A. Klei: Wie das Bauhaus nach Tel Aviv kam

Cover
Titel
Wie das Bauhaus nach Tel Aviv kam. Re-Konstruktion einer Idee in Text, Bild und Architektur


Autor(en)
Klei, Alexandra
Erschienen
Berlin 2019: Neofelis Verlag
Anzahl Seiten
157 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Regina Stephan, Architekturinstitut, Hochschule Mainz

Die Autorin hat ein Ziel, von dem sie gleich zu Beginn schreibt, dass es unerreichbar ist: Sie möchte ins Bewusstsein rücken, dass Tel Aviv so viel mehr ist als „Bauhaus“, dass das Bauhaus vielmehr eigentlich nur eine sehr kleine Rolle bei der architektonischen Entwicklung der Stadt innehatte. Sie konstatiert: „Gegen den inflationären Gebrauch des Begriffs wird dieses Buch nicht ankommen.“ (S. 8)

Alexandra Klei möchte allerdings der „Konstruktion der Erzählung nachgehen“ (S. 8), also aufzeigen, wie es dazu kam, dass der alles überstrahlende Begriff „Bauhaus“ synonym für die Architektur der Stadt Tel Aviv wurde, wie also die nachträglich erzählte, rekonstruierte Bauhausgeschichte von Tel Aviv etabliert wurde. Sie gliedert ihr mit zahlreichen Fotografien ausgestattetes, 157 Seiten umfassendes Buch hierfür in fünf Kapitel.

Nachdem die Architektur der Stadt seit ihrer Gründung bis in die 1970er-Jahre nicht besonders wahrgenommen wurde, änderte sich dies ganz grundlegend in den 1980er-Jahren. Klei unterscheidet drei Phasen des Prozesses der Wiederentdeckung und -herstellung bis in die Gegenwart: An den Anfang stellt sie die von Micha Levin kuratierte Ausstellung des Tel Aviv Art Museums „White City. International Style Architecture in Israel. A Portrait of an Era“ (1984) sowie die heute wenig beachtete Skulptur Kikar Levan von Dani Karavan aus dem Jahr 1988 (S. 32).

Unmittelbar daran anschließend folgte nach Klei die zweite Phase mit der Verstetigung der öffentlichen Wahrnehmung und Debatte, in der sich die internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung für das Bauhaus und seine Etablierung als Architekturstil verstärkte und das Interesse an den konkreten Bauten als materielle Objekte wuchs. Dies zeigte sich nicht zuletzt 1990 an der Gründung der Denkmalschutzabteilung der Stadt Tel Aviv. Ihre erste Leiterin, die Architektin Nitza Metzger-Szmuk, fokussierte sich bei der Unterschutzstellung auf bestimmte Bauten und stellte nach Klei eine Ordnung her, „die bestimmte Bauten als bedeutsamer für die Epoche erscheinen lässt. Dies geschah über die Namen einzelner Architekt/innen und anhand bautypologischer Gestaltungsmerkmale“ (S. 53). Diese Ordnung führte 2003 zur Eintragung der Weißen Stadt in die Liste des Weltkulturerbes der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO). Klei problematisiert völlig zu Recht, dass weder die der Eintragung zugrundeliegende Auswahl der 180 denkmalgeschützten Bauten, noch die der 60 besonders geschützten Bauten, „die nach den strengen Auflagen des Denkmalschutzes in ihre ursprüngliche Form zurückgeführt werden müssen“ (S. 53), erläutert wird. Als in der Folge besonders gravierend für den Denkmalschutz erweist sich die Tatsache, dass in dem der Aufnahme in die UNESCO-Liste zugrundeliegenden Antrag die vorgestellten 60 Gebäude lediglich durch die zur Straße gerichteten Fassaden, als charakteristisch angesehene Details sowie kleine Grundrisse abgebildet werden, nicht aber maßstäbliche Grundrisse, Innenaufnahmen oder etwa rückwärtige Ansichten (S. 53). Daran zeige sich, dass es offenbar primär um das Image von außen ging, nicht jedoch um die Gebäude in ihrer baulichen Integrität und Authentizität.

Nitza Metzger-Szmuk war es auch, die – aus der Rückschau betrachtet – den Terminus Bauhaus final etablierte. Ihr opulent bebildertes Buch „Dwelling on the Dunes. Tel Aviv. Modern Movement and Bauhaus Ideals“ erschien 2004 und setzte den Ton für die folgenden Jahr(-zehnt-)e. Heute ist der Begriff Bauhaus schier untrennbar mit der Stadt Tel Aviv verbunden. Auch die Vorgehensweise des Denkmalschutzes, die Hülle zu schützen, aber nicht das Innere, geht auf die Antragsunterlagen zurück. Klei schreibt treffend: „Der Wert des Architekturerbes wird über die Abbildung seines ursprünglichen Zustands hergestellt“ (S. 53). Bedeutsam hierfür sind die zahlreichen Publikationen mit Schwarz/Weiß-Abbildungen, in denen die Gebäude der Weißen Stadt ausschließlich von außen gezeigt werden und zwar in der Regel als Einzelbauten und nicht als Ensembles.

Die Deklaration zum Weltkulturerbe und die Festlegung der Schutzzonen A, B und C läutet für Klei die dritte Phase ein. Sie hatte umfassende Auswirkungen auf die konkrete Architektur: Es folgten Sanierung und Wiederherstellung der Gebäude und eine zunehmende Wahrnehmung auch der eklektizistischen Gebäude und Siedlungen des 19. Jahrhunderts im heutigen Stadtgebiet von Tel Aviv, wie der ehemaligen deutschen Templersiedlungen Sarona (ab 1871) und Valhalla (ab 1886) sowie jüdische Siedlungen wie Neve Tzedek (ab 1887), Neve Shalom (ab 1890) und Nachalat Binyamin (1911). Hinzu kommen die arabischen Siedlungen in vernakulärer Bauweise, die in jüngerer Zeit in die Geschichte Tel Avivs integriert werden (S. 102–109). Klei folgt damit einer neueren Entwicklung der israelischen Architekturgeschichtsschreibung, namentlich Sharon Rotbards, der 2005 auf Hebräisch, 2015 auf Englisch das Buch „White City Black City. Architecture and War in Tel Aviv and Jaffa“ publizierte und den Zusammenhang von Jaffa und Tel Aviv kritisch beleuchtet. Nach Klei sind die arabischen Siedlungen heute „Teil der städtischen Struktur […], wenngleich sie in ihr schwieriger zu entschlüsseln“ seien als die frühen jüdischen oder ehemals deutschen Templersiedlungen, da eine Markierung fehle, häufig Überbauungen erfolgt seien und die ursprüngliche arabische Bevölkerung weggezogen ist (S. 102f.).

Ab Seite 109 geht Klei auf die sogenannte Weiße Stadt im Herzen von Tel Aviv ein, deren Gebäudeanzahl (um die 4.000) und differierende Datierung – mal ist von einer Zeitspanne von den 1930er- bis zu den 1950er-Jahren die Rede, mal wird die genaue Zeitspanne 1931 bis 1956 genannt – sie kritisch hinterfragt (S. 110). Sie kommt zu dem Urteil: „Der quantitativen Aussage fehlen […] sämtliche zeitliche und räumliche Kontexte. Die Zahl dient weniger dazu, konkrete Zuordnungen zu ermöglichen, als vielmehr dazu, über den Umfang Bedeutung herzustellen. Sie verstellt gleichzeitig den Blick auf den Verlust: Sie verdeutlicht nicht, dass und wie viele Gebäude in den letzten Jahrzehnten abgerissen wurden, und bleibt derart pauschal, dass sie verschleiern kann, dass der Umgang mit dem Einzelbau nicht per se von Anerkennung und Schutz gekennzeichnet ist.“ (S. 110)

Für Leser/innen, die sich in das Architekturgeschehen des 21. Jahrhunderts im Bereich der Weißen Stadt einarbeiten möchten, sind die Erläuterungen im letzten Drittel des Buches (besonders S. 111–118) von zentraler Bedeutung, da hier die gesetzgeberischen Maßnahmen und Erlasse bezüglich Schutz, Sanierung und den wirtschaftlichen Fragen zwischen Erhaltung, Aufstockung, Abriss und Neubau dargelegt werden. Nur wer diese Regelungen kennt, kann die Entwicklungen der letzten 20 Jahre wenn nicht verstehen, so doch nachvollziehen.

Auf Seite 119 beginnt Alexandra Klei, sich an die Beantwortung der eingangs gestellten Frage zu machen, wie das Bauhaus nach Tel Aviv kam. Sie stellt zunächst fest, dass der Begriff Bauhaus schlicht ein „Werbeclaim“ sei und als „eine Worthülse ohne spezifischen Inhalt“ (S. 120) inflationär für die Architektur der Stadt benutzt werde. Sie zeichnet eine Abfolge von Ausstellungen und Publikationen nach, in deren Folge das Narrativ entstanden sei, wonach es eine direkte Beziehung zwischen Deutschland beziehungsweise Dessau und Tel Aviv gegeben habe, „bei der allein die Ausbildung am Bauhaus/in Deutschland für die Architektur entscheidend gewesen sei“ (S. 125). Diese Erzählung schließe jedoch zum einen diejenigen Architekten und Architektinnen aus, die schon vor 1933 im Land waren, als auch diejenigen, die an anderen Hochschulen und Universitäten studiert hatten. Wie oberflächlich diese Zuordnungen zum Bauhaus sind, zeige die Tatsache, dass selbst Architekten wie Erich Mendelsohn und Le Corbusier, die beide keine Bauhauslehrer waren, dem sogenannten Bauhaus-Stil zugeordnet werden (S. 125). Andere bedeutende Einflüsse, wie die des sowjetischen Konstruktivismus, blieben sogar gänzlich unerwähnt (S. 138). Klei moniert, dass dem Bauhaus als Ausbildungsstätte jüdischer Architekten eine enorme Bedeutung zugeschrieben werde, obgleich sich dies in reinen Zahlen nicht abbilden lasse. Die Folge sei, dass „der Ursprung der White City […] eindeutig – und ausschließlich – als deutsch markiert“ werde (S. 134).

Ihr Resümee lautet: „Die Begriffszuschreibung Bauhaus steht in der Konsequenz also vor allem für Ausschluss und Unsichtbarmachung – (1) des Einflusses anderer namhafter Architekt/innen, der Erfahrungen und Vorstellungen, die Architekt/innen aus ganz Europa mit in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina brachten und die sie unabhängig vom Bauhaus als Institution entwickelten, (2) der Bedeutung das Bauhauses als Schule (nicht als Stil) […], sowie nicht zuletzt (3) der sozialen Aspekte, die das Denken und Entwerfen im Neuen Bauen wesentlich prägten.“ (S. 138f.)

Ganz am Ende des Buches kommt es zu einer überraschenden argumentativen Wende, die dem Buch eine politische Botschaft gibt: „Mit der Verknüpfung Bauhaus-Tel Aviv, an der deutsche Autor/innen, Journalist/innen und andere Akteur/innen maßgeblichen Anteil haben“, würden „diese Tatsachen“ – der widerlegte Mythos des guten und anderen Deutschlands, das gute Ende der Vertreibung deutscher Juden – „aktiv verschleiert“ (S. 139). Klei postuliert an dieser Stelle, dass mit der Nutzung des Begriffs Bauhaus die reale Geschichte der Architektur Tel Avivs durch die deutsche Architekturgeschichtsschreibung und die deutsche Presse bewusst umgeschrieben werde.

So sehr die inflationäre Nutzung des Begriffs in der Tat falsch und ärgerlich ist, so sehr verwundert dieser Turn die Rezensentin, denn im langen Anlauf zum Finale schildert Alexandra Klei die Etappen der Etablierung des Bauhaus-Begriffs für Tel Aviv – insbesondere durch die Kollegen in Israel und hier vor allem Micha Levin 1984 und Nitza Metzger-Szmuk seit den 1990er-Jahren, Micha Gross, der 2000 das Bauhaus Center gründete, und schließlich final 2004 Nitza Metzger-Szmuk mit ihrem Buch „Dwelling on the Dunes. Tel Aviv. Modern Movement and Bauhaus Ideals“. Die von Klei im letzten Kapitel heftig kritisierten Publikationen deutscher Autor/innen sind sämtlich nach diesen israelischen Publikationen erschienen.

Die Aufbereitung der komplexen Baugeschichte Tel Avivs, unter anderem durch die Ausweitung des Blicks auf die arabischen, die frühen jüdischen und christlichen Siedlungen, ist ebenso verdienstvoll wie die Rekonstruktion der Begriffsentwicklung bis zur Synonymsetzung von Tel Aviv mit Bauhaus. Harte Urteile über andere Autorinnen und Autoren, wie Klei sie im Einleitungstext und im letzten Kapitel fällt, irritieren jedoch, denn sie erweisen sich bei genauerer Betrachtung als nicht übermäßig tragfähig. Leider sind im Text auch Unschärfen im Detail zu finden: Da werden zum Beispiel Walmdächer zu Satteldächern (S. 27), Terrakotten zu Mosaiken (Abb. 2), das Art Déco an das Ende der 1910er-Jahre datiert (S. 85), Winfried wird zu Wolfgang Nerdinger (S. 135). Die Behandlung der Abbildungen sorgt während der Lektüre leider für Mühsal: Ihre Beschreibungen stehen ganz am Ende des Buches, sodass man permanent hin und her blättern muss.

Auf die Entschlüsselung der Architektur Tel Avivs, entstanden aus der Verschmelzung vielfältiger architektonischer Einflüsse – der vernakulären Architektur Palästinas beziehungsweise der Levante, des Eklektizismus und des Neue Bauens Europas – mit der Baugesetzgebung der Britischen Mandatsregierung und den Wünschen der Bauherrschaft zu der spezifisch eigenen Formensprache der Weißen Stadt, müssen wir weiter warten. Doch der Autorin gelingt es, die Gleichsetzung von Tel Aviv mit Bauhaus argumentativ ad absurdum zu führen.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.11.2020
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