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Titel
Paul Friedländer. Ein klassischer Philologe zwischen Wilamowitz und George


Autor(en)
Ehling, Kay
Reihe
Jüdische Miniaturen
Erschienen
Berlin u.a. 2019: Hentrich und Hentrich
Anzahl Seiten
86 S.
Preis
€ 8,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Willing, Marburg

Kay Ehling, Professor für Alte Geschichte an der Universität Augsburg, hat eine kleine Biografie des Klassischen Philologen Paul Friedländer (1882–1968) vorgelegt. Da der christlich getaufte Gräzist jüdische Vorfahren hatte und von den Nationalsozialisten ins US-amerikanische Exil getrieben wurde, ist das Werk in der Schriftenreihe „Jüdische Miniaturen“ erschienen. Die Studie stützt sich auf Briefe, Personalunterlagen sowie einschlägige Sekundärliteratur und enthält 14 Schwarz-Weiß-Abbildungen. Der Kaufmannssohn Friedländer besuchte erst das Friedrichs-Gymnasium in Berlin, ehe er im Jahr 1900 an der dortigen Friedrich-Wilhelms-Universität das Studium der Fächer Klassische Philologie und Archäologie begann. Ein Wechsel nach Bonn für zwei Semester schloss sich an. Zu seinen akademischen Lehrern gehörten Hermann Diels, Johannes Vahlen, Reinhard Kekulé von Stradonitz, Franz Bücheler und Hermann Usener. Nachhaltig inspiriert wurde er von Georg Loeschcke, der ihm prophezeite, dass er ein Philologe mit starkem archäologischem Interesse werden würde. Zum zentralen Bezugspunkt avancierte jedoch Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, bei dem Friedländer 1905 promovierte und sich 1911 habilitierte. Themen der Qualifizierungsarbeiten waren zunächst sagengeschichtliche Untersuchungen und später Kunstbeschreibungen der justinianischen Autoren Johannes von Gaza und Paulus Silentiarius, wodurch er zum Pionier der Ekphrasisforschung wurde. Zwischenzeitlich wirkte er als Pädagoge an einem Gymnasium und bereiste als Stipendiat des Archäologischen Instituts des Deutschen Reiches (AIDR) Italien, Griechenland sowie Kleinasien. Im Ersten Weltkrieg diente der Patriot, der sich freiwillig gemeldet hatte, an der Front und erreichte den Rang eines Leutnants.

Zu Beginn der Weimarer Republik etablierte sich Friedländer als altsprachlicher Ordinarius an der Marburger Philipps-Universität, rief dort die legendäre „Graeca“ ins Leben, pflegte nähere Kontakte zu den jungen Philosophen Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer sowie dem evangelischen Theologen Rudolf Bultmann. Er heiratete, bezog mit seiner Frau Charlotte ein Haus am „Renthof 9“ und wurde Vater zweier Töchter. Einflüsse des Lyrikers Stefan George sorgten dafür, dass er sich von der strengen historisch-kritischen Methode seines Lehrers Wilamowitz entfernte und auch dem „intuitiven Erfassen“ eine gewisse Berechtigung einräumte. Ein privat aufgestelltes Bildnis von George dokumentiert die anhaltende Verehrung für den Dichter.[1] Ergänzt sei hier, dass man den princeps philologorum Wilamowitz und sein Platon-Bild im George-Kreis ablehnte (was auf Gegenseitigkeit beruhte) und ihn despektierlich mit „Wilamops“ titulierte.[2] Als Intellektueller zwischen diesen antagonistischen Polen näherte sich Friedländer dem „Dritten Humanismus“ Werner Jaegers an. Bereits in dem Werk um den Großen Alkibiades hatte er die Frage der Echtheit bejaht und eine Gegenposition zu Wilamowitz eingenommen. Diesen eigenständigen Weg behielt er in den folgenden Jahren bei. 1928 und 1930 erschien eine zweibändige Platon-Biografie, die als Hauptwerk Friedländers gelten kann und der als großer Wurf die internationale Anerkennung nicht versagt blieb. 1932 erfolgte ein Lehrstuhlwechsel nach Halle an der Saale.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, glaubte sich Friedländer zunächst durch den sogenannten Frontkämpfer-Paragrafen geschützt, der Soldaten des Ersten Weltkrieges mit jüdischen Bezügen vor Entlassungen bewahrte. Nach Erlass der „Nürnberger Gesetze“ wurde Friedländer dennoch zum Jahresende 1935 mit 53 Jahren in den Zwangsruhestand geschickt. Nach Berlin übergesiedelt, untersagte ihm der Althistoriker Wilhelm Weber den Besuch der dortigen Fachbibliothek. Mit der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 erreichte die Repression ihren vorläufigen Höhepunkt. Friedländer wurde in das KZ Sachsenhausen deportiert, fünf Wochen lang drangsaliert und kam erst auf Initiative von Bultmann kurz vor Weihnachten wieder frei. Wie aus einer Postkarte an seinen Freund ersichtlich ist, wurde der Inhaftierte auch körperlich schwer misshandelt und konnte nach der Entlassung zeitweilig seine rechte Hand nicht gebrauchen.[3] Im August 1939 gelang Friedländer mit seiner Familie die Flucht über die Niederlande in die USA. Im kalifornischen Los Angeles musste er sich peu à peu eine neue Existenz aufbauen. Im Herbst 1945 wurde er zum „Full Professor“ ernannt, 1949 emeritiert. Eine Anfrage der Martin-Luther-Universität in Halle im Jahr 1946 mit dem Angebot, seinen alten Lehrstuhl wiederzuerhalten, lehnte er ab. Das den Schritt begründende Schreiben an seine frühere Wirkungsstätte erinnert stark an die Zeilen der Klassischen Archäologin Margarete Bieber, die nach ihrer Vertreibung aus Nazi-Deutschland in die USA ebenfalls eine Rückkehr an ihre Gießener Alma Mater verwarf und ein Bekenntnis zur neuen amerikanischen Heimat ablegte.[4] Die Motive Friedländers sind leicht nachzuvollziehen, denn er hatte Mutter, Bruder und Nichte durch den NS-Rassenwahn verloren. Vor diesem persönlichen Schicksal wird deutlich, dass Ehling es zu Recht vermeidet, trotz einiger Ehrungen in der Bundesrepublik von einer Wiederaufnahme in die deutsche Gelehrtenrepublik zu sprechen.[5] In den USA pflegte Friedländer Kontakte zu Thomas Mann und setzte seine Platon-Studien bis ins hohe Alter fort. In das geteilte Deutschland kehrte er nicht mehr zurück.

Ehling zeichnet das Leben seines Protagonisten klar verständlich und mit Sympathie nach. Wer die Skizze aufmerksam liest, wird erkennen, dass Friedländer nicht „seine letzten Jahre in Armut“ verbrachte.[6] Der emeritierte Professor besaß in Kalifornien ein Haus mit Garten und erhielt ab 1954 durch das Gesetz zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts staatliche Unterstützungsleistungen aus der Bundesrepublik. Allerdings dürfte die finanzielle Situation in den ersten Jahren seines erzwungenen Exils und auch phasenweise vor dem Einsetzen der westdeutschen Pensionszahlungen nicht auf Rosen gebettet gewesen sein. Immerhin traf es ihn weniger hart als beispielsweise den Althistoriker Richard Laqueur, der in den USA zeitweise als Packer in einer Großbuchhandlung „jobben“ musste[7], oder die Klassische Archäologin Elisabeth Jastrow, deren materielle Lage im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ dauerhaft prekär blieb.[8] Man wünschte der aufschlussreichen Miniatur, dass sie in einer Neuauflage etwas mehr Raum bieten sollte, um die bewegte Vita des Gräzisten stärker auszubreiten. Dann böte sich auch die Gelegenheit, ein Verzeichnis mit der wichtigsten Fachliteratur zum vielfältigen Œuvre Friedländers abzudrucken, sodass mühsames Recherchieren in den 195 Endnoten entfiele.[9]

Anmerkungen:
[1] Schon erwähnt bei Winfried Bühler, Paul Friedländer †, in: Gnomon 41 (1969), S. 619–623, hier S. 623.
[2] Edgar Salin, Um Stefan George, Godesberg 1948, S. 259; Stefan Rebenich, „Dass ein strahl von Hellas auf uns fiel“. Platon im George-Kreis, in: George-Jahrbuch 7 (2008/09), S. 115–141, hier S. 133.
[3] Friedländer an Bultmann kurz vor Weihnachten 1938, zitiert nach Peter Obermayer, Deutsche Altertumswissenschaftler im amerikanischen Exil. Eine Rekonstruktion, Berlin 2014, S. 634.
[4] Hans-Günter Buchholz, Margarete Bieber (1879–1978), in: Hans-Georg Gundel / Peter Moraw / Volker Press (Hrsg.), Gießener Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Bd. 1, Marburg 1982, S. 58–73, hier S. 67.
[5] Vgl. Obermayer, Altertumswissenschaftler, S. 669.
[6] Hans-Ulrich Berner / Mayya Pait, Friedländer, Paul, in: Peter Kuhlmann / Helmuth Schneider (Hrsg.), Geschichte der Altertumswissenschaften. Biographisches Lexikon, Der Neue Pauly, Suppl. Bd. 6, Stuttgart 2012, Sp. 427–428, hier Sp. 428.
[7] Hans-Georg Gundel, Richard Laqueur (1881–1959) / Althistoriker, in: Gundel u.a. (Hrsg.), Gießener Gelehrte, Bd. 2, S. 590–601, hier S. 596.
[8] Obermayer, Altertumswissenschaftler, S. 133–191; Matthias Willing, „Amazonen der Moderne“ – Frauen als Pioniere in der Klassischen Archäologie, in: Das Altertum 63 (2018), S. 39–80, hier S. 62–64.
[9] Das Schriftenverzeichnis, das 75 Titel auflistet, befindet sich in: Paul Friedländer, Studien zur antiken Literatur und Kunst, Berlin 1969, S. 683–688.

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Veröffentlicht am
21.10.2019
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