K. Herbers: Prognostik und Zukunft im Mittelalter

Cover
Titel
Prognostik und Zukunft im Mittelalter. Praktiken - Kämpfe - Diskussionen


Autor(en)
Herbers, Klaus
Reihe
Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der Geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse Jahrgang 2019
Erschienen
Stuttgart 2019: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
66 S.
Preis
14,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan-Hendryk de Boer, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

Man tut Klaus Herbers vermutlich nicht Unrecht, wenn man seinen unter dem Titel „Prognostik und Zukunft im Mittelalter“ gedruckten Vortrag, den er am 30. Juni 2017 vor der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz gehalten hat, als Werbeschrift in zweifachem Sinne liest: Der Autor wirbt zum einen dafür, mittelalterliche Prognostik intensiver zu erforschen, und er macht zum anderen nachdrücklich auf die Verdienste des Erlanger Internationalen Kollegs für Geisteswissenschaftliche Forschung „Schicksal, Freiheit und Prognose. Bewältigungsstrategien in Ostasien und Europa“ aufmerksam. Dazu verbindet er Einblicke in die Forschungsergebnisse des Erlanger Kollegs, dessen stellvertretender Direktor er ist, mit Überlegungen zu Zukunftsvorhersagen im Mittelalter und insbesondere zu prognostischen Praktiken. Unterschieden wird zwischen eher theoretischen Bezugnahmen auf die Zukunft, nämlich Prophetie als übernatürlich begründeter Einsicht in die Zukunft, Utopie als theologischer, politischer, literarischer und philosophischer Zukunftsimagination und der Weltzeitalterlehre sowie Apokalyptik, und zukunftsbezogenen Praktiken, worunter Sterndeutung, das Erstellen von Horoskopen, Wahrsagen, Eingeweideschau und Wetterprognosen fallen.

Will man sich mit prognostischen Praktiken befassen, stößt man, so zeigt Herbers, bald auf ein Quellenproblem: Es dominieren normative Texte, mit denen insbesondere kirchliche Autoritäten Divinatorik und Mantik zu unterbinden gedenken, theoretische Darlegungen im Rahmen gelehrter Werke sowie chronikalische Berichte. Letztlich muss sich die historische Erforschung prognostischer Praktiken im Früh- und Hochmittelalter also überwiegend auf Aussagen Dritter stützen, die obendrein zumeist mit stark wertender Perspektive daherkommen. Dem Erlanger Kolleg ist es mit der Anlage einer Datenbank, die eine Auswertung entsprechender Bestimmungen aus kirchlichem und weltlichem Recht erlaubt, zumindest gelungen, einen Überblick über derartige Aussagen zu gewinnen. So ist es möglich festzustellen, über welche Praktiken zu welchen Zeiten und in welchen Kontexten besonders häufig berichtet wird und welche Praktiken weniger stark thematisiert wurden. Inwiefern die Aussagen der Quellen tatsächlich Praxisnähe dokumentieren, wird, darauf weist Herbers nachdrücklich hin, trotz aller technischer Hilfsmittel jeweils im Einzelfall mit den Mitteln der Quellenkritik zu bestimmen sein. Pauschale Schlüsse sind hier wenig zielführend. Immerhin lässt sich mit Gewissheit sagen, dass die Geschichte mittelalterlicher Prognostik nicht zu schreiben ist, wenn man sich nur auf den lateinischen Westen beschränkt. Griechische, arabische und hebräische Text- und Wissensbestände prägten die lateinischen Diskussionen, wobei sich einzelne Hochkonjunkturen derartiger Einflüsse ausmachen lassen. Als Beispiel nennt Herbers den sogenannten Toledobrief, der ein verheerendes Zusammentreffen apokalyptischer Ereignisse für das Jahr 1186 ankündigt. Der Brief verweist auf jenes produktive Milieu in Toledo, das im 12. Jahrhundert durch Übersetzungen ins Lateinische wie in die Volkssprachen antike Schriften neu erschloss und zugleich arabische Wissensbestände den Gelehrten des lateinischen Europa vermittelte.

Auf nicht einmal dreißig Druckseiten, die der Vortrag einnimmt, lassen sich naturgemäß viele Themen und Fragen nur anreißen. So bietet Herbers keine abschließende Behandlung prognostischer Praktiken im Mittelalter, sondern viel eher thematische und methodische Fingerzeige für weitere Forschungen. Zu dieser Ausrichtung passt es, dass in drei Anhängen neben der verwendeten Literatur Beispiele der Erlanger Datenbank mittelalterlicher Rechtstexte und eine Zusammenstellung jüngerer einschlägiger Arbeiten zur Prognostik geboten werden. Insofern ist der schmale Band nicht nur als Forschungsbericht, sondern auch als Aufforderung zu weiterer Arbeit an Quellen, Konzepten und Narrativen zu rezipieren.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.10.2019
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