: Europa im Hochmittelalter 1050-1250. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Darmstadt 2003: Primus Verlag , ISBN 3-89678-421-8, 207 S. (geb.) € 34,90.

: Europa im späten Mittelalter 1250-1500. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Darmstadt 2004: Primus Verlag , ISBN 3-89678-475-7, 181 S. € 34,90.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kristina Wengorz, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Veröffentlichungen zum Mittelalter für die breite Öffentlichkeit haben in den letzten Jahren Hochkonjunktur, wobei sich Themen aus dem Bereich der Kultur- und Mentalitätsgeschichte besonderer Beliebtheit erfreuen. Nachdem zahlreiche Autoren in einzelnen Studien die Mentalitätsgeschichte – lange ein Stiefkind der deutschen Mediävistik – entdeckt haben, fehlen bis heute weitgehend umfassende Überblicksdarstellungen, die die dort gewonnenen Erkenntnisse systematisieren und in einen größeren Zusammenhang stellen.[1] Nicht unwesentlich haben dazu wohl auch die theoretischen und methodischen Probleme beigetragen, die bei der Definition des Begriffes der Mentalitätsgeschichte ansetzen und über die in diesem Feld zu untersuchenden Fragestellungen bis hin zu den Methoden ihrer Erforschung reichen.[2] Peter Dinzelbacher hat bereits 1993 mit dem Buch „Europäische Mentalitätsgeschichte“, in dem einzelne Autoren mentalitätsgeschichtliche Themen jeweils für die Bereiche Antike, Mittelalter und Neuzeit behandeln, eine Art Themenkatalog zur Mentalitätsgeschichte aufgestellt.[3] Nun bringt er eine nach Epochen gegliederte zusammenhängende Reihe zu diesem Thema heraus: Sechs Bände soll die Reihe „Kultur und Mentalität“ umfassen. Neben den vorliegenden Bänden zum Hochmittelalter, für den der Herausgeber selbst zur Feder gegriffen hat, und zum späten Mittelalter von Johannes Grabmayer sind Bände zur Spätantike, dem frühen Mittelalter, der Frühneuzeit und dem Barock geplant.

Die großformatigen, auf Hochglanzpapier gedruckten und reich mit zum Teil bisher unveröffentlichten Abbildungen versehenen Bücher laden auch den bibliophilen Laien zum Zugreifen ein. In ihnen wird nach zwei einleitenden Kapiteln zum „sozialen und wirtschaftlichen Leben“ (Kap. I) und zu „Herrschaft im Wandel“ (Kap. II) in drei Großkapiteln die Mentalitätsgeschichte dargestellt, d.h. die in der damaligen Gesellschaft „dominierenden Denkformen, Verhaltensweisen, Vorstellungen, Einstellungen, Empfindungsweisen“ (Vorwort von Peter Dinzelbacher in beiden Bänden, S. 7). Dabei wird in einem in beiden Bänden sehr gut lesbaren Stil zunächst der Blick auf das Individuum gerichtet (Kap. III: „Einstellung zum Ich“), dann der Blickwinkel auf dessen Einstellungen zur sozialen Umwelt, bzw. zum Wir (Kap. IV) und zur natürlichen, bzw. materiellen Umwelt (Kap. V.) erweitert. Ergänzt werden die Bände jeweils durch einen Anmerkungsapparat und ein Quellen- und Literaturverzeichnis, das sowohl mehrfach erwähnte, als auch weiterführende Titel umfasst. Ein Register erleichtert die Erschließung der Inhalte. Trotz der anspruchsvollen Aufmachung der Bände, häufen sich leider vor allem im Band zum Hochmittelalter (wohl durch den Druck verursachte) Fehler, so Trennungen von Worten mitten in der Zeile.

Die Konzeption der Bände ist jedoch nicht so einheitlich, wie sie auf den ersten Blick erscheint: In der Anzahl der Thematiken, die unter den einzelnen Kapitelüberschriften behandelt werden, unterscheiden sich die Bände zum Teil beträchtlich. Insgesamt spannt Peter Dinzelbacher den Bogen erheblich weiter als Johannes Grabmayer und behandelt mehr von dem, was zur Mentalitätsgeschichte dazugerechnet werden kann. So gliedert sich das Kapitel III „Einstellung zum Ich“ im Band zum späten Mittelalter nur in die beiden Abschnitte „Mensch, Körper und Seele“ und „Krankheit, Sterben und Tod“. Im Band zum Hochmittelalter finden sich darüber hinaus auch Abschnitte über „Freude, Glück und Leid“ und über „Ästhetisches Empfinden“. In letzterem schildert Dinzelbacher, was im Hochmittelalter in den Bereichen der Bildenden Kunst, der Dichtung und der Musik als schön, bzw. als hässlich empfunden wurde. Außerdem gibt es Abschnitte über „Religiosität“, „Ängste und Hoffnungen“ sowie einen Abschnitt über „Denkweisen“, in dem Dinzelbacher den Weg innerhalb der gelehrten mittelalterlichen Diskussionen beschreibt: weg von Assoziationen, Autoritäten und Typologien, hin zu eigenständigem Denken und Vernunft (ratio). Und während sich Grabmayer bei der Darstellung der „Einstellungen zum Wir“ in Kapitel IV praktisch auf die heute so genannte Kernfamilie und damit auf die Themen Ehe und Kinder beschränkt, erweitert Dinzelbacher den Blickwinkel und fügt unter anderem Abschnitte zu den „Vorstellungen von Gesellschaftsaufbau und Herrschaft“, zu „Gewalt, Krieg und Friede“, zu „Ethik und Recht“ sowie zu „Kommunikationsformen“ ein.

So lässt der Band zum späten Mittelalter, der mit dem Anspruch auftritt, die Darstellung Johan Huizingas über den „Herbst des Mittelalters“ [4] weiterzuführen, zu differenzieren und bisweilen zu korrigieren (S. 7), im Vergleich zu dem Band von Dinzelbacher einige Aspekte vermissen. An dieser Stelle macht sich der geringe Umfang der Bände bemerkbar: Durch die kleinteilige, da mehr Themen umfassende Einteilung des Bandes zum Hochmittelalter wirkt dieser gelegentlich in der Darstellung zu stark vereinfachend. Dem Leser werden in einer Art Patchwork die Themenkreise dargelegt und mit ein oder zwei (passenden) Quellenzitaten illustriert, wobei eine Problematisierung, dass in der Regel mit anderen Zitaten genau das Gegenteil belegt werden könnte, in vielen Fällen unterbleibt. Durch die Beschränkung auf weniger Themen im Band von Grabmayer, steht für jedes Thema mehr Platz zur Verfügung. Themenkreisen wie Religiosität oder Ängste und Hoffnungen ist zwar kein eigenes Kapitel zugewiesen, sie finden aber eine großzügige Einbettung in den Abschnitten zu „Mensch, Körper und Seele“ und „Krankheit, Sterben und Tod“, wodurch die Darstellung weniger schematisch erscheint, Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Aspekten deutlicher werden und der Band insgesamt einheitlicher wirkt.

Der Titel der Reihe verspricht mehr als er halten kann: Die Sicht auf Europa beschränkt sich in beiden Bänden auf die Gebiete nördlich der Alpen, vor allem die deutschen Territorien, Frankreich und England. Der Mittelmeerraum bleibt weitgehend, die skandinavischen Länder sowie Ost- und Südosteuropa sogar vollständig ausgespart. Diese Einengung ist angesichts des zur Verfügung stehenden geringen Platzes verständlich, doch mit dem Hinweis auf die ‚Achsenzeit’ des nördlichen Europas (Dinzelbacher, S. 7) und des eigenen ‚Kulturkreises’ der Mittelmeerwelt (Dinzelbacher, in: Grabmayer, S. 7) kaum genügend gerechtfertigt.

In beiden Bänden klingt immer wieder an, dass wir aufgrund der Überlieferungslage und der weitgehenden Illiterarizität der unteren Bevölkerungsschichten für das Hochmittelalter in den Quellen zwar eine klerikal und höfisch geprägte Sicht auf die Welt vorfinden, und im späten Mittelalter auch noch die Sicht des städtischen Bürgertums erfassbar ist, wir in der Regel jedoch wenig über die Einstellungen anderer Bevölkerungsgruppen wissen. Die Hinweise darauf finden sich allerdings nicht an allen Stellen, so dass es wohl geschickter gewesen wäre, die Quellenproblematik, die gerade bei der Erforschung der „Mentalitätsgeschichte“ eine entscheidende Rolle spielt, einleitend zu thematisieren, da so Wiederholungen und der Vorwurf des Eklektizismus hätten vermieden werden können.

Vor allem angesichts des Bandes zum Hochmittelalter stellt sich die Frage nach der Zielgruppe der Reihe. Betrachtet man die einleitenden Kapitel zu „Herrschaft im Wandel“, bietet sich dem Historiker nichts Neues: Überblicksartig betrachtet Dinzelbacher die Herrschaftsstrukturen in Deutschland, Frankreich und England sowie weltliche und geistliche Herrschaften, hier vor allem das Papsttum. Dass sich dieses Kapitel eher an ein breiteres Publikum wendet, wird auch klar, wenn man einen Blick auf die Anmerkungen wirft, in denen überwiegend auf das Lexikon des Mittelalters verwiesen wird und Hinweise auf weiterführende Literatur fehlen. Grabmayer hingegen beleuchtet weniger die Ereignisgeschichte, sondern die Dichotomien „Königsherrschaft-Landesherrschaft“ und „Grundherrschaft-Stadtherrschaft“ und verweist in den Anmerkungen auch auf neuere Literatur zu diesen Themen. Sind als Zielgruppe aber die interessierten Laien gedacht, an die sich offensichtlich die einleitenden Abschnitte richten, wäre es wünschenswert gewesen, wenigstens kurz die großen, auch auf die Mentalitätsgeschichte Einfluss nehmenden Ereignisse und Strömungen zu schildern. So werden sie zwar an den entscheidenden Stellen erwähnt, doch an keiner erläutert. Dies mag der Laie bei den Kreuzzügen vielleicht noch verzeihlich finden, doch dürfte ihn das spätestens bei der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts vor Verständnisprobleme stellen. Dem Studenten oder Historiker hingegen dürfte am ehesten die häufig fehlende Einordnung der Thematiken in den Forschungszusammenhang fehlen. So konstatiert Dinzelbacher beispielsweise bei der Frage nach der lokalen und sozialen Mobilität der hochmittelalterlichen Gesellschaft, dass diese von der älteren Forschung generell unterschätzt werde, hingegen „die neuere zu einem Urteil neigt, das übertrieben ins Gegenteil geht“ (S. 17), bleibt aber einen Nachweis der differierenden Meinungen schuldig.

In beiden Bänden, so wenig einheitlich sie auf den zweiten Blick wirken, wird vor allem erzählt und geschildert, und die Sachverhalte werden anhand von Quellenzitaten und Abbildungen illustriert, selten jedoch wird problematisiert und theoretisiert. Gerade der Band von Dinzelbacher krankt dabei an dem knappen Platz, der zu Verfügung steht. Der Autor, der bereits viele wichtige Einzeluntersuchungen zu mentalitätsgeschichtlichen Aspekten veröffentlicht hat, will zuviel: ein hochkomplexes Thema in allen seinen Facetten für ein breites Publikum darlegen. Dazu verwendet er zur Illustration auch das eine oder andere Mal zeithistorische Bezüge, die mal glücklicher gewählt sind, mal unglücklicher. So heißt es im Kapitel „Gewalt, Krieg und Friede“ zur Einleitung: „Es gibt in der – gegenwärtigen – Mentalität des Westens eine starke Strömung, die Gewalt prinzipiell ablehnt, unabhängig davon, von wem sie ausgeübt wird. In der Öffentlichkeit ist diese Einstellung vor allem bei Angehörigen der grün-ökologischen Parteien präsent (solange diese nicht selbst an einer Regierung beteiligt sind), sie beeinflußt aber auch privat das Verhalten vieler Menschen, etwa bei der Erziehung ihrer Kinder“ (S. 145). Der Band von Grabmayer präsentiert sich im Anspruch, was die Anzahl der behandelten Themen betrifft, etwas bescheidener als der Band zum Hochmittelalter, doch das tut ihm eher gut: Die Darstellung wirkt weniger vereinfachend, und es bleibt mehr Raum für Problematisierungen. Allerdings fehlt dadurch das eine oder andere Mal die Weiterführung von Entwicklungen, die für das Hochmittelalter geschildert wurden. Etwas mehr Stringenz in der Konzeption hätte daher vielleicht nicht dem einzelnen Band, der Reihe an sich aber mehr Reiz verliehen, denn so hätte der interessierte Leser in beiden Bänden – und auch in den noch folgenden – Entwicklungslinien zum Beispiel im Bereich des ästhetischen Empfindens über mehrere Jahrhunderte nachvollziehen können. So hingegen bleibt es bei der punktuellen Darstellung für die Zeit des Hochmittelalters.

Der vorliegende Versuch einer Synthese mag in der anspruchsvollen äußeren Aufmachung durchaus publikumswirksam sein und ist dabei auch lebendig und anschaulich erzählt. Es bleibt aber die Frage, ob die Reihe gemessen an dem zur Verfügung stehenden Platz nicht zu ambitioniert angelegt ist: Die Kultur- und Mentalitätsgeschichte Europas in so großen Zeiträumen für Laien und Historiker gleichermaßen gewinnbringend zu schildern, dürfte nahezu unmöglich sein. Dass dabei aber gerade auf theoretische Überlegungen nahezu gänzlich verzichtet wurde, ist schade, denn auch einem breiteren Publikum dürften solche Überlegungen zuzumuten sein.

Anmerkungen:
[1] In Deutschland zuerst: Sprandel, Rolf, Mentalitäten und Systeme. Neue Zugänge zur mittelalterlichen Geschichte, Stuttgart 1972. Seither zu nennen die Bände: Dinzelbacher, Peter, Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart 1993; Kortüm, Hans-Henning, Menschen und Mentalitäten. Einführung in Vorstellungswelten des Mittelalters, Berlin 1996.
[2] Graus, František, Mentalitäten im Mittelalter. Methodische und inhaltliche Probleme, Sigmaringen 1987, dort v.a die Aufsätze von Ders., Mentalität – Versuch einer Begriffsbestimmung und Methoden der Untersuchung, S. 9-48 (hier auch eine begriffliche Abgrenzung zwischen „Mentalitätsgeschichte“ und „Kulturgeschichte“); Schneider, Reinhard, Mittelalterliche Mentalitäten als Forschungsproblem. Eine skizzierende Zusammenfassung, S. 319-332.
[3] Europäische Mentalitätsgeschichte (wie Anm. 1).
[4] Huizinga, Johan, Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und in den Niederlanden, hg. v. Kurt Köster, Stuttgart 1975 (nach der holländische Ausgabe letzter Hand 1941; 1. Auflage des holländischen Originals 1924).

Redaktion
Veröffentlicht am
17.08.2004
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Weitere Informationen
Europa im Hochmittelalter 1050-1250
Sprache der Publikation
Europa im späten Mittelalter 1250-1500
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension