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Titel
Magie des Authentischen. Das Nachleben von Krieg und Gewalt im Reenactment


Autor(en)
Jureit, Ulrike
Reihe
Wert der Vergangenheit 1
Erschienen
Göttingen 2020: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
282 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Stuhlmann, Universität Hamburg

In den Titel ihres neuen Buches platziert die Hamburger Historikerin Ulrike Jureit bereits einen der Kampfbegriffe unserer Zeit: Authentizität. Dabei ist das Ziel der Studie gar kein polemisches. Jureit, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, forscht zur Sozial- und Kultur- und Gewaltgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Der von ihr herausgegebene Sammelband zu kolonialen Landnahmen „Umkämpfte Räume. Raumbilder, Ordnungswille und Gewaltmobilisierung“, machte 2016 Furore.

Lange als bloßes „Histotainment“ abgetan, sind Reenactments heute ein ubiquitäres kulturelles Phänomen, das eine Vielzahl unterschiedlicher Formate umfasst. Jureit unterscheidet drei Typen: Das „klassische Historische Reenactment“, jene „handlungs-, erlebnis- und körperorientierte Form der Geschichtsaneignung, bei der in der Regel kostümierte Laien vergangene Ereignisse, Personen und Begebenheiten imitieren“ (S. 10), ist der Gegenstand ihrer Studie. Diese Form setzt sie von den Living History-Perfomances z.B. in Museumsdörfern ab, bei denen „kurze Szenen tradierter Lebensführung“ oder „historische Kulturtechniken“ gezeigt werden (ebd.) und dem weiten Feld des Reenactment als Kunstform. Ulrike Jureit setzt sich für ihre Erkundung des Historischen Reenactments drei Schwerpunkte: Zum einen fragt sie nach den in den Inszenierungen „artikulierten Vorstellungen kriegerischer Konflikte“, zum anderen untersucht sie die öffentlich präsentierten Geschichtsbilder, die gerade aus der „Konfrontation zwischen Jetzt und Damals“ entstehen (S. 24), im Hinblick auf die ihnen eingeschriebene Gefahr, dass es bei den Akteuren wie beim Publikum zu einer distanzlosen „Verwechslungen zwischen Wirklichkeit, Unterhaltung und Spiel“ (S. 25) kommt. Diese Gefahr ist drittens kennzeichnend für das „Spannungsverhältnis von Geschichts-, Freizeit- und Populärkultur“ (S. 26), in dem sich Reenactments als öffentliche Großveranstaltungen bewegen.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil, „Simulierte Zeitreisen“, begibt Jureit sich auf Feldforschung und berichtet in fünf Kapiteln von fünf Großereignissen der internationalen Reenactment-Szene. Im Mai 2013 besucht sie das Reenactment zum 200. Jahrestag der Schlacht von Großgörschen, im Juli 2013 ist sie in Gettysburg, Pennsylvania, zum 150. Jubiläum dieser Entscheidungsschlacht des amerikanischen Bürgerkriegs, knapp ein Jahr später, im Juni 2014 besucht sie im dänischen Als die Nachstellung des Sieges von Preußen über Dänemark, der 1864 zum Verlust von Schleswig und Holstein führte. Nicht ganz vier Wochen später wohnt sie im Juli 2014 im polnischen Szkotowo der „Wieder-Aufführung“ der Schlacht von Tannenberg anlässlich von deren 100. Jahrestag bei und im Juli 2018, wie schon vier Jahre zuvor, im englischen Kent einer Reinszenierung der amerikanischen „Operation Irene“ in Mogadischu/Somalia aus dem Jahr 1993.

Die meisten Reenactments arbeiten sich an gewalttätigen Ereignissen ab, die im kulturellen Gedächtnis als traumatisch markiert geblieben sind. Jureit fokussiert auf Schlüsselmomente aus 180 Jahren militärischer Konflikte, die stellvertretend für jene Geschichte militärischer Gewalt stehen, die nicht nur bis heute unsere politische Realität prägt, sondern tief in unserer Kultur und in unseren Wertvorstellungen verankert ist. Diesem im Untertitel aufgerufenen „Nachleben von Krieg und Gewalt“ ist die Studie gewidmet. Unter „Nachleben“ versteht Ulrike Jureit frei nach Aby Warburg „vielschichtige Wiederholungs- und Übersetzungsvorgänge“, deren Gemeinsamkeit darin besteht, „dass durch sie fortlaufend neue Bedeutungen generiert werden“ (S. 7). Mit Warburg geht es ihr dabei also weniger um offensichtliche Kontinuitäten, sondern darum „temporäre [...] wie auch materielle [...] Verschiebungen“ für „historiographische wie auch geschichtskulturelle Vergegenwärtigungen zurückliegender Ereignisse, Personen und Begebenheiten“ fruchtbar zu machen (ebd.). Zu den Kontinuitäten, die Ulrike Jureit durch ihre Beobachtungen identifiziert, gehören das Sich-Einfühlen und Aufgehen des Einzelnen in das „machtvolle Ganze“ (S. 190) des „taktischen Körpers“ des Heeres (S. 31), die kontrafaktische Sehnsucht auf Seiten der Unterlegenen, dass sich im Ritual der Wiederholung das historische Geschehen nach ihren Wünschen korrigieren ließe und ein Gemisch aus Patriotismus, Militarismus, das in einem Kontinuum von Gedenktagen, Veteranentreffen und der gegenwärtigen ritualisierten Wiedereinstudierungen kultiviert wird. Diese Kontinuitäten zeigen, dass Reenactment kein aktuelles Modephänomen ist; sie aufzuzeigen ist der große Gewinn der Studie.

Im zweiten Teil des Buches, „Lost in the Moment – Die Vergegenwärtigung historischer Ereignisse im Reenactment“, nimmt Jureit die Rezeptionsseite von Reenactments in den Blick. Ist dieses Phänomen mehr als nur Ausdruck einer „grassierenden Lust an der Wiederholung“ (S. 15) oder welche politische Ökonomie steckt auch in dieser Nostalgie der Reinszenierung? Ausgehend von den Kategorien von (individuellem) Erlebnis und (individueller wie kollektiver) Erfahrung greift sie aus zum Begriff der Authentizität, im Jargon der Reenactoren das „A-Wort“. Sie beschreibt diese Sehnsucht nach Authentizität als eine Paradoxie, da das Reenactment als „Zeitreise“ (S. 194) oder „Zeitsprung“ (S. 208) per se eine Differenz in der Erfahrung markiert, aber dennoch über eine Fetischisierung der minutiösen Rekonstruktion der Skripte, der Praktiken und der vor allem der Objekte eine rein subjektiv autorisierte Kongruenz mit der historischen Situation angestrebt wird. So wird Geschichte als „Identitätsressource“ und das Reenactment-Ritual als Einübung in einen archaischen, militärischen Heroismus, der den Krieg als „Sehnsuchtsort“ (S. 241) verklärt.

Kritisch anzumerken ist, dass Ulrike Jureit mit der theoretischen Rahmensetzung etwas lax umgeht. So findet sich in dem von ihr als Beleg angeführten Text von Aby Warburg der Begriff des „Nachlebens“ gar nicht und die Analogie ist ein wenig schief, denn Warburg spricht vom „Wiedererwachen“[1] einer jahrhundertelang verschütteten Tradition, während Jureit eine trotz der temporären und materiellen Verschiebungen ungebrochene Tradition konstatiert. In ihre Heuristik des Reenactments trennt sie die beiden für die Historikerin relevanten Kategorien des „klassischen Historischen Reenactments“ und der Living History-Projekte vom gesamten Rest der unterschiedlichen Formen ab, der unter das weite Dach der „Kunst“ gestellt wird. Auch die in diesem Kontext angeführten kulturwissenschaftlichen Texte von Erika Fischer-Lichte waren vor zehn Jahren grundlegend, sind heute aber von der Diskussion überholt, das hätte ein Blick in aktuelle Standardtexte wie etwa die von Inke Arns und Susanne Knittel[2] schnell verdeutlicht. Warburg liefert zudem bereits einen Begriff des Erlebnisses, sodass es etwas überrascht, wenn Ulrike Jureit im zweiten Teil begrifflich noch einmal neu ansetzt. In diesen Kontext gehört auch, dass Jureit sich, mit Ausnahme der Veranstaltungen rund um den 200. Jahrestag der „Völkerschlacht“ von Leipzig 2013, für Reenactments als Live-Events interessiert, während ein großer Teil der enormen Breitenwirkung und Popularität dieses kulturellen Phänomens durch seine mediale Vermittlung bzw. Begleitung entsteht, das heißt durch Berichterstattung in den Massenmedien, bzw. eine multimediale Rahmung bzw. konzeptionelle Einbettung vor allem in und durch verschiedene Social Media. Überraschend ist auch, dass Ulrike Jureit die historische Forschung zu Kategorien wie Männlichkeit und Gewalt, Affekt und Ethos, wie sie z.B. Ute Frevert[3] vorgelegt hat, nicht aufgreift. Doch dies sind Petitessen und sie schmälern entsprechend auch nicht die Verdienste des Buches, die in seiner hohen Genauigkeit bei der Rekonstruktion der historischen Ereignisse, seiner akribischen Darstellung des jeweiligen Reenactment-Geschehens und seinen präzisen Analysen liegen.

Anmerkungen:
[1] Aby Warburg, Dürer und die italienische Antike, in: ders., Werke in einem Band, hrsg. v. Martin Treml, Sigrid Weigel und Perdita Ladwig unter Mitarbeit von Susanne Hetzer, Herbert Kopp-Oberstebrink und Christina Oberstebrink, Berlin 2010, S. 176–185, hier S. 177.
[2] Zuletzt Inke Arns, Schlachtfeld Historie: künstlerische Reenactments als partizipative De-Konstruktion von Geschichte, in: Kunstforum international 240 (2016), S. 78–87, und Susanne Knittel, Memory and Repetition: Reenactment as an Affirmative Critical Practice, in: New German Critique 46 (2019), S. 171–195, auch: Adam Czirak / Adam Sophie Nikoleit u.a. (Hrsg.), Performance zwischen den Zeiten. Reenactments und Preenactments in Kunst und Wissenschaft, Bielefeld 2019.
[3] Etwa Ute Frevert, Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung – Deutsche Geschichte seit 1900, Frankfurt am Main 2020, oder dies., Rationalität und Emotionalität im Jahrhundert der Extreme, in: Martin Sabrow / Peter Ulrich Weiß (Hrsg.), Das 20. Jahrhundert vermessen. Signaturen eines vergangenen Zeitalters, Göttingen 2017, S. 115–140.

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Veröffentlicht am
10.08.2021
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