Cover
Titel
Vaterlandszeichner. Geografen und Grenzen im Zwischenkriegseuropa


Autor(en)
Górny, Maciej
Erschienen
Osnabrück 2019: fibre Verlag
Anzahl Seiten
304 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Justyna Aniceta Turkowska, University of Edinburgh

Keine andere Wissenschaftsdisziplin war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so stark in die Nationalisierungspolitik und die territorialen Grenzziehungen in Ost-, Südost- und Zentraleuropa verstrickt wie die Geographie. Im Zuge der Neuvermessung Europas nach dem Ersten Weltkrieg wurden Geographen zu gefragten Experten, die wissenschaftliche Ansprüche, akademische Karrierepläne, imperiale Visionen und nationale Vorstellungen durch die Projektierung und Legitimierung territorialer Grenzziehungen unter einen Hut zu bringen suchten. Maciej Górny begibt sich auf die Spuren einer ganzen Generation ostmittel- und südosteuropäischer Geographen, der in der Zwischenkriegszeit die Rolle der Architekten der territorialen Neuordnung der Region zufiel. „Nirgends sonst wurden Geographen“, wie Górny betont, in diesem Ausmaß „zu Vaterlandszeichnern“ (S. 9) und engagierten Geopolitikern.

Mit seiner Studie, die 2017 auf Polnisch erschienen ist und jetzt ins Deutsche übersetzt wurde, schließt Górny an eine Reihe neuerer Forschungen zur Geschichte politischer Geographie und Kartographie an.[1] Er konzentriert sich auf die in den 1860er- bis 1880er-Jahren geborenen Geographen aus dem östlichen Europa, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg zentrale akademische Positionen innehatten. Zu seinen Protagonisten zählen unter anderem Jovan Cvijić, Grigore Antipa, Ludovic Mrazec, Victor Dvorský, Jiří Václav Daneš, Eugeniusz Romer, Stepan Rudnyc’kyj, Stanisław Srokowski oder Jan Czekanowski. Diese hatten vieles gemeinsam: Alle waren mehrsprachig, transnational ausgebildet und in der europäischen (deutschen, französischen, habsburgischen, russischen) Wissenschaftslandschaft gut vernetzt. Alle erfreuten sich hohen wissenschaftlichen Ansehens; viele von ihnen gehörten zu den Schülern von Albrecht Penck (1858–1945) und seiner „Wiener Schule“ und wurden zu Gründervätern der akademischen Geographie in ihren Heimatländern.

Ihre gemeinsame wissenschaftliche Prägung schützte sie aber nicht vor Konflikten und Animositäten. Ihre Selbstmobilisierung für nationale Ziele im Vorfeld und während des Ersten Weltkriegs führte zu politischen Zerwürfnissen, fachlich-theoretischen Auseinandersetzungen, Plagiatsvorwürfen, aber auch zu persönlichen Angriffen und Beleidigungen. Unter dem Eindruck der sich intensivierenden Nationsbildungsprozesse und ethnischen Spannungen in der Region verstanden die untersuchten Geographen sich nicht mehr nur als Vertreter derselben akademischen Disziplin, sondern auch, wenn nicht sogar in erster Linie, als Fürsprecher bestimmter ethnisch-nationaler Optionen. Während beispielsweise Eugeniusz Romer im Streit um die Mehrsprachigkeit der bis dahin polnischsprachigen Universität Lemberg einen klar anti-ukrainischen Standpunkt einnahm, arbeitete sein Kollege Stepan Rudnyc’kyj an einer historischen Beweisführung für die kulturelle, ethnische und sprachliche Eigenständigkeit der ukrainischen Nation.

Wie Górny überzeugend darlegt, blieben auch die innerfachlichen Debatten von diesen gegensätzlichen nationalpolitischen Positionen nicht unberührt. Selbst scheinbar unschuldige Fragen, etwa nach dem Einfluss der Vergletscherung auf das Dnister-Tal, wurden – mindestens zwischen den Zeilen – im Lichte nationaler Differenzen und Anspielungen diskutiert (S. 27–31). Die alles beherrschenden Fragen nach ethnischer Zugehörigkeit und territorialen Ansprüchen ließen den fachlichen und den politischen Diskurs immer weiter verschmelzen.

Der Erste Weltkrieg verhärtete die bereits stark national ausgerichteten Positionen nur weiter (Kap. 2). Nachdem sich die Entwicklung des Faches zuvor vor allem an der Geomorphologie Albrecht Pencks sowie insgesamt an der deutschsprachigen Wissenschaft orientiert hatte, änderte sich dies schlagartig, als 1918 die Frage nach den zukünftigen Grenzen Ost- und Südosteuropas auf die Tagesordnung rückte. Für ihre territoriale Neuordnung wurden nun nicht mehr die deutschen, sondern die ost- und südosteuropäischen Geographen als Experten zu Rate gezogen. Górny konstatiert jedoch, dass diese während der Friedensverhandlungen ihrer peripheren Position nicht ganz entkamen (Kap. 3): Das letzte wissenschaftliche Wort bei territorialen Problemen hatten am Ende doch stets französische oder amerikanische Geographen. Tonangebend blieben ohnehin die diplomatischen und politischen Repräsentanten der Großmächte, die oftmals nicht nur vage Vorstellungen von den regionalen Spezifika hatten, sondern die umstrittenen Regionen sogar verwechselten (S. 110). Dies führte zuweilen zu paradoxen Situationen, in denen einerseits die regionale Expertise in Frage gestellt wurde, andererseits aber die territorialen Zugeständnisse an die neuen ost- und südosteuropäischen Staaten weit über die Forderungen der in deren Namen sprechenden Geographen hinausgingen.

Neben ihrer Rolle als Experten bei den Friedensverhandlungen suchten die von Górny betrachteten Geographen ihren Einfluss durch populärwissenschaftliche Publikationen, in Zeitungen und durch Zuarbeiten für politische Memoranden und Denkschriften geltend zu machen. Politische Argumente hatten darin einen ebenso prominenten Platz wie methodologische Überlegungen und wissenschaftliche Fragestellungen. Letztere ermöglichten nach Kriegsende auch eine erneute Annäherung der west-, ost- und südosteuropäischen Geographen. Allerdings richteten sich diese nicht länger an der deutschen Wissenschaft aus, sondern etablierten neue internationale und interdisziplinäre regionale Kooperationen. Zugleich betont Górny, dass diese Zusammenarbeit stets von unterschwelliger nationaler Konkurrenz und disziplinärer Politisierung geprägt blieb.

Im Zeichen des neuen Paradigmas der ethnischen Geographie (Kap. 4) und der sie flankierenden geographisch-geologischen Theorien (Kap. 5) standen sich in der Zwischenkriegszeit sprachlich-konfessionell-nationale Argumente gegenüber, die, je nach Argumentation, mit zivilisatorischen, kulturellen, wirtschaftlichen oder gar vegetationsgeschichtlichen und geomorphologischen Beweisführungen verbunden wurden. Górnys Protagonisten waren sich im Klaren darüber, dass die von ihnen angefertigten Karten keine objektiven Wirklichkeiten abbildeten, sondern imperialistische und nationalistische Wunschvorstellungen zum Ausdruck brachten. Mit Hilfe von ethnischen Karten, die auf heterogenen, meist von der einen oder anderen nationalen Gruppe in Zweifel gezogenen Sprach- oder Konfessionsstatistiken beruhten, suchten sie ethnische Grenzen herauszupräparieren und geschlossene nationale Siedlungsgebiete zu konstruieren. Je nachdem, ob man eine polnische, ukrainische oder deutsche Zugehörigkeit der jeweiligen Regionen nachweisen wollte, bediente man sich anderer statistischer Daten und anderer Darstellungsmethoden. „Im deutsch-polnischen Kontext“, so Górny, „griffen die Polen […] zu Flächenkarten, die Deutschen eher zu Punktekarten.“ (S. 178) Im polnisch-ukrainischen Kontext dagegen verwendeten die Polen ihrerseits Punktekarten, da es ihnen hier vorteilhafter erschien, die zahlenmäßige Stärke der polnischsprachigen Bevölkerung durch Punkte hervorzuheben als flächendeckende Siedlungsgebiete abzubilden. Ethnische Kartographie war, wie Górnys Beispiele belegen, eine manipulative Kunst der selektiven Erfassung, die sich ihrer Tücken durchaus bewusst war, ihren aber nicht entkommen konnte und wollte. Schließlich waren sich die Geographen in dem Ziel einig, national homogene Regionen zu schaffen.

Górnys Buch spürt den von persönlichen und politischen Sympathien und Antipathien überformten Fachdebatten aufmerksam nach und arbeitet deren transnationale Vernetzung überzeugend heraus. Seine Studie hat allerdings einen stark deskriptiven Charakter. Stellenweise liest sie sich fast wie ein gut ausgearbeitetes Lexikon; andernorts fehlen nötige konzeptionelle Einführungen, die mit der Thematik wenig vertrauten Leser:innen helfen könnten, sich in dem verworrenen Geflecht von Personen und Theorien zurechtzufinden. Im Ergebnis kommt Górnys Buch kaum darüber hinaus, die bereits gut dokumentierte Rolle von Geographen im nationalpolitischen Geschehen der Zeit und bei der territorialen Neugestaltung des südöstlichen und östlichen Europas sichtbar zu machen. Viele der angeführten Beispiele — etwa das verschwundene Manuskript von Rudnyc’kyjs Verfassung der ukrainischen Geographie oder aber das Verbreitungsverbot des Atlasses von Eugeniusz Romer — gehören zu den längst bekannten geographisch-politischen Auseinandersetzungen dieser Zeit.[2] Górny entlockt ihnen kaum neue Aspekte, präsentiert sie aber kompakt und stilsicher. Er bietet damit einen zuverlässigen, wenn auch ab und zu etwas anekdotischen Zugang zu den jeweiligen Geographen, ihren imperialen Visionen und den dadurch entfalteten politischen Kontroversen.

Das vielleicht größte Verdienst dieses Buches ist, dass es die Dichte der transnationalen wissenschaftlichen Bezüge anschaulich macht und damit eine genuine Verflechtungsgeschichte der ost- und südosteuropäischen Geographie in der Zwischenkriegszeit bietet. So ist es nur folgerichtig, dass Górny die Geschichte der Geographen in einem 2019 erschienenen Nachfolgebuch weiterverfolgt — nun unter Einbeziehung weiterer interdisziplinärer Verflechtungen mit ost- und südosteuropäischen Anthropologen, Psychologen und Psychiatern.[3]

Anmerkungen:
[1] Siehe u.a. Agnes Laba, Die Grenze im Blick. Der Ostgrenzendiskurs der Weimarer Republik, Marburg 2019, rezensiert für H-Soz-Kult von Verena Bunkus, 16.11.2020, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-29706 (08.04.2022); Katharina N. Piechocki, Cartographic Humanism: The Making of Early Modern Europe, Chicago 2019, rezensiert für H-Soz-Kult von Isabella Walser-Bürgler, 17.03.2021, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-95467 (08.04.2022); Steven Seegel, Map Men. Transnational Lives and Deaths of Geographers in the Making of East Central Europe, Chicago 2018.
[2] Siehe exemplarisch Steven Seegel, Mapping Europe’s Borderlands. Russian Cartography in the Age of Empire, Chicago 2012; Jeremy W. Crampton, The cartographic calculation of space: race mapping and the Balkans at the Paris Peace Conference of 1919, in: Social & Cultural Geography 7 (2006), S. 731–752.
[3] Maciej Górny, Science Embattled. Eastern European Intellectuals and the Great War, Paderborn 2019, rezensiert für H-Soz-Kult von Robert Blobaum, 22.03.2021, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-27129 (08.04.2022).

Redaktion
Veröffentlicht am
13.04.2022
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension