A. Henkelmann u.a. (Hrsg.): Katholizismus transnational

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Titel
Katholizismus transnational. Beiträge zur Zeitgeschichte und Gegenwart in Westeuropa und den Vereinigten Staaten


Herausgeber
Henkelmann, Andreas; Kösters, Christoph, Oehmen-Vieregge, Rosel; Ruff, Mark Edward
Erschienen
Münster 2019: Aschendorff Verlag
Anzahl Seiten
VIII, 470 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ronald Funke, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Transnationale Forschung und transnationale Geschichtsschreibung sind keine völlig neuen Konzepte mehr; sie werden auch in den Religionswissenschaften sowie der Theologie seit einigen Jahren diskutiert. Schon 2010 widmete sich etwa die 24. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung den „Chancen und Grenzen“ transnationaler Zugänge.[1] 2013 erschien außerdem ein epochenübergreifendes Themenheft der Schweizerischen Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte unter dem Titel „Religionsgeschichte transnational“.[2]

Nun liefert erstmals ein Sammelband eine ausführlichere Standortbestimmung für die Transnationalität in der zeithistorischen Katholizismusforschung und stellt dafür neben verschiedenen Methodenreflexionen konkrete Anwendungsbeispiele vor. Mit Andreas Henkelmann tritt einer der Organisatoren der Schwerter Tagung auch als Herausgeber auf, gemeinsam mit Rosel Oehmen-Vieregge, Christoph Kösters und Mark Edward Ruff. Ansonsten gibt es mit der Tagung jedoch nur geringe personelle Überschneidungen, während zumindest einige Autorinnen und Autoren des Schweizer Themenheftes auch in dem Sammelband wiederkehren.

Das Buch erscheint anlässlich des 65. Geburtstages des Bochumer Kirchenhistorikers Wilhelm Damberg, geht in seinem thematisch-methodischen Anspruch allerdings über das Niveau üblicher Festschriften hinaus. Die Begründung für die Themenwahl liegt (auch) in der Person des Geehrten, denn wie die Herausgeberin und die Herausgeber einleitend beschreiben, hat Damberg in seinem bisherigen Wissenschaftsleben schon vielfach solche Forschungsfragen vorweggenommen, die inzwischen mit dem Begriff „transnational“ charakterisiert werden.[3] Der Band knüpft nun daran an und greift mit Westeuropa und den USA auch Dambergs bevorzugte geographische Schwerpunkte auf, wobei zugleich eine noch systematischere transnationale Katholizismusforschung angeregt werden soll.

Dazu werden Beiträge von acht Wissenschaftlerinnen und 18 Wissenschaftlern aus Theologie und Historiographie versammelt. Was genau unter „transnational“ zu verstehen ist, wird dabei recht offen und teils unterschiedlich gehandhabt. Ein solcher Forschungspragmatismus hat Vorteile, würde doch eine enge Definition – etwa mit einer mitunter wissenschaftlich diskutierten Begrenzung transnationaler Ansätze auf Beziehungen zwischen Nationalstaaten und deren Gesellschaften – bestimmte historische Forschungsfragen innerhalb des weltweiten katholischen Kommunikations- und Transfernetzes konterkarieren. In dem Band dominiert die deutsche Forschungsperspektive, doch kommen auffallend viele Beteiligte auch aus der Schweiz, den USA, den Niederlanden sowie Belgien. In den Aufsätzen werden noch zahlreiche weitere Länder beziehungsweise mit diesen verknüpfte Transferprozesse untersucht. Dazu zählen etwa deutsch-französische Bezüge in den Beiträgen von Wilfried Loth und Michael Kißener zu den im jeweils anderen Land tätigen Theologen Franz Stock und Jean du Riveau, Italien in Florian Bocks Überblick zu Konzepten der deutschen und italienischen Kirchengeschichtsschreibungen nach 1945 oder auch das „Heilige Land“ in der Darstellung über die neuzeitliche deutsche Kreuzzugsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert von Barbara Vosberg.

Den Schwerpunkt des Bandes bilden Einzelfallstudien, wobei diese nicht nach methodischen Ansätzen oder Perspektiven geordnet wurden, sondern nach drei historischen Zeiträumen oder Ereignissen. Dabei stehen jeweils solche historischen Zäsuren im Mittelpunkt eines Kapitels, deren transnationaler Charakter besonders eindringlich erscheint: der Zweite Weltkrieg, das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) sowie die religiösen und gesellschaftlichen Transformationsprozesse im Verlauf der 1950er- und 1960er-Jahre, wie sie vielfach vor allem mit der Chiffre „1968“ verbunden werden. Auf diese Weise wird auch deutlich, wie sich durchaus unterschiedliche Methoden und Perspektiven bei der Anwendung auf den gleichen Zeitraum ergänzen können. Eingerahmt werden die drei inhaltlichen Hauptteile durch ein ausführliches einleitendes Methodenkapitel mit sieben Einzelbeiträgen sowie durch vier abschließende Texte zur weiteren Anschlussfähigkeit für die theologisch-politische Gegenwart und die künftige Forschung.

Die Beiträge des Methodenkapitels präsentieren verschiedene Ansätze für eine Fokussierung von Transnationalität in der Katholizismusforschung. Stärker theoretisch ausgerichtet plädieren etwa Klaus Große Kracht für die Übernahme der Theorie des „religiösen Feldes“ von Pierre Bourdieu sowie Franziska Metzger für die Nutzung einer konstruktivistischen und post-strukturalistischen Kategorie von Gedächtnis als mögliche Ausgangspunkte transnationaler Forschungsfragen. Demgegenüber spricht sich Jan De Maeyer für den traditioneller anmutenden Wert der Biographie in der kirchlichen Zeitgeschichte aus. Zwar folgt sein enthusiastisches Plädoyer, trotz aller Forderungen nach einer nicht unkritischen Biographenperspektive, vielleicht noch immer zu sehr dem Blick auf große Männer und neuerdings auch große Frauen, doch liefern gleich mehrere der späteren Einzelfallbeiträge durchaus überzeugende Vorbilder für eine biographische Forschungsperspektive, bei der der Fokus auf eine Persönlichkeit einem über die bloße Lebensbeschreibung hinausgehenden Erkenntnisgewinn dienen kann. Dazu zählen etwa Andreas Holzems Untersuchung des Verhältnisses der Bischöfe Joannes Baptista Sproll und Clemens August von Galen zu den alliierten Militärregierungen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie Joachim Schmiedls Blick auf Bischof Heinrich Tenhumberg und die von ihm im Zusammenhang mit dem Vatikanischen Konzil geschaffenen internationalen Netzwerke.

Einen biographischen Zugang wählt auch Katharina Stornig in ihrem Methodenbeitrag, in dem sie vor allem für eine geschlechtergeschichtliche Ergänzung der transnationalen Katholizismusforschung plädiert. Sie zeigt am Beispiel der Ordensgründerin und Antisklaverei-Aktivistin Maria Theresia Ledóchowska (1863–1922) und der von ihr geschaffenen, bis nach Afrika reichenden Kommunikationsnetze das doppelte Ziel geschlechtergeschichtlicher Analysen: die grundsätzliche Unterrepräsentanz von Frauen in Archiven und Forschung zu überwinden sowie offenzulegen, in welcher besonderen Weise Kirche und kirchliche Kultur durch Geschlechterbeziehungen und die Konstruktion von Geschlecht geprägt waren. Eine Praxisanwendung geschlechtergeschichtlicher Perspektiven liefert an späterer Stelle auch der Beitrag von Gisela Muschiol über die Bewohnerinnen eines katholischen Studentinnenheims und ihres Entwicklungshilfe-Engagements für die „Dritte Welt“. Dass sich geschlechterspezifische Aspekte darüber hinaus auch punktuell in größere Fragestellungen integrieren lassen, zeigen Rosel Oehmen-Vieregge bei ihrem Blick auf die Bischöfe der Erzdiözese Chicago im 20. Jahrhundert sowie Urs Altermatt in seinem Beitrag zum auch für den Katholizismus zentralen Schlüsseljahr „1968“.

Am Ende des Bandes stehen vier kommentierende Texte. Antonius Liedhegener und James C. Kennedy bieten in ihren Beiträgen einen Anschluss an die religiöse Gegenwart und betonen dabei nicht nur die anhaltend hohe, sich noch verstärkende Aktualität von Religion in den westlichen Gesellschaften, sondern auch die besondere Rolle des Islams in dieser Entwicklung. Für die historische Forschung interessanter sind die beiden abschließenden Kommentare, die den bisherigen Ausführungen zur Katholizismusforschung zwei eng verwandte Außenperspektiven hinzufügen. Zum einen diejenige der Protestantismusforschung – hier vertreten durch Katharina Kunter, die zu Recht darauf hinweist, dass die methodischen Entwürfe der Beiträge auch für die evangelisch beziehungsweise ökumenisch orientierte historische Forschung anschlussfähig sind. Zum anderen liefert Matthias Sellmann einen Kommentar aus Sicht der Praktischen Theologie. Zwar dürfte die von ihm empfohlene Wechselwirkung zwischen den Disziplinen durchaus fruchtbare Ergebnisse ermöglichen, sie liegt von der Pastoraltheologie zur konfessionellen Kirchengeschichtsforschung aber letztlich doch näher als zur religions- und kirchenhistorisch interessierten „allgemeinen“ Zeitgeschichte.

Insgesamt gibt der Band einen wichtigen Impuls im Sinne der methodisch-theoretischen und praktischen Verstärkung von Transnationalität für die zeithistorische Katholizismusforschung. Durchaus nicht untypisch für eine solche Standortbestimmung ist die Aussage, der „dynamische Wandel katholischer Identität“ im 20. Jahrhundert lasse sich „nur transnational verstehen“[4] – vielleicht ein wenig zu kategorisch. Und doch haben die Beteiligten natürlich Recht, wenn sie, nicht zuletzt aufgrund des global-supranationalen Charakters der katholischen Kirche, Transnationalität zu einer ungemein wichtigen Kategorie und Perspektive zeithistorischer Katholizismusforschung erklären. Für alle daran Interessierten liefert dieser Band einen profunden Überblick zu methodischen Ansätzen sowie beispielhafte Anwendungsgebiete. Darin ist zudem die überzeugende Ermunterung enthalten, nicht nur bei ohnehin transnational entworfenen Forschungsvorhaben entsprechende Fragen und Perspektiven einzubeziehen, sondern diese auch bei anderen Themen der Katholizismus- und Religionsforschung als Chance für einen Erkenntnisgewinn zu begreifen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Tagungsbericht von Andreas Henkelmann und Nicole Priesching, in: H-Soz-Kult, 03.01.2011, http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3466 (03.11.2019).
[2] Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 107 (2013), https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=zfk-002:2013:107#5 (03.11.2019).
[3] Vgl. etwa Wilhelm Damberg, Abschied vom Milieu? Katholizismus im Bistum Münster und in den Niederlanden 1945–1980, Paderborn 1997; ders. / Antonius Liedhegener (Hrsg.), Katholiken in den USA und Deutschland. Kirche, Gesellschaft und Politik, Münster 2006.
[4] So der Werbetext des Verlages: https://www.aschendorff-buchverlag.de/detailview?no=24600 (03.11.2019).