C.-D. Krohn u.a. (Hgg.): Zwischen den Stühlen?

Cover
Titel
Zwischen den Stühlen?. Remigranten und Remigration in der deutschen Medienöffentlichkeit der Nachkriegszeit


Herausgeber
Krohn, Claus-Dieter; Schildt, Axel
Reihe
Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte: Darstellungen 39
Erschienen
Anzahl Seiten
431 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mario Keßler, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Dieser Band, in der Reihe der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte erschienen, geht auf eine Tagung zurück, die von den Herausgebern mit Unterstützung der Weichmann-Stiftung veranstaltet wurde. Er belegt einmal mehr das erfreulich gestiegene Interesse an der Exilforschung, die sich inzwischen in eine Reihe von Teilbereiche differenziert hat. Die Remigrationsforschung, die einen interdisziplinären Ansatz verfolgt, ist der jüngste Spross dieses Entwicklungsprozesses.

Daneben wird immer häufiger nach dem vergleichenden Umgang mit den Rückkehrern in Ost und West, ihren Lebensbedingungen und ihrem Einfluss auf die jeweilige Umwelt gefragt. Die Freigabe von Archivalia, auch von Nachlässen (nicht nur auf dem Gebiet der DDR), trug zu einem kleinen Forschungsboom ebenso bei wie das wachsende Interesse an Leben und Denken der immer weniger werdenden Zeitzeugen.

Der vorliegende Band lenkt die Aufmerksamkeit auf den Umgang mit den Remigranten in beiden deutschen Gesellschaften, wobei der Begriff „Nachkriegszeit“ bis zum Beginn der sechziger Jahre gefasst wird, in einigen Beiträgen, so über Willy Brandt, jedoch darüber hinausreicht.

Nach einer Einleitung der beiden Herausgeber und einem Bericht des Journalisten Paul Otto Vogel über seine Erfahrungen mit Remigranten im Journalismus der Dortmunder Nachkriegsjahre wird im ersten Teil die Einbindung der Rückkehrer in die Medienpolitik der vier Besatzungszonen untersucht: Jessica Gienow-Hecht informiert über die amerikanische Politik, Gabriele Clemens über die britische, Edgar Wolfrum über die französische und Jan Foitzik über die sowjetische Seite. Der zweite Teil bündelt Beiträge zu den einzelnen Genres: Claus-Dieter Krohn fragt nach dem Anteil von Emigranten und Remigranten in deutschen Nachkriegszeitschriften, Bernd Greiner behandelt die Haltungen der Remigranten zum Nürnberger Prozess, Michael Hochgeschwender ihren Anteil am „Kongress für kulturelle Freiheit“, Helmut Asper ihre Rolle im Film; Patrick von zur Mühlen untersucht Exilanten in Südamerika als Korrespondenten deutscher Zeitungen und Uta Gerhardt die Auftritte von Remigranten auf dem Soziologentag 1964, der als „Positivismusstreit in der Soziologie“ damals das Fach beeinflusste.

Der dritte Teil wendet sich biografischen Studien zu: Marita Kraus untersucht Hans Habe, Ernst Friedländer und Hermann Budzislawski in ihrem jeweiligen Wirkungsrahmen in München, Hamburg und Leipzig, Julia Angster informiert über Kuno Brandel als Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung „Metall“, Wolfgang Gruner porträtiert Alfred Kantorowicz als „Wanderer zwischen Ost und West“, Konrad Dussel zeichnet den Lebensweg Fritz Eberhards „vom ISK-Funktionär zum Rundfunkintendanten“ nach, Petra Galle zeigt einen Abschnitt aus dem Leben des Parteifunktionärs Hans Mahle: seinen Aufstieg und Fall als Generalintendant des DDR-Rundfunks. Obwohl sie weniger Zugang zu sowjetischen Quellen hat als Katharina Riege in ihrer demnächst erscheinenden Mahle-Biografie, ist dieser Beitrag ebenso lesenswert wie Daniela Münkels Nachzeichnung der beschämenden „Diffamierungskampagnen gegen Willy Brandt in der rechtsgerichteten Presse“, so der Untertitel des Beitrags.

Scheinbar etwas aus dem Rahmen fällt Guido Müllers Aufsatz über Franz A. Kramers Rolle beim „Rheinischen Merkur“, denn Kramer war kein Remigrant. Vielmehr hatte er, als Mitglied der NSDAP und Auslandskorrespondenz deutscher Zeitungen in Frankreich und der Schweiz, sich der nazistischen Auslandsspionage verpflichtet und betrieb möglicherweise ein riskantes Doppelspiel durch Kontakte zu französischen und Schweizer Geheimdiensten. Dies vermutet Müller, belegt es leider jedoch nicht zureichend. 1945 stellte Krämer sich als Vertreter des deutschen Exils in der Schweiz dar. Müller erinnert daran, dass Kramer den Zeitungstitel „Rheinischer Merkur“ von Joseph Görres entlehnte, der damit ab 1814 seinen antidemokratischen und ständestaatlichen Ideen eine publizistische Plattform geschaffen hatte. Genau einer solchen Denkweise (durchsetzt mit Antikommunismus und Antisemitismus) habe sich Kramer, trotz notgedrungenen Bekenntnisses zur parlamentarischen Demokratie, verpflichtet gefühlt, schreibt Müller in seinem vernichtenden Porträt.

Drei Beiträge seien herausgegriffen, was keineswegs eine Abwertung der anderen Essays bedeutet.

Dass die Sowjetunion, ebenso wie die Westmächte, sich jede wichtige Entscheidung bei der Neugründung der Medien oder Besetzung leitender Positionen vorbehielt, unterstreicht Jan Foitzik. Anhand bislang unerschlossener sowjetischer Archivquellen arbeitet er jedoch eine „Gruppendynamik“ heraus: Die Emigranten, selbst wenn sie die einschüchternde Wirkung des sowjetischen Exils erlebt hatten, waren oft eigenwillige, nicht unbedingt steuerbare Persönlichkeiten. Die sowjetische Verwaltung orientierte sich somit frühzeitig auf eine andere Gruppe, die der deutschen Kriegsgefangenen, die jünger und leichter beeinflussbar war als die der Altkommunisten. Bedenkenswert ist Foitziks Hinweis auf die Erfahrungen einer Außenseiter-Existenz der kommunistischen Remigranten bereits in der Weimarer Republik. Die möglicherweise schon dadurch angelegten und durch die erzwungene Flucht verstärkten “kollektiven Prägungen und Traumatisierungen“ verdienen eine stärkere Beachtung, als dies in der Forschung bislang erfolgte (S. 113).

Michael Hochgeschwender macht auf ein anderes „kollektives Trauma“ aufmerksam. Im „Kongress für kulturelle Freiheit“ und seinem publizistischen Sprachrohr, der Zeitschrift „Monat“, spielten Exilanten und Remigranten eine herausragende Rolle, die in früheren Phasen ihres Lebens der kommunistischen Bewegung angehört hatten. Viele von ihnen hatten sich nach 1918 dem Marxismus enthusiastisch zugewandt und an der Umformung einer politischen Philosophie in eine Heilslehre aktiv mitgewirkt. Von den Schrecken des Stalinismus abgestoßen, entwickelten sie einen wilden Hass auf all das, was sie einst angebetet hatten. Viele von ihnen waren Juden. Als Kommunisten hatten sie die jüdische Religion wie den Zionismus oder andere Formen des jüdischen Nationalismus abgelehnt. Nach Auschwitz wurden die meisten von ihnen in der einen oder anderen Form Zionisten. Zu Deutschland als wiedergewonnener Heimat wollte sich von diesen Remigranten kaum einer bekennen. Daraus erwuchs ein neuer Zwiespalt: Sie bejahten den westdeutschen Kapitalismus, doch dessen politische Meinungsführer forderten in den fünfziger Jahren auch ein Bekenntnis zur Restauration. Juden sollten die Präsenz so vieler ehemaliger Nazis im öffentlichen Leben der Bundesrepublik als gegeben hinnehmen. Wer diese Spielregeln akzeptierte, konnte auf eine erfolgreiche Karriere im westlichen Nachkriegsdeutschland hoffen, wer dazu nicht bereit war, erfuhr neue Schwierigkeiten.

Exemplarisch steht hierfür die Biografie von Alfred Kantorowicz. Wolfgang Gruner beschränkt sich, „der Ökonomie des Textes“ zufolge auf die Jahre zwischen 1947 und 1957, also Kantorowicz‘ Leben in der DDR. Die Frage, ob mit Kantorowicz‘ Übersiedlung nach München „die Remigration bereits abgeschlossen war oder ob mit ihr ein neues Exil begonnen hatte“, bleibt, so Gruner, ausgespart (S. 295).

Diese Selbstbeschränkung ist zu bedauern, denn an Kantorowicz‘ Weg lassen sich exemplarisch Gewinne wie Verluste des Umgangs mit den Remigranten in beiden deutschen Staaten beschreiben. Es war der Kulturbund in der Ostzone, der im Dezember 1945 den eindringlichen Appell an die Exilanten richtete, zurückzukehren und beim Aufbau eines demokratischen Deutschland zu helfen. Kantorowicz gab eine gutdotierte Stelle beim amerikanischen Rundfunk auf und kam zurück. An der Humboldt-Universität brachte er es bis zum Professor für neuere deutsche Literatur. Doch die Förderung hatte ihren Preis: den der geforderten Unterwerfung unter die Direktiven der SED-Führung. Als diese 1957 ihre Kampagne gegen sogenannte „revisionistische Tendenzen“ in Wissenschaft und Kunst startete, verweigerte sich Kantorowicz.

Er sah nur in der Flucht in den Westen einen Ausweg. Doch auch dort musste an den Kampagnen des Kalten Krieges mittun, wer Erfolg haben wollte. Kantorowicz verweigerte sich dem (nach anfänglichem Engagement), ja, er brach den Konsens des Schweigens, machte alte Nazis als neue Revanchepolitiker namhaft und forderte einen Ausgleich mit dem Osten durch Anerkennung der Nachkriegsgrenzen. Dafür wurde er im Westen nicht verfolgt, doch fortan erhielt er keine finanzielle Unterstützung als „Ostflüchtling“ mehr, vom erhofften Ruf an eine Universität ganz zu schweigen. Kantorowicz entwickelte sich unter dem Eindruck all dieser Erfahrungen zum unabhängigen Sozialisten und militanten Demokraten. Seine Warnung, dass der totalitäre Antikommunismus nicht die Alternative, sondern die Entsprechung zum östlichen Totalitarismus sei, sollte nicht vergessen werden.

Sind die hier behandelten Themen nur noch Probleme einer historischen Vorzeit? Niemand muss in Deutschland mehr von Staats wegen um sein Leben fürchten, weil er politisch oder gar nach „rassischen“ Kriterien dem Gutdünken der Machthaber nicht entspricht. Politische Kritik gilt nicht als von vornherein subversiv und die autoritären Verhaltensweisen noch der fünfziger Jahre sind weitgehend verschwunden. Im Lichte der deutschen Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte sind allein das große Fortschritte, und nicht zuletzt dem Wirken vieler Remigranten ist es zu danken, dass sich die Bundesrepublik demokratischem Denken öffnete.

Aber offene Fragen bleiben. Warum stammt im Band nicht ein einziger Beitrag aus der Feder früherer DDR-Wissenschaftler? Die Frage zu stellen, ist um so berechtigter, als gerade die Herausgeber Krohn und Schildt der Exilforschung aus der DDR ohne irgendwelche Vorurteile begegneten und begegnen. Die Antwort kann nur lauten: Den allermeisten Gelehrten aus der DDR, die sich mit Exil und Remigration forschend befassten, wurde die Möglichkeit genommen, in ihrem Beruf weiterhin arbeiten zu können. Der vielleicht begabteste ostdeutsche Wissenschaftler der jüngeren Generation und Autor vieler Bücher, Michael F. Scholz, fand keine Möglichkeit, zugleich in seinem Land und in seinem Beruf zu bleiben. Er hat Deutschland verlassen und bereichert nun die schwedische Kultur und Wissenschaft mit seinen großen Kenntnissen. Ist die Geschichte der deutschen Wissenschaftsemigration wirklich zu Ende?

Redaktion
Veröffentlicht am
22.01.2003
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag