N. Khan: Neue Geber, neue Diskurse

Cover
Titel
Neue Geber, neue Diskurse?. Indien im Wandel der internationalen Entwicklungszusammenarbeit


Autor(en)
Khan, Nina
Erschienen
Marburg 2019: Büchner-Verlag
Anzahl Seiten
404 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Josefine Hoffmann, CeMIS, Universität Göttingen

Wie Projekte und Programme der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit in offiziellen Diskursen dargestellt werden, beeinflusst die Realität, denn die involvierten Staaten verfolgen Ziele unter anderem dadurch, dass über die Programme auf bestimmte Weise kommuniziert wird. Bislang setzen sich nur wenige wissenschaftliche Forschungen mit staatlicher Entwicklungszusammenarbeit zwischen Ländern des Globalen Südens auseinander. Dementsprechend selten sind Untersuchungen zu den staatlichen Diskursen um solche Süd-Süd-Kooperationen. Mit ihrer an der Humboldt-Universität zu Berlin vorgelegten Dissertation Neue Geber, neue Diskurse? Indien im Wandel der internationalen Entwicklungszusammenarbeit beteiligt sich Nina Khan an der Erweiterung dieses Forschungsfeldes. Als Fallstudie analysiert sie die Position Indiens als neuer Geber im eigenen staatlichen Entwicklungsdiskurs. Dabei betrachtet sie Indiens Selbstrepräsentation, die Repräsentation der – im ausgewählten Material meist afrikanischen – Nehmerseite und Perspektiven auf Entwicklung und Hierarchie, die aus dem Diskurs hervorgehen.

Neue Geber, neue Diskurse? ist ein klar strukturiertes Buch. Khan achtet auf gute Lesbarkeit und erklärt stets konkret, was Lesende von der Arbeit erwarten können. Ebenso nützlich sind die Verweise innerhalb der Arbeit, die das Nachschlagen mit individuellem Fokus vereinfachen. Ihre Sprache verwendet Khan umsichtig und sie problematisiert die Begriffe, die sie benutzt. So reflektiert sie an mehreren Stellen der Arbeit über den Titelbegriff „neue Geber“, den sie nur „vorübergehend und aus einer bestimmten Perspektive“ für sagbar hält (S. 47). Gänzlich „neu“ sind Geberaktivitäten Indiens nicht, sie werden seit einigen Jahren allerdings verstärkt in die Wahrnehmung gerückt. Auch der Begriff „Geber“ trägt viele Konnotationen aus der westlich geprägten Entwicklungshilfe-Rhetorik, mit denen sich Indien nicht identifiziert. Die übergeordnete Frage gemäß des Titels Neue Geber, neue Diskurse? ist somit, inwiefern in Süd-Süd-Kooperationen Entwicklungsdiskurse womöglich anders stattfinden als in von den traditionellen Gebern geführten Diskursen zu Nord-Süd-Kooperationen.

Dieser Frage geht Khan in vier Hauptkapiteln nach, wobei das letzte Kapitel die eigentliche Analyse umfasst. Aufgrund einer gewissen Vorreiterinnenrolle dieser Fallstudie ist zunächst eine umfangreiche Diskussion von Kontext und theoretischem Zugang angebracht. Kapitel 1 zeichnet die Debatte um die neuen Geber insgesamt sowie speziell um Indien in dieser Position nach. Die meisten Arbeiten auf diesem Gebiet beziehen sich auf politisch-ökonomische Themen oder die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit und überdies häufig auf China. Doch gibt es einige wenige Studien, die sich mit der diskursiven Ebene, beziehungsweise mit Indien als Geber beschäftigen. Emma Mawdsley[1], deren Beiträge von Khan hier ausführlich diskutiert werden, hat als eine der wenigen beides betrachtet. Sie hat gezeigt, dass Diskurs und Praxis als zusammengehörig betrachtet werden müssen und dass durch Süd-Süd-Kooperationen Verschiebungen entstehen. Einige Grundsätze, die oft in Zusammenhang mit neuen Gebern genannt werden, sind unter anderem: die Wahrung der Souveränität der involvierten Staaten, Solidarität, Partnerschaft, Freiwilligkeit und beidseitiger Nutzen. Die Grundsätze sind also zunächst durchaus verschieden von den bekannten Grundsätzen der Nord-Süd-Kooperationen, in denen oft eher Philanthropie im Vordergrund steht und eigene Vorteile nicht betont werden.

In Kapitel 2 führt Khan die für ihre Analyse relevanten theoretischen Grundlagen ein. In Hinblick auf ihre Bedeutung für Entwicklung als hegemoniales Konzept, stellt sie hier einige Inhalte postkolonialer Theorie vor. Neue Geber, neue Diskurse? wird insgesamt in diese postkolonialen Perspektiven eingebettet, zudem stellen die Konzepte mitunter den Rahmen für die Analyse ihres Materialkorpus. Khan diskutiert hier z.B. die Theorie der „minorisierten Subjektivitäten“ Frantz Fanons und leitet als Frage an ihre Untersuchung ab, „ob sich im staatlichen indischen Entwicklungsdiskurs Anzeichen dafür finden lassen, dass Indien sich über seinen Geberstatus aus einer verinnerlichten ‚minderwertigen‘ Nehmerrolle zu befreien versucht“ (S. 110). Weiterhin widmet sie sich der Theorie der Gabe nach Marcel Mauss, laut der durch die Gabe eine Hierarchie und erwartete Gegenleistungen impliziert werden. Vor diesem Hintergrund soll untersucht werden, „ob generell eine Benennung oder Leugnung von Reziprozität in der Geber-Nehmer-Beziehung vorhanden ist“ (S. 117, Hervorhebung im Original). Das zweite Kapitel führt außerdem in die Methodik der Kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger ein, die dann nach einem allgemeinen Überblick über die indische Entwicklungszusammenarbeit (Kapitel 3) erfolgt.

In der Analyse in Kapitel 4 wäre eine engere Verbindung mit den zuvor behandelten theoretischen Konzepten denkbar gewesen. Konkrete Rückbezüge, etwa zu „Othering“ nach Edward Said und „Mimikry“ nach Homi K. Bhabha, sind weniger in die Analyse eingebettet, sondern erfolgen in der Gesamtinterpretation der Ergebnisse (Kapitel 4.5). Das analysierte Material besteht aus Texten, Bildern, Filmen und Websites, stammt häufig von der Public Diplomacy Division des indischen Ministry for External Affairs (MEA) und hauptsächlich aus den Jahren 2008–2015. Meist bezieht sich das Material auf Programme zwischen Indien und verschiedenen Ländern des afrikanischen Kontinents. Über „Afrika“ wird im Diskurs oft generalisierend gesprochen und viele Angebote richten sich an mehrere Staaten. Besonders häufig kommen in der Analyse vor: das Pan African e-Network (PAeN) und Projekte des Indian Technical and Economic Cooperation Programme (ITEC), z.B. das Solar-Engineer-Programm des Barefoot College.

Die Untersuchung weist einen mitunter ambivalenten Diskurs nach. Indien stellt sich einerseits als Partner und Freund dar, verweist auf eine gemeinsame (koloniale) Vergangenheit und glorreiche Zukunft des aufstrebenden Afrikas und Indiens, oft in Bezug auf die qualifizierte Mittelschicht und unter Ausklammerung des Themas Armut. Die Selbstidentifikation als Entwicklungsland und die daraus hervorgehende Gleichwertigkeit mit den Nehmerstaaten ist im Diskurs sehr präsent. In Hinblick auf die Theorie der Gabe wird deutlich: „Die über die Leugnung der Gegengabe ermöglichte Selbstdarstellung eines großzügigen Gebers braucht der Geber Indien nicht, da er sein positives Selbstbild aus anderen Themen bezieht“ (S. 349). Andererseits zeigt sich „eine Bezugnahme auf gängige Konzepte und Ziele der internationalen, westlich geprägten Entwicklungszusammenarbeit“ (S. 175), beispielsweise auf die Millenniums-Entwicklungsziele. Entwicklung wird linear gedacht und steht eng verbunden mit Wirtschaftswachstum. Die Kompetenz Indiens wird durch bereits gemachte Erfahrungen auf dem Entwicklungsweg und auf dem eigenen Vorsprung vor anderen Ländern begründet. Es besteht also trotz aller betonter Gleichwertigkeit mindestens eine „subtile Hierarchisierung“ (S. 221). Insgesamt werden traditionelle (westliche) Diskurse zwar explizit und implizit durch den indischen Diskurs angegriffen und verschoben. Doch im Kern der Idee von „Entwicklung“ bleiben sie unhinterfragt.

Die recht magere wissenschaftliche oder politische Debatte um „neue Geber“ wird von Khan zu Anfang ihrer Arbeit dargestellt. Dabei wird deutlich, dass diese ebenso ambivalent ist, wie der Diskurs selbst. Positiv bewertet wird beispielsweise die Möglichkeit, Entwicklungsprojekte außerhalb des Nord-Süd-Machtgefüges zu realisieren.[2] Kritik wird hingegen laut an intransparenten Vorgehensweisen, oder daran, dass China durch seine Geberaktivitäten fragwürdige politische und materielle Ziele verfolge.[3] Um empirisch fundiertes Wissen zu dieser Debatte beizutragen, müssen jetzt weitere Fallbeispiele wie Neue Geber, neue Diskurse? entstehen. Neue Ebenen der Debatte oder Vergleiche werden erst dann möglich. Zu der an Gayatri Spivak orientierten Frage „ob die Nehmerseite sprechen kann“ (S. 103) schreibt Khan, dass die Nehmerseite im indischen Diskurs zwar Raum einnimmt, aber letztlich zur indischen Selbstrepräsentation dient. Auf der Hand liegt daher außerdem die Frage, wie es um die Stimme der Nehmerseite tatsächlich bestellt ist. Hierzu sind ebenso differenzierte und kritische Analysen wie die vorliegende gefragt, die sich hoffentlich auch an Nina Khans Werk orientieren werden.

Anmerkungen:
[1] Emma Mawdsley, The Rhetorics and Rituals of „South-South“ Development Cooperation. Notes on India and Africa, in: Emma Mawdsley / Gerard McCann (Hrsg.), India in Africa. Changing Geographies of Power, Cape Town 2011, S. 166–186.
[2] Clemens Six, The Rise of Postcolonial States as Donors. A Challenge to the Development Paradigm?, in: Third World Quarterly 30, Nr. 6 (2009), S. 1103–1121.
[3] Moisés Naím, Rogue Aid, in: Foreign Policy, Nr. 159 (2007), S. 95–96.

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Veröffentlicht am
20.05.2020
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