J. Helmrath u.a. (Hg.): Diffusion des Humanismus

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Titel
Diffusion des Humanismus. Studien zur nationalen Geschichtsschreibung europäischer Humanisten


Herausgeber
Helmrath, Johannes; Muhlack, Ulrich; Walther, Gerrit
Erschienen
Göttingen 2002: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
464 S., 19 Abb., brosch.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gernot Michael Müller, Klassische Philologie, Universität Augsburg

Die Forschung zum europäischen Humanismus hat es seit jeher als eine ihrer grundlegenden und zentralen Aufgaben angesehen, die Verbreitung des in Italien entstandenen kulturellen Paradigmas jenseits des Alpenbogens aus den verschiedensten kulturwissenschaftlichen Perspektiven zu beleuchten und zu rekonstruieren. Dass dieser Ansatz auch heute noch nicht als obsolet betrachtet werden kann, zeigt etwa das erst jüngst erwachte Bewusstsein dafür, dass sich die Betrachtung der europäischen Dimension des Humanismus über lange Zeit auf einige Kernräume zentriert hat, bei welchen eine besondere Offenheit für die neue kulturelle Bewegung aus der Apenninenhalbinsel konstatiert wird, während andere gemeinhin als Peripherien bezeichnete Gebiete kaum Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten, zumal ein nicht selten formuliertes Vorurteil ein Ausgreifen des Humanismus etwa auf Nordeuropa, das Baltikum oder weite Teile Ostmitteleuropas weitgehend negierte [1]. Zahlreiche neuere Arbeiten haben diese Blickverengung zu korrigieren verholfen und dabei der Humanismusforschung vor Augen geführt, dass eine adäquate Erfassung des Humanismus als sich über ganz Europa erstreckendes Phänomen noch weiterer Bemühungen bedarf [2].

Einer Sensibilisierung für humanistische Strömungen in dafür angeblich wenig empfänglichen Räumen stand freilich lange eine eng gefasste Vorstellung von Humanismus entgegen, der sich in gewissermaßen reiner Form in Italien entwickelt habe und sich in etwa auch so in den anderen Ländern außerhalb seines Ursprungslandes manifestieren musste, damit er überhaupt wahrgenommen werden konnte. Wo sich in Literatur, Bildungskanon oder Kunst allenfalls Schwundstufen dieses Paradigmas zeigten, wurde ein Vorhandensein von Humanismus schlichtweg negiert. Hier hat es sich seit geraumer Zeit freilich als unerlässlich erwiesen, die spezifischen und je unterschiedlichen Ausprägungen des Humanismus in den einzelnen Zonen seiner Verbreitung genauer zu untersuchen, da er außerhalb von Italien, aber auch dort, stets auf bestehende kulturelle Traditionen traf, in welche er sich einzupassen hatte und wodurch er teils beträchtlichen Transformationen ausgesetzt war [3]. Dieses Bewusstsein für die differenten Signaturen des Humanismus hat dabei die Erkenntnis gezeitigt, dass auch in den von der Humanismusforschung bevorzugten Kulturräumen noch zahlreiche Fragen im Hinblick auf die Verbreitung des Humanismus und sein Eindringen in bereits bestehende kulturelle Umfelder ihrer Beantwortung harren.

Die daraus resultierende Beobachtung, dass innerhalb eines kaum noch zu überschauenden Forschungsgebiets zentrale Problemfelder immer noch unbeantwortet sind, macht sogar vor dem Bereich humanistischer Textualität nicht Halt, welche nicht nur zu den historisch ersten Interessengebieten der Humanismusforschung gehörte, sondern sich seither auch ungebrochener intensiver Aufmerksamkeit erfreuen kann und bis heute zu den wichtigsten Bereichen der Humanismusforschung vor allem literaturwissenschaftlicher und philologischer Provenienz zählt [4]. Zu den bislang weniger erschlossenen Gattungen humanistischer Literatur gehört ohne Zweifel die Geschichtsschreibung, welche sich erst mit der zunehmenden Aufarbeitung eines spezifischen frühneuzeitlichen Nationalismus und seiner historischen Begründungsstrategien ins Gespräch bringen konnte [5]. Dass aber gerade die Historiographie ein geeignetes Paradigma darstellt, um zentrale Fragen der Verbreitung humanistischer Kultur über den ganzen europäischen Kontinent hinweg neu zu stellen und dabei gleichzeitig den Blick für ihre spezifischen Ausprägungen in den einzelnen Ländern zu schärfen, zeigt mustergültig der hier anzuzeigende Sammelband „Diffusion des Humanismus. Studien zur nationalen Geschichtsschreibung europäischer Humanisten“, der fünfzehn Beiträge einer internationalen Tagung zum gleichen Thema versammelt, welche vom 10. bis 12. September 2001 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattgefunden hat [6].

Hervorzuheben an dem Band ist vor allen Dingen das in der Regel hohe Reflexionsniveau, auf dem die einzelnen Beiträge ihrem Gegenstand begegnen, sowie deren auffällige Kohärenz, welche dem Bemühen der Tagungsleiter und nunmehrigen Herausgeber zu verdanken ist, zentrale Fragestellung und thematischen Horizont nie aus den Augen zu verlieren. Herausragendes Exemplum für die methodische Schärfe und Umsicht, auf welche die Herausgeber sich und ihre Beiträger verpflichtet haben, ist die Einführung des Bandes, welcher der Feder des Berliner Historikers Johannes Helmrath entflossen ist (S. 9-29). Unter Wiederaufnahme des Buchtitels „Diffusion des Humanismus“ wendet sich Helmrath nicht nur einer Klärung des in der Terminologie der Humanismusforschung noch nicht eingeführten Begriffs der Diffusion zu, sondern greift ausgehend davon auch auf eine Revision der bisherigen Ansätze aus, mit denen man die europäische Ausdehnung des Humanismus zu erfassen versucht hat, und dies mit dem Ziel, den neuen Terminus in der Forschungslandschaft zu situieren. Diese Einordnung unternimmt Helmrath freilich nicht so, dass er für die Substitution aller bisherigen Begrifflichkeiten durch den hier eingeführten Ausdruck der Diffusion plädiert, sondern indem er diesen als neues Glied in einem ansonsten nicht angetasteten Ensemble von Terminologien zu etablieren sucht, um die bestehenden Perspektiven auf die europäische Verbreitung des Humanismus zu erweitern und dadurch Bereiche in den Blick zu nehmen, die mit dem herkömmlichen terminologischen Repertoire nur unzureichend zu erfassen sind. Für eine solche Erweiterung, wenn nicht gar Vertiefung des Horizonts vermag der Begriff der Diffusion in der Tat viel beizutragen. Denn er richtet den Fokus auf solche Manifestationen von Humanismus, die sich jenseits großer programmatischer Gesten und dem Pathos des Epochenbruchs dort zeigen, wo sich Details und Einzelaspekte humanistischer Kultur in einen bestehenden kulturellen Kontext integrieren, ihn dadurch bereichern und damit gleichsam von innen heraus transformieren. Mit anderen Worten: Der Terminus Diffusion entfaltet dort seine Stärken, wo es darum geht, die europäische Verbreitung des Humanismus nicht als die Ablösung alter autochthoner durch ein importiertes neues Paradigma, sondern als dialektischen Prozess zu begreifen, in dem sich Neues und Altes gegenseitig befruchten und amalgamieren, wodurch auch der auf Bestehendes einwirkende Humanismus immer wieder Transformationen ausgesetzt ist und sich schließlich in unterschiedliche nationale Erscheinungsformen ausdifferenziert.

Der gut komponierte Sammelband nimmt seinen Ausgang bei dem Mutterland des Humanismus und greift sogleich weit zu einer Archäologie der Bewegung aus, wenn Jörg Busch eingangs in einem ebenso profunden wie materialreichen Aufsatz Vorläuferphänomene humanistischer Historiographie in der Laiengeschichtsschreibung der oberitalienischen Kommunen des Duecento aufspürt, deren Träger Rechtsgelehrte und Notare waren, welche ihre historische Quellenkritik aus dem methodischen Erfahrungskreis ihres beruflichen Umfelds abstrahierten („Die vorhumanistischen Laiengeschichtsschreiber in den oberitalienischen Kommunen und ihre Vorstellung vom Ursprung der eigenen Heimat“, S. 35-54). Zeigt Busch dadurch auf, dass Humanismus auch in seinem Entstehungsland in vieler Hinsicht kein Ereignis ex nihilo darstellt, beschäftigt sich Ottavio Clavuot in seinem Beitrag zur Italia illustrata des Flavio Biondo demgegenüber mit einem Text, dem unbestritten das Verdienst zukommt, eine neue Form der Historiographie geschaffen zu haben, die ohne Vorläufer ist: die humanistische historisch-geographische Landesbeschreibung, welche als neuer Gattungstypus sogleich auch außerhalb von Italien ihre breite Wirkung entfaltete („Flavio Biondos Italia illustrata. Porträt und historisch-geographische Legitimation der humanistischen Elite Italiens“, S. 55-76). Clavuot wendet sich in seinem Beitrag jenen Abschnitten der Italia illustrata zu, in welchen Biondo die humanistische Elite Italiens porträtiert und die Apenninenhalbinsel damit als Entfaltungsraum einer mannigfaltigen und hochentwickelten Gelehrtenkultur beschreibt. Hierdurch vermag er aufzuzeigen, dass sich Humanismus nicht erst in seinen literarischen Erzeugnissen, sondern vor allem auch in einer spezifischen Gemeinschafts- und Kommunikationskultur manifestiert, deren Mitglieder sich in einem engmaschigen Koordinatensystem von wechselseitigen Beziehungen situieren. Wichtigstes Implikat von Clavuots Aufsatz ist es daher, dass die Analyse humanistischer Kultur untrennbar mit der Erforschung ihrer Träger verbunden ist, und dies im Hinblick auf ihr soziales Umfeld [7], aber ganz besonders auch hinsichtlich ihrer Zugehörigkeit zu kommunikativen Netzwerken oder Diskurszusammenhängen, aus denen sie ihr eigenes Selbstverständnis ableiteten.

Im Zusammenhang mit der europäischen Diffusion des Humanismus gilt es daher gerade auch, dessen Repräsentanten in den Blick zu nehmen und nach ihrem Beitrag für seine Verbreitung außerhalb Italiens zu fragen. Dies geschieht in zahlreichen Aufsätzen des Tagungsbandes, und zwar aus verschiedenen, das Problemfeld insgesamt umfassend analysierenden Perspektiven. Der profunde Kenner Enea Silvio Piccolominis Johannes Helmrath zeigt etwa anhand eines Rekurses auf die Vita des späteren Papstes Pius II. auf, wie sich „der in der Summe anonyme Gesamtprozess der Diffusion […] aus zahlreichen einzelnen personellen Transferleistungen unterschiedlicher Form und Intensität zusammen[setzt]“ (S. 117), indem er transparent macht, dass Enea Silvio seine eminente Wirkung als Anreger des Humanismus im deutschsprachigen Raum nicht nur durch seine Schriften, sondern auch in seinen mannigfaltigen persönlichen Beziehungen entfalten konnte („Vestigia Aeneae imitari. Enea Silvio Piccolomini als ‚Apostel‘ des Humanismus. Formen und Wege seiner Diffusion“, S. 99-141). Mit einer weiteren für die Entwicklung des Humanismus in Deutschland kapitalen Persönlichkeit, nämlich Hartmann Schedel, beschäftigt sich Reinhard Stauber, der vor allem dessen Rolle als Anreger des Germania illustrata-Diskurses hervorhebt und deutlich macht, wie sehr dieser, zunächst aus Italien übernommen, in seiner Adaptation auf die deutschen Verhältnisse Produkt der Gemeinschaftsarbeit und diskursiven Praxis eines durchaus heterogenen Gelehrtenzirkels darstellt, welcher in Nürnberg sein Zentrum hatte („Hartmann Schedel, der Nürnberger Humanistenkreis und die ‚Erweiterung der deutschen Nation‘“, S. 159-185). Stauber bestätigt auf diese Weise Ulrich Muhlacks Auffassung, gerade im Projekt der Germania illustrata einen Musterfall für die Diffusion des Humanismus von Italien nach Deutschland erkennen zu können, welche er in seinem Beitrag überzeugend begründet („Das Projekt der Germania illustrata. Ein Paradigma der Diffusion des Humanismus?“, S. 142-158). Denn mit dem Projekt der Germania illustrata, zu dem nahezu jeder deutsche Humanist seinen je eigenen Beitrag leistete, liegt in der Tat der Transfer eines Diskurses von Italien nach Deutschland vor, welcher sich nicht allein durch die produktive Aneignung einzelner vorbildlicher Werke italienischer Humanisten greifen lässt, sondern welcher sich durch die Übernahme eines Forschungsprogramms und einer historischen Methode auszeichnet und sich in äußerst heterogener Weise in den verschiedensten literarischen und diskursiven Kontexten manifestiert, weshalb er mit dem herkömmlichen Begriff der Rezeption nicht adäquat zu erfassen ist. Die besonderen Ausprägungen dieses Diskurses in der Eidgenossenschaft beleuchtet hierauf umfassend und instruktiv Thomas Maissen in seinem Aufsatz „Weshalb die Eidgenossen Helvetier wurden. Die humanistische Definition einer natio“ (S. 210-249).

Staubers, Muhlacks und Maissens umsichtige Analysen machen freilich deutlich, dass die methodische Weitung, die der Band durch die Einführung des Diffusionsbegriffs leisten möchte, dort verschenkt wird, wo letztendlich nur traditionelle Formen der Rezeption oder Verbreitung humanistischer Literatur thematisiert werden. So muss Bruno Figliuolos Versuch, einen Einfluss der humanistischen Historiographie in Neapel, deren eigentümliche Konturen ohnehin nicht deutlich werden, auf Europa nachzuweisen, als gescheitert angesehen werden, da er diesen lediglich an der bloßen Verbreitung neapolitanischer Geschichtswerke außerhalb von Italien festmacht, ohne dabei zu klären, inwieweit die Rezeption dieser Schriften zu einer veritablen Diffusion der sich in ihnen angeblich manifestierenden historiographischen Besonderheiten in die Geschichtsschreibung des empfangenden Kulturraums führt („Die humanistische Historiographie in Neapel und ihr Einfluss auf Europa [1450-1550]“, S. 77-98). Hierzu müssten natürlich die historiographische Praxis des rezipierenden Kulturkreises und mögliche Veränderungen in ihr genauer untersucht werden; der lapidare Hinweis auf typische Elemente höfischer Historiographie, die sich hier wie dort zeigen, greift da zweifelsohne zu kurz. Ein herausragendes Beispiel, wie durch philologische Präzision Diffusionsprozesse innerhalb eines konkreten historiographischen Werks greifbar gemacht werden können, stellt demgegenüber James Hirsteins Aufweis des Einflusses von Ermolao Barbaros Plinius-Kommentar auf die Geschichtsschreibung des Beatus Rhenanus, konkret auf das dritte Buch seiner Rerum Germanicarum libri dar („Ermolao Barbaro als Vorbild. Der Einfluss seiner Plinius-Kommentare auf die ‚Geschichtsschreibung‘ des Beatus Rhenanus im dritten Buch seiner Rerum Germanicarum libri III“, S. 186-209).

Besonderes Interesse bringen die Beiträger des Bandes italienischen Humanisten entgegen, welche außerhalb ihrer Heimat wirkten, wobei weniger wie bei Johannes Helmraths Ausführungen zu Enea Silvio Piccolomini die gesamte Persönlichkeit und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern ein konkretes historisches Werk im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen steht, in welchem die betreffenden Gelehrten die Geschichte ihres Gastlandes auf eine für dessen traditionelle Gedächtniskultur meist neuartige Weise darstellten. Hierzu ist der Aufsatz Franck Collards über Paulus Aemilius’ De rebus gestis Francorum ebenso zu zählen („Paulus Aemilius’ De rebus gestis Francorum. Diffusion und Rezeption eines humanistischen Geschichtswerks in Frankreich“, S. 377-397) wie die instruktiven Beiträge von Susanne Saygin über die humanistische Geschichtsschreibung des Tito Livio Frulovisi im Umkreis von Humphrey, Herzog von Gloucester, („Historia magistra vitae? Zum Verständnis humanistischer Geschichtsschreibung im spätmittelalterlichen England am Beispiel von Humphrey, Herzog von Gloucester [1390-1447]“, S. 398-414) [8] sowie von Frank Rexroth über Polydor Vergil als Geschichtsschreiber („Polydor Vergil als Geschichtsschreiber und der englische Beitrag zum europäischen Humanismus“, S. 415-435). Letzterer deutet in seinem im übrigen auch brillant geschriebenen Aufsatz an, dass sich die Wirkung eines humanistischen Geschichtswerks auch in fundamentaler Ablehnung konstruktiv entfalten kann, indem es methodische Standards setzt, deren sich auch diejenigen fürderhin befleißigen, welche die Richtigkeit des althergebrachten, bislang aber durch fehlendes Quellenstudium mangelhaft abgesicherten historischen Standpunktes nachweisen wollen. In diesem Spannungsfeld verortet Rexroth das Entstehen einer spezifisch englischen antiquarischen Kultur, welche ihrerseits dann in die anderen europäischen Kulturräume diffundierte.

In den Kontext der gerade skizzierten Beiträge gehören auch die Aufsätze über die Geschichtskonzeption Antonio Bonfinis im Hinblick auf die ungarische Geschichte von Laszlo Havas und Sebestyen Kiss („Die Geschichtskonzeption Antonio Bonfinis“, S. 281-307) sowie über die humanistische Geschichtsschreibung in Polen von Jan Pirozynski, der besonders die Bedeutung des Philippus Callimachus Buonaccorsi für die Entwicklung der polnischen Historiographie hervorhebt („Humanistische Geschichtsschreibung in Polen“, S. 308-318). Den beeindruckendsten Beitrag zum ostmitteleuropäischen Raum, den der Sammelband beinhaltet, stellt aber zweifelsohne Horst Bredekamps kunsthistorischer Aufsatz dar, in dem dieser souverän und profund die Diffusion von Elementen der Renaissancekunst in Ostmitteleuropa (Russland, Ungarn, Böhmen, Polen) aus der Perspektive des Verhältnisses zwischen Herrscher und Künstler beleuchtet („Herrscher und Künstler in der Renaissance Ostmitteleuropas“, S. 250-280).

Die meisten Beiträge des Sammelbandes haben auch Anlass, darauf hinzuweisen, dass sich die Diffusion humanistischer Kultur nicht immer konfliktfrei vollzog, mithin dass das aus Italien einströmende Paradigma auf starke Widerstände stoßen konnte. Zum Thema eines ganzen Aufsatzes macht dies Heribert Müller, welcher sich umfassend und beeindruckend kenntnisreich dem französischen Frühhumanismus zuwendet, wobei er besonderes Augenmerk auf die eminenten Spannungen legt, welche die Annäherung der französischen Geisteskultur an den Humanismus prägte („Der französische Frühhumanismus um 1400. Patriotismus, Propaganda und Historiographie“, S. 319-376). Müllers differenzierte Darlegung macht einmal mehr deutlich, was bis auf wenige Ausnahmen für den ganzen Band „Diffusion des Humanismus“ zu konstatieren ist, nämlich dass die in ihm versammelten Beiträge einen relevanten und weiterführenden Beitrag zur Humanismusforschung darstellen, und dies nicht nur, weil sie sich der Erforschung einer bislang eher im Abseits stehenden Gattung humanistischer Literatur, der Geschichtsschreibung, verschrieben haben, sondern auch, weil sie sich der Erprobung einer neuen Begrifflichkeit stellen, deren Nutzen sie dabei sogleich unter Beweis stellen. Aus dieser gemeinsamen Perspektive heraus ist ein Buch entstanden, welches seinen Gegenstand zwar aus der Warte verschiedener Disziplinen und in abwechslungsreichem Zugriff beleuchtet, dabei aber, und dies ist hier erneut zu betonen, ein hohes Maß an thematischem Zusammenhalt aufweist. Diese Qualität des Bandes stellt schließlich noch einmal das zusammenfassende Nachwort von Gerrit Walther unter Beweis, der die zentralen Ergebnisse der einzelnen Aufsätze zusammenfasst und in den Kontext einer entstehenden frühneuzeitlichen Gelehrtenkultur stellt, die nach und nach ganz Europa umfassen sollte („Nationalgeschichte als Exportgut. Mögliche Antworten auf die Frage: Was heißt ‚Diffusion des Humanismus'", S. 436-446).

Anmerkungen:
[1] Auf diese unzulässige Blickverengung hat unlängst Peter Burke: Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien,(= Europa bauen), München 1998 , S. 17, 26-28, erneut hingewiesen.
[2] Zum Humanismus in Norddeutschland und den angrenzenden Kulturräumen liegt jetzt der Sammelband von Thomas Haye (Hg.): Humanismus im Norden. Frühneuzeitliche Rezeption antiker Kultur und Literatur an Nord- und Ostsee (= Chloe. Beihefte zum Daphnis. 32), Amsterdam 2000 , vor.
[3] In Deutschland wäre in diesem Zusammenhang etwa auf den sogenannten Klosterhumanismus hinzuweisen. Siehe hierzu exemplarisch Uta Goerlitz: Humanismus und Geschichtsschreibung am Mittelrhein. Das „Chronikon urbis et ecclesiae Maguntinensis“ des Hermannus Piscator OSB, (= Frühe Neuzeit 47), Tübingen 1999.
[4] Exemplarisch sind hier die beiden neuen Reihen „NeoLatina“ (G. Narr-Verlag, Tübingen) und „Noctes Neolatinae“ (Olms, Hildesheim) zu erwähnen.
[5] Einen kompetenten Überblick über das Forschungsfeld „Humanismus und Nation“ und wichtige Literatur dazu gibt Reinhard Stauber: Nationalismus vor dem Nationalismus? Eine Bestandsaufnahme der Forschung zu „Nation“ und „Nationalismus“ in der Frühen Neuzeit, in: GWU 47 (1996) S. 139-165. Zur humanistischen Historiographie ist immer noch unersetzt Paul Joachimsen: Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung in Deutschland unter dem Einfluß des Humanismus, Erster Teil, Leipzig 1910. Grundlegend ist außerdem Ulrich Muhlack: Geschichtswissenschaft im Humanismus und in der Aufklärung. Die Vorgeschichte des Historismus, München 1991. Siehe neuerdings auch Franz Brendle; Dieter Mertens; Anton Schindling; Walter Ziegler (Hgg.): Deutsche Landesgeschichtsschreibung im Zeichen des Humanismus (= Contubernium 56), Stuttgart 2001 . Zentrale Aspekte der humanistischen Historiographie fasst Ulrich Muhlack in seiner Einleitung des hier zu besprechenden Sammelbandes zusammen („Humanistische Historiographie“, S. 30-34).
[6] Die Tagung bildete den Abschluss der zweiten Phase eines von der Gerda Henkel-Stiftung geförderten Projekts mit dem Titel „Forschungen zum Humanismus“ (Vgl. die Danksagung der Herausgeber, S. 7).
[7] Hierzu instruktiv Peter Burke: Die Renaissance in Italien. Sozialgeschichte einer Kultur zwischen Tradition und Erfindung, Berlin 1986.
[8] Vgl. die ausführlichere Studie der Autorin zu diesem Thema: Susanne Saygin: Humphrey, Duke of Gloucester (1390-1447) and the Italian Humanists (= Brill’s Studies in Intellectual History 105), Leiden 2002.

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Veröffentlicht am
21.01.2003
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