B. Wasihun (Hrsg.): Narrating Surveillance – Überwachen erzählen

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Titel
Narrating Surveillance – Überwachen erzählen.


Herausgeber
Wasihun, Betiel
Reihe
Literatur – Kultur – Theorie 28
Erschienen
Würzburg 2019: Ergon Verlag
Anzahl Seiten
270 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Flömer, Institut für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik, Universität Bremen

Der vorliegende Sammelband, herausgegeben von Betiel Wasihun, trägt Aufsätze in Deutsch und Englisch zusammen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit Überwachungsnarrativen und ihrer Verankerung in der gegenwärtigen Gesellschaft auseinandersetzen. Ausgangspunkt ist das breite kulturelle Unbehagen an der Überwachung generell und die konkrete Angst, die mit dem Gefühl des Beobachtet-Seins einhergeht.

In ihrer Einleitung rekurriert die Herausgeberin nicht nur auf den klassischen literaturwissenschaftlichen Forschungsstand zur Erzähltheorie, sondern auch auf den stetig wachsenden sozialwissenschaftlichen Forschungszweig der Surveillance Studies. Gerade aus dem letztgenannten schöpft die Einleitung wesentliche Impulse, die auch in den folgenden Beiträgen vertieft werden. So geht Wasihun von der Grundannahme aus, dass die dystopischen Horrorvisionen Orwell‘scher Prägung sich in den Thesen der Surveillance Studies zur allgegenwärtigen Überwachung, zum permanenten Voyeurismus und zum Data-Tracking auf unheimliche Weise widerspiegeln. Dabei reflektiert sie nicht nur den von Michel Foucault angeregten Diskurs zum Panoptikon (Disziplinargesellschaft) und dessen Weiterentwicklung durch Gilles Deleuze (Kontrollgesellschaft), sondern auch neuere Überlegungen zur post-panoptischen Überwachung im Zeitalter des Überwachungskapitalismus nach Shoshana Zuboff, der nicht mehr über visuelle Erfassung allein funktioniert. Stattdessen ist der Überwachungskapitalismus durch unsichtbare Mechanismen der Kontrolle und Selbstkontrolle strukturiert. Ausgehend von diesen neueren Forschungsständen fragt der Band danach, wie Überwachung in der Literatur und im Film repräsentiert wird und welche Fragestellungen und Ausrichtungen hierbei im Vordergrund stehen. Klar wird in der Einleitung, dass von einer strukturellen Ähnlichkeit von Überwachung und filmischen und literarischen Erzählen ausgegangen wird, die sich vor allem in der distanzierten Position des Erzählers und dem Gestus des Protokollierens markiert. Inhaltlich stehen Formen des Widerstands und der Kritik klar im Zentrum der besprochenen Werke, wie auch der Beiträge selbst.

Der erste Beitrag von Christoph Bode geht von den totalitären Überwachungsdystopien George Orwells und Aldous Huxleys aus und fragt danach, wie hier Widerstand gegen und Einwilligung in die gesamtgesellschaftlichen Überwachungsmechanismen zusammenhängen. Ist in Orwells 1984 (1948) noch die Möglichkeit der Kritik und des Widerstands angelegt, so ist in Huxleys Brave New World (1932) laut Bode die scheinbare Zufriedenheit der Individuen mit der strengen gesellschaftlichen Hierarchie und den mit dieser einhergehenden Überwachung ein zentrales Motiv und Ausgangspunkt für die Übertragung auf die heutige Gesellschaft. Diese sei geprägt von der stillen Einwilligung in die permanente Überwachung durch globale Unternehmen wie Google, Facebook und Apple.[1] Monika Fludernik unternimmt eine Analyse dreier zeitgenössischer englischsprachiger Romane und einer deutschen Filmproduktion, in denen sie konkret nach Post-Foucault‘schen Erzählperspektiven sucht. Dabei attestiert sie der englischen Literatur eine Faszination für die durch Foucault theoretisierten Überwachungsmotive, die sich in der Reflexion visueller Mechanismen wie Closed Circuit Television (CCTV) oder der massenhaften Datensammlung amerikanischer Geheimdienste niederschlägt, und die bis zu Fantasien der Gedankenkontrolle reicht.

Der Artikel von Dietmar Kammerer befasst sich mit konkret filmischen Erzählformen und untersucht den Einsatz von „Überwachungsbildern im narrativen Spielfilm“ (S. 75). Der Autor geht von einer grundsätzlichen Affinität von Film und Überwachung aus, die sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Narrative zeigt. Dabei ist Überwachung im Film weit mehr als ein bloßes Motiv. Vielmehr nutzt der Film sie als Form und Verfahren gleichermaßen, insbesondere in der konkreten „Imitation des point of view einer Überwachungskamera“ (S. 86), das als meta-narratives Element filmische Überwachungsnarrative grundsätzlich kennzeichnet. Auch der Aufsatz von Catherine Zimmer untersucht filmische Überwachungsnarrative. Anders als Kammerer geht sie jedoch von historischen Beispielen aus der Frühzeit des Mediums aus, um anschließend auf technologische, ethische und politische Aspekte von Überwachung im Film einzugehen. Zentral dabei ist die produktive Überkreuzung von Filmwissenschaft und Surveillance Studies, die die Autorin vor allem an Alfred Hitchcocks Rear Window (1954) herausarbeitet. Im Ergebnis sieht sie die Verhandlung von Überwachung im Film nicht als reine „Reflexion“, sondern als genuin filmische Praxis.

Julia Straub beschäftigt sich in ihrem Artikel mit der amerikanischen Schriftstellerin Jennifer Egan und deren Fokus auf das Internet, Terrorismus und den teils experimentellen Umgang mit sozialen Medien. Die Romane Egans kommentieren laut Straub Kommunikationswege und Wissensökonomien im digitalen Informationszeitalter. Dabei ist der epistemische Wert des Sehens und Gesehen-Werdens nach Foucault genauso ein Referenzpunkt für die Erzählungen Egans wie die permanenten technologisch gestützten Praxen des Überwachungskapitalismus. Auch für Jörg Metelmann sind die technologischen Innovationen und ihre Möglichkeiten der Überwachung und Kontrolle zentrale Gegenstände. Er untersucht Mechanismen der digitalen Verhaltenskontrolle und die Rolle, die globale Tech-Konzerne bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz spielen. Im Fokus seiner Untersuchung steht Alex Garlands Film Ex Machina (2015), der von ihm als Reflexion des Umschwungs vom „Big Brother zum Big Other“ gelesen wird, also von der Kontrolle durch eine konkret personifizierte Machtinstanz hin zu einem diffusen Anderen, das als dezentrales Gefüge von Überwachungsmechanismen fungiert.

Jeffrey Clapp untersucht die Romane des indischen Schriftstellers Aravind Adigas und deren unterschwellige Thematisierung aktueller Umwälzungen in der indischen Gesellschaft. So bringt der Autor die Schriften Adigas in direkten Bezug zur gegenwärtigen Debatte um die umfassende biometrische Erfassung und Überwachung der indischen Bevölkerung und den damit einhergehenden Bedrohungen für die Privatsphäre. Für Clapp sind die Romane Adigas konkrete Aushandlungen von demokratischen Konzepten im Angesicht einer durch neoliberale Umwälzungen geprägten Gesellschaft. Im Beitrag von Herausgeberin Wasihun werden mit Katharina Hackers Die Habenichtse (2006) und Dave Eggers The Circle (2013) zwei Romane der deutschen beziehungsweise amerikanischen Gegenwartsliteratur verglichen. Beide Romane zeichnen sich laut Wasihun durch unterschiedliche erzählerische Mittel in der Repräsentation der Überwachungskultur im Nachgang des 9/11-Terrors aus. Wo Hackers Erzählung durch den permanenten Wechsel von Erzählperspektiven besticht, restabilisiert Eggers die Position eines allwissenden Erzählers.

Der Roman Das Polizeirevier (1982) von Rainald Goetz ist Gegenstand der Analyse von Stefan Willer. Er konzentriert sich dabei vor allem auf die erzählerische Form des Berichts als „Form chronikalischen, dokumentarisch gestützten Erzählens“ (S. 193) sowie auf das Verhältnis von „Observation und Gegenobservation“ (S. 207), das die Dynamik vom Erzähler-Ich mit der Polizei kennzeichnet. Dabei wird deutlich, wie Goetz einen unzuverlässigen Erzähler konstruiert, dessen Erzählweise paranoische Züge erkennen lässt. Das Genre des Anti-Detektivromans und die hier verhandelte Epistemologie der Überwachung steht dagegen im Fokus von Florian Zappes Beitrag. In seiner Untersuchung von Alain Robbe-Gillets Le Voyeur (1955) und Paul Austers Ghost (1986) arbeitet Zappe zum einen heraus, das literarisches Erzählen immer überwachende Züge trägt, zum anderen, dass das durch Überwachung akkumulierte Wissen immer nur prozessual zu sehen ist und niemals als ontologisch objektiv.

Mary Wilson widmet sich Thomas Pynchons Bleeding Edge (2013). Sie zeigt, wie der Roman die permanente Angst und die strukturelle Paranoia in der digitalen Überwachungsgesellschaft reflektiert und ihre Netzwerke sichtbar macht. So ist das fiktive digitale Netzwerk des Romans „DeepArcher“ als Pendant zum gegenwärtigen Internet und seinem „Versprechen von Freiheit und Kontrolle“ (S. 240) zu sehen. Paranoia und Angst innerhalb von Überwachungsnarrationen sind auch Thema des letzten Beitrags. Alexander Knopf analysiert Frank Witzels RAF-Roman Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 (2015) als Genealogie einer Psychose, die als „Reaktion auf ein staatliches Erziehungs- und Sanktionssystem“ (S. 247) dargestellt wird. Dabei wird die Depression des Protagonisten als Effekt eines Foucault‘schen Machtapparates auf dessen mentale Gesundheit gedeutet und somit aufgezeigt, welche Folgen Überwachung als „Psychotechnik“ entfalten kann.

Dem vorliegenden Sammelband gelingt es zum einen aufgrund der Breite an verschiedenen Perspektiven auf das Forschungsfeld der gegenwärtigen Überwachungskultur, die vielseitigen Verbindungen von Erzählen und Überwachen aufzuzeigen. Zum anderen schafft die produktive Verschränkung von literatur- und sozialwissenschaftlichen Theorien und Fragen eine Schnittstelle, die die aktuelle Diskussion um Überwachung in der Gesellschaft enorm bereichert. Damit wird zugleich demonstriert, wie Literatur als Reflexionsmedium gesellschaftlicher Ängste auch im Zeitalter der permanenten Überwachung seine politische Relevanz behaupten kann. Dabei wird nicht zuletzt deutlich, dass die vermeintlichen Klassiker der Literaturgeschichte ihr kritisches Potenzial keineswegs verloren haben, und dass die gegenwärtige Literatur nach wie vor seismografisch auf technologische Entwicklungen unserer Zeit zu reagieren weiß.

Anmerkung:
[1] Vgl. Shoshana Zuboff, The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power, London 2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.07.2021
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