L. Prüll u.a. (Hrsg.): Universitätsgeschichte schreiben

Cover
Titel
Universitätsgeschichte schreiben. Inhalte – Methoden – Fallbeispiele


Herausgeber
Prüll, Livia; George, Christian; Hüther, Frank
Reihe
Beiträge zur Geschichte der Universität Mainz. Neue Folge
Erschienen
Göttingen 2019: V&R unipress
Anzahl Seiten
255 S.
Preis
€ 32,99
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Anton F. Guhl, Institut für Geschichte, Karlsruher Institut für Technologie

„Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, gegründet im Jahr 1477, ist dem Geist ihres Namensgebers auch heute verpflichtet.“[1] Dieser „Claim“ der Universitäts-Homepage spiegelt die Bedeutung, die Hochschulen ihrer Geschichte geben, und verdeutlicht zugleich, dass bei solchen Aussagen nicht allein historische Genauigkeit zählt: Der Bezug auf Gründungsereignisse spielt eine zentrale Rolle für die geschichtsbasierte Identitätsstiftung von Hochschulen. Auch der hier zu besprechende Tagungsband von Livia Prüll, Christian George und Frank Hüther verdankt sich der Vorbereitung eines Jubiläums, nämlich des 75. Jahrestags der 1946 erfolgten Gründung der Universität Mainz.[2]

Wer die lokale Universitätsgeschichte nicht kennt, gerät ins Stocken: Wann fand nun in Mainz eine Universitätsgründung statt, 1477 oder 1946? Die Antwort lautet: In beiden Jahren, denn die alte Universität war 1798 aufgehoben worden. Die Frage nach einer „tatsächlichen oder vermeintlichen Einheitlichkeit der Mainzer Universitätsgeschichte“ (S. 12) berührt dabei nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern auch institutionelle Selbstzuschreibungen nach Innen und Außen. Aufgrund solcher, nicht genuin geschichtswissenschaftlicher Ansprüche an die Universitätsgeschichte ist sie gut beraten, ihr Tun immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Die einleitenden Bemerkungen von Livia Prüll konzentrieren sich auf die Beschreibung der „Entstehung der Universitätsgeschichte in Mainz, um zur Darstellung der regionalen Besonderheiten im Umgang mit den Dilemmata der Universitätsgeschichte beizutragen“ (S. 8, Anm. 3). Es erweist sich als lohnend, nicht nur die historische „Eigenprägung“ von Hochschulen zu diskutieren (S. 11), sondern auch die lokale Situiertheit ihrer Erforschung zu explizieren. In Mainz wird diese vor allem durch den 2001 gegründeten „Forschungsverbund Universitätsgeschichte“ geleistet, der mit eigenem Budget bei der Universitätsbibliothek verankert ist. Über die (personelle) Ausstattung der Projekte zum 75. Jubiläum der Universität Mainz (2021) und zur Gestalt der geplanten Publikation hätte sich indes mehr sagen lassen.

Bereits der Titel des Bandes legt einen Akzent auf historiographische Praxis und verweist auf einschlägige Programmatiken.[3] Zu diesem Genre, das „immer auch der Reflexion und der Selbstvergewisserung dien[t]“ (S. 38), gehört der zentrale Überblick von Rainer C. Schwinges, der ausgehend von Walter Rüeggs Standardwerk zur Geschichte der europäischen Universität Stand und Tendenzen der Forschung akzentuiert.[4] Schwinges weist der Universitätsgeschichte vier Aufgabenfelder zu: Institutionen- und Verfassungsgeschichte (akademische Strukturgeschichte), Personengeschichte (Biographie und Prosopographie), Studentengeschichte und schließlich eine Kommunikationsgeschichte der Universität (S. 41–45). Der Fokus auf die Außendarstellung überzeugt, ist aber in der Reihung mit den eher klassischen Zugängen als Akzentsetzung zu verstehen. Mit vergleichbarer Berechtigung hätten andere Arbeitsgebiete abgesteckt werden können, beispielsweise eine architektur- und technikgeschichtlich inspirierte Geschichte der materiellen Kultur der Universität oder eine Verflechtungsgeschichte der Hochschulen mit Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.

Mit Ausnahme des Beitrags von Martin Kintzinger legt der Band einen Schwerpunkt auf die Neuere Geschichte, wie etwa der Aufsatz von Michael Grüttner zu den Universitäten im Nationalsozialismus. Er ist auch deshalb hervorzuheben, da er mit den Phasen universitärer „Vergangenheitspolitik“ nach 1945 zugleich den historischen Rahmen für das vergangene „Universitätsgeschichte-Schreiben“ nachzeichnet. Grüttner rekapituliert den Wandel vom anfänglichen Beschweigen hin zum heutigen „Handlungsdruck“ für bisher unerforschte Hochschulen (S. 90).

Anders angelegt ist der Aufsatz von Ilko-Sascha Kowalczuk, der als Besprechung der jüngeren Historiographie zu den Universitäten in der DDR gelesen werden kann, in der Kowalczuk das häufige Missverständnis der Rolle der SED kritisiert. Die Partei sei „keine anonyme Veranstaltung“ (S. 145, S. 147f.), sondern integraler Bestandteil der universitären Strukturen gewesen. Mit Blick auf die westdeutschen Universitäten schlägt Barbara Wolbring die Einführung einer neuen Analysekategorie vor. Die häufig angenommene Polarität von Reformern und Reformverweigerern sei um eine zweite Dichotomie zu ergänzen: Akteure, die wissenschaftliche Eigenlogiken verteidigen bzw. stärken, und andere, die die gesellschaftliche Relevanz der Hochschulen hervorheben bzw. durchsetzen wollen.

Im zweiten Teil („Methoden“) verdient neben stimmigen Plädoyers von Christa Klein (für die Verbindung von Biographie und Prosopographie) und Frank Hüter (für die Verschränkung von Archiv und Geschichtswissenschaft) der Beitrag von Livia Prüll besondere Aufmerksamkeit. Prüll wendet sich dem zentralen Problem der häufigen Trennung von Wissenschaftsgeschichte und Universitätsgeschichte zu, deren Zusammenführung oft als ein drängendes Desiderat gekennzeichnet wird.[5] Eine Verbindung könne durch die stärkere Nutzung von Fallbeispielen erreicht werden (S. 217). Das Beispiel des Hämatologen Ludwig Heilmeyer und sein Erfolg, Mitte der 1950er-Jahre einen großen internationalen Fachkongress an einer deutschen Universität auszurichten, spiegele institutions- und wissenschaftsgeschichtlich die „Konsolidierungsphase der Bundesrepublik“ (S. 215). Begrenzt generalisierbar ist das andere Beispiel: ein Vortrag, den Gerhard Ritter in der unmittelbaren Nachkriegszeit über die „Idee der Universität“ gehalten hat.[6] Denn hier ist der Gegenstand der exemplarisch gefassten Wissenschaftsgeschichte ja selbst Universitätsgeschichte bzw. das Reflektieren eines Historikers über den (historischen) Ort der Universität im öffentlichen Leben. Somit offenbart das an sich überzeugende Votum auch gleich mit seiner Umsetzung verbundene Schwierigkeiten.

Ein letztes Schlaglicht sei auf den dritten Abschnitt („Fallbeispiele“) geworfen, in dem Thomas Becker die Geschichte der Bonner Universitätsjubiläen beschreibt. Beckers Perspektive auf vergangene Anlasshistoriographie ist besonders interessant, da er als Mitherausgeber der dort 2018 erschienenen Jubiläumsbände zugleich „subtilere Einblicke in die ,Jubiläumspraxis‘“ (S. 21) geben kann.[7] So werden auch die „desaströsen Entwicklungen“ nicht verschwiegen, denen das Redaktionsteam eines solchen Mammutprojekts begegnen muss, etwa wenn sich Arbeitspakete als zu umfangreich für die Autorinnen und Autoren erweisen (S. 250). Mitchell G. Ash setzt in seinem Bericht vom Wiener Universitätsjubiläum 2015 einen anderen Akzent. Ash zeigt, dass Gründungsjubiläen für die Geschichtswissenschaft eine willkommene Gelegenheit sind, aber „zwischen historischer Reflexion und Eventkultur“ Abhängigkeiten und Einflussnahmen erzeugen können. Diese Problematik wird konkret am Beispiel der Universitätsleitung beschrieben, die das ursprüngliche Festschriftkonzept als „zu historisch“ verwarf (S. 226). Ebenso wertvoll erweist sich der Einblick in Budgets, denn aus Mittelzuweisungen spricht ja nicht zuletzt die der „Reflexion“ und dem „Event“ jeweils zugesprochene Wertigkeit.

Am Ende steht ein gelungener Band, dessen einführende Überblicke auch gut in der Lehre eingesetzt werden können (vor allem Schwinges, Grüttner und Klein); kurze Abstracts zu den Beiträgen erleichtern ihre Durchsicht. Angesichts der doppelten Mainzer Gründungstradition ist zu bemerken, dass trotz Bezug auf die zweite Gründung von der Idee einer traditionellen, aus dem Mittelalter überkommenen Volluniversität ausgegangen wird. Dies ist für die Geschichtsschreibung von Universitäten im 20. Jahrhundert nicht unüblich, doch tritt so die komplexe Hochschullandschaft dieses Zeitraums in den Hintergrund. Beispielsweise finden in dem Band Technische Hochschulen und Fachhochschulen kaum Berücksichtigung. Dies geht mit Einbußen einher. Zum einen hätten sich inhaltliche Aussagen konturieren lassen, wie das Beispiel des Freiburger Universitätsjubiläums von 1957 zeigt, das als erstes nach dem Zweiten Weltkrieg referenziert wird (S. 213), ohne die kurz zuvor abgehalten 125-Jahrfeiern in Karlsruhe und Stuttgart zu kontextualisieren.[8] Zum anderen bekommen gerade konzeptionelle Fragen zur gesellschaftlichen Verortung von Hochschulen, zur Anwendbarkeit von Wissensbeständen und den politischen Gehalten ihrer Produktion Impulse, wenn nicht nur traditionelle Volluniversitäten erfasst werden. Das Nachdenken über das Universitätsgeschichte-Schreiben lädt dazu ein, ebenso konsequent zu reflektieren, warum sonstige Hochschulen so häufig aus dem Blick geraten.

Anmerkungen:
[1]https://universitaet.uni-mainz.de/ (07.01.2020).
[2]https://www.hsozkult.de/searching/id/termine-29832 (07.01.2020).
[3] Marian Füssel, Wie schreibt man Universitätsgeschichte?, in: NTM. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 22 (2014) Heft 4, S. 287–293; Stefan Gerber, Wie schreibt man „zeitgemäße“ Universitätsgeschichte?, in: ebd., S. 277–286; vgl. auch Sylvia Paletschek, Stand und Perspektiven der neueren Universitätsgeschichte, in: ebd., 19 (2011) Heft 2, S. 169–189.
[4] Walter Rüegg (Hrsg.), Geschichte der Universität in Europa, 5 Bände., München 1993–2010.
[5] Vgl. z. B. Paletschek, Stand, S. 171.
[6] Gerhard Ritter, Die Idee der Universität und das öffentliche Leben, Freiburg im Breisgau 1946.
[7] Vgl. Anton F. Guhl, Sammelbesprechung von Christof Dipper u.a. (Hrsg.), Epochenschwelle in der Wissenschaft – Beiträge zu 140 Jahren TH/TU Darmstadt (1877–2017), Darmstadt 2017; Wolfgang A. Herrmann / Winfried Nerdinger (Hrsg.), Die Technische Hochschule München im Nationalsozialismus, München 2018; Dominik Geppert (Hrsg.), Preußens Rhein-Universität. 1818–1918 (Geschichte der Universität Bonn, Bd. 1), Göttingen 2018; Dominik Geppert (Hrsg.), Forschung und Lehre im Westen Deutschlands. 1918–2018 (Geschichte der Universität Bonn, Bd. 2), Göttingen 2018; Thomas Becker / Philip Rosin (Hrsg.): Die Buchwissenschaften (Geschichte der Universität Bonn, Bd. 3), Göttingen 2018;Thomas Becker / Philip Rosin (Hrsg.), Die Natur- und Lebenswissenschaften (Geschichte der Universität Bonn, Bd. 4), Göttingen 2018, in: NTM. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 27 (2019), S. 395–400.
[8] Friedrich Raab (Hrsg.), Die Technische Hochschule Fridericiana Karlsruhe. Festschrift zur 125-Jahrfeier, Karlsruhe 1950; Manfred Koschlig / Fritz Martini, Die Technische Hochschule Stuttgart. Bericht zum 125jährigen Bestehen, Stuttgart 1954.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.04.2020
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag