum, der auch von anderen deutschsprachigen Werken zur modernen Geschichte Südasiens zuweilen angeschnitten wird: Die deutschsprachigen Primärquellen zu Südasien geben oft mehr über die Selbstwahrnehmung der Verfasserinnen und Verfasser preis als über ihren vermeintlichen Gegenstand. Dementsprechende Annahmen, die von historischen Untersuchungen wie Amit Das Guptas Handel, Hilfe, Hallstein-Doktrin[1] eher beiläufig getätigt werden, bestätigt Franke. Zudem eröffnet sie auch einen neuen Zugang. Denn das Werk schließt die Lücke der Rhetorik, die von der Literatur selten derart explizite und ausführliche Beachtung erfährt. Somit kann und soll Hoffnungsträger und Sorgenkind bedeutend für den weiteren historischen Diskurs sein, der mittels deutschsprachiger Quellen zu der Region stattfinden wird.

Die Studie kann Orientierung für Forschende aus Disziplinen wie Moderne Geschichte oder Regionalwissenschaften sein – und bei weitem nicht nur Regionalwissenschaften Südasiens. Denjenigen, die ihr eigenes Südasienbild kritisch hinterfragen (lernen) möchten, sei die Lektüre ebenfalls empfohlen. Denn schließlich unterstreicht Franke durch ihre Arbeit auch, dass das westdeutsche Südasienbild nicht nur auf Orientalismus, Romantisierung oder Utilitarismus beruhte. Indem sie zusätzlich zu den oben erwähnten persönlichen Voraussetzungen auch Nachwirkungen der NS-Zeit und gesellschaftliche Stereotype gegenüber ehemaligen Kolonien sowie das gesellschaftliche Befinden in Zeiten des Kalten Krieges miteinbezieht, ergibt sich ein Mosaik aus Einflüssen auf die Wahrnehmung und Darstellung Südasiens.

Der große Arbeitsaufwand der Autorin zeigt sich eindeutig in der transparent dargestellten Methodik: In fünf Kapiteln plus Zusammenfassung diskutiert Franke Ergebnisse der empirischen Inhaltsanalyse tausender Texte sowie der zusätzlichen Auswertung zahlreicher Zeitschriften- und Zeitungsartikel, Fernsehserien, Bilder und Karikaturen sowie Archivakten und Interviews. Dabei stellt sie fest, dass die politischen Generationen der Journalistinnen und Journalisten und ihre daraus folgenden Verhältnisse zur nationalen und internationalen Politik eine große Rolle für die Art der Berichterstattung spielten. Diese Generationen hatten, aufgrund von „Verflechtungen und Wirkungen von Ideologien und altersspezifischen Sinn-, Handlungs- und Deutungsmustern“ (S. 419), unterschiedliche Voraussetzungen für einen Blick auf Südasien. Nachdem das erste Kapitel von Hoffnungsträger und Sorgenkind diese Generationen, die Akteure und wenigen Akteurinnen vorstellt, umfassen die Kapitel zwei bis fünf von Franke erarbeitete Phasen der Wahrnehmung auf Südasien in chronologischer Reihenfolge. Jedes dieser Kapitel endet mit einem kurzen Fazit.

Zu Beginn der 1950er-Jahre war die Berichterstattung im westdeutschen Raum geprägt durch den Wunsch nach Partnerschaft mit Indien, vorwiegend motiviert durch wirtschaftlichen und politischen Nutzen für die eigene Gesellschaft. Indien gehörte zu der Bewegung der Blockfreien und kooperierte wirtschaftlich auch mit der Sowjetunion. Daher waren viele Personen in Politik und Journalismus um die Betonung der westdeutschen Unterstützung beim Industrialisierungs- und Modernisierungsvorhaben Indiens bemüht. Obwohl Franke zwischen den Zeilen der Berichte durchaus koloniales Gedankengut ausmacht, war die Stimmung generell positiv gegenüber dem Subkontinent und Personen wie Jawaharlal Nehru und Ayub Khan. Der Goa-Konflikt sollte dann allerdings für viele Westdeutsche das Ende der Gemeinsamkeitsgefühle zu Indien bedeuten, da man sich hier auf Seiten Portugals positionierte.

Während Pakistan aufgrund eindeutig pro-westlicher Positionierung weiterhin eher positive Darstellung in den westdeutschen Medien erfuhr, wuchs die Kritik an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen Indiens zu Beginn der 1960er-Jahre. Sie spiegelte sich in Berichten zu Konflikten in Kaschmir und Sikkim oder zu den Misserfolgen der deutsch-indischen Stahlhütte in Rourkela wider. Die Menschen Indiens wurden als Inbegriff einer rückständigen Gesellschaft porträtiert, wobei vermeintlich endogene Faktoren wie „Überbevölkerung“ oder der Hinduismus oft als Begründung herangezogen wurden. Vor diesen Hintergründen widmet Franke sich ausführlich dem „Topos von ‚der schädlichen Entwicklungshilfe‘ 1959 bis 1966“ (S. 139). Die entwicklungspolitischen Entscheidungen der Bundesregierung wurden als altruistisch und hauptsächlich kostenintensiv für die eigene Gesellschaft wahrgenommen, während sogenannten Nehmerländern wie Indien mitunter Undankbarkeit unterstellt wurde.

Das Jahr 1967 stellt in Frankes Untersuchung eine Art Zäsur da: einerseits wegen des Generationenwechsels in der Bundesrepublik Deutschland, der sich durch das Engagement von Studierenden und der „68er“-Generation eindeutiger vollzog; andererseits auch aufgrund einiger Ereignisse, wie den Wahlen in Indien oder einer Südasienreise des Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger. Zur scheidenden „45er“-Generation gehörten beispielsweise Männer wie Giselher Wirsing, Josef Maria Hunck und Klaus Natorp, dessen inhaltliche Auseinandersetzungen mit Südasien von Franke besonders ausführlich besprochen werden. Die Berichterstattungen dieser und weiterer Personen, etwa zum Landwirtschaftsprojekt in Mandi, Indien, oder den deutsch-pakistanischen Staudammprojekten in Mangla und Tarbela, konzentrierten sich häufig auf finanzielle Aspekte der Zusammenarbeit. Auch die Kriege zwischen Indien und Pakistan wurde oft mit hohen Kosten in Verbindung gesetzt und viel kritisiert.

In der letzten Phase ihres Untersuchungszeitraumes, 1968 bis 1973, steht in Frankes Ergebnissen besonders die Enttäuschung im Vordergrund, dass in Südasien die „nachholende Entwicklung“ nicht im erwarteten Maße stattgefunden hatte. Dadurch entfachten sich in den westdeutschen Medien erneut Debatten über den Sinn der sogenannten Entwicklungshilfe. In Artikeln zur Situation in Pakistan nach Ayub Khan und den Konflikten in Bengalen ist die Suche nach dem „Warum“ des Scheiterns der Modernisierungsbemühungen zu spüren. Personen wie Werner Helwig und Claus Schnorrenberger identifizierten sich außerdem mit einer anderen Bundesrepublik als zuvor die „45er“-Generation, was ihren Blick auf die Länder Südasiens beeinflusste. Da sich die BRD zu Anfang der 1970er-Jahre nicht mehr auf die Wahrung der Hallstein-Doktrin konzentrieren musste, veränderte sich auch die Einstellung gegenüber der sogenannten Entwicklungshilfe, weg von politischer Strategie und hin zu vielfältigerem, altruistischerem Engagement, beispielsweise durch Kirchen und NGOs. Durch die kritische Berichterstattung war laut Franke allerdings bei Medien und Gesellschaft ein gewisses Desinteresse an der Region entstanden und so hatte Südasien 1973 in der BRD außerhalb einer Konstruktion als „Gegenwelt“ nur noch eher wenig Bedeutung (S. 419). Mit diesem Ergebnis endet die Untersuchung Frankes.

Durch ein differenziertes Vorgehen und ein reflektiertes Vokabular ist es Martina Franke gelungen, zwischen Wissen und Annahmen der Journalistinnen und Journalisten zu unterscheiden und dies wiederum von der Realität abzugrenzen. Dabei schafft Hoffnungsträger und Sorgenkind die Balance zwischen Verallgemeinerung und Exemplifizierung unterschiedlicher Perspektiven, obwohl es gelegentlich zu repetitiven Aussagen kommt, da die Erkenntnisse zu verschiedenen Personen, Phasen oder Themen sich zum Teil sehr ähneln. Wie Franke im Vorwort feststellt, sind Debatten um „Entwicklung“ und „Moderne“ auch heutzutage relevant, beispielsweise in Zusammenhang mit aktuellen Migrationsdiskursen. Ihre Gedanken zu Öffentlichkeit und Wahrnehmung erscheinen ebenfalls bedeutsam für Othering-Prozesse, die gegenwärtig stattfinden. Auch angesichts dessen lohnt sich für die Zukunft sicher der Blick darauf, wie die von Franke so bemerkenswert dargestellten journalistischen Aktivitäten wiederum von der „Öffentlichkeit“ wahr- und aufgenommen wurden.

Anmerkung:
[1] Amit Das Gupta, Handel, Hilfe, Hallstein-Doktrin. Die deutsche Südasienpolitik unter Adenauer und Erhard 1949-1966, Husum 2004.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.06.2019
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