Cover
Titel
Kommunikation über Kirchenreform im 11. Jahrhundert (1030–1064). Themen, Personen, Strukturen


Autor(en)
Lorke, Ariane
Reihe
Mittelalter-Forschungen 55
Erschienen
Ostfildern 2019: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
505 S., 1 CD-ROM
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Hartmann, Mittlere Geschichte, RWTH Aachen University

Forschungen zu Investiturstreit und Kirchenreform im 11. Jahrhundert haben Konjunktur, jüngere Überblicksdarstellungen von Claudia Zey und Jochen Johrendt flankieren diese Entwicklung.[1] Meist werden die Reformbestrebungen, der Kampf gegen Simonie und Nikolaitismus, als bestehende Voraussetzung der Entwicklungen beschrieben, aber nicht auf ihre Genese hin analysiert, um zu zeigen, warum zu einem gewissen Zeitpunkt Gewohnheiten als Missstände wahrgenommen wurden. Dagegen widmet sich Ariane Lorke in ihrer Magdeburger Dissertationsschrift dezidiert der Frage „[a]uf welche Weise die eben genannten Reformthemen in den Fokus gerieten und welchen Anteil verschiedene Gruppen daran nahmen“ (S. 45). Ihr geht es um die „Sichtbarmachung der Strukturen kirchenreformerischer Kommunikation“ (S. 21).

Methodisch greift die Verfasserin auf die Netzwerkanalyse (NWA) zurück. Die Kontexte oder Netzwerke werden hier durch eine „qualitative Analyse der Quellen“ (S. 30) in Bezug auf das Maß der intendierten Reformanliegen definiert. So begegnet die Verfasserin Vorbehalten gegen eine NWA, indem sie neben der quantifizierenden Analyse Formen einer qualitativen NWA einbezieht und „ergänzend die Inhalte, Funktionsweisen und sozialen Rollen der Netzwerke“ in ihre Untersuchung integriert (S. 34). Insgesamt erfasst die Autorin in ihrer Datenbank 2146 Kommunikationsakte zur Kirchenreform zwischen 875 Personen. Die Daten werden ausschließlich über eine beiliegende CD-ROM in 77 Abbildungen und 10 Tabellen zugänglich gemacht, sodass zur Nachprüfung der Argumentation leider das Buch alleine nicht ausreicht.

Die Arbeit zerfällt nach der Einleitung in zwei Großkapitel. Im ersten werden Schlüsselbegriffe der Reform und die agierenden Personengruppen systematisch erfasst, im zweiten wird die Kommunikation der so definierten Gruppen über die Reformziele analysiert. Auch dieses Kapitel ist im Kern zweigeteilt, da zunächst personelle und anschließend strukturelle Aspekte der Kommunikation analysiert werden.

Zunächst zeichnet die Verfasserin auf der Basis der einschlägigen Literatur im Einzelnen die Anliegen der „Reformer“, deren Diskussion auf Synoden und die schleppende Umsetzung der Anliegen nach. Systematisch werden die Reformdiskurse über Schlüsselbegriffe wie Simonie, Nikolaitismus, über Inzest, die Entfremdung von Kirchengut und über das Aufkommen der Kanonessammlungen des 11. Jahrhunderts präsentiert.

Im Unterkapitel zur Simonie stellt die Verfasserin dann recht unvermittelt ihre Methode exemplarisch vor, indem „Themenkontakte“ zum Begriff Simonie in der Zeit von 1000 bis 1065 analysiert werden. Für den Zeitraum zwischen 1000 und 1045 ist das Ergebnis ernüchternd: wenige, zudem kaum verstetigte, sondern okkasionelle Kontakte, meist auf Italien beschränkt. Wenig überraschend, aber nun quantitativ evident gemacht, explodiert die Kommunikation zur Simonie in den Jahren 1045–1049, wobei die meisten Kontakte solche mit den wichtigsten Protagonisten Leo IX. und Heinrich III. sind.

Nach den Befunden über die Reformthemen werden im zweiten Teil des ersten Großkapitels schließlich die Akteursgruppen skizziert. Im Kern beschränkt sich dieses Kapitel auf eine allgemeine, den Forschungsstand abbildende Beschreibung des Reformverhaltens von Gruppen wie etwa den Eremiten oder Kanonikern, den Kaisern, Päpsten oder Laien auf der Grundlage der jüngeren Forschung.

Das zweite Großkapitel als Herzstücke der Arbeit nimmt am Beispiel von Petrus Damiani und Heinrich III. zunächst beispielhaft zwei (allerdings wohl kaum repräsentative) Protagonisten und ihr Korrespondenznetzwerk in den Blick. Für Ersteren betont die Verfasserin nach einem Überblick über sein gesamtes Wirken und die Korrespondenten die zunehmende „Einbindung aller betroffenen Personenkreise“ (S. 215). Die Autorin weist Petrus Damiani hier einen quasi strategischen Aufbau von Netzwerken unter bewusster Einbeziehung unterschiedlicher Gruppen und Regionen zu, die diesem das soziale Kapital einer großen reformerischen Autorität eingebracht hätten. Geholfen hätten ihm dabei neben der Quantität der Kontakte auch die herausgehobene Position der Korrespondenten. Diese Befunde werden mit drei Abbildungen (S. 15–17) illustriert, die anschaulich die Vernetzung Petrus Damianis „gleich einer Spinne im Netz im Zentrum eines elaborierten Kommunikationsnetzes“ (S. 219) belegen.

Die für Heinrich III. „dürftige Quellenlage“ (S. 240) mache eine vergleichbar detaillierte Analyse schwierig. Reformerisches Engagement und politische Erwägungen ließen sich bei ihm nicht immer trennen. Die Netzwerkgraphen demonstrierten demnach „ein anderes Eingebundensein als es für Petrus Damiani herausgearbeitet werden konnte“ (S. 240).

Die abschließende Analyse des Kommunikationsverhaltens jenseits der beiden Protagonisten erweist zunächst den deutschen Episkopat als wenig reformorientiert; Vorreiter seien vielmehr Clemens II. und Leo IX. Für die Päpste lothringischer Herkunft postuliert die Verfasserin dann eine engere Einbindung der Kardinäle in das Reformnetzwerk; bis auf Petrus Damiani lasse sich eine Verbreitung der Themen über die Kardinäle als Multiplikatoren aber kaum nachweisen. Das kardinalizische Amt habe keine Auswirkung auf die Reformintensität gehabt; auch bei Petrus Damiani und Hildebrandt korreliere das nicht.

Daran anschließend wird die personelle Ebene durch die Einführung der Begriffe Aktionsgemeinschaft, Aktionskreis, Aktionscluster strukturiert. Damit versucht die Verfasserin, die unterschiedlich ausgeprägte Komplexität der Kontakte oder Netzwerke abzubilden. Im Ergebnis zeigt sich, dass nicht der eine Reformdiskurs und die eine Reformpartei existiert habe, sondern dass sich regional und zeitlich unterschiedliche Gruppen zu unterschiedlichen Themen mit unterschiedlichen Zielen zusammengefunden hätten, deren unterstellte Einheit schlicht inexistent gewesen sei.

Im folgenden Kapitel skizziert die Verfasserin die Kommunikationsmedien und Fragen der Öffentlichkeit und Raumerfassung. Vor diesem Hintergrund bietet ein letztes Kapitel Hinweise auf ein „Erwähnungsnetzwerk“ (S. 286f.), mit dem die Autorin nicht Korrespondenzpartner, sondern passiv erwähnte Akteure erfasst. Die in dieser Darstellung erwähnten Personen erweisen sich als weitgehend identisch mit den aktivsten Diskursteilnehmern. Zuletzt werden die Befunde noch einmal konzis chronologisch geordnet. Hier zeige sich, dass bis in die 1030er-Jahre der Reformdiskurs beschränkt und wenig vernetzt gewesen sei. Bis 1046 lasse sich anhand der Themenkontakte ein wachsendes Interesse an Reformthemen nachweisen, ehe das Jahr 1046 mit seinen Ereignissen eine erhöhte Verflechtung und Kontaktfreude mit sich gebracht habe. Die Genese der Aktionsnetzwerke lasse erkennen, dass sich der Reformdiskurs aus regional vereinzelten auf örtliche Missstände reagierenden „Kontakten hin zu einer vernetzten … Diskussionskultur [entwickelt]“ habe (S. 293). Wenige Akteure werden dabei als „Schaltstellen der Diskussion“ identifiziert, während 70% der Personen allein passiv am Diskurs beteiligt gewesen seien. Das Buch schließt mit einem konzisen Resümee und einem Anhang mit fast 90 Kurzbiogrammen wichtiger Reformerinnen und Reformer (Laien und Geistliche).

So überzeugend die Befunde auf der statistischen Materialbasis sind, sie erwecken passagenweise methodische Bedenken. So zeigen sich bisweilen die Untiefen der NWA, da Fragen der Überlieferungschance kaum eingerechnet werden, etwa wenn die „eindeutige klerikale Dominanz im Diskurs“ konstatiert wird (S. 62). Wenn zudem von zahlreichen Belegen für Heinrich III. und Leo IX. auf einen „Kommunikationsdruck von oben“ geschlossen wird (S. 65), dann mag das zutreffen, doch ist aufgrund der Überlieferungschance das Vorherrschen von Nachrichten durch und über den König und den Papst auch kaum anders zu erwarten. Auch ist unklar, ob wirklich aus den Daten auf eine vorherrschende „top-down“-Kommunikation geschlossen werden kann (S. 65): Jeder Herrscherurkunde geht eine – meist nicht überlieferte –„bottom-up“-Kommunikation des Empfängers voraus; Briefe des Königs erhalten sich leichter als banale Anfragen von Petenten.

Auch bleibt es etwa Spekulation, dass Petrus Damiani als Briefpartner „vor allem Inhaber hoher Kirchenämter bevorzugte“ (S. 200), da unklar ist, nach welchen Kriterien Briefe für diese Briefsammlung ausgewählt wurden. Zudem ist es möglicherweise ein Überlieferungszufall, dass dessen Netzwerk ihn so eindeutig als zentrale Figur darstellt, während seine Korrespondenten angeblich untereinander überhaupt nicht kommunizierten (S. 201): Die Verfasserin selbst schränkt dann auch diesen Befund in der Fußnote (!) ein: „Die Quellenlage bestimmt diesen Befund allerdings massiv“ (Anm. 1126), und verweist darauf, dass „Vergleiche […] daher nur mit Vorsicht angebracht [sind]“ (S. 218). So gibt auch der Befund, dass bischöfliches Engagement das der kirchlichen Führungsspitzen übertroffen habe (S. 300), zu bedenken: Wie veränderte sich der Befund zugunsten päpstlicher Diskurshoheit, wenn sich ein Briefregister Leos IX. erhalten hätte, oder wenn Gregor VII. mit seinem Register in die Untersuchung mit einbezogen worden wäre?

Diese Bedenken relativieren vielleicht einige Befunde; dennoch bleibt der materialreichen und thesenfreudigen Arbeit das Verdienst, nachdrücklich die Polyphonie oder Polymorphie der Reformdiskurse dokumentiert und die prozesshafte Entwicklung der Reformdiskurse und ihrer Kreise offengelegt zu haben. Das Etikett „Reformer“ erweist sich vor diesem Hintergrund als wenig hilfreich. Auch wird nachgewiesen, dass sich die Bedeutung und der Erfolg einzelner Akteure weniger aus ihrem Stand oder Rang als aus ihrem individuellen Engagement ergaben. Die Arbeit ist zudem sehr flüssig geschrieben; sie überzeugt auch in den darstellenden Passagen durch Kenntnis der jüngsten Literatur (auch wenn das völlige Ignorieren der rund 30 Studien Nicolangelo d’Acuntos zu Petrus Damiani verwundert) und bietet jenseits der hier skizzierten Ergebnisse eine Reihe bemerkenswerter Befunde.

Anmerkung:
[1] Claudia Zey, Der Investiturstreit (Beck Wissen), München 2017; Jochen Johrendt, Der Investiturstreit (Geschichte kompakt), Darmstadt 2018.

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Veröffentlicht am
31.07.2019
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